Golden State Warriors, Playoffs 2017, Portland Trail Blazers

Go Small or Go Home?

Die kleinen Lineups der Warriors und Blazers
© Keith Allison, CC-BY-SA-2.0

Quizfrage: Wie viele Minuten spielten die Blazers im ersten Spiel der Warriors-Serie einen klassischen Big Man auf seiner ‚normalen‘ Position? Die beiden Einschränkungen verraten vielleicht schon, dass die Antwort auf diese Frage so ‚0‘ ist. Noah Vonleh und Meyers Leonard waren die einzigen Spieler mit 6-10 oder größer, die überhaupt Minuten erhielten. Leonard ist ein moderner Stretch Big, Vonleh spielte bisher meist als nomineller Power Forward. In Spiel 1 standen die beiden von insgesamt knapp 30 Minuten jedoch keine Sekunde zusammen in der Lineup. Angesichts von 2 beziehungsweise 0 erzielten Punkten und auch sonst nicht gerade überzeugenden Leistungen ist es ist vielleicht nicht überraschend, dass Terry Stotts auf extrem kleine Aufstellungen zurückgriff. Angesichts der Verletzungsmisere der Blazers bleibt ihm auch nicht viel anderes übrig: Festus Ezeli, der letztes Jahr noch auf der anderen Seite im Roster stand, hat diese Saison noch keine Minute gespielt. Auch für Ed Davis ist die Spielzeit nach einer Operation vorbei. Die vielversprechende Deadline-Neuverpflichtung Jusuf Nurkic hofft noch auf eine Rückkehr in dieser Serie, stand aber bisher nicht zur Verfügung.

In dieser Situation müssen jetzt Flügelspieler wie Al-Farouq Aminu und Moe Harkless die Big-Rolle übernehmen. Lineups mit einem der beiden und einem traditionellen Center sind mittlerweile eher der Normalfall als eine Überraschung, aber in dieser Ausprägung ist der Small Ball der Blazers eine Ausnahme. Aminu erhielt nach Zahlen von basketball-reference.com in der abgelaufenen Regular Season 5% seiner Spielzeit als Center, Harkless keine. Diese Lineups mit Aminu oder auch Vonleh als größtem Spieler ergaben sich jedoch größtenteils auch erst zum Ende der Regular Season, als die Verletzungsprobleme bereits begonnen hatten.

Warriors-Blazers, Vol. 2

Mit einem komplett fitten Team hätte Stotts also zumindest nicht in diesem Ausmaß auf kleine Aufstellungen zurückgegriffen. Allerdings gibt es wohl keinen Gegner, bei dem sich Small Ball so anbietet – schließlich sind die Warriors das Team, das Lineups mit 5 Wings beziehungsweise Guards etabliert hat. Draymond Green als Small Ball 5 in der ‚Death Lineup‘ war die Signature-Neuerung der Meistersaison 2014/15. Selbst im vergangenen Jahr, wo sich die beiden Teams in der zweiten Playoff-Runde gegenüberstanden, hatten die Blazers daher streckenweise die kleinen Aufstellungen mit Aminu als größtem Spieler gespiegelt.

In diesem Jahr stellt sich die Situation jedoch auch für die Warriors etwas komplizierter dar. Einerseits ist Small Ball mehr denn je Teil der Teamidentität, da Kevin Durant noch mehr defensive Flexibilität und schlicht Qualität mitbringt als Harrison Barnes. Die Lineup mit Stephen Curry, Klay Thompson, Andre Iguodala sowie Durant und Green ist derzeit das Beste, was in der Liga aufs Parkett geschickt werden kann. Andererseits stand Steve Kerr diese Aufstellung nicht immer zur Verfügung: Kevin Durant verpasste nach knapp 20 Spiele der Regular Season auch das zweite der Blazers-Serie. Da gleichzeitig der ursprünglich wegen Durants Verletzung nachverpflichtete Matt Barnes sowie Shaun Livingston ausfielen, gingen selbst den Warriors langsam die Flügelspieler aus. Damit stehen sich zwei Teams mit praktisch entgegengesetzten Problemen gegenüber, wobei Golden State noch mit einem Aspekt zu kämpfen hat…

Blick zurück

Bei der Verpflichtung von Kevin Durant im letzten Sommer gab es wohl nur einen kleinen Wermutstropfen: Die Warriors mussten einen Teil ihrer Tiefe opfern, um den nötigen Gehaltsspielraum zu schaffen. Das betraf vor allem die großen Positionen, wo Andrew Bogut und (der ohnehin verletzte) Festus Ezeli nicht weiterverpflichtet werden konnten. Für Ersatz stand kein Cap Space, sondern nur die Minimum- und Room-Exception zur Verfügung – womit in Zaza Pachulia und JaVale McGee zwei überraschend gute Ersatzleute unter Vertrag genommen wurden. David West als weitere Minimum-Verpflichtung ersetzte praktisch nur den ebenfalls abgewanderten Mo Speights. Angesichts dieser Verschiebungen ist es daher einen genaueren Blick wert, wie sich die Big-Minuten der Warriors in den letzten Jahren verändert haben:

