Alltimers, NBA

Die Königsdisziplin: Die Evaluation von individueller Defense

Warum "gute" Individualverteidiger so schwer zu erkennen sind

“Wer ist der beste Verteidiger der NBA?”. Diese Frage wird von NBA Fans ebenso wie von rennomierten Journalisten nur zu gerne diskutiert und sorgt meist für hitzige Kontroversen. Im Gegensatz zur Bewertung der individuellen Offense ist dieser Aspekt des Spiels bei Weitem noch nicht so analytisch durchdrungen und auch das Hinzuziehen zuverlässiger Zahlen und Metriken gestaltet sich nach wie vor um einiges schwieriger. So bleiben solche Diskussionen wie die über den besten Verteidiger meist ohne eindeutiges Ergebnis und es scheint eine Frage subjektiven Ermessens, ob man nun den einen oder anderen Spieler bevorzugt.

Worin besteht die grundsätzliche Problematik?

Warum ist der bemerkenswerte Vorstoß der “Analytics” noch nicht in diesem Bereich des Spiels angekommen? Warum bestehen nach wie vor die selben Problematiken, die Philipp Rück bereits im Jahr 2016 thematisierte nach wie vor, obwohl die Metriken ständig entwickelt und die Analysetools erweitert werden? Eine der wesentlichen Schwierigkeiten besteht darin, dass man nach wie vor kaum in der Lage ist allgemeingültige Aussagen über die Qualität von Defense zu treffen. Was in einer bestimmten Possession gute Defense bedeutet, ist eine Einzelfallentscheidung und wird von Fragen wie “Muss ich switchen?”, “Ist Switchen überhaupt sinnvoll?”, “Sollte ich unter dem Screen verteidigen?”, Sollte ich als Big droppen oder hedgen?” und “Helfe ich aus oder bleibe bei meinem Gegenspieler?” bestimmt. Die Antworten auf diese Fragen sind Entscheidungen, von denen wir in den seltensten Fällen überhaupt wissen, wer sie getroffen hat. War das Switchen hier Vorgabe vom Coach? Hat der defensive Anker des Teams hinter dem Geschehen diese Anweisung gegeben? Hat einer der Spieler eigenmächtig diese Entscheidung getroffen? Allein die Wahl der Entscheidung lässt sich somit nicht eindeutig zuordnen und dabei ist noch nicht mal geklärt, ob die Entscheidung a) grundsätzlich die richtige war und b) wie gut oder schlecht sie dann im Detail ausgeführt wurde. Die Bucks beispielsweise erlauben dem Gegner relativ viele Dreier; eine Herangehensweise die inituitiv erst mal defensiv fragwürdig klingt. Allerdings geben sie bewusst vergleichsweise schlechtere Dreier ab, nämlich überwiegend vom top of the key aus und mehrheitlich von schlechten Schützen, um die besseren Shooter des gegnerischen Teams abzumelden und insbesondere die Zone zu schützen, weshalb sie in dieser Hinsicht das beste Team der Liga sind. Ihr Plan geht auf, da das Personal diese Strategie konsequent umsetzt und resultiert in elitärer Defense in aufeinanderfolgenden Jahren.

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Ein weiteres Problem besteht darin, dass Diskussionen über Defense oftmals sehr oberflächlich und undifferenziert geführt werden. Während man in der Offense selten über “gute Offensivspieler” redet und automatisch zu präziseren Aussagen wie “Spieler X ist ein guter Playmaker/Shooter/Finisher” tendiert, kratzt man bei der Bewertung von Verteidigungsleistungen oftmals nur an der Oberfläche. Dies liegt mit Sicherheit auch daran, dass man sich offensiv auf zuverlässige Statistiken berufen kann und sich somit weniger angreifbar macht. Doch auch die Defense hat zahlreiche und sehr vielfältige Anforderungen, die teilweise wenig miteinander zu tun haben. Manche Tools sind eher physischer Natur, andere müssen mental abgerufen werden und sind somit wesentlich schwerer zu erkennen. Wie groß ein Spieler ist, wie lang seine Arme sind und wie hoch er springen kann, wissen wir meist schon vor den ersten NBA Minuten des Akteurs, wie gut er dagegen Systeme versteht, Entscheidungen trifft und mental aufmerksam bleiben kann  manchmal selbst nach mehreren Jahren noch nicht.

