Minnesota Timberwolves, NBA

Wolfsgraue Vergangenheit

Kevin Garnett kehrt nach Minnesota zurück

Kevin Garnett ist nicht irgendein Timberwolf. Und das nicht nur, weil die Spieler, welche seit der Franchisegründung 1993 die Jerseys der Wölfe ausfüllten, größtenteils als “irgendwer” in Vergessenheit gerieten. Er ist das historische Aushängeschild einer Franchise mit trauriger Geschichte, ein langer Schlacks, der half, die Position des Power Forwards zu revolutionieren und zumindest in der Defensive zu den wirklich großen Legenden seines Sports gehört. Als eines der absoluten Lieblingskinder der “Twin Cities” wurde er auch nach seinem Dienst bei den Wolves hoch angesehen und mit stehenden Ovationen überschüttet, wenn er das Parkett des Target Center betrat – ob als Boston Celtic oder Broklynette.  Der Trade, der ihn an die alte Wirkungsstätte schickt, kann deswegen nicht völlig unter den typischen, trockenen Gesichtspunkten analysiert werden, und dennoch bleibt unterm Strich auch mit der Würdigung der sentimentalen Beweggründe ein fragwürdiger und ernüchternder Coup.

Showbiz & KG – Selling The Big Tickets

Ein Beweggrund, der mit der sportlichen Seite wenig zu tun hat, ist die Hoffnung, die Zuschauerzahlen positiv zu beeinflussen. Als das Konterfei Kevin Garnetts noch die Eintrittskarten der Timberwolves zierte, waren diese trotz starker Konkurrenz durch die Vikings (Football), Twins (Baseball), und die 2001 gegründeten Wild (Eishockey) emsige Kartenverkäufer. Sie fanden sich innerhalb der Liga in der oberen Hälfte der durchschnittlichen Zuschauerzahl. Dieser Trend nahm in den letzten, weniger erfolgreichen Jahren mit Garnett ab, bevor die Arenabesuche nach dessen Trade stark einbrachen. In der planlosen, jungen Kahn-“Ära” unter Kurt Rambis als Coach dümpelten die Wolves im Keller der am seltesten besuchten Teams umher, bis ein ansehnlicher Spanier am Flughafen Minneapolis-St. Paul von einer Horde hoffnungsvoller Fans empfangen wurde. Dazu durch einen langen Run auf die Playoffs angeregt, erreichte das Target Center in Ricky Rubios erstem NBA-Jahr Besucherzahlen, die sich vor denen der Ära Garnett nicht verstecken brauchten. Nach anfänglichem Interesse nahm dieser Trend in den mehr tragischen als glorreichen Jahren von “Showbiz & KL” ab, bis die Besucherzahl in diesem Jahr trotz des Wirbels um Erstrundenpick Andrew Wiggins einen neuen Tiefpunkt erreichte. Darüber hinaus waren die Timberwolves laut Forbes im Jahre 2013 eines von nur zwei Organisationen, die wirtschaftlich Verluste machten.
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Rubio ist nicht der beste Spieler der Wolves in der Periode nach Kevin Garnett. Während er auch lange nicht an die Popularität oder den Status des “Big Ticket” herankommt, ist er womöglich der lokal beliebteste Spieler, der nach ihm kam. Es sind auch Paralelen zwischen den beiden “Showbiz & Kevin”-Varianten zu finden, die sich für die lokale Fangemeinschaft zu einem Narrativ spinnen lässt. Wie auch der überloyale Garnett schien sich Rubio mit der Stadt Minneapolis zu identifizieren, weitaus stärker als der etwas distanzierte Kevin Love. Dieser schien sich hingegen von Team und Fangemeinde zu entfremden, bis er entnervt zusah, wie er die Stadt verlassen konnte – ähnlich wie einst Stephon Marbury. Mit diesem Deal brachte Flip Saunders die wahrscheinlich zwei größten Fanmagneten der Franchise zusammen, die gleichzeitig die positiv konnotierten Parts der einstigen Cover des “Slam”-Magazins sind. 

