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Wirklich wertvoll?

Etwas mehr als ein Viertel der aktuellen NBA-Saison liegt bereits hinter uns. Es ist die Zeit, in der die ersten lauten und heißen Diskussionen beginnen, wer denn der „Most Valuable Player“ der Saison sein könnte. Doch in diesem Jahr verhält es sich etwas anders und es ist merklich ruhiger. Der Grund dafür? Es fehlen schlicht die legitimen Kandidaten.

Die Suche nach der Definition und den Auswahlkriterien

Ausgezeichnet wird der wertvollste Spieler der Liga. Doch was bedeutet der Begriff „wertvoll“ überhaupt? Es steht außer Zweifel, dass der Interpretationsspielraum ziemlich groß ist, schließlich ist „wertvoll“ nicht in Zahlen messbar.

Es wird also der Spieler gesucht, der für den Teamerfolg quasi unverzichtbar ist. Der Spieler, der sein Team auf ein anderes Niveau hievt. Der Spieler, der auch die kleinen Dinge aufs Parkett bringt, die vielleicht nicht in Statistiken auftauchen. Und genau das ist das Hauptproblem. Gute persönliche Statistiken qualifizieren einen Spieler nicht automatisch für den Kandidatenkreis in der MVP-Frage. Es muss also noch andere Kriterien geben, um in den Kandidatenkreis zu kommen.

Ein Blick in die Historie der MVP-Wahl macht eines deutlich: Der Teamerfolg ist ein sehr entscheidendes Kriterium, um überhaupt eine Chance auf den MVP-Titel zu haben. In den letzten 20 Jahren war das Team des späteren MVPs immer ein Team, das mindestens den drittbesten Record der Liga aufzuweisen hatte (die Ausnahme war Steve Nash 2005/06. Die Suns erreichten damals „nur“ den viertbesten Record der Liga). Die Feststellung, dass der Teamerfolg einen großen Einfluss auf die MVP-Wahl hat, verkleinert den Kreis der möglichen Kandidaten schon erheblich.

Die Situation in der aktuellen Saison

Wenn wir nun einen Blick auf die aktuelle Saison werfen und voraussetzen, dass nur Spieler von Teams für den MVP-Titel in Frage kommen, die auch einen entsprechend guten Record haben, ist es schon schwer, einen wirklich herausragenden Kandidaten zu finden.

Schaut man auf die derzeit besten beiden Teams der Liga – die Boston Celtics und die San Antonio Spurs -, ist dort kaum ein einzelner Spieler hervorzuheben. Beide Teams haben eines gemeinsam: Sie sind jeweils perfekt zusammengestellte Teams, ohne den einen herausragenden Star, der das Team alleine trägt.

Bei den Celtics punkten derzeit sechs Spieler im Schnitt zweistellig. Herausragend sind sicherlich die fast 14 Assists pro Spiel, die Rajon Rondo im Moment pro Spiel auflegt, allerdings stechen seine knapp 11 Punkte pro Spiel alles andere als heraus. Er scored auf dem gleichen Niveau wie der 38-jährige Shaquille O’Neal, der dafür über 16 Minuten weniger Spielzeit benötigt.
Topscorer des Teams ist Paul Pierce. Seine  individuellen Statistiken (18,5 PPG/5 RPG/3 APG) stechen in diesem ausgeglichenen Team ebenso wenig hervor, wie die von Kevin Garnett (15,7 PPG/10 RPG/2 APG). Die Celtics sind vor allem aufgrund ihrer Ausgeglichenheit so erfolgreich und nicht aufgrund der überragenden Leistungen eines Einzelspielers. Es ist unmöglich, einen einzelnen Spieler hervorzuheben – und deshalb auch unmöglich, einen einzelnen Spieler zum MVP zu wählen.

