Gedanken, Lockout, NBA, Salary Cap / CBA

Verliert die NBA ein (großes) Stück Identifikation?

Die Auswirkungen der CBA-Veränderungen

Ich gebe ja zu, dass ich es mag, wenn in der Offseason minütlich Meldungen hereinflattern und die gesamte NBA-Landschaft innerhalb von kürzester Zeit Kopf steht. Wir müssen uns auf völlig neue Szenarien einstellen, bekommen Lineups zu sehen, die wir vorher vielleicht nur auf 2K ausprobiert haben. Alles ist anders und neu. Mittlerweile gibt es Stimmen (wie letztens im Lowe Post), die behaupten, dass die Offseason mehr Fans anspricht als die wirklichen Spiele. Ich habe darüber nachgedacht und finde den Punkt valide. Die Trading Deadline ist ein mediales Großereignis, der Start der Free Agency ebenfalls. Ich finde das auch nicht schlimm, schließlich ist dies ein Grund für mich, die NBA zu verfolgen: Es existieren einzigartige Regeln, die sehr viel spannender sind als die europäischen Sportarten.

Nur glaube ich auch, dass die NBA mittlerweile eine Grenze überschritten hat, die ihr nicht mehr nur gut tut. Es wird – gerade für Fans von Franchises, und das sollte der Großteil sein – schwieriger, eine Verbindung mit dem Team aufzubauen, wenn es dauernd durchrotiert. Die Celtics haben in den letzten vier Jahren drei verschiedene (All Star) Playmaker vorzuweisen.
Ich bin zum Glück (für mich) kein Fan einer Franchise, aber wenn ich in einem Jahr für Isaiah Thomas, dann zwei für Kyrie und im nächsten für Kemba schreien muss (und am besten noch die Jerseys von allen kaufe), dann fühlt sich das irgendwann möglicherweise willkürlich an.

Tom Haberstroh hatte letztens getweetet, dass nur noch 8 All Stars von 2017 (24 wurden ausgewählt) bei ihren Teams spielen. Kurz danach wurde mit Russell Westbrook der nächste getradet.
Keith Smith legte dann nach, dass in dieser Offseason 129 Spieler die Teams gewechselt hätten, Rookies ausgenommen. Das ist jeder vierte in der NBA. 

Ich sehe zwei große Punkte, die für die größere Fluktuation sorgen, und sie basieren auf einer Änderung des CBAs.

1. Kürzere Vertragslaufzeiten

Die Liga hatte in den vorherigen Verhandlungen ausgemacht, was einige Franchises hemmt: langjährige Verträge über fünf, früher gar über sechs oder mehr Jahre. Seit einigen Verhandlungsrunden streben die Teambesitzer vor allem an, dass die maximale Laufzeit der Verträge reduziert wird, um sich selbst zu schützen: Wer schlecht managt, der soll nicht so lange darunter leiden. Man stelle sich vor, die Portland Trailblazers hätten 2016 Evan Turner, Allen Crabbe und Meyers Leonard nicht nur vier, sondern sechs Jahre angeboten. Wahrscheinlich wäre man immer noch keinen losgeworden. Da es aber nur vier Jahre maximale Laufzeit gab, die man anbieten konnte, sind alle drei mittlerweile bei anderen Franchises gelandet.

Was den Portland Trail Blazers hilft, und sie auch wieder kompetitiv macht, das schadet momentan der NBA im Ganzen, wenn es um die Identität einer einzelnen Franchise geht. Die kurzen Verträge führen dazu, dass die NBA-Teams auch kaum noch Fehler machen können. Ein zweijähriger Vertrag kann so hoch dotiert sein, wie er will, spätestens nach einem Jahr ist er tradebare Masse. Ein Vertrag mit dreijähriger Laufzeit wird zumeist mit einer Option versehen, die aussagt, dass das letzte Vertragsjahr nur teilweise garantiert ist. Das Risiko, sich langfristig wirklich festzufahren und keine Chance mehr zu haben, ist fast eliminiert.

Zwei Städte, vier Teams

Und das halte ich grundsätzlich für falsch. Es muss Konsequenzen haben, wenn man Evan Turner jahrelang überbezahlt, es muss auch mal problematisch werden, wenn man einige Rollenspieler-Signings wirklich in den Sand setzt. Das liegt vor allem daran, dass es noch eine Leistung eines Front Offices sein muss, wirklich konstant gut zu arbeiten. Doch das ist – mittelfristig – kaum noch zu bewerten. Du kannst im letzten Jahr wirklich schlecht arbeiten (bspw. haben die Lakers nach dem LeBron-Signing gezeigt, dass sie nicht anständig evaluieren können, welche Spielertypen sie brauchen), aber das ist alles vergessen, wenn du in diesem Jahr einfach alles auf null stellen kannst und wieder von vorne beginnst (Fehler haben die Lakers trotzdem gemacht. Schaut dafür den Artikel von Julian Lage an).  Es muss eine Art Bestrafung dafür geben, dass man schlecht gearbeitet hat – und die kann nicht nur darin bestehen, dass man ein Jahr sportlich nicht so gut ist.

Zudem stellt sich die Frage, wieso die Spielergewerkschaft das alles mitträgt. Immer kürzere Laufzeiten – was ist mit der Sicherheit der Spieler?

