Dallas Mavericks, NBA

Die kleine Lösung der Dallas Mavericks

Warum gute Verträge noch keine gute Offseason bedeuten müssen

Die Offseason 2019 war aus verschiedenen Gründen eine einschneidende für die Dallas Mavericks. Zum ersten Mal seit 21 Jahren werden sie im Oktober nicht mit Dirk Nowitzki in die Saison starten. Aber nachdem Nowitzkis Rolle in den letzten Jahren schon immer kleiner wurde, ist der sportliche Einfluss seines Karriereendes nicht so bedeutend – auch, weil der beziehungsweise die potentiellen Nachfolger als Franchise Player bereits bereitstehen. Nach seiner Rookie-of-the-Year-Saison wirkt Luka Doncic, als wäre er dieser Aufgabe gewachsen. Kristaps Porzingis konnte in New York schon eine Allstar-Nominierung erspielen, steht nach einer verletzungsbedingt verlorenen Saison und dem Trade aber vor einem Neustart. Mit ihm hängt auch der wichtigste Einschnitt für die Mavs zusammen: Er erhielt einen Maximum-Deal über gut 158 Millionen Dollar, der seinen bisherigen Rookie-Vertrag um ein vielfaches übersteigt. Das bedeutet, dass 2019 die vorerst letzte Offseason war, in der Dallas signifikant Cap Space zur Verfügung stand. Porzingis und auch Maxi Kleber und Dorian Finney-Smith hatten deutlich niedrigere Cap Holds als ihre zu erwartenden Verträge, die in den nächsten Jahren den Spielraum des Teams einschränken werden. Das erzeugte einen gewissen Druck: Eigentlich müssten jetzt die Weichen für die nächsten drei Jahre – bis zu Doncics Vertragsverlängerung – gestellt sein. Falls nicht überraschend noch ein größerer Trade passiert, scheint das nicht auf die eigentlich beabsichtigte Art und Weise passiert zu sein.

Noch im Juni hatten die Mavs den Eindruck gemacht, dass sie mal wieder auf der Jagd nach einem der besten verfügbaren Free Agents waren. Kemba Walker und Al Horford wurden in Gerüchten genannt, verschiedene andere wären angesichts von drei offenen Starter-Spots in Frage gekommen. Außer Doncic auf dem Flügel und Porzingis auf einer der großen Positionen standen im Mavs-Kader nur die überbezahlten Tim Hardaway Jr. und Courtney Lee aus dem Knicks-Trade und einige Backups wie Jalen Brunson. Mark Cuban hatte in den letzten Jahren immer – wenn auch weitgehend erfolglos – die große Lösung im Blick. Es sprach also vor der Offseason viel dafür, dass die Mavs sich nicht kleineren Verstärkungen zufrieden geben würden. Es kam völlig anders: Die Mavs entschieden sich sogar dagegen, als Team im Cap Space zu arbeiten. Stattdessen nutzten sie verschiedene Exceptions für die Verpflichtung der drei Neuzugänge und Bird Rights für die eigenen Free Agents – eine Entscheidung, die Jonthan Tjarks bei The Ringer ausdrücklich begrüßte.


Geht man einen Schritt zurück, wird deutlich, dass die Mavs seit dem Drafttag 2018 zwei bedeutende Trades getätigt hatten, die auf die aktuelle Offseason deutlichen Einfluss hatten: Um für Luca Doncic von Pick 5 auf Pick 3 zu kommen, erhielten die Hawks einen weiteren Erstrundenpick. Dieser war nur relativ schwach geschützt, so dass diese Saison der 10. Pick der Mavs nach Atlanta ging. Zahlreiche weitere Assets einschließlich vieler Millionen Cap Space gab Dallas im Februar für Porzingis an die Knicks ab. Damit reduzierte sich der Handlungsspielraum der Mavs im Großen und Ganzen auf Free Agents, da für Trades die Möglichkeiten fehlten. Auch der Draft war entsprechend ereignisarm: Nur Isaiah Roby ging mit Pick #45 an die Mavs. Mit ihm erhielten sie zwei weitere Zweitrundenpicks von den Pistons, wofür ihr eigener (#37 Deividas Sirvydis) nach Detroit geschickt wurde.

