Oklahoma City Thunder, Playoffs 2017

Hatte Westbrook zu schlechte Mitspieler?

Das Problem des Staggerns bei Oklahoma City gegen die Houston Rockets

Die Oklahoma City Thunder verlieren – ihrem Seed entsprechend nicht unerwartet – gegen die Houston Rockets mit 4:1. Dominierender Akteur der Serie war mit Russell Westbrook jedoch ein Spieler des unterlegenen Teams. Seit Beginn der Playoffs wird akribisch genau geschaut, wie Westbrook – designierter MVP in dieser Saison – agiert, ob er nur große Zahlen auflegt oder seinem Team durch die vielen Punkte und Rebounds helfen kann. Mit dem Ende der Serie könnte faktisch festgehalten werden, dass sein monströser Output nicht gereicht hätte, aber eine Zahl geistert durch die Medien, die doch darauf schließen lässt, dass Westbrook alleine ausgereicht hätte, aber seine schwachen Mitspieler schuldig am Ausscheiden sind: +15.

In der Zeit, in der Russell Westbrook auf dem Feld stand, konnten die Oklahoma City Thunder pro Spiel drei Punkte mehr erzielen als die Houston Rockets, obwohl vier von fünf Spielen verloren gingen. Erschreckender sind nur noch die -11,6 Punkte pro Spiel, die das Team ohne Westbrook auf dem Feld schlechter war als der Gegner. Die oberflächliche Analyse deutet darauf hin, dass OKC die Tools mit Westbrook zusammen hatte, um die favorisierten Rockets zu schlagen, sie aber ohne ihn hoffnungslos verloren schienen. Wie kann dieser drastische Leistungsabfall erklärt werden?

Zunächst mal ist offensichtlich, dass Westbrook mit weitem Abstand der beste Spieler der Thunder ist. Um ihn wurde das Team konzipiert und gebaut; ohne ihn sind die Thunder kein Playoff-Team im Westen. Wenn du das entscheidende Rädchen im Getriebe entfernst, funktioniert die gesamte Maschine nicht mehr. Das ist unbestritten. Jedes Team fällt ohne ihren besten Spieler ab. Entscheidend ist jedoch, wie man diese Zeit überbrückt.

Die Argumentation, dass die Rollenspieler schlicht schwächer sind als die der anderen Playoffteams, wird Befürworter finden. Vielleicht trägt Russell Westbrook einen historisch schwachen Supporting Cast in die Playoffs und hat dafür die Anerkennung verdient, die er allseits erhält. Vielleicht sind die Probleme der Thunder aber auch hausgemacht, weil Billy Donovan nicht verstanden hat, wie man rotieren sollte, um diesen riesigen Leistungsabfall ohne Westbrook zu kompensieren.


Es gibt generell zwei (zumindest gröbere) Philosophien, wie ein Team rotieren kann. Die einen Verfechter versuchen, über die gesamte Spielzeit eine Ausgeglichenheit in ihren Lineups herzustellen. Dazu gehört beispielsweise Gregg Popovich, der schon früh erkannte, dass er Manu Ginobili von der Bank bringen muss, um ein Gleichgewicht herzustellen. Ginobili war mindestens immer der drittbeste Spieler bei den Spurs, aber fügte sich in diese Rolle, um dem Team zu helfen. Popovich wollte zu jeder Zeit einen guten Ballhandler auf dem Feld haben. Dazu musste er Ginobili bringen, damit er Tony Parker benchen konnte. Durch dieses Gleichgewicht konnte Popovich 48 Minuten kompetitiven Basketball spielen, allerdings nur in kürzeren Phasen die Leistung maximieren, in denen er seine fünf vermeintlich besten Spieler zusammen aufs Feld schickte. Die Spurs hatten und haben mit diesem System großen Erfolg, weil Poppovich Lineups findet, die zusammen agieren können und sprichwörtlich „mehr als die Summe ihrer Teile“ sind.

