Washington Wizards

Ein Blick auf Isaac Bonga

Was kann der Deutsche?

Der Artikel, den Isaac Bonga für die “Wortathleten” verfasste, ist gerade einmal zweieinhalb Jahre alt. Doch das Leben, das der heute 19-Jährige darin beschreibt, wirkt unendlich weit weg. “Ich besuche ja parallel hier in Frankfurt ein Internat und machte gleichzeitig ein Praktikum in der Ticket-Abteilung des Vereins”, schreibt Bonga im Februar 2017, “In der Woche gibt es für mich also zwei Tage Schule und drei Tage im Betrieb.” Seine Spielzeit sammelt Bonga zu diesem Zeitpunkt vor allem in der drittklassigen ProB, darf in der BBL nur selten aufs Parkett. Doch sein Talent ist unübersehbar. Ab der U16 durchläuft er alle Nachwuchs-Nationalmannschaften. Mit 16 gibt er gegen den amtierenden Meister Brose Bamberg sein Bundesliga-Debüt. Bonga spielt trotz 29-Punkte-Blowout nur 28 Sekunden, aber immerhin. Auch internationale Scouts werden auf den langen Teenager aus Neuwied aufmerksam: 2017 fährt er zusammen mit Center Philipp Herkenhoff von Rasta Vechta zum “Basketball without Borders”-Camp nach New Orleans, in dem er unter anderem auf einen gewissen R.J. Barrett trifft.

Im gleichen Jahr etabliert sich Bonga im Profibereich. In einem ambitionierten Skyliners-Team sieht er in der Saison 17/18 regelmäßig Minuten. Nach der elften Klasse verlässt er die Schule, um sich ganz auf den Profisport konzentrieren zu können. Nach seiner ersten Spielzeit als Vollprofi meldet sich der 18-Jährige zum Draft an. Während seine ehemaligen Klassenkameraden ihren Abiball feiern, hofft Bonga, in der Draftnacht seinen Namen zu hören.

Seine Chancen stehen nicht schecht. Die meisten Experten verorten den Forward in der mittleren bis späten zweiten Runde, einige sehen in ihm sogar einen späten Erstrundenpick. Alles, was es braucht, ist ein Team, das sich in Skillset und Potential des jungen Deutschen verliebt. Und das findet sich zu Beginn der zweiten Draft-Runde. Die Los Angeles Lakers mögen Bonga – so sehr, dass sie für den jungen Deutschen einen zukünftigen Zweitrundenpick und Geld nach Philadelphia schicken. Auch die Fraport Skyliners, an die Bonga noch mehrere Jahre vertraglich gebunden war, werden mit einer sechsstelligen Ablösesumme finanziell entlohnt. Zur Überraschung Vieler binden die Lakers ihren jungen Draftpick sofort für mehrere Jahre, anstatt seine weitere Entwicklung in Europa abzuwarten.


In seinem ersten Jahr ist Bonga NBA-Profi, ohne viel von der großen Liga zu sehen. Die meisten seiner Arbeitstage verbringt er bei den South Bay Lakers in der Entwicklungsliga G-League, in der das Talent langsam an das Anforderungsniveau der NBA herangeführt werden soll. “Wir wollen ihn in diesem Jahr an die Spielweise gewöhnen”, sagt South Bays Teampräsident Joey Buss während des G-League Showcase in Las Vegas, “Die Ligen werden sich immer ähnlicher, was Physikalität und Geschwindigkeit angeht.” Erst gegen Ende der vergangenen Saison, als in L.A. ohnehin schon alles verloren ist, schickt Trainer Luke Walton seinen Schützling außerhalb der Garbage Time aufs Parkett. Bonga ist nicht mehr als eine Randnotiz in einem verkorksten ersten LeBron-Jahr.

Inzwischen ist nicht nur sein ehemaliger Trainer, sondern auch Bonga selbst bei einem neuen Team untergekommen. Im Juli verschifften ihn die Lakers zusammen mit Jemerrio Jones und Moritz Wagner zu den Washington Wizards, um den dringend benötigten Platz unter dem Salary Cap zu schaffen. Nach dem Trade für Anthony Davis muss sofort gewonnen werden – für die nachhaltige Entwicklung junger Nachwuchstalente bleiben da wenig Ressourcen. In einer kompetitiven Western Conference kann jede Million und jeder Kaderplatz den entschiedenen Ausschlag geben. Die Lakers investierten beides lieber in gestandene Spieler als in einen 19-Jährigen mit insgesamt 120 Minuten NBA-Erfahrung.