Hinzu kommt dass wir bei der eye test gestützten Bewertung uns zahlreicher Bias bewusst machen müssen. Beispielsweise dem recency bias, der besagt, dass man oftmals dazu tendiert jüngst erbrachte Leistungen stärker zu erinnern als solche Leistungen, die weiter zurücklegen. Wenn man also am Ende des Jahres einen “Defensive Player of the Year” küren will, ist die Chance wesentlich höher, dass man sich für einen Kandidaten entscheidet, der vornehmlich in der zweiten Saisonhälfte geglänzt hat, als für jemanden dessen beste Leistungen eher zu Beginn der Saison gezeigt wurden. Auch der confirmation bias spielt unserem Gedächtnis oft einen Streich und es ist schwer sich davon zu befreien. Dieser besagt, dass man eine bestimmte Meinung über einen Spieler als Vorwissen in zukünftige Beobachtungen miteinbringt und einem darauf basierend eher Situationen auffallen bzw. im Gedächtnis bleiben, die die eigene Meinung stützen als welche, die diese in Frage stellen. Die meisten Fans und Experten haben eine mehr oder weniger fundierte Meinung zu den Startern aller NBA Teams und es ist aus genannten Gründen extrem schwierig sich von diesen Vorannahmen frei zu machen, geschweige denn gegensätzliche Beobachtungen zu abzuspeichern. Diese Abläufe geschehen überwiegend unbewusst und erschweren eine qualitative Bewertung durch den eye test erheblich. 

Außerdem gibt es noch einen weiteren Umstand, der diese Art der Analyse einschränkt und der umso gravierender ist, je mehr man sich auf die eigenen Beobachtungen verlassen muss: Es ist schlichtweg unmöglich alle Spieler in gleichem Maße zu scouten und in der Folge somit auch extrem herausfordernd diese untereinander zu vergleichen. Als Fan eines Teams hat man vermutlich eine sehr große Menge an Spielen dieses Teams verfolgt und kann zu jedem einzelnen Spieler des Teams fundierte Aussagen treffen. Allerdings ist man eigentlich nicht in der Lage diese in den Gesamtkontext der Liga zu rücken, da das Wissen über die anderen 29 Teams (und somit ca. 95% der Liga) vermutlich relativ begrenzt ist. Das heißt zu den angesprochenen Problemen bei der Bewertung eines einzelnen Spielers kommt auch noch die fehlende Vergleichbarkeit hinzu und lässt das Küren des “besten Verteidigers der NBA” nahezu utopisch erscheinen. Allerdings lässt sich somit auch ein Stück weit erklären, warum die Beatwriter bestimmter Teams gerne auch die eigenen Leute in eine solche Diskussion einbringen wollen: Sie wissen dank intensiven Scoutings um deren Qualität, allerdings fehlt ihnen der Kontext um diese Leistungen ins big picture einordnen zu können. Doch bei all diesen Problemen und Schwierigkeiten gibt es auch Ansatzpunkte.

Wie kann man gute Defense denn nun erkennen?

Pauschal lässt sich diese Frage wohl nicht beantworten. Es gibt keinen Trick, keine Abkürzung und keine “einfache Antwort”, um zweifelsfrei gute Defense zu identifizieren. Alle Metriken, die dies von sich behaupten, haben massive Einschränkungen vorzuweisen und sind in erster Linie eher Spielzeuge als die Quelle zuverlässiger Informationen. Am ehesten kann es noch sinnvoll sein, sich den Lineup-Daten bestimmter Konstellationen zu widmen und darauf basierend erste Vermutungen anzustellen. Allerdings ist hierbei zumeist sowohl die Sample Size alles andere als repräsentativ, als auch es schlichtweg unmöglich, den Impact einzelner Spieler aus diesen Zahlen zu abstrahieren. Verteidigt wird in der NBA in der Regel mit 5 Spielern und jeder Fehler eines Einzelnen hat zahlreiche Konsequenzen für das Team zur Folge. Man kommt also nicht umhin sich auf den eye test zu verlassen, jedoch kann es sehr zielführend sein, dabei einer gewissen Systematik zu folgen. Defense setzt sich, wie bereits angedeutet, aus zahlreichen Aspekten zusammen und der Versuch all diese Teilbereiche gleichzeitig erfassen zu wollen, ist tendenziell zum Scheitern verurteilt. In jeder einzelnen Possession passiert auf dem Feld unglaublich viel und es erfordert jahre-, um nicht zu sagen jahrzentelange Erfahrung um dabei instinktiv gewisse Muster zu erkennen. Der folgende Katalog soll einen Versuch darstellen individuelle Defense etwas mehr zu operationalisieren und damit differenzierter erfassbar zu machen:

