Los Angeles Clippers

Nur die perfekte zweite Option

Warum Paul George kein primärer Ballhandler ist.

Paul George ist – neben Kawhi Leonard – der große Neuzugang der Los Angeles Clippers. George gehörte in der letzten Saison zu den zehn besten Spielern – wir haben in unserem Top 10 Podcast alle für ihn gevotet – und wurde Dritter im MVP-Voting. Zusammen mit Leonard soll er die erste Meisterschaft für die Clippers gewinnen. Er ist die perfekte zweite Option.

Hier soll es nicht darum gehen, was ich von Georges Charakter halte. Schon Jared Wade gab uns vor Jahren mit auf den Weg, dass wir nicht über etwas reden oder schreiben sollen, was wir nicht beurteilen können.

[…] you cannot get anything more than secondhand info about the locker room dynamic, team chemistry, and interpersonal issues that might be affecting performance. So just focus on the things you can know — how the team plays basketball — not sideshow speculation.

Ob George Westbrook hintergangen hat? Ob er damit OKC in die Bedeutungslosigkeit gestoßen hat? Ob er die Lakers ein zweites Mal hintergangen hat? Die Pacers hat er auch in eine ausweglose Lage gebracht? Das interessiert mich nicht. Es bringt auch nichts, darüber zu spekulieren. Ich bin viel zu weit weg, um das beurteilen zu können. Was ich aber bewerten kann, ist die Leistung Georges.

Auch wenn ich George selbst auf Platz 8 in unserem Top 10-Rankiong platzierte, wehrte sich einiges in mir, George in die Top 10 zu schieben. Hätten LeBron und Anthony Davis mehr Spiele gemacht, hätte ich sie vor George gesehen. Oder wenn Jimmy Butler nicht in einem 4-Star-Team gespielt hätte. Dabei kommt George doch aus seiner besten Saison überhaupt. 28 Punkte (Career High) bei der höchsten Effizienz in seiner Karriere. Das sind Zahlen, die kaum jemand erreicht. Eingang sagte ich schon, dass er die perfekte zweite Option ist. Weil er keine gute erste Option ist. Wieso er nicht The Man sein kann, lässt sich anhand verschiedener Beobachtungen belegen.

Leistungen als erste Option in Indiana

Die letzten Spuren von Georges Impact als erste Option haben wir in Indiana gesehen. Hierbei müssen wir auch zwei Phasen unterscheiden: die beiden Jahre vor der schweren Verletzung und die zwei danach. Vor 2012 hatte George eher einen schweren Stand bei den Pacers und kam nur von der Bank bzw. musste sich seine Minuten hart erarbeiten.

Die erfolgreichste Zeit der Pacers waren die back-to-back Eastern Conference Finals, die man jeweils gegen die LeBron-Heat verlor. 2013 hatte sich George das erste Jahr als Star etabliert, aber neben ihm trug David West das Team noch im Scoring mit. Man bekommt eine Ahnung davon, was Paul George sein, aber eine klare erste Option ist er noch immer nicht.
2014 ist es dann endlich soweit: Das Team gehört klar Paul George. Dass er wieder an LeBron scheitert, kann man ihm eigentlich nicht zum Vorwurf zu machen. George hat auch in der Serie selbst geliefert und erzielt die meisten Punkte aller Akteure – und sie sind effizient. Hier sollte eigentlich der Stern von Superstar Paul George aufgehen, aber der Beinbruch wirft ihn zurück.

Danach kämpft George sich zurück in die NBA, schafft es sogar noch, in der Folgesaison für sechs Spiele aufs Parkett zu kommen, aber erst 2015 kann er wieder zu alter Stärke finden. Die Pacers selbst haben ihren Zenit jedoch überschritten, werden noch zwei Mal Siebter und scheitern in der ersten Runde der Playoffs.

Um Georges Leistungen als erste Option in Indiana zu bewerten, muss man viel Kontext mit einbeziehen, um ein Bild zu bekommen. Ist er verantwortlich dafür, dass man die Heatles und die LeBron-Cavs nicht schlagen konnte? Dass man knapp gegen Toronto scheiterte, obwohl man klarer Underdog war? Nein, natürlich nicht. Wenn andere Teams besser zusammengestellt wurden, kannst du alleine nicht verhindern, dass dein Team verliert. Allerdings kann man sich ansehen, wie Paul George als erste Option agierte, wie er das Team beeinflusste und in welche Position er seine Franchise navigierte. Und hier kommt es zu den ersten Sorgenfalten, die sich auf der Stirn breit machen.

