NBA

(Keine) Angst vor der Free Agency?

Wie das Verhältnis der GMs zu auslaufenden Verträgen die Trade Deadline prägte

Wie das Verhältnis der GMs zu auslaufenden Verträgen die Trade Deadline prägte

Zumindest die Deadline selbst war diese Saison mal wieder eher unspektakulär: Zwar gaben die Teams anders als vor drei Jahren einige Erstrundenpicks ab, aber dabei ging es um Verstärkungen für die Bank oder die langfristige Perspektive des Teams. Ansonsten ergaben sich nur kleinere Transaktionen, teilweise aus rein finanziellen Gründen. Die beiden größten Deals waren aber ohnehin schon einige Tage zuvor über die Bühne gegangen: der Ibaka-Trade nach Toronto und der Cousins-Trade nach New Orleans. Wie schon ausführlich diskutiert, ist letzterer nicht nach normalen Maßstäben zu beurteilen – die Kings handeln schlicht nicht im Rahmen des in der NBA üblichen.

Die Trades der normal arbeitenden Teams in den letzten Wochen sowie viele der seriösen, aber nicht umgesetzten Gerüchte weisen jedoch eine bemerkenswerte Gemeinsamkeit auf: Fast immer war ein entscheidender Spieler mit einem auslaufenden Vertrag involviert. Unabhängig von den Einzelfällen muss man daher mit der Überlegung beginnen, dass die verschiedenen General Manager und Franchises Expirings verschieden bewerten. Dabei darf die jeweilige Situation nicht ignoriert werden, schließlich bestehen große Unterschiede zwischen Restricted Free Agents und solchen, die sich ihr Team im Sommer frei aussuchen können; oder auch zwischen Contendern, normalen Playoff-Teams und klaren Lottery-Kandidaten. Die Warriors dürften sich beispielsweise kaum Sorgen um Steph Curry machen, andere Teams werden ihren jungen Spielern wie Otto Porter oder Kentavious Caldwell-Pope schlicht zahlen, was nötig ist. Einige Teams mit größeren Ambitionen in den Playoffs sahen sich schlicht gezwungen, das Risiko eines ersatzlosen Verlustes ihrer Stars in Kauf zu nehmen. Die Jazz würden logischerweise nicht den ersten Playoffeinzug seit Jahren durch einen Trade von Gordon Hayward riskieren. Auch Spekulationen um die Clippers mit den Free Agents Chris Paul und Blake Griffin entstanden eher aufgrund der Form- und Verletzungsprobleme des Teams als wegen realistischer Tradeoptionen. Umgekehrt kamen Trades für die noch länger unter Vertrag stehenden Jimmy Butler und Paul George überhaupt nur in Frage, weil die Celtics eine für ein Playoffteam absurde Menge an Assets aufweisen.

Die Beispiele

Auf welche Trades und Gerüchte trifft die Free Agency-Problematik also zu? Eindeutig ist der Fall bei Ibaka und Mason Plumlee – aber auch Bojan Bogdanovic, Nerlens Noel, Taj Gibson, Ersan Ilyasova und P.J. Tucker wurden wohl in erster Linie getradet, weil ihre bisherigen Teams den Blick schon auf die kommende Offseason warfen. Einige weitere Expirings wie Andrew Bogut, Tiago Splitter, Roy Hibbert, Jared Sullinger und Anthony Morrow fallen eher in die Kategorie ‚übliche Trade Filler‘. In Paul Millsap und Danilo Gallinari standen zudem zwei der besten Free Agents des kommenden Sommers zumindest zeitweise auf dem Trade Block. Zu guter Letzt entstanden auch um einige weitere Restricted Free Agents wie Nikola Mirotic und Andre Roberson intensive Gerüchte.

Besonders auffällig ist die relativ hohe Zahl zukünftiger Restricted Free Agents unter diesen Spielern. An sich sollte dieser Mechanismus den bisherigen Teams ja gerade Anreiz und Möglichkeit geben, ihre jungen Spieler zu halten. Die vergangene Offseason dürfte diesbezüglich allerdings für einige Ernüchterung gesorgt haben, insbesondere in Form der beiden Nets-Offer Sheets für Allen Crabbe und Tyler Johnson. Aber auch viele andere RFAs wurden im vergangenen Sommer überbezahlt, was sich ebenfalls auf die schwer einschätzbare Situation zurückführen lässt: Durch die Cap-Sprünge der letzten Jahre und jetzt das veränderte Collective Bargaining Agreement müssen die Teams ins Unbekannte hinein planen. Bei Restricted Free Agents führt das nicht überraschend teilweise zu ‚Spatz in der Hand‘-Entscheidungen.

