Boston Celtics, Gedanken

Forget about the price tag

Die Celtics zwischen Moral und Business

Was für viele, ja so ziemlich alle undenkbar schien, ist also passiert: Kevin Garnett und, viel schwerwiegender, Paul Pierce werden nicht mehr das Trikot der Boston Celtics tragen. Einer der letzten wahren Franchise-Spieler verliert kurz vor Karriereende seinen Nymbus – ungewollt. Was die Frage aufwirft, was eigentlich Tradition und Werte in dem Wirtschaftsunternehmen NBA zählen.

paulpierceAls seit mittlerweile 15 Jahren passionierter Fan der Celtics und Beobachter der NBA waren Paul Pierce und das Kleeblatt so fest miteinander verbunden wie nur irgendwas sonst im Sport oder auf der Welt. Wenn ich an Boston dachte, dachte ich an die Nummer 34. Wenn ich meinen PC für eine Runde NBA Live anwarf, waren Paul Pierce und Antoine Walker meine Helden. Die beiden einzigen Jerseys, die ich mir jemals gekauft habe, waren von den beiden. Pierce war zuerst die Hoffnung auf die Playoffs, 2002 war Pierce das Versprechen auf eine goldene Zukunft, als man knapp an der Finalteilnahme vorbeischrammte. Paul war ein tough guy, wie er im Buche steht: Egal, ob er angeschossen oder seiner Schneidezähne entledigt wurde, er stand immer schnellstmöglich wieder für grün und weiß auf dem Parkett. Pierce war sicherlich auch eine Zeit lang ein Symbol für das, was Anfang der Nuller Jahre in der NBA falsch lief, aber er blieb dennoch bei den Celtics und übernahm irgendwann die Verantwortung. Belohnt wurde er dafür 2007 von Danny Ainge.

Basketball-Romantik oder Business?

Jener Ainge, über den noch zu diskutieren sein wird, brachte mit Ray Allen und Kevin Garnett eine neue Big Three nach Boston, etablierte nach dem kurzen Aufflackern 2002 und 2003 endgültig wieder ein Spitzenteam in Beantown – als Celtics-Fan der jüngeren Generation, der die Larry Birds und Kevin McHales dieser Welt nur aus DVD-Boxen kannte, musste man sich wochenlang kneifen. Das Versprechen, das Pierce 2002 gab, konnte er jetzt einlösen – schon 2008 wurde das 17. Banner unter die Hallendecke gezogen. Die Playoff-Schlachten in den folgenden Jahren, das Bewusstsein, wieder der Elite der NBA anzugehören: Schöner hätte es nicht sein können. Danny Ainge war in Augen der Bostonians ein Genie, das sich zwar mit dem Perkins-Trade 2011 ein paar Schrammen abholte, aber trotzdem unantastbar blieb.

Man nahm ihn in Schutz, als Tradegerüchte um Rajon Rondo auftauchten: Man hätte ihn nicht für alle kolportierten Spieler angeboten, sondern nur versucht, Chris Paul – den besten Aufbau der Liga – nach Massachusetts zu holen. Nicht er, sondern Ray Allen war der Sündenbock, das Feindbild, als dieser 2012 Boston den Rücken kehrte und bei den Heat anheuerte. Verwerfungen zwischen ihm und Rondo waren ein genannter Grund für den Wechsel, ein anderer, dass sich Allen nicht wertgeschätzt fühlte, als er vor der Trade-Deadline im Februar 2012 in der NBA angeboten wurde. Undenkbar, dass man ihn tatsächlich getradet hätte, sagten die Anhänger damals, auch Ainge ließ ähnliches andeuten (natürlich erst nach der Deadline). Wie Unrecht man doch hatte, betrachtet man das Geschehen aus heutiger Sicht…

Wie fair ist es, Ainge jetzt den schwarzen Peter zuzuschieben? Ihn für alles schlechte verantwortlich zu machen, was vorher gut war? Schließlich hat er auch die sportliche Perspektive im Blick und die besagt nun mal: Paul Pierce, 35, 15,3 Mio. $ für ein Jahr. Kevin Garnett, 37, 24,4 Mio. $ für zwei Jahre. Ein Roster, das auf Win Now ausgerichtet ist, dessen Leistungsträger aber über ihren Zenit oder verletzt sind. Mit Andrew Wiggins das größte Versprechen seit LeBron James in der Draftclass 2014. Wieso nicht? Wieso nicht einfach den Reset-Button drücken, Blumensträuße, “war schön mit euch, aber wir gehen einen anderen Weg”, Rebuild on the fly und Meisterehren ab 2016 oder 2017? Kann man Ainge diese Denkweise wirklich übel nehmen? Hätten wir nicht eh alle spätestens dann diesen Trade vergessen, wenn David Stern das Podium betritt und anfängt “With the first pick, the Boston Celtics select, from Kansas University…” und ein paar Jahre später zum 18. Mal die Larry O’Brien-Trophy übergibt?

