NBA

Die Trade-Dürre

Warum in der NBA zur Zeit kaum Transaktionen passieren

Schon seit einigen Wochen wird es diskutiert: Die NBA hat schon seit Jahren keine so lange Zeit mehr ohne einen Trade erlebt. Der letzte war der Blockbuster, der Russell Westbrook nach Houston und Chris Paul nach OKC gebracht hat – das war am 15. Juli. Seitdem ist zwar beispielsweise Carmelo Anthony verpflichtet und David Fizdale entlassen worden, aber Transaktionen mit mehreren Teams blieben komplett aus. Auch mussten kaum Spieler aus regulären NBA-Rostern gehen, nur die am Ende ihrer Karriere stehenden Ryan Anderson und Pau Gasol sowie zuletzt Iman Shumpert, weil die Nets mit der Rückkehr des Doping-Gesperrten Wilson Chandler den zusätzlichen Roster-Spot verlieren. Für Trade-Fans sind das langweilige Zeiten, die vor allem nach den immer wilderen Free Agency-Phasen etwas enttäuschen. Dafür gibt es aber gute Gründe, die sich aus anderen Entwicklungen der letzten Jahre ergeben.

Embed from Getty Images

Die Trade-Restrictions

Der 15. Dezember und der 15. Januar sind für den NBA-Spielplan relativ willkürliche Daten. Es sind zwar bereits einige Monate in der Saison vergangen, aber der Allstar Break und erst recht die Playoffs liegen noch ähnlich weit entfernt in der Zukunft. Trotzdem sind beide Termine extrem wichtig: Hier können Free Agents, die im letzten Sommer neue Verträge erhielten, erstmals getradet werden. Welcher der Termine zutrifft, hängt vom unterschriebenen Vertrag ab: Wer eine größere Gehaltssteigerung erhielt, etwa nach dem Rookie-Deal, kann erst einen Monat später getradet werden. Natürlich gibt es für diese Fristen weitere Ausnahmen, etwa für frisch gedraftete Spieler, und bei Trades und Extensions gibt es nochmal andere Regelungen. Ein Großteil der Free Agents des letzten Sommers fällt aber unter diese beiden Termine. Konkret sind es etwa 122 zum 15.12., verglichen mit 108 zum letztjährigen Stichtag. Zum 15.1.20 kommen dann noch einmal zwanzig Spieler dazu.

Diese hohe Zahl kommt auch zustande, weil in den letzten Jahren die Verträge immer kürzer wurden und somit mehr Spieler jeden Sommer Free Agent werden. Vor den letzten größeren Veränderungen mit dem Collective Bargaining Agreement von 2011 durften Stars noch für bis zu 6 Jahre unterschreiben, was durch die finanziellen Anreize für einen Verbleib beim bisherigen Team auch öfter passierte. Heute sind die Laufzeiten schon auf maximal 5 Jahre verkürzt, bei einem Franchisewechsel auf 4, wovon das letzte Jahr bei Stars meist eine Player Option ist. Für die Verträge der übrigen Spieler waren die unmittelbaren Folgen der CBA-Änderung nicht so gravierend, sondern die Folgeeffekte: Weil die Teams mit den Stars als Zeitrahmen planen, bieten sie den Komplementärspielern tendenziell noch kürzere Verträge an. Auch scheint die Bereitschaft gewachsen zu sein, auf das eigene Talent zu wetten und kürzere Laufzeiten für die Chance auf einen besseren Folgevertrag zu akzeptieren. Insgesamt heißt das: Immer mehr Spieler können bis zum 15. Dezember überhaupt nicht getradet werden. Das reduziert die Möglichkeiten der Franchises. Selbst wenn Spieler der einen Seite verfügbar wären, fehlt vielleicht der anderen Seite bis zum Stichtag ein entsprechender Gehaltsbaustein.

Die Etablierung der Two-Way-Spieler

Ein weiterer schon diskutierter Faktor für weniger Trades sind die mit dem letzten CBA neu eingeführten Two-Way-Verträge. Sie erlauben es den Franchises, zwei Spieler zusätzlich zum klassischen 15er-Kader zu verpflichten, die dann zwischen G-League und NBA hin- und herwechseln. Diese Neuerung war in erster Linie zur Ausbildung junger Talente gedacht, hat durch die zusätzlichen Rosterspots aber einen Nebeneffekt: Es gibt noch weitere Backups für den Fall, dass zu viele reguläre Spieler ausfallen. Das nutzen etwa die Warriors mit Ky Bowman und Damion Lee intensiv. Die Struktur der Two-Way-Verträge mit maximal 45 Tagen in der NBA trägt weiter dazu bei, dass zu Saisonbeginn erst einmal keine Tradenotwendigkeit herrscht, zumal NBA-Tage vor Beginn der G-League-Saison im November nicht in das Kontingent zählen. Nach Verbrauchen dieser Tage könnte dann wieder eine Notwendigkeit zum Handeln bestehen, etwa durch Umwandlung in einen regulären Vertrag. Außerdem dürfen ab Januar 10-Day-Contracts ausgegeben werden, die ebenfalls Ausfälle kompensieren können.