Der Mentor

In den ersten Stunden des Trades argumentierten insbesondere Fans, Kevin Garnett wäre als Mentor für den jungen Kader der Timberwolves zu gebrauchen. Dies ist nur bedingt ein sportlicher Grund. Garnett ist selbst mit 38 Jahren in seiner limitierten Einseitzzeit wahrscheinlich noch ein überdurchschnittlicher Verteidiger, welcher der schlechtesten Defense dieser Spielzeit durch Erklären und Zeigen viel geben kann. Wie groß der tatsächlich Einfluss Garnetts auf die spielerische Entwicklung der Teenager sein kann, ist jedoch reine Spekulation. Befürworter dieses Deals merken an, dass sich Garnetts Arbeitsethik und Kampfgeist auf die jungen Wölfe abfärben wird. Doch was ist, wenn die 19-jährigen Rookies merken, dass sie wenig mit dem Fast-Vierziger Kevin Garnett gemeinsam haben? Was, wenn seine Art Anthony Bennetts Selbstbewusstsein noch weiter staucht? Wie viele Trainingseinheiten steht der inzwischen oft verletzte Garnett durch, um exemplarisch zu zeigen, was defensiv gemacht werden muss? Was, wenn der in letzten Wochen aufblühende Andrew Wiggins neben Ricky Rubio, Kevin Martin und nun Kevin Garnett wieder anfängt, sich in Spielen zu verstecken? Der psychologische Effekt ist ein ungewisser und demnach ein schwammiger Grund, so einen Trade zu vollziehen.

Die Timberwolves waren auch in keiner Eile, Garnett zurückzuholen. Bereits seit einiger Zeit wurde vermutet, dass er sich nach dem Karriereende dem Management der Timberwolves in irgendeiner Funktion anschließt, vielleicht sogar als finanzieller Teilhaber. Laut neuesten Gerüchten plant Garnett nun noch zwei weitere Jahre zu spielen. Er hätte demnach spätestens 2018 als Mentor zu dem Team stoßen können, das immer noch einen jungen Wiggins, LaVine und den Erstrundenpick von 2015 unter Vertrag hätte. 

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Flickr .com User “myheimu”, Quelle (CC BY-NC-ND 2.0)

Spuren eines Erstrundenpicks

Die Timberwolves zahlten für Thaddeus Young einen Erstrundenpick, der von den Miami Heat zu den Philadelphia 76ers ging, die auch in dieser Tradephase Draftrechte hamstern wie Weltuntergangsparanoiker Dosennahrung. Diese Transaktion war seit Monaten abgeschlossen. Wie Steve McPherson anmerkt, ist es demnach  auch nicht fair zu behaupten, die Timberwolves hätten effektiv einen Erstrundenpick für Kevin Garnett getradet. Jedoch hängen diese Transaktionen schon in einem gewissermaßen verbindenden Kontext zusammen. Thad Youngs wurde in seinem letzten Vertragsjahr erworben. Deswegen war die Möglichkeit, ihn noch ihn diesem für Gegenwert eintauschen zu müssen, von vornherein als Szenario unter einer bestimmten Wahrscheinlichkeit eng an die Akquisition geknüpft. Überhaupt haben viele potentielle Deals bestimmte Szenarien, deren Wahrscheinlichkeiten und Konsequenzen abgewogen werden müssen. Wie hoch ist die Chance, dass sich ein Trade für einen bald zu verlängernden, immer noch jungen Spieler wie Enes Kanter auszahlt, der zwar jung ist und Potential wie grobe Löcher in seinem Spiel besitzt? Wie hoch ist das Wagnis, ihn über mehrere Jahre überzubezahlen? Welche negativen Konsequenzen könnte dies auf die potentielle Leistungsfähigkeit der Mannschaft und der Nutzung von Assets haben?

Einen auslaufender Thaddeus Young für einen Erstrundenpick zu holen war für die Timberwolves von Anfang an eine Zockerei unter eher schlechten Vorzeichen. Die Timberwolves galten selbst bei voller Gesundheit im starken Westen nicht als Playoffteam und Young passte nur bei einem flüchtigen Blick als Power Forward mit der Leistungsfähigkeit eines Starters zu den Timberwolves. Oberflächlich passte er als ein weiterer meisterhafter Balldieb neben Corey Brewer und Ricky Rubio auch offensiv als dynamischer Combo-Forward zu den jungen Timberwolves, die ohne scorende Ballhandler am liebsten in Transition spielen würden. Young ist als etwas kurzer Power Forward mit Fähigkeiten am Ball jedoch idealerweise die dritte Option in einer guten Offensive, dessen defensive Defizite durch einen Spieler hinter ihm kaschiert werden müssen. In einer chaotischen Saison, in welcher der Tod seiner Mutter auch noch privaten Kummer bereitete, musste Young zu viel Verantwortung übernehmen und war defensiv neben vieler junger und (noch) grottiger Verteidiger offenkundig eine Schwachstelle. 