Georges individuelle Offense im Vergleich zu den Pacers und der Liga.

Georges Teams in Indiana waren offensiv nie gut. Nicht in einem einzigen Jahr, in dem er die erste Option war. Dass dies nach seiner Beinverletzung so war, kann man noch verstehen – die Pacers gewannen nur 45 bzw. 42 Spiele. Allerdings war man offensiv am besten, als man die wenigsten Siege holte – man erreichte Platz 15 in der offensiven Effizienz. In den drei anderen Jahren war man 20., 23. und 25. Und das fällt immer auf eine erste Option zurück. Die Pacers gewannen 2013/14 56 Spiele und waren offensiv am achtschlechtesten. Das wird man an Paul George festmachen müssen.

Nun könnte man einwenden, dass Basketball ein Teamsport ist und George nicht für die Leistung der anderen verantwortlich gemacht werden kann. Wenn das Team eher defensiv ausgerichtet wurde, dann könnte George der Offense geholfen haben, auch wenn diese im Durchschnitt nun schwach war. Tat er aber nicht. Wir nähern uns der Lösung nämlich mit riesigen Schritten.

Paul George konnte als erste Option noch nie eine effiziente Offensive kreieren. Nicht für sich selbst und nicht für andere. Bevor ihm Unrecht getan wird, können wir gerne anführen, dass er ein herausragender Verteidiger, ein toller Dreierschütze und in einigen Spielabschnitten ein passabler Ballhandler ist. Aber er trifft zu viele falsche Entscheidungen mit dem Ball in der Hand, wenn er das gesamte Spiel über leiten soll – oder er versucht um diese Aufgabe herumzukommen.


Schauen wir uns zunächst mal als Überblick die offensive Effizienz in den drei Jahren als erste Option an: In seinem ersten Jahr (2013/14) schließt er in der Regular Season mit einem Offensive Rating von 107 ab. Das ist unter allen 20-Punkte-Scorern der NBA der zweitschwächste Wert. Schwächer als DeMar DeRozan, als Carmelo Anthony oder Goran Dragic. Nur der Hornets-Al-Jefferson ist noch ineffizienter.

Georges Effizienz im Vergleich zu anderen 20 Punkte-Scorern.

In seinem ersten Jahr nach dem Beinbruch kommt er auf ein Offensive Rating von 106. 18. Von 20 Spielern mit 20 Punkten pro Spiel. Hinter ihm landen nur Andrew Wiggins und DeMarcus Cousins. George trägt sein Team wieder nicht gut genug und trifft die falschen Entscheidungen.

In seinem letzten Jahr mit den Pacers kommt er auf ein Offensive Rating von 109. 26. von 31 Spielern. Schwächer sind nur die altbekannten Cousins und Wiggins, sowie Devin Booker in seiner zweiten Saison, Brook Lopez in Brooklyn und Carmelo Anthony. Alle anderen ersten Optionen sind weiterhin besser als George.

Es ergibt sich also bereits im Überblick ein klares Bild: George scheitert daran, ein hervorragender Spieler zu sein, weil er es nicht vermag, sein eigenes Spiel effizient zu gestalten. Auch im Vergleich zu seinem restlichen Team sticht er nicht hervor: 13/14 ist er 2 Punkte besser als das Team, 15/16 1,5 und 16/17 0,5. Die Superstars der Liga sind auch mal 10 Punkte besser als das Restteam (Kevin Durant bspw. kam 16/17 auf ein individuelles Offensivrating von 125, die Warriors auf 115).


Gehen wir auf Mikroebene und untersuchen, warum Paul George so ineffizient agiert, ergibt sich ein uneindeutiges Bild. Für den Großteil der Pacers-Zeit lässt sich konstatieren, dass George ein In-Between-Game fehlt: Sein Dreier und sein Finishing am Ring war schon immer gut, aber in jedem anderen Spot hat George Probleme. Daraus resultieren in seiner Zeit als erste Option 50% gute Würfe (Dreier und direkt am Ring) und 50% schlechte (Floater und die Midrange). Eine Ausnahme stellt jedoch die Saison 16/17 dar: George nimmt den „schlechtesten Wurf im Basketball“ (den langen Zweier von 16 ft bis zur Dreierlinie) so oft wie nie und trifft diesen mit 48%. Im Vorjahr waren es keine 40%, im Folgejahr werden es 32,3% sein. Dafür ist die Turnoverrate (sonst immer im passablen Bereich) erhöht.