2. Der explodierende Salary Cap

Der Salary Cap für die neue Saison beträgt 109 Millionen. In fünf Jahren soll er bei 144 Millionen liegen. Vor zehn Jahren betrug er 58 Millionen. Die Explosion der Gehälter ist eigentlich vordergründig kein Problem. Den Spielern sei das Geld sowieso gegönnt und das Marketing der NBA floriert, sodass das Wachstum eben für den Anstieg des Basketball Related Income sorgt. Würden die Spieler weniger bekommen, bekämen es die Besitzer. Das ist auch nicht unbedingt weise oder förderlich.

Es entsteht jedoch ein anderes Problem, das auf dem massiven Anstieg des verfügbaren Geldes fußt: Die Spieler sind nicht mehr gezwungen, existenzsichernde, langjährige Verträge abzuschließen. Gerade die Superstars haben mit einem Jahresgehalt von 25-35 Millionen Dollar ausgesorgt. Das wären 2009 noch zwischen 40 und 60% des Salary Caps gewesen! Aber auch die Rollenspieler kommen auf gut dotierte Verträge. Da der Cap fast durchgängig ansteigt, immer mehr Spieler Free Agents werden und alle Teams darauf erpicht sind, bloß keine Fehler zu machen, gibt es für viele Spieler die Möglichkeit, für ein Jahr extrem überbezahlt zu werden – und dann wieder Free Agent zu werden. Die New York Knicks haben fast nur 1+1 Verträge herausgegeben und nur Rollenspieler gesignt. Kaum ein Spieler ist auf langjährige Verträge angewiesen.

Das nimmt dann auch immer häufiger Formen an, die vor einem Jahrzehnt undenkbar gewesen wären: Superstars wollen keine langjährige Sicherheit, sondern bestehen viel eher auf ihrer Flexibilität. LeBrons pompöse Rückkehr zu den Cavaliers mit der ikonischen „I’m coming home“-Nachricht  – wurde mit einem 1+1 Vertrag besiegelt, damit James immer die Möglichkeit hat, Cleveland zu verlassen oder durch die Neuverhandlungen noch ein paar Extra-Dollar zu bekommen.

Die jetzige Offseason ist die bisherige Spitze dieser Entwicklung: Durant und Irving wollen zusammenspielen und finden dafür einen Ort; Kawhi fordert als Free Agent einen Trade für Paul George, um bei den Clippers zu unterschreiben, nimmt aber als Dank nur einen 2+1 Vertrag, um mit George in zwei Jahren aussteigen zu können. Wenn es nicht so läuft, wie er es sich erhofft, sucht er sich eine neue Destination. Kemba Walker wird der Ersatz für Irving, Al Horford verlässt Boston auch und unterschreibt bei den Sixers, wo Jimmy Butler zu den Heat geht. Jeder Star bekommt momentan das, was er sich wünscht.

Ich kann verstehen, dass gerade die Spieler sich dies wünschen und wir dieses Gehabe aus Europa auch so kennen. Aus Sicht eines neutralen Beobachters stört mich das Verhalten aber zusehends. Das liegt natürlich auch an meinen Interessen: Ich finde die NBA auch deswegen so interessant, weil sie die finanziellen Gegebenheiten so in den Vordergrund stellt. Die Grundidee der NBA ist, dass jedes Team dieselben Möglichkeiten bekommt: Jeder darf einen bestimmten Betrag für Spielergehälter ausgeben. Wenn man also besonders gut wirtschaftet, wird man sich irgendwann Vorteile verschaffen, sodass man andere Manager aussticht. Momentan fühlt es sich aber so an, dass man keine besonderen Fähigkeiten mehr benötigt, um Erfolg zu haben: Räume den Cap Space frei, sei ein großer Standort, gib den Superstars, was sie wollen, und lasse dich als Sieger feiern. Es kommt nicht von ungefähr, dass die beiden Franchises in Los Angeles sowie die Brooklyn Nets als absolute Big Markets die Superstars einstreichen. Dieser Trend missfällt mir, weil du nicht unbedingt gut arbeiten musst, um sportlich ein attraktives Paket zu schnüren. Es fühlt sich zu europäisch an, dabei sollte der Soft Cap gerade das verhindern.

Was übrig bleibt

In der NBA sollte es wieder möglich sein, sich langfristig handlungsunfähig zu machen. Das tut einigen Franchises sicherlich nicht gut, aber durch die ganzen Ein-Jahres-Verträge und die dauernden Free Agents verlieren viele Franchises ihr Gesicht, da sie ständig ein neues bekommen. Das dürfte dem lokalen Fan nicht so viel Spaß bereiten, dem neutralen Analysten nicht und den Front Offices der Small Markets ebenfalls nicht.

Die NBA verliert einen Stück ihres Reizes, weil sie – zumindest gefühlt – noch Big Market zentrierter wird. Vor allem verliert sie aber die Identität. Dabei geht es nicht darum, dass wir mehr Kobes und Dirks wollen, die nur für ein Team spielen. Aber es kann auch nicht sein, dass Paul George und Kawhi Leonard drei Teams in drei bzw. vier Jahren durchhaben. Journeymen war mal der Ausdruck für Spieler, die sich mühsam versucht haben, in der Liga zu halten. Nun sind es die Superstars, die sich auf ihre eigene Reise begeben und sich allerlei Orte und Teams ansehen.

Die NBA dreht sich schneller als je zuvor. Dass das nicht nur positive Seiten hat, sollte spätestens jetzt klar geworden sein.

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