Ein identisches Bild sehen wir in San Antonio. Das Team hat im Moment den besten Record der gesamten Liga, doch dieser Erfolg hat viele Väter. In den vergangenen Jahren war der Führungsspieler der Spurs zweifelsohne schnell auszumachen – Tim Duncan. Sowohl offensiv als auch defensiv war er der Anker für das Team aus Texas. In dieser Saison spielt Duncan die wenigsten Minuten seiner Karriere und nimmt im Schnitt mehr als 2 Würfe weniger als seine Mitspieler Tony Parker und Manu Ginobili. Dass er nicht mehr der unumstrittene Führungsspieler ist, wird auch in Spielen wie gegen die Atlanta Hawks deutlich. Ein im letzten Viertel völlig ausgeglichenes Spiel, in dem Duncan nicht eine Minute Spielzeit bekommt. Früher undenkbar, dass der Franchiseplayer in der Crunchtime auf der Bank sitzt, hat Gregg Popovich in dieser Saison keine Probleme damit, Duncan draußen zu lassen, wenn andere Formationen auf dem Feld funktionieren.

So wird das Team in der laufenden Saison mal von Tony Parker getragen, mal von Manu Ginobili – selbst Bankspieler wie Matt Bonner, George Hill oder Gary Neal  sprangen schon in die Bresche, wenn es in manchen Phasen für das Team nicht lief. Ebenso wie die Boston Celtics sind auch die Spurs zu ausgeglichen besetzt, als dass ein ernsthafter MVP Kandidat aus San Antonio kommen könnte.

Zum Kreis der Topteams der Liga gehören auch die Dallas Mavericks. Durch ihre Serie von 12 Siegen in Folge liegen die Mavericks derzeit auf Platz zwei im Westen. Im Gegensatz zu den Teams aus Boston und San Antonio haben die Mavericks DEN einen Spieler im Team, der den Unterschied macht. Dirk Nowitzki spielt eine sehr gute Saison, er erzielt im Schnitt 9 Punkte mehr pro Partie als Jason Terry, dem zweitbesten Scorer der Mavericks. Zudem trifft Nowitzki bisher knapp 56% seiner Würfe und liegt damit 8%-Punkte über seinem eigenen Karriereschnitt – ein überragender Wert.

Bei Nowitzki stimmen auf den ersten Blick sowohl die individuellen Statistiken (24,8 PPG/7,6 RPG), als auch der Teamerfolg. Doch ist er damit ein legitimer MVP Kandidat? Nur auf den ersten Blick, denn schaut man sich die Zahlen von Nowitzki genauer an, fällt schnell auf, dass Nowitzki in fast allen Kategorien  im Vergleich zur Vorsaison abgebaut hat. Er nimmt deutlich weniger Würfe als in den acht Jahren zuvor, er zieht weniger Freiwürfe als in den Jahren zuvor, nie in den letzten 10 Spielzeiten reboundete Nowitzki schwächer als in der laufenden Spielzeit. Seine Assistzahlen liegen unter seinem Karriereschnitt, und nie zuvor produzierte Nowitzki so viele Turnover wie in dieser Saison.

Die Favoriten vor der Saison

Und wie schlagen sich die vor der Saison immer wieder genannten Spieler, wenn es um den MVP der Saison ging?

Die Zahlen von Lebron James sind seit seinem Wechsel zu den Miami Heat – erwartungsgemäß – zurückgegangen. Derzeit scored er knapp 3,5 Punkte  pro Partie unter seinem Karriereschnitt, was aber angesichts seiner Mitspieler auch nicht weiter verwunderlich ist. War er in Cleveland die unumstrittene Nummer eins im Team, hat er in Miami nun mit Chris Bosh und Dwayne Wade wesentlich bessere Mitspieler. Aus diesem Grund nimmt James bisher auch die wenigsten Würfe seiner gesamten Karriere. Mit 24 PPG/6,5 RPG/7 APG weist er trotzdem noch sehr gute individuelle Statistiken auf.  Nach schwachem Start hat sich Miami mittlerweile gefangen und liegt derzeit schon auf Rang zwei in der Eastern Conference. Doch ist Lebron der wertvollste Spieler im Team? Angesichts seiner teils sehr guten Mitspieler ist diese Frage kaum zu beantworten.

