NBA

Was macht einen Top-10-Spieler aus?

Eine Methode, den Impact von Spielern einzuordnen.

Unser Top 10-Ranking hat erwartungsgemäß einige Wellen geschlagen und wir haben bereits viel und lange auf Twitter diskutiert, welcher Spieler fehlt oder keinesfalls in die Top 10 gehört. Ich dachte mir, dass es vielleicht hilfreich ist, wenn ich meinen Denkprozess skizziere, um zu erklären, wie ich grundsätzlich Impact evaluiere und welche Prämissen ich treffe, um eine Reihenfolge zu ermitteln.

Die Top 10 NBA Spieler 2018/19 – Teil 2

Vorab ist zu sagen, dass meine Meinung nicht die einzig wahre ist, auch weil wir selbst bei erbrachten Leistungen immer nur abstrahieren können, was wir gesehen haben und was die Datenlage – die sich ständig wandelt, erweitert und mehr Einblick gibt – uns anbietet. Dazu treffe ich begründete Annahmen, denen aber nicht jeder Spieler, Coach oder Fan zustimmen würde. Für mich hat sich jedoch ein kohärentes Bild entwickelt, wie ich Basketball verstehe. Ich stelle im Folgenden zunächst meine Annahmen vor, um euch zu zeigen, was mir wichtig ist:

Individuelle Offense ist wichtiger als individuelle Defense

Gleich die erste These dürfte für Diskussionen sorgen, weil wir wissen, dass ein Team ungefähr zu 50% der Zeit angreift und verteidigt. Wichtig ist hierbei, dass die Adjektive „individuelle“ in den Vordergrund rücken. Dies gründet sich vor allem darauf, dass ein Spieler alleine offensiv sehr viel mehr Einfluss auf eine Possession nehmen kann als defensiv.

Zur Verdeutlichung nehmen wir mal ein Beispiel:

Das Beispiel ist willkürlich und nur eines von Hunderten in dieser Saison: James Harden trifft einen Step Back Dreier. Nichts Ungewöhnliches.

Es geht in diesem Beispiel aber nicht um Royce O’Neale, der Harden eigentlich gut verteidigt, sondern um Rudy Gobert. Der wohl beste Verteidiger der NBA hat hier überhaupt keinen Einfluss auf die Defensive seines Teams. Dies ist nicht als Vorwurf zu verstehen, sondern als Feststellung: Gobert steht eben als Big unterm Korb. Das ist seine Aufgabe und die erfüllt er. 18 Würfe verteidigt Gobert pro Spiel, dazu hat er noch Einfluss durch seine Präsenz und vielleicht kommuniziert er gut und hilft seinen Mitspielern.

James Harden hat in der letzten Saison 47 Aktionen pro Spiel direkt (Wurf oder Turnover) oder indirekt (potentieller Assist) beeinflusst und sorgt durch seine Gravity auch dann für Einfluss, wenn er den Ball mal nicht in den Händen hält. Harden beeinflusste 3718 Possessions (direkt oder indirekt) in seinen 78 Spielen – oder zwei Drittel aller Possessions, wenn er auf dem Feld stand. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Harden in wahrscheinlich 90% aller offensiven Possessions den Ball in der Hand hatte und die Defense zur Reaktion zwang. Das ist individuell einfach nicht mit der Defensive von Gobert zu vergleichen. Dieser hat in 80 Spielen 1425 Possessions direkt beeinflusst; wie hoch der indirekte Einfluss ist, lässt sich schwer bemessen.

Spieler, die in jeder Possession den Ball in ihren Händen halten, können diese Possession beeinflussen. Viele Ballhandler tun genau dies, das ist ihre Aufgabe. Sie können also zu 100% die Geschicke ihres Teams lenken. Verteidiger haben in einer Vielzahl der Angriffe gar nicht die Möglichkeit, direkt einzugreifen. Ihr individueller Wert ist deshalb niedriger.

Außerdem ist offensichtlich, dass Defense eine Teamaufgabe ist und der Einfluss eines Einzelnen zwar hoch, aber nicht so hoch wie der Einfluss eines einzelnen offensiven Spielers sein kann. Damian Lillard kann nach vorne dribbeln, werfen und hat damit alleine eine effiziente Offensive kreiert, während Bigs, die traditionell die wichtigsten Verteidiger sind, gar keine Möglichkeit hatten, einzugreifen. Ein hervorragender Verteidiger benötigt immer noch eine intakte Defensive, um richtig glänzen zu können. Ein hervorragender Offensivspieler benötigt maximal einen Screener, manchmal reicht er auch allein.

Aus diesen ganzen Annahmen leite ich ab, dass ein hervorragender Offensivspieler immer mehr Einfluss auf ein Spiel hat als ein hervorragender Defensivspieler. Deswegen würde ich Offensivspieler immer bevorzugen, wenn ich wählen müsste.

