Dallas Mavericks

Nowitzki und die Schuldfrage

Die Mavericks haben es wieder einmal geschafft, sich zu blamieren. Das Verspielen der 23 Punkte-Führung im vierten Playoffsspiel der ersten Runde gegen die Portland Trailblazers erinnerte durchaus an vergangene Spiele wie die Niederlage gegen die Lakers 2002, als eine 27 Punkte-Führung im letzten Viertel noch hergegeben wurde, der Verlust der Playoffsserie gegen die achtplatzierten Golden State Warriors oder an den noch viel schmerzhafteren 13 Punkte-Swing im dritten Spiel der 2006er Finals, der letztlich vermutlich die Championship kostete. Trotz der fabulösen Leistungen im vierten Viertel der ersten beiden Spiele, in denen Nowitzki das Dallas-Team zu zwei Siegen tragen konnte, kommt aufgrund der neuerlichen Ereignisse die Frage nach den Führungsqualitäten des Deutschen auf. Welche Mitschuld trägt Nowitzki am Versagen der Mavericks in Spiel 4, und welchen Anteil hat er am Ausscheiden der Playoffs in den letzten Jahren?

Usage Rate – Der Schlüssel zur Aufklärung?

Betrachtet man den “Playoff-Nowitzki” der letzten Jahre statistisch, erkennt man schnell, dass man es hier mit einem der effizientesten Scorer und Offensivspieler überhaupt zu tun hat. Er ist einer der vier Spieler, die einen Playoff-Karriereschnitt von über 25 Punkten und 10 Rebounds haben, rangiert auch im Player Efficiency Rating (PER) weit oben, schießt hocheffizient und verliert den Ball so selten wie kein anderer Spieler, der eine solch große Rolle in der Offensive seines Teams einnehmen muss. Zudem zeigt er, dass er in wichtigen Spielen seinen Mann stehen kann. In den Elimination Games legt er durchschnittlich 28.6 Punkte, 11.7 Rebounds und 2.7 Assists auf, bei gewohnt starken Quoten. Der Vorwurf, der fehlenden Führungsschwäche sollte damit eigentlich entkräftet werden – ist er aber nicht. Hauptgrund dafür ist Nowitzkis ruhiges Naturell, dass ihn hindert, einen „Vocal“ Leader darzustellen, wie es selbstverliebte Egomanen wie Jordan oder Bryant jahrelang mühelos taten und tun. Diese ruhige Art hindere ihn ebenfalls daran, fordernd zu sein, um das Spiel zu übernehmen, wenn der Spielverlauf dies verlangt.

Völlig falsch sind diese Einwände jedenfalls nicht. Während die offensive Effizienz Nowitzkis auch in den letzten Jahren in den Playoffs zunahm, hatten seine Mitspieler Probleme. Niemand schaffte es, über einen längeren Zeitraum Verantwortung zu übernehmen, wobei dies insbesondere in der Offensive problematisch wurde. Doch anstatt einiges der Offensivlast, auf Kosten seiner eigenen Effizienz, zu übernehmen, verminderte sich die Häufigkeit der Offensivaktionen von Nowitzki. In den 2009er Playoffs verringerte sich seine Usage Rate von 30% auf 28%, während andere Spieler, deren Offensive Rating mit ihrer größeren offensiven Rolle sank, wie Josh Howard und JJ Barea, in diesem Wert zulegten. Ähnliches lässt sich in den 2010er Playoffs beobachten, in denen Butler offensiv mehr Verantwortung übernahm. Um das grob zusammenzufassen: Nowitzki, einer der effizientesten und effektivsten Offensivspieler, den die NBA je gesehen hat, agiert in derselben Regelmäßigkeit wie in den unbedeutenden Regular Season Spielen, während seine Mannschaftskameraden, die bereits Probleme haben, ihrer kleinen Rolle gerecht zu werden, mehr Verantwortung übernehmen müssen.
Dazu kommt, dass die Mannschaften, die gegen die Mavericks in den letzten Jahren agierten (zwei mal die Spurs, einmal die Nuggets) stets der Taktik folgten, Nowitzki im 1 gegen 1 zu verteidigen, und damit bewusst in Kauf nahmen, dass dieser sich offensiv entfalten kann, während die Rollenspieler kontrolliert werden sollten. Eigentlich ein Freifahrtschein für den Power Forward, der genutzt werden muss.