Zusätzlich muss man den Faktor Two-Way-Verträge noch grundsätzlicher betrachten: Er beeinflusst den Spielerpool und die Verfügbarkeit von Roster Spots. Das hängt eng miteinander zusammen: Durch die Neuerung sind insgesamt 60 Roster Spots mehr verfügbar, die meist an junge, talentierte Spieler gehen. Das reduziert zum einen das Talentlevel in der G-League, aus der es in der letzten Saison weniger Call-Ups als in den Vorjahren gab – die interessantesten Spieler sind schlicht schon an ein NBA-Team gebunden. So reduziert sich allgemein die Zahl der Spielerbewegungen, wobei Franchises ihre Two-Way-Spieler teils mehrfach in der Saison austauschen. Als Folge der zusätzlichen Roster Spots haben aber auch mehr Veteranen bereits einen sicheren Job, die als Free Agents möglichweise noch für Bewegung sorgen würden.

Never change a (winning) team

Allerdings sollte neben diesen durch Regeländerungen ausgelösten Faktoren auch ein weiterer, weniger offensichtlicher Grund angesprochen werden: Mittlerweile wollen Franchsies zu viele Änderungen am Kader vermeiden, weil sie fürchten, dass sie so ihre Eingespieltheit verlieren. Es gab in den letzten Jahren mehrere Beispiele, dass gut funktionierende Teams durch vermeintliche Upgrades schlechter wurden, weil das Team nicht mehr so gut zusammen passte. Der wohl deutlichste Fall sind etwa die Mavericks mit dem Trade für Rajon Rondo 2014/15, die zuvor trotz mittelmäßigem Roster (siehe: Ellis, Monta) eine historisch gute Offense aufs Parkett gebracht hatten. Einerseits war Rondo zu diesem Zeitpunkt schon klar jenseits seines Zenits, aber der unklare Team Fit und die ohne Training Cap nicht auf ihn eingerichtete Spielweise verschärften die Problematik. Um solche Fälle zu vermeiden, traden einige Franchises während der Saison kaum. Prominenteste Beispiele sind zwei der erfolgreichsten Teams der letzten Jahre und Jahrzehnte, die Golden State Warriors und insbesondere die Spurs. Der letzte von den Spurs während des Jahres transferierte Spieler heißt Nando de Colo, er ging Anfang 2014 (!) für Austin Daye nach Toronto. Auch wenn die Spurs dieses Jahr vielleicht einen Umbruch im Kader gebrauchen könnten, weist die Skepsis gegenüber In-Season-Trades sicher grundsätzlich ihre Berechtigung auf .

Der bisherige Saisonverlauf trägt dazu bei, dass diese Überlegungen Anwendung finden: Zum einen sind es gerade Trade-skeptische Teams wie die Spurs und Warriors, die unter den Erwartungen bleiben. Trotzdem wird bei keiner der beiden Franchises Panik ausbrechen, dafür sind die Front Offices und Coaching Staffs zu gefestigt. Umgekehrt läuft es bei einigen Teams, die in vergleichbaren Situationen traden würden, relativ gut: So etwa bei den Mavs oder den Bucks, die vor einigen Jahren relativ früh in der Saison für Eric Bledsoe tradeten, als sie hinter den selbst gesteckten Erwartungen zurückblieben. Zusätzlich dürften viele Franchises noch damit beschäftigt sein, sich mit der neuen Situation nach Jahren der Warriors-Dominanz zu arrangieren: Welche Teams sind die größte Konkurrenz, auf welchen Positionen sollte man sich also wie verstärken? Daher ergibt ein Abwarten bis zur Trade Deadline für die meisten Top-Teams Sinn, auch wenn sie sich noch in der laufenden Saison verstärken möchten. Das trifft beispielsweise auf die Bucks zu, die den Pacers-Pick aus dem Malcolm-Brogdon-Trade einsetzen könnten. Der direkten Konkurrenz unter den Contendern fehlen außerdem teils die Assets, etwa den Teams aus LA.

Embed from Getty Images

Und jetzt…?