Der Spieler kann:

on balloff ball (Perimeter)off ball (Post)
den Drive verhindern/vor seinem Mann bleibendem Gegenspieler folgen, wenn dieser curlteine Defensive durch Kommunikation steuern
den Wurf des Gegners besonders gut verhindernauf einen Ballhandler/Wing/Big switchenim Post Up dagegenhalten
sich durch Screens durchkämpfenPässe antizipieren und abfangen bzw. abfälschenausboxen
Druck auf den Ball ausübendie Spielsituation richtig lesen und absinken gegen non shooterrebounden
 die Spielsituation richtig lesen und wenn nötig am Perimeter helfen/rotierenden Ring stationär beschützen
 die Spielsituation richtig lesen und wenn nötig am Ring helfen/rotierenauf einen Ballhandler/Wing switchen
  einen Charge aufnehmen
  Pässe antizipieren und abfangen bzw. abfälschen

Diese Tabelle hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit, deckt jedoch schon relativ weite Teile der messbaren, beobachtbaren Defense eines einzelnen Spielers ab. Sie ist der Versuch einer groben Unterteilung in bestimmte Aufgabenbereiche die einzelnen Spielern mehr oder weniger trennscharf zugewiesen werden. In einer perfekten Welt kann ein Verteidiger all diese Aspekte vereinen, in der Realität geht es um eine sinnvolle Priorisierung und Aufteilung der Aufgaben, um als Mannschaftskonstrukt zu funktionieren. Die Bucks verteidigen als Team die passing lanes eher konservativ, oberste Priorität hat hier der Ringschutz. Sie versuchen nach Möglichkeit möglichst viele Verteidiger in Nähe des Korbs und am Zonenrand zu platzieren, um den effizientesten Wurf aus dem Spiel heraus zu verhindern. Brook Lopez im Speziellen ist dazu angehalten nach Möglichkeit bis unter den Korb einzurücken und gegnerischen Bigs im Zweifelsfall eher den Wurf anzubieten. Somit ist er in der Lage am Ring einige Würfe zu erschweren oder sogar zu blocken und nach einem Fehlwurf für sein Team auszuboxen. Lopez erfüllt damit einige Kriterien der off ball defense im Post sehr gut und kann trotz gewisser Limitationen am Perimeter einen sehr großen positiven Einfluss auf die Defense seines Teams ausüben.

NBA League Pass

Nachdem nun verschiedene Aspekte des defensiven Anforderungsprofils ein wenig aufgeschlüsselt wurden, muss noch eine grundsätzliche Frage kurz beleuchtet werden: Wie unterscheide ich überhaupt zwischen Prozess und Ergebnis? Die einfachste Beantwortung der Frage nach guter individueller Defense wäre nämlich: “Wenn der Gegner nicht trifft”. Dieser Erklärungsansatz mag logisch erscheinen, greift allerdings insofern zu kurz, dass wir nur selten mit Gewissheit sagen können, ob der Verteidiger den Wurf nun entscheidend erschwert hat oder der Angreifer schlichtweg daneben geworfen hat (außer natürlich bei geblockten Würfen). In der NBA passiert es mehrfach pro Spiel, dass weit offene Würfe nicht getroffen werden und es ist nicht unüblich, dass die besseren Spieler am offensiven Ende sehr eng verteidigte Würfe treffen. Wenn ein Team allerdings mit einem gewissen Spieler in tragender Rolle konstant gut oder schlecht defensiv performt lassen sich daraus gewisse Rückschlüsse auf den möglichen Impact dieses Spielers durchaus ziehen. Hier gilt es eine zunehmend größere Stichprobe zu sammeln und die Reaktion des Spielers in vielfältigen Spielsituationen und Matchups im Auge zu behalten. Gute Verteidiger liefern konstant gute Defensivleistungen und zwingen ihre Gegner somit früher oder später zu Fehlwürfen, Ballverlusten oder sonstigen Fehlern. Dennoch muss in einem Mannschaftssport wie Basketball immer auch das Team als Gesamtkonstrukt hinzugezogen werden, wenn es um die Leistung einzelner Spieler geht. Wenn ein Guard ständig im PnR am Screen hängen bleibt und sonst niemand aus den Ecken zur Hilfe kommt, kann ein Big noch so ein guter Ringbeschützer sein. Früher oder später zieht er in ständigen 1 gegen 2 Situationen in der Regel den Kürzeren und es ist eine Herausforderung für den Beobachter auch solche Aspekte in die Betrachtung miteinzubeziehen. Beispielsweise Brook Lopez kommt es enorm entgegen, dass er mit Bledsoe einen guten PnR Partner vor sich hat und Giannis zudem als sehr agiler, mobiler Verteidiger ständig neben ihm lauert und gegebenenfalls aushilft.