Hohes Volumen bei hoher Effizienz ist eminent wichtig

Was wir von dem Offensivspieler erwarten, ist dann relativ einfach zusammenzufassen: Er soll so oft wie möglich werfen oder Würfe assistieren – und die Würfe sollen so oft wie möglich fallen. Viel mehr gibt es hier fast nicht zu sagen. Jedes Team sucht nach genau diesem effizienten Volume-Scorer, der den Unterschied macht und eine Franchise transformiert. Genau wegen dieser Spieler tanken Teams oder werfen all ihre Assets in die Waagschale, um diese in einem Trade zu erlangen. Die NBA dreht sich seit Jahren – oder ewig – schon um genau diese paar Spieler, die man benötigt, um ein erfolgreiches Team zusammenzustellen und eine Meisterschaft zu gewinnen. All diese Spieler haben eines gemeinsam: Sie treffen Entscheidungen.

Ohne Decision Making hast du zu wenig Einfluss

Die unbarmherzigste Rolle in der NBA

Wie schon im Artikel zu den primären Ballhandlern ausgeführt, halte ich es für den schwierigsten Skill, eine effiziente Offensive für sein Team zu kreieren. Du musst als Kopf des Teams so viele Variablen beachten und richtig einschätzen. Das beginnt mit der richtigen Evaluation deiner eigenen Eigenschaften: Kann ich den Gegner im Dribbling schlagen? Nutze ich den Screen des Bigs? Oder ist das eine gute Decoy-Action, um einen ganz anderen Weg einzuschlagen? Kann ich von dem Spot, an dem ich gerade bin, einen guten Wurf loswerden? Wenn ich den freien Mitspieler anpasse, ist er fähig, den Wurf zu treffen? Oder gibt mir die Defense genau diese Möglichkeit, weil sie meinem Mitspieler den Wurf nicht zutraut? Wenn jetzt das Double Team kommt, versuche ich es zu splitten und vertraue ich meinem Mitspieler, dass er die richtige Entscheidung trifft, wenn er von mir den Ball bekommt?

Das Gedankenspiel kann ewig so weiter gehen. Ballhandler haben den schwierigsten Job: Sie müssen sich korrekt einschätzen, müssen die Bewegungen der Mit- und Gegenspieler antizipieren und bestenfalls alle Stärken und Schwächen aller Spieler auf dem Platz kennen, um die beste Entscheidung zu treffen. Aus diesen schier unendlichen Möglichkeiten eine sehr gute auszuwählen, macht den Schwierigkeitsgrad dieser Rolle aus.

Gerade diese Vielschichtigkeit ist schwer zu erlernen und erfordert zum einen Talent, zum anderen aber auch viele Wiederholungen. Keine Aufgabe ist komplexer und keine ist essentieller – man kann bspw. ohne einen bestimmten Spielertypen auskommen (vielleicht hat das Team keinen Stretch-Four), aber irgendjemand muss den Ball bringen.

Aus diesen ganzen Gründen bevorzuge ich einen Spieler, der genug Selbstvertrauen und Skill hat, um die beste Entscheidung zu treffen. Spieler wie Klay Thompson oder Rudy Gobert sind deshalb nicht auf meiner Liste gelandet. Sie benötigen diese Spieler, sind es aber selbst nicht. In einem Team mit durchschnittlichen Spielern um sie herum könnten sie ein Team offensiv alleine gar nicht tragen, nicht für sich oder andere zuverlässig selbst kreieren – oder vereinfacht gesagt: Sie beherrschen das wichtigste individuelle Skillpaket in der Offensive nicht.

Tatsächlich erbrachte Leistung ist wichtiger als eine rein theoretische

Der letzte große Punkt bezieht sich nicht auf eine allgemeine Evaluation, sondern auf die spezielle Frage, wer der beste Spieler einer Saison war. Je nach Fragestellung ist es unwichtig, ob ein Spieler 60, 80 oder 100 Spiele gemacht hat, wenn man bspw. einschätzen möchte, wie gut ein Spieler in der Folgesaison sein wird. Bewertet man allerdings nur die abgelaufene Saison und versucht zu ermitteln, welcher Spieler am meisten Einfluss auf ein Spiel hatte, ist die tatsächliche Spielzeit relevant.

Ich gehe hier mit der alten Weisheit:

The best ability is availability.

Einen ersten Anhaltspunkt liefert hier eine Visualisierung, die sehr simpel ist: Ich ermittle gerne die wirklichen Werte auf 36 Minuten. Was bisher in der Stats-Landschaft fehlt, ist eine ganz einfache Sache: Wir nehmen an, dass ein Spieler zu allen Spielen zur Verfügung stand und schauen uns an, was er auf 82 Spiele wirklich dem Team gegeben hat. Das ist manchmal augenöffnend.

Die Zahlen der Kandidaten unter der Annahme, dass sie für alle 82 Spiele zur Verfügung gestanden hätten.