Den Deal in Perspektive rücken

Kevin Garnett in der Dämmerung seiner Karriere wieder ein Trikot der Minnesota Timberwolves überwerfen zu sehen ist eine schöne Geschichte. Lokale Fans, die mit diesen Erinnerungen aufgewachsen sind haben nach den furchtbaren, anschließenden  Jahren jedes Recht, diesen Umstand als einziges Bewertungskriterium für einen in ihren Augen hervorragenden Trade zu sehen. Für den Trainer Saunders wird es eine schöne Sache sein, den einstigen Teenager wieder in der Halle zu haben, der unter seiner Leitung spielerisch wie auch menschlich zu einer der schillerndsten Individuen der Liga herangereift ist. Ein General Manager Flip Saunders, der die Wettbewerbsfähigkeit der Timberwolves im Auge hat, sollte dies nicht unbedingt kümmern. Sowieso ist es fraglich, wie lange die Nostalgie aufrecht erhalten bleibt, wenn die Timberwolves zunächst weiterhin verlieren, eventuell nicht besonders schönen Basketball spielen und Garnetts körperliche Fitness und Leistungsfähigkeit weiter abnimmt.

Sportlich und auch unter dem Aspekt des Teambuilding macht der Erwerb Garnetts nicht viel Sinn. Es ist für ein extrem junges Lotteryteam untypisch, einen allemal durchschnittlichen Expiring wie Thaddeus Young gegen einen 38-Jährigen auslaufen Vertrag auszutauschen, mit dem sie auch in den kommenden Jahren als Spieler planen. Üblicherweise werden auslaufende Veteranen wie Young, Goran Dragic, Arron Afflalo oder ihr eigener Mo Williams gegen zukünftigen Gegenwert abgegeben, der je nach Gefragtheit groß (zwei Erstrundenpicks für Dragic) oder klein (ein Zweitrundenpick und ein weiterer Spieler als Tradechip) ausfällt. 

Der Deal ist für Minnesota nicht als “gut” anzusehen, kann jedoch durch die Beantwortung einer Fragen von “unklug” bis “wirtschaftlich akzeptabel, geschäftsmännisch unglücklich” eingestuft werden:

1. Welche Pläne hätte Thaddeus Young als Spieler der Timberwolves im Sommer gehabt?

Wie auch Kevin Love besitzt Young eine Klausel in seinem Vertrag, die ihm eine vorzeitige Auflösung ermöglicht. Er hätte sich entscheiden können, dem Markt bereits in diesem Sommer als Free Agent zu begegnen. Wir werden nie mit Sicherheit erfahren, wie Young sich entschieden hätte bzw. was er den Timberwolves in dieser Sache signalisierte. Hätte er der Wolves-Obrigkeit offen angekündigt, die Option ziehen zu wollen bzw. starke Signale in diese Richtung gesendet, wäre es natürlich wie bei Kevin Love richtig gewesen, frühzeitig nach Deals für ihn zu suchen. Meldungen zufolge ging ein Großteil der Liga davon aus, dass Young diese Option nicht ziehen würde und auch im nächsten Jahr für die Timberwolves auflaufen wollte. Dieser Schritt scheint für ihn logischer und wäre auch für die Wolves von Vorteil gewesen. Young hatte kein gutes Jahr, weswegen er Gefahr lief, seinen Wert auf dem Markt zu minimieren. Dazu würde er kurz vor der Anhebung des Salary Caps den Markt betreten, wodurch er seine nächste Vertragssumme aller Voraussicht nach nicht maximieren würde. Stattdessen hätte Young in einem weiteren, weniger verletzungsgeplagten Jahr bei den Timberwolves seinen Wert auf einem reicheren Markt wieder steigern versuchen können. Und das wäre auch das Best Case für die Timberwolves, die ihn dann als Team im Rebuild für höheren und idealeren Gegenwert als einen 38-jährigen, inzwischen oft verletzten Spieler eintauschen hätten können .

Sollte Young keine Signale in Richtung Free Agent 2015 gesendet haben, ist dieser Deal für ein Team in der Position der Wolves eigentlich unverantwortlich, da die Möglichkeit, Young als auslaufenden Veteran unter günstigeren Bedingungen zu recyclen vergeudet wurde. Sollte er offen über die Free Agency gesprochen haben, ist der Deal nicht gerade tragisch, aber auch nicht ideal.