Es gibt aber auch prominente Gegenbeispiele. Die Golden State Warriors sind ein sehr gutes Beispiel dafür, dass es sich lohnt, seine Kräfte zu maximieren. Vor der jetzigen Saison entschied sich Coach Kerr dazu, nahezu immer Steph Curry, Klay Thompson und Draymond Green zusammen aufs Feld zu schicken. Die Warriors wurden ein Mal Meister und erreichten ein Mal die Finals. Kerr sah gerade in der Kombination von Curry und Thompson einen so großen Mehrwert, dass Lineups alleinig mit Thompson nicht sinnvoll erschienen. Das liegt daran, dass Kerr die Stärken und Schwächen, insbesondere Thompsons, richtig evaluiert hat: Thompson ist einer der besten off-ball Spieler der Liga und braucht zwingend einen kompetenten Ballhandler neben sich, um zu funktionieren. Deswegen sieht das Pärchen Curry-Thompson so viel Spielzeit zusammen – es macht das Team nochmals deutlich besser. In den Phasen, in denen weder Thompson noch Curry spielten, hat Golden State immer versucht, Lineups aufs Feld zu bekommen, die den erspielten Vorsprung zumindest verwalten können. Der Erfolg gab Kerr Recht.


Es ist situationsabhängig, wie man mit dem so genannten Staggering umgehen soll. Entzerrt (to stagger) man seine leistungsfähigsten Spieler oder staggert man nicht und spielt sehr gute und durchwachsene Lineups, um ein Spiel zu gewinnen.

Wofür sich Donovan entschieden hat, ist anhand der Plus-Minus-Werte gut zu sehen: Er staggert nicht. Er hat sich dafür entschieden, immer die besten Spieler neben Westbrook zu stellen, um in dieser Zeit möglichst gut zu sein und das gegnerische Tema auszuscoren. Dies hat auch funktioniert, wie die Zahlen belegen: Mit Westbrook auf dem Feld hat man faktisch die jeweiligen Houston-Lineups geschlagen. Der Plan ist aufgegangen – vermeintlich. Golden State hatte solch großen Erfolg, weil man sich hohe Führungen ohne Staggering erspielte und die Bench Unit diese Führung so lange hielt, bis die Stars wieder das Feld betraten. Das hat bei Oklahoma City offensichtlich nicht geklappt.

Um das positive NetRating von Westbrook in den richtigen Kontext zu rücken: Er spielte in 81 von 194 Minuten mit allen vier Startern zusammen auf dem Feld, in weiteren 53 Minuten sind es zumindest drei weitere Starter und ein Bankspieler. Nur zwei Minuten seiner Zeit verbringt er ohne Starter auf dem Feld. Und: Die vier übrigen Starter spielen ohne Westbrook nicht eine  gemeinsame Minute in der gesamten Serie zusammen.

Donovan hat sich also offensichtlich dazu entschieden, Westbrook immer den besten Supporting Cast zur Verfügung zu stellen, um das individuelle Talent des Playmakers zu maximieren. Gleichzeitig ist er dadurch dazu übergegangen, die Bank den Rockets zum Fraß vorzuwerfen, weil er sich dafür entschied, kaum Starter mit der Bank zu mischen.
Die Rockets hingegen haben eher wie die Poppovich rotiert. James Harden spielte nur 57 Minuten mit den Startern und D’Antoni mischte die Lineups sehr viel mehr. Hierbei kommt auch zum Tragen, dass die Rockets nur acht Spieler nutzten – Harrell, Brown und Troy Williams kamen nur beim Blowout zum Einsatz. D’Antoni setzte trotzdem viel darauf, Ausgeglichenheit in den Lineups herzustellen, um konstant auf einem hohen (aber nicht dem höchsten) Niveau zu performen. Harden spielte beispielsweise sehr viel mehr mit Gordon als mit Beverley und mehr mit dem schwächelnden Anderson als mit Capela. Die Rockets-Lineups hatten demzufolge gegen die Starting Five der Thunder Probleme, aber konnten die eklatanten Brüche im Spiel von Oklahoma City durch die Konstanz in den Lineups bestrafen.