Über den gesamten Zeitraum sank die Gesamt-Spielzeit aller Bigs (rot+grau), was nicht nur durch die reduzierten Minuten für Bigs ohne Wurf (rot) zu Stande kommt. Obwohl das Personal mit Ausnahme Greens zwischenzeitlich komplett wechselte, blieben die Rollen relativ konstant: In den letzten drei Jahren haben je zwei klassische Center einen Großteil der Regular Season-Minuten abgedeckt. Die ersten beiden Saisons waren das Bogut und Ezeli, in der noch laufenden Pachulia und McGee. Dazu spielten einige Veteranen-Bigs mit klassischem Skillset vor allem 2014/15 und 2015/16 relativ viel: Erst David Lee, dann Anderson Varejao und Jason Thompson. Mit Ausnahme einiger Varejao-Minuten übernahmen 2016/17 vor allem Kevon Looney und James McAdoo diese Spielzeit. Beide sind vergleichsweise kleiner, treffen aber kaum mehr aus der (Mittel-)Distanz und übernehmen daher keine Stretch-Rolle. Mit Speights und David West stand jeweils ein anderer Spieler mit diesem Skillset bereit, wobei West sich anders als Speights 2015/16 im Wesentlichen auf die Midrange beschränkt. Trotz dieser ähnlichen Spielertypen zeigt sich eine klare Tendenz: Die Warriors spielen auch unabhängig von Draymond Green immer kleiner:

In diesem Diagramm wird die Summe aller als Big zu klassifizierender Spieler der Warriors mit 2/5 der Gesamtminuten verglichen – also den beiden klassischen Big-Spots. Eindeutig ist: Seit 2014 sind die Small Ball-Minuten deutlich angestiegen. Der Sprung von 2015/16 zu 2016/17 ist vergleichsweise klein, aber dazu dürfte der Durant-Ausfall beigetragen haben. Gleichzeitig mussten die jüngeren Spieler mehr Verantwortung übernehmen, da aufgrund der finanziellen Einschränkungen weniger Veteranen zur Verfügung stehen. Insbesondere McAdoo, der seine Minuten verdoppelt, könnte auch als Wing gesehen werden. Grundsätzlich wäre diese Tendenz auch für die Postseason zu erwarten.

Klein gegen Groß

Zurück zu den laufenden Playoffs und den Unterschieden zwischen Spiel 1 und 2. Wie erwähnt musste Kerr aus Verletzungsgründen einige Veränderungen vornehmen und tatsächlich größer spielen. Die Garbage Time am Ende von Spiel 2 verzerrt die Daten etwas (McAdoo, Jones und Pachulia standen zeitweise zu dritt auf dem Feld), trotzdem werden die Tendenzen deutlich:

Während Pachulia, McGee und West in Spiel 1 gemeinsam gerade auf etwa 35 Minuten kamen, spielten allein diese drei in Spiel 2 insgesamt 11 Minuten mehr. Dazu erhielten McAdoo und Jones Spielzeit. Die Folgen der Verletzungen werden hier deutlich – auch auf Seiten der Blazers, die kaum auf die veränderte Aufstellung der Warriors reagieren konnten oder wollten. Leonard durfte etwas länger aufs Parkett, dafür musste Vonleh Minuten abgeben. Interessanterweise spielten die unterschiedlichen Lineups in Sachen Rebounding kaum eine Rolle: Die Blazers erzielten in beiden Spielen 11 Offensivrebounds, die Warriors 9 beziehungsweise 11. Die Überlegenheit der Warriors im Defensivrebounding in Game 2 (43:36) lässt sich auf die größere Zahl der vergebenen Würfe auf Seiten der Blazers zurückführen.

