Alltimers, NBA

Die unbarmherzigste Rolle in der NBA

Wieso der primäre Ballhandler entweder Boom oder Bust ist.

Noch 9.6 Sekunden auf der Uhr. Es geht um alles, die letzte Chance. Du weißt, dass es an dir liegt und du jetzt liefern musst. Die Defense schaut nur auf dich, während dein Teamkollege den Ball zum Inbound bekommt. Du hast einen Plan, willst dich freilaufen und dann das Spiel für dein Team gewinnen. Der Referee gibt das Spiel frei, du wartest auf einen Screen, der nicht kommt, gehst wieder raus zur Dreierlinie – und wirst gecheckt. Dein Mitspieler entscheidet sich derweil, einen Crosscourt-Pass zu spielen, um den Ball so ins Spiel zu bringen. Du hörst nicht auf, curlst dich frei und bekommst den Pass vom Mitspieler. Jetzt kommt deine Zeit. Du steigst hoch und …

… wirst von allen Zuschauern und schließlich dem gesamten Internet dafür verantwortlich gemacht, dass du den Wurf nicht getroffen hast. Stephen Curry ist kein Choker. Aber er wird von einigen Menschen dazu gemacht. Er hat den entscheidenden Wurf im sechsten Spiel der Finals nicht getroffen, um die Warriors in ein Spiel 7 zu schicken. Und das nicht zum ersten Mal. Gehässig werden Statistikseiten gewälzt und schon bald steht fest: Steph Curry hat seit 2016 keinen Wurf in den Playoffs mehr getroffen, wenn es in den letzten 20 Sekunden darum ging, das Spiel auszugleichen oder in Führung zu gehen. Steph Curry hat die letzten sechs wichtigen Würfe verworfen. Doch ein Choker?

Es ist die unbarmherzigste Rolle, die man im Basketball ausfüllen muss: die des primären Ballhandlers. Dieser kann theoretisch auf jeder Position beheimatet sein, üblicherweise ist er der „Point Guard“, aber auch James Harden, LeBron James oder zuweilen sogar Nikola Jokic können die primären Ballhandler eines Teams sein.

Als Playmaker ist man entweder der umjubelte Held oder eben der nichtsnutzige Choker. Keine Rolle lebt mehr in den Extremen und bei keiner anderen Basketballrolle gibt es so wenig durchschnittliche Spieler. Entweder bist du richtig gut oder nicht gut genug. Wo es sonst ein großes Mittelfeld an Wings oder Bigs gibt, die man situationell nutzen kann, ist das Feld bei den primären Ballhandlern geteilt mit einer ganz dünnen Mitte. Wieso ist das eigentlich so?

Jeder sieht dich

Wenn du den Angriff deiner Mannschaft leitest, dann hast du den Ball in der Hand. Fast immer. Du entscheidest, was du tust und dirigierst deine Mitspieler. Alles hängt von dir ab. Und deshalb sieht dich auch jeder. Fans schauen nahezu immer auf den Ball; Analysten können mit statistischen Werkzeugen nahezu alles von dir belegen, was du tust. On-Ball-Offense ist der mit Abstand am besten statistisch zu erfassende Skill, den es in der NBA gibt. Du wirfst? Gleich ein Dutzend Statistiken können dir sagen, ob der Wurf sinnvoll war. Du passt? Assist oder Turnover?

Es gibt wirklich wenige Bereiche des primären Ballhandlers, die man nicht erfassen kann: Offball-Bewegungen, wenn er den Ball mal nicht führt; Pässe, die eine Passstafette einleiten. Ansonsten steht er immer im Mittelpunkt und wird argwöhnisch beäugt. Bei kaum einem anderen Spielertypen sind wir uns so sicher, dass wir ihn richtig evaluieren können. Nackte Zahlen treffen fast nie so umfassend zu wie bei den Playmakern.

Gehen wir nochmal zurück zum Play vom Anfang: Wer wundert sich über den überhasteten, langen Inbound von Iguodala? Was ist überhaupt mit dem restlichen Playermovement? Wieso sitzt der Screen am Anfang für Curry nicht? Und wieso kann Cousins den zweiten Screen nicht so knallhart stellen, dass Curry mehr Möglichkeiten bleiben, als einen Dreier im Fallen loszulassen?
Offball wird viel übersehen, weil viele nicht genau hinschauen oder ihre Lösung schon gefunden haben: Der Ball fiel nicht rein, also ist der Schütze schuld. Damit wird ein Playmaker immer leben müssen.