Ins Detail: Noel, Plumlee und Bogdanovic

Der wohl auffälligste Trade eines kommenden Restricted Free Agents war der von Nerlens Noel nach Dallas. Nachdem in den Wochen zuvor vor allem Jahlil Okafor als der abzugebende Center bei den Sixers galt, muss die Entscheidung von Bryan Colangelo als größere Überraschung gelten. Wie in unserem Deadline-Pod ausführlich diskutiert, verringert der Gegenwert die Verwunderung nicht gerade: Realistisch gesehen werden die Sixers nur zwei Secondrounder in den 40ern sowie den Sophomore-Wing Justin Anderson erhalten. Dieses Paket lässt praktisch nur die Schlussfolgerung zu, dass die Sixers Noel aufgrund seines Vertragsstatus‘ als nicht mehr sonderlich wertvoll ansahen – spielerisch wäre er Okafor derzeit klar vorzuziehen. Allerdings ist es sehr wahrscheinlich, dass Noel im Sommer ein Angebot nahe am Maximum erhält. Ist es sinnvoll, dieses Geld für einen Backup in der ohnehin überbesetzten Big-Rotation mit Joel Embiid, Okafor und Richaun Holmes sowie Ben Simmons und Dario Saric auszugeben? Colangelos Antwort auf diese Frage kennen wir jetzt wohl, während die Mavs um Mark Cuban den doppelten Preis zu zahlen bereit sind: Erst müssen sie ein zumindest nicht zu vernachlässigendes Paket im Trade abgeben, um Noel dann ab dem Sommer seine 20 Millionen Dollar jährlich zu überweisen. Dass zumindest bis zu Nowitzkis Karriereende die Rotation ähnliche Probleme wie die der Sixers aufweist, ist ein zusätzlicher Wermutstropfen. Die letzten Spiele stand Nowitzki meist als einziger echter Big auf dem Parkett, was zudem Harrison Barnes erlaubte, seine optimale Rolle als Small Ball Four einzunehmen. Ob eine Noel/Nowitzki-Kombination besser funktioniert als die im letzten Jahr bei den Sixers ausprobierten Noel/Okafor-Lineups, darf aufgrund der Geschwindigkeit des 38-Jährigen auch bezweifelt werden. Trotz des relativ geringen Preises ist der Trade also nicht nur rosig zu sehen für die Mavs, was eine weitere Folgerung zulässt: Cuban und Co. scheinen die Restricted Free Agency Noels als geringeres Problem zu werten als die finanziell eigentlich flexibleren Sixers.

Beim Trade von Mason Plumlee für den noch ein Jahr länger mit einem Rookie-Vertrag gebundenen Jusuf Nurkic stand ebenfalls die finanzielle Situation eines der Teams im Mittelpunkt: Nach den erheblichen Ausgaben der Blazers im letzten Sommer näherten sie sich gefährlich der Luxussteuergrenze, ohne dafür annähernd einen Contender vorweisen zu können. Wie schon diskutiert, macht vor allem der zusätzliche Pick den Trade für die Blazers wirklich attraktiv. Aber die Vermeidung einer weiteren Situation wie bei Crabbe dürfte für GM Neil Olshey der Auslöser für die Suche nach einem Trade gewesen sein. Beachtenswert ist die auf den ersten Blick kaum sichtbare Verbindung zum Bogdanovic-Trade von Nets und Wizards: In Nets-GM Sean Marks hat der Verursacher des Crabbe-Offer Sheets ebenfalls einen RFA abgegeben. Auch hier war der erhaltene Pick sicher das entscheidende Argument für den Trade. Dass aber beide an der finanziell sehr fragwürdigen Crabbe-Transaktion beteiligten Teams jetzt anscheinend zusätzliche Schlussfolgerungen daraus ziehen, ist eine bemerkenswerte Pointe. Zudem beinhaltet der Bogdanovic-Trade in Andrew Nicholson eine der weiteren Fehlverpflichtungen des Sommers, der wie Mason Plumlees Bruder Miles (Anfang Februar von den Bucks zu den Hornets) innerhalb nicht einmal einer ganzen Saison weitergegeben wird.

Ibaka vs. Gallinari/Millsap – was ist anders?

Im Zusammenhang mit dem von schon intensiver diskutierten Ibaka-Trade ist insbesondere interessant, dass zwei von Alter und Vertragssituation her vergleichbare Spieler bei ihren bisherigen Teams verblieben. Danilo Gallinari und Paul Millsap sind auch vom Spielertyp her grob vergleichbar, wobei letzterer noch auf einem etwas höheren Level zu verorten ist. Die Gerüchte um Millsap sind schon etwas älter und endeten weitgehend mit öffentlichen Dementis der Hawks, seit sich das Team nach einer Siegesserie auf den Playoffrängen etablieren konnte. Nachdem Atlanta allerdings schon in der vergangenen Offseason Al Horford ohne Gegenwert verloren hatte, wurden diese Äußerungen mit etwas Skepsis aufgenommen. Ob letztendlich die Attraktivität der Playoffs oder interne Gespräche den Ausschlag gaben, lässt sich von außen nicht beurteilen. Allerdings wurden zur Deadline keine konkreten Gerüchte mehr bekannt, so dass Millsap wohl tatsächlich vom Markt genommen wurde.