Es gibt für dieses Problem zumeist zwei Lösungen: Trainiere dein In-Between-Game oder suche nur noch Würfe dort, wo du sie gut verwerten kannst. Beides deutet darauf hin, dass George eine zu schlechte Wurfauswahl hat oder aufgrund des Dreipunktewurfs darauf schließt, dass er von überall werfen kann – was nicht der Fall ist.

Für sich selbst kann George also nicht erfolgreich kreieren. Ihm fehlt die Entscheidungsfähigkeit, um zu erkennen, was für ihn ein guter Wurf ist. Wie sieht es mit dem Kreieren für andere aus?


Assistzahlen stehen nicht unbedingt für die Fähigkeit, für andere zu kreieren, aber sie sind bei George ein erstes Indiz: Gerade einmal 3,7 Assists spielte George als erste Option in Indiana. Ein großer Punkt ist, dass George – im Vergleich zu traditionellen primären Ballhandlern (LINK) – den Spielzug nicht initiiert. In seiner Zeit in Indiana hatte er mit George Hill und Jeff Teague solide Optionen auf der Eins neben sich, aber keinesfalls balldominante Stars. Fraglich ist also, wieso in einem System, das sowieso nicht gut läuft, der Superstar nicht den Großteil der offensiven Last schultert. Es wäre Georges Möglichkeit gewesen, so viel Einfluss wie möglich auszuüben. Eingangs hatte ich herausgestellt, dass spekulieren nicht sinnvoll ist. Wir wissen nicht, wieso George nicht viel balldominanter war. Aber wir können festhalten, dass Paul George es einfach nicht tat. Ein Superstar, ein primärer Ballhandler hätte sich diese Spielkontrolle genommen.

George landet bei der Average Touch Time immer hinter den nominellen Einsern. LeBron hatte letztes Jahr nur das Nachsehen im Vergleich zu Ballstopper Rajon Rondo, bei Golden State haben Curry und Durant die längsten Ballbesitze, in Houston sind es Harden und Paul gewesen. Den Ball nicht lange zu halten, ist ein Indiz dafür, dass man nicht der erste Ballhandler ist.
Wenn in der letzten Saison vor dem Beinbruch George Hill, Lance Stephenson und CJ Watson öfter pro Ballbesitz dribblen, ist dies einfach auffällig.

George kreiert zwar von Zeit zu Zeit, aber tut dies einfach nicht konstant genug, um überhaupt als primärer Playmaker wahrgenommen zu werden. Ihn zu einem Draymond Green zu degradieren, tut ihm Unrecht, aber er ist viel zu wenig die erste Angriffswelle, die auf die Offensive zurollt. Das schützt ihn vor Fehlern, es zwingt die Defensive, zunächst den primären Handler zu verteidigen und erst dann zieht George den Nutzen aus der Situation. Das ist zu wenig für ein Post-Injury-Team, das gerade so die Playoffs erreicht.

Paul George ist zwar ein toller Spieler, aber eben keine zuverlässige erste Option. Bei den Pacers hatte er eigentlich die optimalen Voraussetzungen, um sich zu entwickeln: Ein sehr gutes defensives Gerüst, keinen balldominanten Playmaker, der die Bälle für sich haben will. Was er gezeigt hat, war gut, aber eben nicht gut genug. Gerade seine ineffiziente Spielweise im vergleich zur Elite offenbarte dies.

George selbst wollte dann raus aus Indianapolis und ursprünglich zu den Lakers, die aber nicht für ihn tradeten. Er landete in Oklahoma City und damit im Team von Russell Westbrook. Wie würde er mit einem der balldominantesten Guards überhaupt zurechtkommen?

Leistungen in Oklahoma City

Erinnert ihr euch noch an die erste Saison der Heatles? Als LeBron und Dwyane Wade unglaublich lange brauchten, um herauszufinden, wie zwei balldominante Ballhandler koexistieren können? Und erinnert ihr euch an die anfänglichen Probleme zwischen Westbrook und George? Nein? Weil es keine gab. Der Wechsel nach Oklahoma zeigt eindrucksvoll, was George ist – und was nicht.

Georges Effizienz erreicht neue Höhen neben Westbrook. 17/18 klettert sie auf 112 produzierte Punkte auf 100 Possessions, 18/19 sind es 116! George ist auf einmal effizient und hilft dem Team mehr als jemals in Indiana. Natürlich kann man das damit zu begründen versuchen, dass Westbrook der beste Mitspieler ist, den George je hatte. Und das stimmt auch. Aber es ist nicht die gesamte Geschichte.