Ganz ohne viel erweiterte Statistiken kann man schon sehen, was es bedeutet, wenn man 20 oder mehr Spiele verpasst hat: Man konnte dem Team offensichtlich nicht helfen. Dass LeBron und Davis lange ausfielen, war uns klar, aber dass bspw. Kawhi Leonard gerade so auf 20 Punkte auf 36 Minuten und die wenigsten Assists aller Spieler kommt, ist später wichtig, wenn wir den Impact ablesen wollen.

Dass man eine Leistung nicht nur theoretisch abrufen, sondern auch wirklich erbringen konnte, ist in diesem Kontext wichtig.

Dann könnte man nun meinen, dass man 2-3 Statistiken zusammenwirft und ein Ranking erstellen kann. Das individuelle Offensivrating von Dean Oliver, dann die „wirklichen“ PPG, um zu ermitteln, wer auch wirklich konstant fit und verfügbar war und schon haben wir unsere Liste. In vielen Fällen könnte man zumindest von einer soliden Wahl reden, aber es fehlt ein wenig Feintuning.

Kontextualisierung

Ohne Kontext muss die Antwort nach dem besten Spieler James Harden heißen. Mit weitem Abstand die meisten Punkte erzielt, die meisten Entscheidungen getroffen und das sehr effizient. Aber der Kontext ist entscheidend: Harden bekam so viele Möglichkeiten, eine Entscheidung zu treffen, weil er über einen längeren Zeitraum der einzig fitte Ballhandler bei den Rockets war.

Dies zieht sich durch die gesamte Liste. Bei jedem Spieler gibt es etwas zu bedenken, was dann doch zu einem subjektiven Einfluss führt: Joel Embiid war nicht so effizient wie Karl-Anthony Towns, hat dafür aber wesentlich besser verteidigt und sich mehr Abschlüsse selbst kreiert.

Kawhi Leonard hat die besten Playoffs gespielt, aber 22 Spiele in der Regular Season ausgesetzt. Kevin Durant war sehr effizient bei großem Output, aber war eben in den Playoffs verletzt.

Giannis war in der Regular Season ultraeffizient bei großem Volumen, aber versagte gegen die Raptors auf ganzer Linie und konnte sein Team nicht wirklich führen.

Bei James Harden kam – mal wieder – ein Einbruch in den Playoffs zustande, aber er spielte definitiv gegen den härtesten Gegner ohne Heimrecht in Runde 1 (gegen die Utah Jazz) und dann gegen den eigentlichen Champion aus Golden State. Dafür war das dann doch schon wieder richtig gut.

Nikola Jokic kreiert zwar viel für andere, aber 50% seiner Würfe ging kein Dribbling voraus, was zu einer effizienteren Saison als bei vielen anderen Spielern hier führte – dafür ist sein Scoringoutput nicht so groß, weil er abhängig vom initialen Anspiel seiner Guards ist.

Und dann gibt es noch Paul George. Der Kontext war mir einen ganzen Artikel wert, der später auf Go-to-Guys erscheinen wird.

So viel wir auch über Zahlen versuchen zu klären, ein Rest Subjektivität bleibt natürlich übrig und das Gewichten fällt schwer  und manchmal entscheiden nur Nuancen.

Die Entscheidungsfindung

Ich habe als Basis für meine Entscheidungsfindung die obigen Parameter angelegt und dann für jeden Einzelfall abgewogen. Für mich hat Kevin Durant die beste Mischung aus Scoring, Effizienz und Availability dargestellt, auch wenn seine Verletzung in den Playoffs den Warriors den Titel gekostet hat.

Auf der 2 ist für mich Stephen Curry gelandet, weil er eine absolut unterschätzte Saison gespielt hat. Er hat sein Scoring und seien Creation auch in den Playoffs ohne Durant gezeigt, war effizienter und effektiver als Leonard über alle Spiele betrachtet und deswegen hauchzart für mich vor Leonard.

James Harden kam der harte „Playoff-Schedule“ nicht gerade entgegen, aber ich würde ihn vor Giannis‘ Playoffs sehen und deswegen auch knapp vor ihn einordnen.

Damian Lillards Output war mir mehr wert als die Effizienz von Nikola Jokic, dann sah ich Paul George vor der eher ineffizienteren Leistung von Joel Embiid. Und Platz 10 wurde ausgewürfelt, Glückwunsch Kyrie. Hier habe ich mehrmals geändert, aber akzeptiere auch andere Spieler. Das war zu knapp.


Ich wollte hier vor allem meine Prinzipien und mein Verständnis von Basketball aufführen und darstellen, was mich dazu bewegt, Spieler, die unterschiedliche Rollen in unterschiedlichen Teams spielen, zu ranken. Wie eingangs gesagt, setze ich mein Verständnis nicht als Dogma voraus, für mich gab es allerdings noch keine andere Ausführung, die mich darin bestärkte, meine Wahrnehmung zu ändern. Vielleicht kommt dies aber auch noch auf mich zu. Wir lernen schließlich alle dazu.

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