2011 – Alles bleibt anders?

Doch die gleichen Beobachtungen in den letzten Playoff Jahren wiederholten sich auch im vierten Viertel des vierten Spiels gegen Portland. Bei nur drei Wurfversuchen und zwei Ballverlusten liegt der Verdacht nahe, der Power Forward verstecke sich. Dabei spielte er bis zum letzten Viertel eine gute Partie. Natürlich ist Nowitzki darauf angewiesen, dass ihn seine Guards den Ball einsetzen und es steht auch fest, dass es schwer ist, sich ständig gegen eine aggressive Deny-Defense durchzusetzen, aber  dies nimmt ihn nicht aus seiner Verantwortung. Vermutlich wäre ein deutliches „Give me the Ball“ in einer Auszeit ausreichend gewesen, vielleicht hätte der ein oder andere Ball in den Händen Nowitzkis den Ausschlag für einen Sieg geben können. Stattdessen sah er zu, wie Jason Terry und Jason Kidd sich an Fehlwürfen und Ballverlusten überboten.

Dass es auch anders geht, und anders auch erfolgreich ist, zeigt der bisherige Verlauf der Erstrundenserie der Mavericks gegen Portland. Die ersten beiden Spiele entschied Nowitzki fast alleine, indem er im vierten Viertel pausenlos den Ball forderte und damit die Entscheidungen erzwang. Während die Presse die 18 bzw. 14 Punkte im Schlußviertel feierte, ging beinahe unter, dass sich Nowitzkis Usage Rate mit 42 bzw. 41% weit über dem Saisonwert von 27% befand. Als sich der Wert in den nächsten beiden Spielen wieder auf 33 und 30% normalisierte, verloren die Mavericks die Partien in Portland. Natürlich gibt es eine Vielzahl von Gründen, weshalb diese Spiele verloren wurden, angefangen bei den schwächer aufspielenden Rollenspielern bis hin zum Trainer. Die Verbindung von “aktiver Nowitzki” zu “Sieg Dallas” ist allerdings unverkennbar. Spiel 5 scheint davon bisher die Ausnahme zu sein, aber da die Aufholjagd der Blazers im letzten Viertel ausblieb, bedarf es keiner Heldentaten des Power Forwards, der sogar von der 43. bis zur 46. Minute auf der Bank Platz nehmen durfte. Es scheint offensichtlich: wenn Nowitzki eine größere Rolle übernimmt, hat seine Mannschaft eine größere Chance zu gewinnen. Das scheint auch Nowitzki erkannt zu haben, vielleicht aber ein oder zwei Jahre zu spät.

Fazit

Wie steht es also nun um die Mitschuld Nowitzkis? Hat er einen Anteil am frühzeitigen Ausscheiden seiner Mannschaft in den letzten Jahren? Scheiterte er sogar Jahr für Jahr selbst an seiner Rolle als Franchise Player, weil er das Volumen seiner Offensivaktionen in den Playoffs nicht erhöhen konnte, obwohl dies der Mannschaft geholfen hätte? Sicher trifft ihn eine Teilschuld an den Erst- und Zweitrunden-Niederlagen der Mavericks. Sehr hoch dürfte diese allerdings nicht sein, wenn man bedenkt, welche Rolle seine Mitspieler und Trainer in dieser Zeit spielten. Reicht diese Kritik, um zu argumentieren, dass Nowitzki keine Mannschaft als erste Option mehr führen kann? Nach meiner Ansicht nicht, schließlich ist die Qualität des Maverick zu hoch, als dass er den einen Aspekt, den er nicht erfüllt, nicht auffangen kann. Andere „Franchise Player“ würden sterben, um an Nowitzkis offensive Qualität heranzukommen, ohne die es gar nicht nötig wäre, mehr “Verantwortung” übernehmen zu müssen.

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