Gallinari konnte nicht so beruhigt in die letzten Wochen gehen, genau wie für Wilson Chandler suchten die Nuggets wohl trotz realistischer Playoffchancen einen Tradepartner. Während bei Chandler durch die längere Vertragslaufzeit keine Eile besteht, könnte Gallinari die Nuggets im Sommer ebenfalls ersatzlos verlassen. Allerdings bauen die Nuggets wohl auf zwei Vorteile: Zum einen hat Gallinari schon mehrfach den Wunsch geäußert, über den Sommer hinaus in Denver zu bleiben. Zum anderen setzt die Vorgeschichte weniger das bisherige Team weniger unter Druck: Wenn Gallinari einfach geht, war es ein Abschied nach etwa sieben Jahren, nicht eine Saison nach einem extrem kostspieligen Trade. Angesichts des Pakets, das Rob Hennigan für Ibaka im letzten Sommer nach Oklahoma schickte (Victor Oladipo, Domantas Sabonis und Ersan Ilyasova), sind Ross und der späte Erstrundenpick zwar nur ein schwacher Trost. Aber durch die miserable Situation der Magic – derzeit Vorletzter im Osten – ging es wohl schlicht darum, zu retten, was zu retten ist.

Und sonst?

Die meisten der übrigen Trades lassen sich wie schon angedeutet schnell in zwei Kategorien zusammenfassen: Entweder ein Playoffteam ertradet von einem Lotteryteam noch einen brauchbaren Bankspieler für kleinere Assets, oder die Transaktion ist sportlich praktisch unbedeutend. In den meisten Fällen sind auch Expirings involviert, weil damit die wenigsten langfristigen Verpflichtungen einhergehen. Beispiele sind der Swap von Ilyasova für den dauerverletzten Tiago Splitter sowie der Trade von P.J. Tucker für den von Ibaka verdrängten Jared Sullinger, die jeweils durch Secondrounder möglich wurden. Keine dieser Entscheidungen wird die NBA-Landschaft entscheidend verändern, aber zumindest können zwei Playoffteams so noch auf etwas Verstärkung hoffen. Mike Scott nach Phoenix und Roy Hibbert nach Denver waren dagegen zwei ausschließlich finanziell motivierte Transaktionen, durch die zwei Teams unter dem Salary Floor Kosten einsparen können.

Die einzigen etwas aus der Reihe fallenden Trades sind der zwischen Chicago und OKC und die Rockets-Akquisition von Lou Williams. Letzeres ist auch ein klassischer Trade zwischen einem Playoffteam und einem Lotteryteam, allerdings steht Williams wie Corey Brewer noch eine weitere relativ günstige Saison unter Vertrag. Am auffälligsten dürfte die fast zeitgleiche Umbesetzung im Front Office der Lakers sein – Magic Johnson war noch keine 24 Stunden im Amt, als der Trade durchgeführt wurde. Auf der anderen Seite lässt das erste Spiel Williams‘  auch Fragen zum Team Fit verstummen, so dass ein klassischer Win Now-Move der Rockets zu verbuchen ist. Der Bulls-Trade ist dagegen, wie schon im Deadline-Pod besprochen, in kleinerem Maßstab ähnlich unverständlich wie der Cousins-Trade. Der geringe Gegenwert für Gibson lässt sich auch durch dessen wiederum auslaufenden Vertrag nicht wirklich erklären, zumal in Doug McDermott und einem Zweitrundenpick noch zwei weitere Assets der Bulls involviert waren. Dafür erhielten sie nur Cameron Payne, Joffrey Lauvergne und Anthony Morrow. Letzerer ist in erster Linie ein Füller, die ersten beiden gehen als junge Spieler mit Potential durch – aber nicht auf dem entsprechenden Level.

Fazit

Zur Deadline spielten Expirings und ihre unterschiedliche Bewertung allem Anschein nach eine große Rolle. Die in der letzten Offseason ausgegebenen Verträge insbesondere für Restricted Free Agents haben einige GMs dazu verleitet, Spieler mit auslaufenden Verträgen lieber abzugeben. Eine echte Einordnung dieser Transaktionen lässt sich somit frühestens im Sommer durchführen, denn die Höhe der neuen Verträge weist hier einen erheblichen Einfluss auf. Umgekehrt wird sich dann erneut die Frage stellen, ob einige der Teams ihre Dann-Free Agents zu Recht behielten.

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