Wenn gut nicht gut genug ist

Es bleibt trotzdem weiterhin die Frage offen, wieso es kein großes Mittelfeld geben kann. Mit dem ersten Punkt ist doch nur geklärt worden, dass wir alle Ballhandler gut evaluieren können. Dann wird es sehr gute geben, gute, durchschnittliche und unterdurchschnittliche. Wieso soll es keine große Mitte geben?

Zugegeben, wenn wir in den oben aufgeführten Kategorien denken, wird es ein Mittelfeld, so wie in jeder anderen Rolle auch. Es gibt mittelmäßige primäre Ballhandler. Nur helfen uns diese Kategorien leider nicht, um wirklich zu beschreiben, wieso es eigentlich nur so ein kleines Mittelfeld gibt.

Wir müssen uns zunächst darüber klar werden, dass die Rolle des primären Ballhandlers nur ein Spieler pro Team auf dem Feld ausfüllen kann. Die Last kann theoretisch auf mehrere Schultern verteilt werden, aber es gibt eben nur einen Ball und derjenige mit dem Ball in den Händen muss die Entscheidung treffen. Zwei mittelmäßige Ballhandler bedeuten nicht, dass sie einen guten Playmaker ersetzen können. Dafür sind die Utah Jazz in der vergangenen Saison ein perfektes Beispiel:

Das Team war im letzten Jahr eigentlich gut zusammengestellt: Solide Verteidiger auf allen Positionen, gute Offensivrollenspieler mit variierendem Skillset und … zwei mittelmäßige Ballhandler in Donovan Mitchell (der als Sophomore einfach noch zu viele Fehler macht) und Ricky Rubio, der zwar ein guter Passer, aber maximal ein durchschnittlicher Decision Maker ist, weil er zu wenig Scoring-Gefahr ausstrahlt. Das Team traf in der ersten Runde natürlich auch sehr undankbar auf die Houston Rockets, die aber eben über gleich zwei sehr gute Ballhandler verfügten, die diese Serie entschieden. Mehr als die zweite Runde hätte Utah aber auch nicht erreicht, weil es eben an der wichtigsten Stelle nicht gut genug besetzt war.

Im Gegensatz zu Wings, die vor allem in der Quantität erst richtig gut werden, weil sie Spacing bieten, ist der Playmaker nicht durch Quantität zu kompensieren. Es hilft also nicht, mehr Ballhandler zu haben. Du musst hervorragende Playmaker haben, sonst gewinnst du in der NBA nicht den Titel (oder dringst in die Conference Finals vor).

Das bedeutet, dass sich hier sprichwörtlich recht schnell die Spreu vom Weizen trennt: Entweder du bist unglaublich gut und kannst deswegen einer der besten fünf oder zehn Decision Maker in der gesamten Liga sein – oder es gibt begründete Zweifel daran, ob du wirklich gut genug bist, um dich als erste Option einzusetzen.

Ein Blick auf die letzten Jahre

Die Conference Finalisten mit ihrem primären Ballhandler, der zugleich ein Top 10 Spieler in dieser Saison war.

Wenn wir uns die letzten 20 Teams ansehen, die die Conference Finals erreichten, ergibt sich ein bekanntes Bild: LeBron James und Steph Curry konnten ihre Teams fast jedes Jahr sehr weit führen, dazu kommen Kawhi Leonard, James Harden und die einmaligen Auftritte von Damian Lillard, Isaiah Thomas, Russell Westbrook, Kyle Lowry und Giannis Antetokounmpo.

Kyrie Irving war eigentlich der Kopf der Celtics 2018, war aber in den Playoffs verletzt. Er hat das Team aber so gut positioniert, dass die Celtics trotzdem einen erfolgreichen Playoff-Run starten konnten.

Nur die Atlanta Hawks konnten 2015 keinen Top 10 Spieler stellen, sondern agierten in einem schwachen Osten als Kollektiv – und hatten in jeder Runde sichtliche Probleme gegen nominell schwächere Teams, ehe sie als Conferenceerster mit 4-0 gegen die Cavaliers scheiterten.

Über Kyle Lowry könnte man 2016 noch diskutieren, aber dieser erzielte sehr effiziente 21 Punkte. Das sollte knapp für die Top 10 aller Playmaker reichen.

Wir haben hier also 10 verschiedene Spieler, die ihre Teams in den Playoffs getragen haben. Wichtiger ist jedoch auch ein Blick auf die Teams, die underperformt haben: Wer war nominell der Favorit in einer Serie und hat diese verloren? Und wer war der Lead Guard, der eigentlich für den Sieg des Teams sorgen sollte?

In den letzten fünf Jahren erreichten drei Teams nicht die Conference Finals, obwohl sie als erstes oder zweites in die Playoffs starteten: Die Spurs 2016, die Raptors 2018 und die Nuggets 2019.