Ein Großteil der Anhängerschaft vielleicht schon. Viele aber auch nicht. Abgesehen davon, dass es keine Garantie für den ersten Pick gibt (Boston hat sich beim Tanken schon zweimal ordentlich verzockt) und selbst wenn es Wiggins würde, dieser noch keine Garantie auf Titel bringt: Es gibt Dinge, die stehen irgendwann über dem materiellen, die einen Wert über den Sport hinaus angenommen haben. Die Boston Celtics selbst sind zusammen mit den Lakers DIE Franchise der NBA, ein absoluter Mythos. Niemand würde auch nur eine Sekunde drüber nachdenken, die Celtics in eine andere Stadt zu setzen. Bill Russell, John Havlicek, Larry Bird, Kevin McHale – nie wäre es einem im Traum eingefallen, jene Legenden woanders ihre Karriere ausklingen zu lassen. Man gewinnt zusammen, man verliert zusammen und man zeigt einander Respekt. Nicht umsonst fällt im Zusammenhang mit den Celtics die Bezeichnung “Celtic Pride”. Dieses Team hat ein besonderes Selbstverständnis, eine spezielle Beziehung zwischen Fans und Franchise. Paul Pierce war gewiss nicht der beste Spieler, der je für die Celtics aufgelaufen ist. Was er dennoch ist: Ihr All Time Scoring Leader, ihr Gesicht für 14 Jahre, einer ihrer Finals-MVPs. Kurzum: Ein Spieler, der sich um diese Franchise verdient gemacht hat.

Sicherlich kann man auch sagen, dass Garnett nach sechs Jahren in Boston mehr ist als nur der Superstar-Rental, der den Titel gebracht hat. Es wäre irgendwo auch logisch gewesen, ihn seine Karriere dort ausklingen zu lassen, wo er sie gekrönt hat. Dennoch: Auch wenn Garnett sicherlich die bessere Karriere als Pierce hatte und insgesamt als einflussreicher gelten muss – in Boston war Pierce größer als Garnett. Um Meilen. Aus all’ den genannten Gründen, aus denen er es verdient hat, sein letztes Spiel in Boston zu machen, um im Anschluss sein Trikot mit der Nummer 34 unter die Hallendecke zu ziehen, als Relikt in einer Zeit, in der die allerwenigsten den Willen und das Glück haben, nur für ein Team aufgelaufen zu sein. Stattdessen werden wir ihn noch einmal im Dress der Brooklyn Nets sehen und es wird sich falsch anfühlen. Auch wenn er noch ein oder zwei Jahre spielt – für mich ist Paul Pierce Karriere am 3. Mai 2013 zu Ende gegangen, als Boston das sechste Spiel der Erstrundenserie gegen die Knicks verlor. Es fühlt sich irgendwo richtig an, so zu denken.

Danny Ainge wusste das und er hätte hier Stil beweisen können. Er hätte sich Gedanken um dieses gewisse Etwas machen können, das die Boston Celtics umgibt. Er wusste, was es Pierce bedeutet, ein “Celtic for life” zu sein. Sicher ist es legitim, an Ainges Stelle sogar nötig, sich um die Zukunft Gedanken zu machen, Weichen zu stellen für die Ära nach Pierce und Garnett. Aber so? So beweist er nur, dass die NBA genau das ist, wofür sie oft (und oft zu Recht) von Fans kritisiert wird: ein reines Business, komplett wirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten unterworfen. Sicherlich ist sie das auch zum allergrößten Teil, aber manchmal eben auch mehr.

Forget about the price tag, Danny. It’s way more!

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1 comment

  1. Alexander Aust

    Genialer Text, Malte!

    Kann deinen Gedankengang absolut nachvollziehen. Habe beim Lesen gemerkt, wie froh ich eigentlich bin, dass Cuban der Owner der Mavs ist. Ich hoffe die Freundschaft zwischen ihm und Dirk ist stärker als dieses “Business” von dem man immer spricht.

    Finde die Art und Weise wie der Wechsel zustande kam irgenwie total traurig. Erst einen genialen Coach einfach ziehen lassen und dann das Gesicht der Franchise zum Divison-Gegner traden Unter aller Sau.
    Fand zwar noch nie, dass Ainge ein Genie sei, aber seit diesem Zug, verstehe ich wenn ihn die Boston-Fans nicht leiden können.


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