Bongas neues Team steht derweil am Scheideweg: Ohne den verletzten John Wall prognostizieren Beobachter dem Hauptstadt-Team eine weitere schwere Saison. “FiveThirtyEight” beziffert die Playoff-Chancen der Wizards auf 18 Prozent. Im Osten kommen nur die Hawks, Hornets, Knicks und Cavs schlechter weg. Zu gewinnen gibt es maximal eine vorzeitige Vertragsverlängerung Bradley Beals, dessen Arbeitspapier in zwei Jahren ausläuft. Ein Angebot über drei Jahre und 111 Millionen Dollar lehnte Beal Berichten zufolge ab. Sollte der Shooting Guard zu verstehen geben, Washington verlassen zu wollen, könnte schon in der kommenden Spielzeit mit einem Neuaufbau begonnen werden. Bis dahin wird Bonga wohl erneut vor allem in der G-League Spielzeit sammeln.


Dort bestätigte sich im letzten Jahr in 32 Spielen im Wesentlichen das, was Talentsucher dem Forward vor seinem Rookie-Jahr in den Scoutingbericht geschrieben hatten. Bongas Spiel ist vor allem am offensiven Ende des Feldes noch immer im Aufbau begriffen. Der Sprungwurf – Zeit seiner (kurzen) Karriere ein Problemfeld – wirkte im vergangenen Jahr nicht wirklich NBA-tauglich. Seine insgesamt langsame Wurfbewegung gibt Gegenspielern genug Zeit, seine Versuche zu stören; insgesamt fehlt die Konstanz. Zu häufig verfehlt Bonga sein Ziel auf eine Art und Weise, die jede Sturmtruppe neidisch werden ließ.

Nach einem guten Start kühlte Bonga im Saisonverlauf von der Dreierlinie deutlich ab. Über die gesamte Spielzeit traf der Forward 34,4 Prozent seiner 3,1 Versuche von Downtown. In die Mitteldistanz verirrt sich der Deutsche derweil nur selten. Rund zehn Prozent seiner Versuche waren im letzten Jahr Midrange-Jumper, von denen unterdurchschnittliche 36,4 Prozent ihr Ziel fanden. Diese Probleme resultieren in einer unterdurchschnittlichen TS% von 53,9 Prozent. Hoffnung macht derweil die FT%, ein Indikator für eventuell vorhandenes Wurftalent. Bei 2,7 Versuchen pro Spiel traf Bonga gute 81,2 Prozent. In der BBL versenkte er sogar 91,6 Prozent seiner insgesamt 71 Versuche.


Offensiv trat Bonga vor allem durch seinen Zug zum Korb in Erscheinung. Sein Drive-lastiges Spiel profitierte dabei vergangenes Jahr nicht unbedingt von Mitspielern und System. Trotz aller Probleme mit dem Sprungwurf war Bonga gemessen an der Dreierquote der drittbeste Distanzschütze im Team, nimmt man die kaum eingesetzten Spencer Hawes und Svi Mykhailiuk aus der Rechnung. South Bay belegte als Mannschaft in dieser Kategorie mit 33,1 Prozent den drittletzten Platz unter allen 27 G-League-Teams. Wichtige Spieler wie Scott Machado, Alex Caruso oder Jonathan Williams, mit denen Bonga häufig gemeinsam auf dem Feld stand, trafen allesamt weniger als 30 Prozent ihrer Versuche von draußen.