Jenseits der Zahlen

Damit bleibt noch zu klären, was die beiden Spiele abseits der Zahlen aussagen. Tatsächlich war der Small Ball der Warriors in Game 1 mit entscheidend: Nachdem Damian Lillard und C. J. McCollum das Spiel drei Viertel lang offen halten konnten, entschieden die Favoriten das vierte Viertel klar für sich – ohne auch nur eine Sekunde einen der klassischen Center Pachulia und McGee einzusetzen. Die letzten Spielminuten nahm auch David West auf der Bank Platz. Diese kleineren Lineups waren besser geeignet, die Blazers-Guards unter Kontrolle zu halten, etwa durch häufigere Switches im Pick and Roll. Das ist der klassische defensive Vorteil von Small Ball, der die Nachteile in Sachen Größe ‑ und damit normalerweise Blocks und Rebounds – ausgleichen kann. Der gleiche Grund hat Teams wie die Blazers zu kleinen Aufstellungen gegen die Warriors verleitet, weil so Pick and Rolls mit Green und einem der Guards besser verteidigt werden können. Wären alle Spieler fit, könnte man also ein allgemeines Downsizing aus spielerischen Gründen vermuten: Weil Lineups mit Durant und Green die beste Option der Warriors sind, müssen Teams reagieren. Die Blazers wurden allerdings schon von den Verletzungen zu einer Anpassung gezwungen. Höchstens eine minimale zusätzliche Verschiebung von Aminu auf die größeren Positionen war bisher die Folge.

Im zweiten Spiel zeigte sich dann – wiederum verletzungsbedingt, aber eben auf Seiten der Warriors – ein umgekehrtes Bild: Die Golden State-Bigs trugen erheblich zum Sieg bei. Das gesamte Team suchte vor allem McGee für Alley Oops, die er überzeugend verwandelte: 7/7, ein And One, 2 TO – entspricht einem ORtg von 142. Auch David West und Zaza Pachulia trafen effizient, indem sie mehrfach das Fehlen erfahrener Defensiv-Bigs beim Gegner ausnutzten. So ungewohnt es klingen mag: Die Warriors gewannen (auch) dank ihrer Größe, auf die ihr Gegner (verletzungsbedingt) nicht reagieren konnte.

Ausblick

Game 2 kann durchaus eine Ausnahme dargestellt haben: Durant ist möglicherweise schon im dritten Spiel wieder einsatzbereit, Nurkic hat die Hoffnung auf einen Einsatz in der Serie auch noch nicht aufgegeben. Damit würden die Größen-Parameter der Serie jeweils wieder in die eine oder andere Richtung verschoben. Trotzdem lassen sich einige interessante Folgerung ziehen: Die offensichtliste – für Small Ball braucht es das passende Personal, genauso wie für normale (also größere) Lineups. Verletzungen haben bisher die Coaches in ihrer Auswahl stark eingeschränkt, beide lassen mehr oder weniger spielen, wer ihnen übrig bleibt. Vor allem Stotts spielt klein, weil er es muss.

Wenn die Warriors wie erwartet die nächste Runde erreichen, gibt die Blazers-Serie in Sachen Small versus Big allen Beteiligten zusätzliche, aber vielleicht nur begrenzt hilfreiche Informationen. Steve Kerr weiß zwar deutlich besser, was er von seinen Big Men erwarten kann. Das ist bei den wahrscheinlichsten Gegnern – Clippers oder Jazz, Spurs und Cavs – nicht unwichtig. Allerdings spielen diese Teams deutlich größer als jetzt die Blazers, so dass Pachulia, McGee und West in anderer Form gefordert sein dürften. Und im Zweifel wird vermutlich sowieso wieder die neue ‚Death Lineup‘ gefragt sein…

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3 comments

  1. Jonathan Walker

    Sachverhalt schön herausgearbeitet und dargestellt :tup:

    Insbesondere McAdoo, der seine Minuten verdoppelt, könnte auch als Wing gesehen werden.

    Findest du? Höre bzw. lese ich so zum ersten Mal. Denke auch, dass es schwierig ist, heutzutage einen 6-9 Forward ohne Wurf noch als Wing durchzukriegen.

  2. Dennis Spillmann

    Ich sehe McAdoo auch eher als Fünfer als als Wing. Kerr geht mit ihm eigentlich immer small.

  3. Julian Lage

    |Author

    Sachverhalt schön herausgearbeitet und dargestellt :tup:

    Insbesondere McAdoo, der seine Minuten verdoppelt, könnte auch als Wing gesehen werden.

    Findest du? Höre bzw. lese ich so zum ersten Mal. Denke auch, dass es schwierig ist, heutzutage einen 6-9 Forward ohne Wurf noch als Wing durchzukriegen.

    Deswegen der Konjunktiv und die Einordnung in die Bigs, aber es ist bei ihm eben nicht so eindeutig wie z.B. bei Pachulia, McGee oder Jones. Vor 15 Jahren wäre er denke ich klar eine 3/4 gewesen, heute wie ihr sagt eher 4/5. Trotzdem hat er lt. BBref diese Saison noch 17% seiner Minuten als 3er gesehen, auch wenn die Werte natürlich wie immer mit Vorsicht zu genießen sind. Zumindest in der Garbage Time war er aber in Spiel 2 ganz klar als 3er drin.


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