Die Frage ist also, ob die allgemeine Zurückhaltung bei Trades in den ersten Saisonmonaten nur eine Folge zeitlich begrenzter Faktoren ist oder das Anzeichen eines grundsätzlicheren Umdenkens. Es kann gut sein, dass in den nächsten Wochen Dynamik in den Trademarkt kommt, weil deutlich mehr sinnvolle Kandidaten rein dem Regelwerk nach verfügbar sind. Auch die NBA-Tage der Two-Way-Spieler gehen teilweise schon dem Ende zu. Es ist aber ebenso denkbar, dass die Teams vorerst bei ihrer Zurückhaltung bleiben und Trade-Fans erst zur Deadline wieder mehr zu diskutieren haben. Dafür spricht, dass die geringe Zahl an Roster-Changes eben nicht nur Trades betrifft, sondern auch sonstige Verpflichtungen und Entlassungen. Ob dann umso mehr Franchises zur Deadline aktiv werden oder sich die Tradeskepsis fortsetzt, wird im Februar die nächste spannende Frage sein.

 

  •  
  •  
  •  
  •  
  •  

4 comments

  1. Nobody

    Je länger ich Powell bei den Mavs rumstümpern sehe, umso mehr kann ich mich mit Drummond als kurzfristiges Tradeziel anfreunden, vorausgesetzt, der Warriors-Pick bleibt bei den Mavs. Powell+Lee+Justin Jackson+UTA2nd oder so was würde ich abgeben. AD ist zwar kein Superstar, aber er reboundet stark und hat defensiv durchaus noch Potenzial. Wenn sie die FT auf das Niveau wie bei DAJ bringen würden, könnte das passen. Ich weiß, Drummond passt nur bedingt, hat keinen Wurf, aber ich ertrage Powell einfach nicht länger. 

  2. Julian Lage

    |Author

    Ich war auch nie wirklich begeistert von ihm, aber Powell ist den Zahlen nach offensiv einfach grandios, trotz eines eher schwachen Saisonstarts. Da ist Drummond sicher kein Upgrade, zumal er in der Crunch Time durch die FT-Schwäche zusätzlich ein Problem darstellt. An sich würde man ihn sich ja auch als defensives Upgrade holen, aber da bin ich auch skeptisch. Der Fit neben Porzingis ist dafür zu fragwürdig, weil beide eigentlich nicht für kleinere/schnellere Spieler geeignet sind. Rebounding ok, aber da sind die Mavs eh schon brauchbar (nachdem die letzten Jahre eher mies waren).

     

    @Brian: Wenn könnte ich mir Regeländerungen v.a. dann vorstellen, wenn sie die Free Agency im Sommer weniger wichtig machen. Die NBA sieht glaube ich mittlerweile, dass die kürzeren Vertragslaufzeiten zu Problemen mit der Team-Identifikation führen.

  3. Zaubervogel

    Ich muss sagen, dass ich überrascht bin, das Powells nach ORtg wieder gut ist. Ich habe jedes Dalles-Spiel komplett gesehen und fand ihn als die Enttäuschung bisher über die Saison von den Starting5-Spielern. Mit dem Geld was  er verdient, ist er für mich der schlechteste Vertrag im Kader (hätten wir nur Holmes!). Ich hatte das Gefühl offensiv läuft es schlechter, als letztes Jahr mit der 2. Garde. Und defensiv ist er eh ganz weit unter einem Kleber.
    Nach einfachem ORtg & DRtg von basketball-reference ist Powell in beidem besser als Kleber. Das ist doch ein ein Witz. Meinem bescheidenen Eye-Test nach kann der Typ leider fast nichts bzw spielt 1x in drei Spielen brauchbar offensiv uns defensiv nie gut, während ein Kleber mit der wichtigste Defensive-Spieler im Team ist. Aber ist auch okay zu sehen, dass ich keine Ahnung hab.

  4. Julian Lage

    |Author

    Das individuelle DRtg ist allgemein weitgehend wertlos und der Unterschied zwischen den beiden ohnehin minimal. Beim ORtg ist der große Unterschied: Kleber nimmt 60% seiner Würfe von draußen, Powell 60% von 0-3 Fuß. Außerdem sind beide extrem effizient bei vergleichsweise kleinem Volumen, daraus kann man also auch nicht so viel schließen – höchstens, dass Kleber für eine Offense prinzipiell wertvoller ist. Aber gerade die Mavs können Powells Rim Running sehr gut brauchen, dass ist einfach ein Spielertyp, der für Carlisle System wichtig ist. Siehe z.B. Brandan Wright.

    Nach On/Off sieht Powell übrigens auch ziemlich gut aus verglichen mit Kleber. Das ist aber genauso wenig aussagekräftig, weil er schlicht deutlich mehr mit der Starting Lineup spielt.

Schreibe einen Kommentar