Am 1. Juli bestanden dadurch zwei Wege: Entweder könnten Cuban und Manager Donnie Nelson alle für die Franchise nicht mehr relevanten Free Agents renouncen, also auf die Bird-Rechte verzichten, um die Cap Holds aus den Büchern verschwinden zu lassen. Dank der vergleichsweise äußerst günstigen Cap Holds der interessantesten Spieler wie Porzingis und Kleber wäre so relativ viel Cap Space entstanden. Dazu trug auch der Abgang von Harrison Barnes bei, den die Mavs ebenfalls noch im Februar nach Sacramento geschickt hatten. Durch den Barnes-Trade war allerdings auch eine Trade Exception in Höhe von mehr als 21 Millionen Dollar entstanden, die bei Nutzung von Cap Space ebenfalls verfallen wäre. Diese Trade Exception eröffnete den zweiten Weg, für den sich die Mavs schließlich entschieden: Sie operierten als Team über dem Soft Cap, das lediglich Exceptions nutzen konnte. Das ist möglich, obwohl die Gehälter nicht dem Betrag von ca. 109 Millionen Dollar entsprechen, wenn stattdessen Cap Holds und Exceptions die Summe auffüllen.


Als die ersten Neuverpflichtungen bekannt wurden, war diese Entscheidung allerdings noch nicht klar: Seth Curry und Bojan Marjanovic einigten sich auf 4 Jahre, 32 Millionen beziehungsweise 2 Jahre, 7 Millionen mit den Mavs. Der Dallas-Rückkehrer Curry spielte letzte Saison in Portland eine gute Rolle (74 Spiele, 18,9 MPG und 45% 3P bei 3,4 3PA), nachdem er das Jahr zuvor bei den Mavs verletzungsbedingt ausgefallen war. Da er in seiner bisherigen Karriere immer nur relativ niedrige, kurzzeitige Verträge hatte, dürfte er an den garantierten vier Jahren besonderes Interesse gehabt haben. Obwohl er mit nur einem elitären NBA-Skill vergleichsweise limitiert ist, sollte er mit einem Deal auf Niveau der Midlevel-Exception nicht überbezahlt sein. Ähnliches gilt für den noch deutlich günstigeren Marjanovic, der als vierter Big nur begrenzt Minuten erhalten wird. In bestimmten Matchups kann er jedoch erheblichen Schaden anrichten. Daher ist seine Verpflichtung als interessanter Versuch anzusehen, dem Team ein höheres Ceiling zu verschaffen. Wichtig ist, dass sein Vertrag sich nur auf Höhe der Biannual Exception bewegt. Daher konnten er und Curry mit den beiden Ausnahmeregelungen für Teams unter der Luxussteuer verpflichtet werden. Dafür hatte Dallas gezielt die Unterschrift verzögert: Zwar wurden die Deals schon Anfang Juni vereinbart, aber erst nach den übrigen Ereignissen der Offseason offiziell gemacht.

Aus dem eigenen Kader der Vorsaison einigen sich die Mavs dann relativ schnell mit Kristaps Porzingis, Maxi Kleber, Dorian Finney-Smith und Dwight Powell. Letzterer hatte eine Player-Option; er und die Mavs verhandelten wohl schon seit Saisonende über eine Verlängerung. Letztendlich bleibt er dem Team tatsächlich für drei weitere Jahre und 33 Millionen Dollar erhalten. Dieser Deal wurde von den genannten wohl am meisten kritisiert, da Powell ähnlich wie Curry nur einen wirklich guten Skill hat: Er ist ein elitärer Rim-Roller, dabei gehört er zu den besten Spielern der NBA. Er traf 79,7 % im Bereich 0-3 Fuß, was mit einem Wert von knapp 135 laut basketball-reference das historisch beste (!) Single-Season-ORtg erlaubte. Allerdings konnte er noch keinen zuverlässigen Distanzwurf entwickeln und ist defensiv durch seine Mobilität zwar brauchbar, aber kein hervorragender Beschützer der Zone. Der berechtigte Hauptkritikpunkt an Powells Vertrag ist allerdings, dass andere Bigs mit ähnlichem Skillset deutlich weniger verdienen werden: Enes Kanter erhielt nur die Room MLE in Höhe von knapp 5 Millionen Dollar, die jüngeren Kevon Looney und Willie Cauley-Stein verdienen bei den Warriors nicht mehr. Auch Kleber gehört zu dieser Gruppe, zudem konnte er in Sachen Rimprotection und Wurf in der letzten Saison vielversprechendere Ansätze zeigen. Klebers Vertrag (35,9/4) darf somit als deutlich besser gelten, trotzdem ist Powells kein Desaster: Die Mavs kennen und schätzen ihn augenscheinlich, er spielt seine Rolle wie gefordert und passt durch seine Variabilität hervorragend neben Porzingis. Dass man ihm lieber mindesten 5 Millionen Dollar pro Jahr weniger zahlen würde, lässt sich verkraften. Die Größenordnung ist überschaubar, und Spieler mit brauchbaren Skillsets sind immer weniger problematisch als solche, die sich als weitgehend unspielbar herausstellen.  