Welche Schlüsse lassen sich nun ziehen?

Eine der zentralsten Erkenntisse: Defensive akkurat zu bewerten ist eine verdammt knifflige Angelegenheit. Es gilt sehr viele Aspekte zu beachten, es erfordert sehr viel Zeit und am Ende des Tages gibt es selten eindeutig “richtige” Antworten auf zahlreiche Fragen. Dennoch sieht man in der Regel relativ schnell, wenn ein Spieler bestimmte Dinge bemerkenswert gut oder eben auffallend schlecht bewerkstelligt. Dies mag einer der Gründe sein, warum man sich überwiegend einig ist, welche Akteure eher im Dunstkreis der besten Verteidiger anzusiedeln sind und wer einem Team defensiv gewisse Probleme bereitet. Um einiges schwieriger wird es im breiten Mittelfeld der NBA. Ob ein Spieler einen leicht  positiven oder leicht negativen Impact auf die Defense hat, ist nicht ohne weiteres zu beantworten und steht in Zusammenhang mit anderen Faktoren wie der Qualität der Verteidiger um ihn herum, wie gut seine defensive Rolle möglicherweise zu ihm passt usw.. Wenn wir davon ausgehen, dass die Eigenschaft gut zu verteidigen normalverteilt ist, dürfte das Mittelfeld aus mindestens zwei Dritteln aller NBA Spieler bestehen, auch wenn die Grenzen hierbei natürlich fließend sind. So richtig eindeutig zuordnen, lassen sich möglicherweise auch nur die jeweils oberen sowie unteren 10% und da wir wenig zuverlässige Statistiken haben, um diese Hypothesen zuverlässig zu überprüfen, sind diese Aussagen zum aktuellen Zeitpunkt eher als grobe Schätzungen zu betrachten. 

Hinsichtlich der Entwicklung aussagekräftiger Statistikmodelle kann man durchaus unterschiedlich optimistisch sein. Einerseits werden die Tracking-Daten laufend erweitert und verfeinert und die erhebenden Instanzen zunehmend intelligenter (siehe live percentages von Trefferquoten usw.). Andererseits wird in der modernen NBA extrem viel PnR gespielt bzw, off ball screens gestellt, ein Umstand der viele Defensiven zu einer Switch-Taktik regelrecht gezwungen hat. Diese Switches korrekt zu analysieren ist selbst für geschulte Analysten nach wie vor eine Herausforderung und lässt viel Interpretationsspielraum. Wie soll also eine KI richtig evaluieren ob ein Switch a) notwendig, b) zielführend, c) sauber ausgeführt und d) der Taktik des Coaches entsprechend war? Solange wir für solche Situationen keine stringenten Bewertungsmaßstäbe entwickelt haben (und Possessions, in denen (oft sogar mehrmals) geswitcht wird, einen Großteil der Defensivarbeit ausmachen) fällt es schwer, eine Fantasie für akkurate Analysetools zu entwickeln.

Es bleibt einem also wenig anderes übrig als weiterhin sehr verallgemeinernd von Teamleistungen auf einzelne Spieler zu schließen, deren allgemeine Reputation sowie die Entstehung dieser ständig zu hinterfragen und Spiele zu schauen, was das Zeug hält. Im Zweifelsfall ist manchmal dann auch “kann ich nicht beurteilen” die ehrlichere Antwort auf die Frage nach individueller Defense.

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