George ist endlich in seiner Komfortzone angekommen. Er hat seine perfekte Rolle gefunden: die zweite Angriffswelle; ein defensiv starkes Teamgefüge, das ihn auch verschnaufen lässt, sodass er nicht immer zu 100% verteidigen muss; ein balldominanter Guard, der gerne die Rolle des Spielmachers übernimmt und George in die zweite Reihe schiebt.

Im ersten Jahr bekommt er dieselbe Anzahl an Touches wie Carmelo Anthony, Westbrook sucht ihn jedoch nahezu immer und findet ihn zwischen 17 und 18 Mal pro Spiel, öfter als jeden anderen Spieler. Sowohl Anthony als auch George erzielten über die Hälfte ihrer Field Goals nach einem Assists, beide nutzten Assists bei 55% ihrer Scores. Das ist kein primärer Ballhandler, sondern eben eine zweite Angriffsoption.

Wenn wir uns genauer ansehen, wie George bisher agierte, wenn es darum ging, selbst zu kreieren oder sich den Wurf servieren zu lassen, fällt uns eine Gemeinsamkeit auf:

Georges Anteil von assistierten und unassistierten Treffern als Angriffsoption.

George hat noch nie überwiegend für sich selbst kreiert und das eben nicht nur neben Westbrook, sondern Zeit seiner Karriere. Keine erste Option eines Teams lässt sich so viele Würfe auflegen. Primäre Ballhandler kreieren sich die Würfe selbst.

Hier muss dann auch das Einordnen von Georges Effizienz beginnen. Nicht nur, dass er ohne Westbrook ein unterdurchschnittliches Offensive Rating von 108 auf dem Feld erspielte (Ligaschnitt 110, mit Westbrook 114), Catch-and-Shoot-Würfe sind einfacher als Pull-Ups – und wenn man nicht kreieren muss, macht man auch weniger Fehler. Im letzten Jahr verzeichnete George folgerichtig ein Career Low bei den Turnovern.

George war natürlich immer mehr als ein Rollenspieler, aber in der letzten Saison hätte Russell Westbrook wirklich, wirklich Entlastung im Aufbau gebrauchen können. Westbrook war einer der ineffizientesten Spieler bei hohem Volumen seit längerer Zeit. Paul George jedoch war so effizient wie noch nie. Warum er Westbrook nicht half, ist wieder Spekulation. Vielleicht ließ Westbrook es gar nicht zu, vielleicht konnte George nicht helfen. Für beide Standpunkte wird es Argumente geben. Wiederum halte ich mich an das, was ich gesehen habe: George hat zu wenig Ballhandling übernommen, um den Thunder zu helfen. Stattdessen befand er sich im MVP-Rennen, was für mich – mit dem Wissen, das ich jetzt zusammengetragen habe – merkwürdig anmutet. Wie kann ein Spieler, der zwar am meisten gescort hat, aber offensichtlich nicht die erste Option des Teams war, als wertvollster Spieler gehandelt werden? Paul George ist die ideale Ergänzung für jedes Team, unglaublich kompatibel und deshalb überall gern gesehen – aber eben keine echte Nummer 1. Das war noch immer Westbrooks Team.

Prognostizierte Leistungen bei den Los Angeles Clippers

Paul George wird hervorragend zu den Clippers passen. Er wird scoren, verteidigen und vielleicht auch mal einen wichtigen Wurf treffen. Er fügt sich in die Offense nahtlos ein – und ist heimlich erleichtert, dass nicht nur Kawhi Leonard, sondern auch Lou Williams den Ball fordern werden. Vielleicht wird er in dieser Saison so viel off-ball spielen wie schon lange nicht mehr. Er trifft seit jeher den Dreier überdurchschnittlich, sorgt für exzellentes Spacing und finisht elitär am Ring. Er bringt alles mit – außer dem Handling, um eine erste Option zu sein. Er ist die perfekte zweite Option, die die Clippers benötigen.

  •  
  •  
  •  
  •  
  •  

1 comment

  1. Ein sehr sehr guter Artikel über PG und dessen “Scheitern” in OKC. Die genannten Faktoren sind als Kontext sowohl bei der Berwertung von Georges als auch Westbrooks Leistungen wichtig.
    Ich bin gespannt welche Lösungen die Clippers im kommenden Jahr präsentieren.
    Nachdem sowohl Leonard als auch PG im letzten Jahr einen balldominanten Creator neben sich hatten sind sie nun abseits von Lou Williams auf sich selbst und einander angewiesen.

Schreibe einen Kommentar