2. War selbst dieser Thaddeus Young nicht mehr wert?

Auch wenn Young kein gutes Jahr hatte, sollte man annehmen, dass das Sample Size an ordentlichen Jahren in Philadelphia groß genug wäre, um ihn wie Mo Williams zumindest für Gegenwert einzutauschen, der für ein Lotteryteam idealer wäre. Auch hier werden wir nie erfahren, welche Offerten Saunders für Young  hatte. Der Deal sieht besser aus, wenn Saunders tatsächlich nicht in der Lage war, zukünftige Assetts zu fordern. Doch selbst dann muss sich Flip Saunders und sein Team von Managern fragen, wie klug es ist, emotionale Deals einzufädeln. In der Doppelrolle als Funktionär und Trainer scheint Saunders auch in organisatorischen Belangen noch wie Letzterer zu denken, und nicht etwa wie ein Werteverwalter mit Kalkül. Wie der Deal um Michael Carter-Williams zeigte, scheint die Konsequenz, mit welcher Sam Hinkies Sixers immer wieder eine zur Mittelmäßigkeit tendierende Prognose gegen eine neue, langfristige Chancen eintauscht, viele Fans zu verstören. Dieser Ansatz muss nicht auf die Spitze getrieben werden, jedoch hätte dieser Ansatz die Wolves erst vor dem Wagnis Thaddeus Young bewahrt. Will Saunders in einem Rebuild Gefahr laufen, einen Ruf als Entscheidungsträger abzubekommen, der für persönliche Lieblinge Assets aufgibt? Sam Hinkie hat bei allen Entscheidungsträgern der Liga wahrscheinlich eine Schnellwahltaste für den Fall, eine ins Stocken geratene Verhandlung könnte durch das Abladen eines auslaufenden Veteranen für einen Draftpick abgeschlossen werden.

3. Welchen Vertrag erhält Kevin Garnett?

Kevin Garnett bizarrerweise wieder ein Wolf und nun betrifft die wichtigste Frage seinen Vertrag. Es ist für junge Lotteryteams, die kurzfristig keine große Chance auf die Playoffs haben unüblich, alte Veteranenmit der Absicht zu erwerben, sie über weitere Jahre im Team zu behalten. Neben dem Veteranen Nikola Pekovic, für den die Wolves in naher Zukunft auch einen Trade suchen könnten, befinden sich einige Bigs im Kader, die Einsatzzeit benötigen und bei denen die Wolves noch nicht genau wissen, woran sie sind. Gorgui Dieng, Shabazz Muhammad, Adreian Payne, Robbie Hummel und Anthony Bennett sind jüngere, günstige Talente. Die Wolves sollten sich Kader- und Capflexibilität offen halten und es würde helfen, wenn Garnett zu sehr günstigen Konditionen unterschreibt. 

Fazit

Kevin Garnetts Rückkehr ist eine großartige Story für eine Fangemeinschaft, die seit dessen Abgang unter immer wieder unterworfenen Rebuilds leiden musste. Garnett kann durch seine Präsenz einen positiven Einfluss auf die jungen Wölfe haben, muss es aber nicht. Und vielleicht hätten die Wolves einfach abwarten sollen, bis Garnett von sich aus seine Karriere nach einem neuem, kurzfristigen Vertrag bei einem Team, das Veteranenpower benötigt, oder aufgrund medizinischer Probleme beendet, und ihm dann anbietet, eine Funktion bei den Timberwolves anzunehmen. Unterm Strich müssen die Wolves sich womöglich nicht außerordentlich viel vorwerfen lassen, sofern denn Thaddeus Young aus seinem Vertrag aussteigen wollte. Ein merwkürdiger Beigeschmack bleibt dennoch. Dass ein Trade Thaddeus Youngs nötig werden könnte, musste den Wolves jedoch bereits bei dessen Erwerben bewusst gewesen sein. Deswegen man nur hoffen kann, dass sie bei der Evaluation dieses einzelnen Deals für Garnett einen gedanklichen Rückschritt auf den Deal mit Philadelphia machen, um für die Zukunft zumindest aus der falsch eingeschätzten Lage zu lernen.


Rechte Beitragsbild: Flickr.com User “remolacha.net”, Quelle – CC BY-NC-SA 2.0

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