Alle Teams hatten dasselbe Problem: Ihr bester Spieler war nicht (oder noch nicht) der primäre Ballhandler des Teams oder er war zwar ein Ballhandler, aber eben nicht gut genug, um ein Top 10 Spieler in der NBA zu sein.
Die ’16er Spurs waren zwar eine sehr homogene Einheit, aber befanden sich im Umbruch. Tony Parker war noch immer der primäre Ballhandler, Kawhi Leonard agierte noch sehr viel off-ball und ist mit dem jetzigen Modell überhaupt nicht zu vergleichen.
Bei den Raptors ’18 konnte man den schleichenden Rückgang von Kyle Lowrys Produktion beobachten. DeMar DeRozan übernahm immer mehr Ballhandlingaufgaben, aber war nicht so gut wie Lowry ’16 und deswegen hatte man in jeder Runde Probleme und scheiterte abermals an LeBron.
Die Nuggets im letzten Jahr hatten keinen wirklich guten Ballhandler. Jamal Murray ist eher ein Combo-Guard und Nikola Jokic kann den Ball nicht selbst bringen. Das ist ein generelles Problem aller Big Men: Dadurch dass sie auf ihre kleineren Mitspieler angewiesen sind, können sie nicht so übernehmen wie die Spieler, die den Ball am Perimeter dribblen.

Es kommt nicht von ungefähr, dass die besten Spieler nahezu alle primäre Balhandler sind. Die Rolle ist einfach zu wichtig.

Jeder weiß, wer du bist

Durch die gesammelten Daten, die jedem NBA-Fan vorliegen, kann nun recht klar gesagt werden, wer zu den besten Ballhandlern gehört, wer oft die richtige Entscheidung trifft und wer so wertvoll für sein Team ist, sodass man um ihn aufbaut. Bei allen anderen Rollen gibt es viel mehr Unschärfen, weil wir Off-ball nicht genau tracken können, wie ein Spieler sich verhält. 

Beim primären Ballhandler ist dies jedoch klar: Führt seine Aktion zu einem Korberfolg (entweder durch einen eigenen Wurf oder einen Assist), dann ist das ein Plus für ihn. Endet die Aktion in einem Fehlwurf oder Turnover, ist das ein Minus. Ist er nicht in die Entscheidungsfindung involviert, wird ihm das irgendwann negativ angelastet, weil er doch eigentlich das Gehirn des Teams ist. Das heißt, dass wir automatisch bei allen Possessions, die er nicht direkt oder indirekt abschließt, stutzig werden: Wieso war er kein Teil des Angriffs? Das müsste er doch eigentlich, weil er die Entscheidungen treffen sollte und nicht jemand anderes.

Es bleibt natürlich eine Grauzone, die jedem zugestanden wird: Vielleicht bietet er – wie Steph Curry durch seine Gravity – Spacing, vielleicht initiierte er eine Passstaffette, vielleicht war sein Off-Ball-Screen eine große Hilfe. Aber bei zu großer Inaktivität geht dies zumeist zu seinen Lasten.

Deswegen können wir einen überwältigenden Großteil des offensiven Outputs bewerten. Hier entscheidet sich schnell, ob ein Spieler gut genug für die ganz große Bühne ist.

Fazit

In der NBA ist es okay, wenn man in seinem Team durchschnittliche Bigs oder Wings hat – oder eindimensionale Rollenspieler, die eine Sache gut können, aber dir sonst nicht so viel geben. Aber dein primärer Ballhandler? Der muss gut sein. Viel besser als nur der Durchschnitt. Denn hier wird entschieden, wie die Offensive deines Teams aussieht und ob man erfolgreichen Basketball spielen kann.
Deshalb sind die durchschnittlichen Spielmacher eigentlich per Definition gar nicht durchschnittlich, denn sie sind nicht gut genug, um ihr Team zu den größten Erfolgen zu führen. Dein Team kann gut aufgestellt sein, mit guten Verteidigern auf jeder Position, aber wenn deine Ballhandler Donovan Mitchell und Ricky Rubio sind, scheiterst du trotzdem in Runde 1.

Der primäre Ballhandler ist die unbarmherzigste Rolle, die es in der NBA gibt. Sie sorgt dafür, dass du unsterblich werden kannst, aber wenn du nicht zu den besten Playmakern gehörst, wirst du automatisch für das Scheitern deiner Teams verantwortlich gemacht. Um sich das plastisch auszumalen: Es wird mit großer Wahrscheinlichkeit nicht reichen, der zwanzigbeste Playmaker der Welt zu sein, um in der NBA nahezu alle Beobachter zu überzeugen. Du musst besser sein. Denn dich sehen alle.

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