Doch selbst optimales Spacing hätte Bongas wahrscheinlich größtes offensives Problem nur geringfügig entschärft: Der 19-Jährige tat sich vergangenes Jahr schwer, direkt am Ring abzuschließen. Selbst die Präsenz kleinerer Gegenspieler reichte in einigen Fällen aus, Bonga am einfachen Abschluss zu hindern. Gegen körperlich überlegene Big Men sieht er in solchen Situationen ebenfalls nur selten Land. Das Resultat ist eine Feldwurfquote von 55,3 Prozent in der Restricted Area direkt am Ring, mit der er unter allen G-League Forwards die hinteren Ränge belegt. Ein Teil dieser Schwierigkeiten ist sicher auf seine körperliche Entwicklung zurückzuführen. Die Liga listete den 2.03 Meter großen Forward vergangene Saison bei gerade einmal 82 Kilogramm. Bonga steht damit in einer Reihe mit deutlich kleineren Guards wie Shabazz Napier, Yogi Ferrell oder Trae Young. Die fehlende Kraft zwingt Bonga, am Ring kreativ zu werden, was ihm mal mehr …

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… und mal weniger gelingt.

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Bongas fehlende Schnelligkeit beim Antritt lässt ebenfalls einigen Raum für Verbesserungen. Vor allem am Anfang der Saison griff Bonga auf dem Weg zum Korb häufiger zum Eurostep als Donald Trump zu Twitter, ohne sich damit wirklich einen Vorteil zu verschaffen. Selbst eher schwerfällige Gegenspieler können ohne große Schwierigkeiten mithalten und den Versuch am Korb entscheidend stören. Dazu fehlt Bonga in diesem frühen Stadium seiner Karriere schlicht die Athletik, um über Ringniveau abzuschließen.

Bonga ist ein solider Offensivrebounder. Durch seine Kombination aus Größe, Positionierung und Einsatz erarbeitete er seinem Team sowohl in der G-League als auch in der Nationalmannschaft einige zweite Chancen.

Seine vielversprechendsten offensiven Momente hatte der Forward derweil in der Transition. Bonga kann das Spiel nach eigenem Rebound schnell machen und seine Mitspieler in Szene setzen. Er ist ein ordentlicher Passer – hier nutzt Bonga den No-Look-Pass, um die Reaktionszeit der gegnerischen Defensive entscheidend zu verlängern.

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In seiner Zeit im Jugendbereich und später in der BBL deutete Bonga zudem seine Fähigkeiten als Passgeber im Halbfeld an. Sein Größenvorteil gegenüber den meisten Gegenspielern erlaubte es ihm, dem abrollenden Big Man nach dem Pick-and-Roll eine passgenaue Vorlage zu servieren. Bonga ist kein kleinerer Nikola Jokic, vermutlich ist er nichtmal ein größerer Ricky Rubio. Trotzdem bringt er durchaus das Potential mit, auch auf hohem Niveau einen Teil des Spielaufbaus zu übernehmen. Nationaltrainer Henrik Rödl ließ seinen Schützling in Testspielen vor der WM bereits an der Seite eines klassischen Point Guards als sekundärer Ballverteiler auflaufen. Während der verletzungsbedingten Pause Maodo Los übernahm Bonga als Schröder-Ersatz sogar den Hauptteil des deutschen Spielaufbaus.

In seinem ersten Jahr jenseits des großen Teichs war davon wenig zu sehen. Bei den South Bay Lakers stand Bonga meist zusammen mit zwei kleineren Guards auf dem Feld, die ihm eine Rolle abseits des Balles zuwiesen. Bongas offenkundige Probleme mit Ballhandling und Abschluss ließen Trainer Coby Karl davon absehen, ihn als primären Ballhandler in seine Offensive einzubauen.


Am anderen Ende des Feldes ist Bonga derweil schon deutlich weiter. Allein seine körperlichen Anlagen lassen jeden defensiv eingestellten Trainer träumen: Zusätzlich zu seiner bereits angesprochenen Größe von 2,03 Metern – vielleicht ein Fall von Durant’schem Sich-Klein-Rechnen – verfügt Bonga über eine Armspannweite von 2,13 Metern. Legt der Teenager in Zukunft an Gewicht zu, ohne dabei einen signifikanten Teil seiner Beweglichkeit einzubüßen, könnte er potentiell vier oder sogar fünf Positionen verteidigen – eine Fähigkeit, über die in der NBA nur eine handvoll Spieler verfügen. Schon heute kann es Bonga in der Defensive sowohl mit Guards als auch mit leichter gebauten Forwards und Bigs aufnehmen. Schnellere Guards, die ihm vor allem in seinem ersten BBL-Jahr noch massive Probleme bereiteten, konnte Bonga in der G-League deutlich häufiger vor sich halten. Trotzdem macht sich sein fehlender Antritt in diesen Situationen auch in der Defensive bemerkbar und lädt die Gegner zum Drive ein.