Die Hauptproblematik ist jedoch, dass sowohl Powell als auch Kleber stand heute eigentlich keine Starter-Qualität aufweisen. Somit hat man zwei der Qualität nach dritte Bigs langfristig gebunden, zusätzlich noch Boban im Kader und grundsätzlich die Option, mit nur einem Big zu spielen. Das wäre dann vermutlich Porzingis, etwa in scoringlastingen Closing-Lineups. Auch nach einer Saison ohne ein einziges Spiel erhielt er ohne größere Diskussionen einen 5-Jahres-Maximum-Vertrag. Das war nach dem Trade vom Februar zu erwarten, die Mavs hatten keine echten Alternativen. Deswegen müsste man die Kritik an dieser Entscheidung eigentlich auf den ursprünglichen Trade beziehen, nicht auf diese Offseason. Trotzdem lässt sich nicht abstreiten, dass der Vertrag angesichts der schweren Verletzung ein Risiko darstellt. So musste beispielsweise Joel Embiid akzeptieren, dass sein Vertrag bei weiteren Ausfällen nicht voll garantiert gewesen wäre – Porzingis kam ohne dieses Zugeständnis aus. Ob das ein echtes Problem für die Mavs wird, muss sich noch zeigen, und sicher kennt niemand sonst die medizinische Prognose für den neuen Star so gut wie seine Franchise. Der Entscheidung für den Vertrag gingen auch zumindest im offiziellen Free Agency-Fenster im Juli keine größeren Verhandlungen voraus, also scheinen die Mavs nicht mit Nachdruck auf Anpassungen bestanden zu haben.

Das frühe Datum der Einigung mit Porzingis bedeutete allerdings immerhin, dass sich die Mavs keine Sorgen über ein Offer Sheet eines anderen Teams machen mussten. Das erhöhte die Flexibilität für die restliche Offseason: Nach der Unterschrift bei einem anderen Team wären den Mavs nur zwei Tage zum Gleichziehen geblieben, der niedrige Cap Hold verfallen. So konnten sie problemlos mit Porzingis vereinbaren, dass er bis zur Unterschrift noch einige Tage warten würde. Das gilt ebenfalls für die anderen Restricted Free Agents Kleber und Finney-Smith. Für DFS scheint das ligaweite Interesse allerdings in Grenzen gehalten zu haben, trotz seines interessanten Skillsets mit hervorragender Defense auf mindestens drei Positionen und Ansätzen eines Distanzwurfs. Nach einem guten Start in die letzte Saison kühlte Finney-Smiths Präzision hinter der Dreipunktlinie jedoch wieder auf klar unterdurchschnittliche Werte ab. Nur so ist wohl sein Vertrag (12/3) zu erklären, der selbst dann gerechtfertigt wäre, wenn er nur eine kleine Rolle als Defensivspezialist erhielte. Mit seiner Verpflichtung hatte Dallas alle wichtigen Entscheidungen zu eigenen Free Agents getroffen, J.J. Bareas Verbleib für das Minimum war anscheinend trotz seiner schweren Verletzung nur eine Formsache.

Allerdings mussten die Mavs relativ schnell feststellen, dass ihnen sonst die interessanten Optionen fehlten. Die meisten Stars hatten sich schon am 1. Juli entschieden, viele weitere Starter ebenfalls spätestens zum Ende des Moratoriums. Mit einigen in Frage kommenden Spielern wie Patrick Beverley von den Clippers scheint es nicht einmal Gespräche gegeben zu haben. Danny Green entschied sich ebenfalls ziemlich schnell für LA, allerdings die Lakers, nachdem Kawhi Leonard als letzter bedeutender Free Agent beim Stadtrivalen unterschrieben hatte. Übrig blieben für die Mavs nur einige Restricted Free Agents, die immer einen Risikofaktor darstellen: Gibt man ein Angebot ab, kann das weiter Zeit kosten, falls die bisherige Franchise zum Ende der Frist gleichzieht. Diese Problematik umgingen die Mavs, allerdings um den Preis zweier Zweitrundenpicks, indem sie Delon Wright per Sign and Trade aus Memphis verpflichteten. Die Grizzlies hatten ihn im Marc-Gasol-Trade von den Raptors erhalten, wo er in knapp vier Jahren zwar vor allem defensiv ansprechende Leistungen zeigen konnte, aber mit Verletzungen, einer wechselhaften Rolle und einem inkonstanten Distanzwurf (Career 33,2 % bei nur 1,8 3PA/G) kämpfte. Gut 28 Millionen Dollar über 3 Jahre sind unter diesen Voraussetzungen akzeptabel, vor allem, weil zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses die echten Alternativen fehlten. Höchstens noch in Frage gekommen wäre Tyus Jones, der dann für ein ähnliches Gehalt nach Memphis ging. Dass man vorher z.B. Andre Iguodala oder Mo Harkless nicht mit den angebotenen Assets aufnahm, war wohl spätestens ab diesem Zeitpunkt als Fehler anzusehen – es gelang den Mavs schließlich nicht, einen Spieler mit signifikant größerem Impact zu verpflichten.