Fraglich ist nun nur noch, ob Donovan sich richtig entschieden hat. Das Ergebnis deutet auf die falsche Entscheidung hin. Was sein Videoteam und er gesehen haben muss, ist, dass die Bank durchgängig pulverisiert wurde. Es ist nahezu unerklärlich, warum man Westbrook nicht mit Bank-Lineups laufen ließ. Die Cavaliers spielten dies mit LeBron James auch nahezu durchgängig in dieser Saison. Wenn nicht Westbrook, wer hätte sonst die Lücken füllen sollen? Westbrook hätte mit einem Shooting-Lineup mit Abrines und McDermott auf dem Flügel und Grant sowie Kanter agieren können. Man spielt jede Possession offensiv Pick-and-Roll mit Westbrook und Kanter, draußen stehen die Schützen (und Grant hüpft irgendwo herum). Enes Kanter hat in der Regular Season mehr Pick-and-Rolls abgeschlossen als DeAndre Jordan. In dieser Serie bekam er fünf Würfe aus dem Pick-and-Roll. Kanter stand mit keine fünf Minuten in der gesamten Serie auf dem Feld. Für mehr defensive Stabilität kann man natürlich Gibson oder Adams statt Grant in die Lineups integrieren können oder müssen.

Geht Westbrook vom Feld, hat Donovan keinerlei Strategie, welche Lineup er aufs Feld bringen soll. In den 46 Minuten ohne ihn spielt Donovan 18 verschiedene Lineups. Keine sieht mehr als sechs Minuten zusammen. Die Rockets  nutzen in der gesamten Serie nur 23 Lineups – und dies beinhaltet schon die Lineups beim Blowout.

Eine Durchmischung der Lineups von OKC wäre auch deswegen sinnvoll gewesen, weil man in den fünf-sechs minütigen Verschnaufpausen von Westbrook nahezu immer alle vier restlichen Starter hätte spielen können und die Lineup mit einem Shooterstatt Westbrook hätte auffüllen können. Das würde Oladipo die Ballhandler-Aufgaben übertragen, Christon aus der Rotation verbannen und vier gute Verteidiger aufs Feld schicken, die sich nicht so abschlachten lassen wie die Bank ohne kreatives Element und ohne Defensive.


Donovan hat es absolut verpasst, seinen Lineups eine offensive und defensive Ausgeglichenheit zu verleihen. In der Starting Five stehen vier gute Verteidiger, um Westbrook den Rücken freizuhalten, während die Bank nur mit Offensivspezialisten bestückt ist. Hier hätte schon die ganze Saison über getestet werden müssen, ob Flügelpaare wie Abrines/Roberson doer später McDermott/Roberson nicht sinnvoll wären oder ob es neben Kanter irgendeinen Big (spätestens Gibson) gibt, der defensiv die Fehler des Türken auffangen kann.

Stattdessen entsteht durch fehlerhafte Rotationen der Eindruck, dass außer Westbrook niemand auf dem Feld positiv zur Leistung der Thunder beigetragen habe. Die +15 von Westbrook sind eine klare Teamleistung, in der auch defensiv sehr gut gearbeitet wurde (mit Westbrook auf dem Feld standen die Thunder bei 102 zugelassenen Punkten auf 100 Possessions gerechnet). Sie entstehen, weil Donovan kontinuierlich gute Rotationsspieler um Westbrook aufs Feld schickt und bei pausen von Westbrook teilweise die gesamte Starting Five bencht. Dadurch hat der Plus-Wert von Westbrook zu wenig Aussagekraft.

Ob die Thunder die Serie mit den Adjustments weit offen stoßen hätte können, ist spekulativ. Die Fehler wurden bereits in der Regular Season gemacht, wodurch das monströse Netrating Westbrooks erst entstehen konnte. Dass das vorhandene Personal jedoch nicht optimal kombiniert wurde, ist unstrittig. Der öffentliche Ruf der Spieler um Westbrook leidet durch das Coaching Donovans, der auch mit diesem beschränkten Kader mehr Automatismen und feste, funktionierende Rotationen hätte finden müssen.

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1 comment

  1. Sebastian Hansen

    Gute Analyse, vor allem der letzte Absatz:

    Ob die Thunder die Serie mit den Adjustments weit offen stoßen hätte können, ist spekulativ. Die Fehler wurden bereits in der Regular Season gemacht, wodurch das monströse Netrating Westbrooks erst entstehen konnte. Dass das vorhandene Personal jedoch nicht optimal kombiniert wurde, ist unstrittig. Der öffentliche Ruf der Spieler um Westbrook leidet durch das Coaching Donovans, der auch mit diesem beschränkten Kader mehr Automatismen und feste, funktionierende Rotationen hätte finden müssen.