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Die Kombination aus langen Armen und Einsatz macht Bonga im Teamverbund zum unangenehmen Verteidiger. Immer wieder nutzt er seine Spannweite, um gegnerische Pässe abzufangen und so Ballbesitze für seine Mannschaft zu kreieren. Eine STL% von 1,9 Prozent in 32 G-League Partien ist ein mehr als nur ordentlicher Wert.

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Dazu deutete der Forward vergangene Saison sein Potential als Shotblocker an. Er nutzte seine Länge und solide Positionierung, um gegnerische Versuche in Ringnähe in die Wildnis zu befördern. Eine BLK% von 3,6 laut Basketball-Reference ist ein solider, wenn auch durch die schwächere Konkurrenz in der Entwicklungsliga etwas geschönter, Wert. Bongas lange Arme waren häufig dann zur Stelle, wenn sich gegnerische Guards in der Nähe des Korbes in eine aussichtslose Lage manövriert hatten und die Wurfuhr zum Abschluss zwang.

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Trotz seines Alters verteidigt Bonga im Teamverbund überdurchschnittlich gut – eine Folge seiner basketballerischen Ausbildung bei den Skyliners, deren Teamveteranen defensive Fehler häufig bereits während der nächsten Auszeit ansprachen. Wie bei den großen Lakers setzte man auch in South Bay auf eine Switch-lastige Verteidigung, in der Bongas defensives Potential zur Geltung kam.

Neben vielen vielversprechenden Ansätzen leistet sich Bonga auch in diesen Situationen den ein oder anderen Lapsus. Hier bewegt sich der Forward ohne große Not zu Moe Wagners Gegenspieler, um sein nur einen Pass entferntes Match-Up an der Dreierlinie offen stehen zu lassen – eine Einladung, die selbst ein wenig konstanter Schütze wie Levi Randolph gerne annimmt.

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Ähnlich wie Luka Doncic verfügt auch Bonga über mehr Profi-Erfahrung als die meisten seiner US-amerikanischen Altersgenossen. Die Saison 19/20 ist Bongas vierte Spielzeit auf hohem Niveau, seine Dritte als Vollprofi. Er konzentrierte sich bereits in Vollzeit auf den Basketball, als ein Großteil des 2018er Drafts noch die Schulbank drückte. Trotzdem scheint noch lange nicht festzustehen, welche Nische Bonga in der NBA einmal besetzen wird. Ist er ein Point Forward, der seinem eigenen Team das Spiel und dem Gegner das Leben schwer macht? Auf höchstem Niveau reichen seine Spielmacher-Qualitäten dafür schlicht (noch) nicht aus. Oder ist er ein 3-and-D-Flügelspieler, der vorne seinen Wurf trifft und hinten gut verteidigt? Mindestens der erste Teil der Job-Beschreibung wird Bonga wohl auf absehbare Zeit vor Probleme stellen. Auch in der NBA Summer League zeigte er sich in diesem Aspekt kaum verbessert.

Die Lakers wussten, dass sie sich mit dem 19-Jährigen ein Langzeit-Projekt ins Haus geholt hatten. Sie waren bereit, Zeit und Ressourcen in seine Entwicklung zu investieren; ihn wie einen NBA-Spieler zu bezahlen, aber kaum in der NBA spielen zu lassen. Die neue Saison wird zeigen, was die Wizards von ihrer Neuverpflichtung halten.

Bonga gehört nach wie vor zu den jüngsten Spielern der Liga. Er ist 15 Monate davon entfernt, in den USA legal Bier kaufen zu dürfen. Trotzdem beginnt die Uhr langsam auch für ihn zu ticken. In der Vergangenheit mussten bereits einige Talente die schmerzhafte Erfahrung machen, dass die eigene Jugend nicht auf ewig einen Kaderplatz garantiert.

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