Die Problematik geht allerdings tiefer, da das Team so im Wesentlichen aus eindimensionalen Spielern besteht. Etwas vereinfacht: Curry kann werfen, Powell am Ring abschließen. Wright und Finney-Smith verteidigen gut, Marjanovic setzt voll auf seine Größe. Hardaway ist auf Scoring limitiert, bei Lee ist nicht sicher, dass er überhaupt noch auf NBA-Niveau spielen kann. Justin Jackson und Jalen Brunson konnten sich noch nicht zweifelsfrei auf diesem Level etablieren. Somit bleibt außer den beiden Stars allenfalls Kleber, der werfen, am Ring abschließen und verteidigen kann. Auch bei ihm ist allerdings noch nicht sicher, ob er diese Fähigkeiten auf Starter-Niveau zeigen wird. Diese Überlegung zeigt das Hauptproblem der Mavs auf: Sie haben diverse Spieler, die für die Roster Spots 5 bis 12 gut geeignet wären – aber niemanden, der überzeugend als dritt- oder viertbester Spieler eines Teams gelten kann. Die abgelaufene Offseason hat nichts dazu beigetragen, dieses Problem zu beheben, ganz im Gegenteil. Die vielen Verträge im Bereich von ca. 10 Millionen Dollar blockieren bis auf weiteres gemeinsam mit den von den Knicks aufgenommenen THJ und Lee den Cap Space. Auch in den folgenden Jahren wird es daher schwer sein, Spieler mit einem Vertrag höher als die MLE auszustatten, wie das Salary Chart zeigt.

Die Mavs müssen somit darauf hoffen, dass sich ihre Verpflichtungen der Offseason 2019 noch Starter-Niveau erreichen. Auf den ersten Blick erscheint das relativ unwahrscheinlich, da fast alle in Frage kommenden Spieler schon mindestens Mitte 20 sind. Allerdings entspricht für alle die NBA-Erfahrung nicht dem für das Alter üblichen Niveau. Durch eine längere College-Karriere, Saisons in anderen Ligen oder Verletzungsausfälle spielten Curry, Wright und Co. nur etwa halb so viele NBA-Minuten wie etwa der jüngere Nuggets-Starter Gary Harris, der selbst als verletzungsanfällig gilt.

Es wird oft diskutiert, in wie weit sich die NBA-Erfahrung ähnlich wie das Alter als Indikator für verbliebene Upside eignet. In der Regel sollten sehr junge Spieler das größere Entwicklungspotential aufweisen als solche, die erst mit Mitte 20 wirklich in der NBA ankommen. Aber letztere sind für ein Team wie die Mavs erreichbar, während andernfalls Draftpicks benötigt würden. Zudem haben wie beschrieben alle Verpflichtungen zumindest einen elitären NBA-Skill. Daher ist zumindest ein gewisses System hinter den Offseason-Verpflichtungen von Cuban und Nelson zu erkennen. In wie weit dieser Versuch glückt, müssen die nächsten Jahre zeigen.


Falls sich die Rollenspieler-Verpflichtungen nicht als überraschend gut herausstellen, fehlt den Mavs ganz offensichtlich Qualität abseits der beiden Stars – wenn nicht sogar Porzingis angesichts seiner Verletzungshistorie überbezahlt ist. Den Mavs haben keine Spieler, von denen man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit solide Starter-Qualität erwarten darf. Das ist der Kern des Problems. Tjarks argumentiert zwar, dass Stars neben Doncic und Porzingis möglicherweise zu früh gekommen wären. Aber zwischen Allstars wie Al Horford und Kemba Walker einerseits und den Mavs-Verpflichtungen andererseits liegen noch mindestens zwei Tiers an spielerischer Qualität.

Daher ist es nicht unbedingt hilfreich, dass die Mavs stattdessen zahlreiche Spieler auf Backup-Level verpflichtet haben. Kleber, Powell, Finney-Smith, Curry und Wright haben zwar zu im Vakuum teamfreundlichen Verträgen unterschrieben, in der Summe war das Vorgehen der Mavs aber riskant. Es besteht die nicht unrealistische Gefahr, dass man mit einem mittelmäßigen Supporting Cast in den nächsten Jahren nicht den Sprung in die Playoffs schafft. Gleichzeitig wird man ohne außergewöhnliches Glück zu gut für Top-Picks sein und hat sich den Cap Space für qualitativ hochwertigere Verpflichtungen verbaut. Wer in den nächsten fünf Jahren hochwertigen Playoff-Basketball in Dallas sehen möchte, muss nach dieser Offseason daher seine Erwartungen herunterschrauben.

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