    Ansonsten noch ein paar einzelne Anmerkungen.

    Donovan hat sich also offensichtlich dazu entschieden, Westbrook immer den besten Supporting Cast zur Verfügung zu stellen, um das individuelle Talent des Playmakers zu maximieren. Gleichzeitig ist er dadurch dazu übergegangen, die Bank den Rockets zum Fraß vorzuwerfen, weil er sich dafür entschied, kaum Starter mit der Bank zu mischen.

    Die Frage ist, ob es war gebracht hätte. Kanter war in der Serie nicht spielbar, weder gegen Lou Williams noch gegen Eric Gordon und erst Recht nicht gegen James Harden im P&R. Ich hätte es am liebsten gesehen, hätte er gar nicht gespielt. Dann teilen wir jetzt mal den Kader nach folgenden Kriterien ein: kann sehr gut für sich selbst und andere kreieren – kann so mittel für sich selbst und andere kreieren – kann gar nicht für sich selbst und andere kreieren.

    1. Russell Westbrook
    2. Victor Oladipo (mit Abstrichen)
    3. Der Rest.

    Nun kommt hinzu, dass Dipo in diesen Playoffs ein Totalausfall war. Dann merkt man auch, wo der Hund begraben liegt: in diesem Kader kann niemand außer Russ irgendwas für sich selbst und andere kreieren, außer Kanter im Lowpost und der war nicht spielbar in der Serie. Nun kommt deine absolut berechtigte Kritik an Donovan, dass kein System für das Spiel ohne Russ implementiert wurde. Gebe ich dir absolut recht. Für ein gutes System (siehe Spurs) braucht man allerdings auch ein bisschen Shooting, wenn man schon keinen guten Ballhandler hat. Teilen wir den Kader der Thunder mal ein: kann sehr gut oder gut werfen – kann so durchschnittlich werfen – kann nicht werfen

    1. DMD, mit Abstrichen
    2. Abrines, Dipo, Russ
    3. Der Rest

    Wird bei solchen Verhältnissen dann halt auch schwierig (auch wenn Donovan hier und insbesondere im Bereich der Spielerentwicklung massiv gefailt hat).

    Es ist nahezu unerklärlich, warum man Westbrook nicht mit Bank-Lineups laufen ließ.

    Ich glaube nicht, dass das groß was gebracht hätte. Klar, er hätte es ausprobieren müssen. Aber wo hätte die Creation in der Russ-freien Zeit dann sonst herkommen sollen? Adams, Gibson, Dipo? Eher nicht…

    Geht Westbrook vom Feld, hat Donovan keinerlei Strategie, welche Lineup er aufs Feld bringen soll. In den 46 Minuten ohne ihn spielt Donovan 18 verschiedene Lineups.

    Das stimmt.

    Eine Durchmischung der Lineups von OKC wäre auch deswegen sinnvoll gewesen, weil man in den fünf-sechs minütigen Verschnaufpausen von Westbrook nahezu immer alle vier restlichen Starter hätte spielen können und die Lineup mit einem Shooterstatt Westbrook hätte auffüllen können. Das würde Oladipo die Ballhandler-Aufgaben übertragen, Christon aus der Rotation verbannen und vier gute Verteidiger aufs Feld schicken, die sich nicht so abschlachten lassen wie die Bank ohne kreatives Element und ohne Defensive.

    Hätte man definitiv versuchen sollen. Nur, wie gesagt, es fehlt der Glaube, dass das geklappt hätte. Vielleicht wäre es kein Abschlachten geworden, vielleicht hätte es dann gereicht.

    Fazit von mir:
    – mieses Coaching
    – falsche Kaderzusammenstellung: kein Shooting, keine zusätzliche Creation
    – mangelndes Talent einiger Spieler: Christon, Singler, Kanter (defensiv), Cole, Roberson (offensiv)

    Da kann dann auch ein Russ nix mehr retten…


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