Auch Dwight Howard wurde vor der Saison immer wieder als möglicher MVP genannt. Seine Zahlen (21,5 PPG/12 RPG/2 BPG) lesen sich sehr gut. Seine 57,8% Wurfquote sind weiterhin auf einem sehr hohen Niveau. Orlando liegt mit seinen 9 Niederlagen bisher allerdings nur auf Rang 4 im Osten. Zudem hat Howard durchaus sehr gute Mitspieler um sich herum (4 weitere Mitspieler scoren zweistellig pro Partie). Howard ist auch nicht der unumstrittene Leader auf dem Feld, der ein Team in der Crunchtime tragen kann, wie es bspw. Tim Duncan oder Shaquille O’Neal in ihren Glanzzeiten getan haben. Kann man einen Spieler als „wertvollsten Spieler“ bezeichnen, der in der Zeit einer Partie, in der es um alles geht, kaum den Ball in seinen Händen hat? Eher nicht.

Kobe Bryant von den Los Angeles Lakers ist natürlich auch jedes Jahr ein oft genannter Name. Seine persönlichen Leistungen (26 PPG/5 RPG/5 APG) sind absolut in Ordnung. Doch auch er hat das Problem, dass er starke Mitspieler neben sich hat. Pau Gasol ist mehr als nur eine zweite Option. Seine fast 20 Punkte und über 11 Rebounds pro Spiel sind Zahlen eines Franchise Players. Und hinter diesen beiden steht auch noch der wohl beste Support der Liga, mit Spielern wie Lamar Odom, Ron Artest, Steve Blake, Matt Barnes und dem wiedergenesenen Andrew Bynum. Angesichts einer solchen Tiefe im Kader, ist es unmöglich, die Frage zu beantworten, wie wertvoll Kobe Bryant für das Team der Lakers ist.

Bleiben noch die Spieler übrig, bei denen zwar die individuellen Statistiken gut sind, die aber aufgrund des Teamrecords kaum Chancen auf den MVP-Titel haben werden. Hier sind sicherlich Chris Paul (16 PPG/10 APG/3 SPG), Deron Williams (22,5 PPG/ 9,7 APG), Derrick Rose (24 PPG/8,4 APG) oder auch Amare Stoudemire (26,6 PPG/9,3 RPG) zu nennen.

Ist die MVP-Definition zeitgemäß?

Der Blick auf die aktuelle Saison macht eines deutlich – es gibt eigentlich keinen geeigneten Kandidaten. Die derzeitigen Topteams sind entweder viel zu ausgeglichen besetzt, um einen einzelnen Spieler herausheben zu können, weisen – wie Dirk Nowitzki – bei weitem nicht die überragenden Statistiken auf, wie es auf den ersten Blick scheint, oder aber spielen in Teams, die keinen überragenden Record am Ende der Saison aufweisen werden.

Blicken wir noch einmal auf die MVPs der letzten 20 Jahre zurück. Nur sieben der letzten 20 MVPs wurden am Ende der Saison auch Meister mit ihren Teams – darunter allein 4 Mal Michael Jordan. Die Quote ohne Jordan liegt also bei 3 von 16 (Hakeem Olajuwon, Shaquille O’Neal und Tim Duncan). 3 weitere MVPs führten ihr Team immerhin in die NBA Finals (Charles Barkley, Allen Iverson, Kobe Bryant). Die anderen 10 MVPs scheiterten mit ihren Teams bereits vorzeitig in den Playoffs.

Angesichts dieser Zahlen stellt sich die Frage, ob die MVP-Definition noch zeitgemäß ist. Denn, überspitzt gesagt, werden meist Spieler zu MVPs ernannt, die aber nicht in der Lage sind, ihr Team zum Titel zu führen. Wäre nicht aber der Meisterschaftstitel, oder wenigstens die Finalteilnahme, ein aussagekräftiges Prädikat für „wertvoll“? Kann ein Spieler „der Wertvollste“ sein, wenn er am Hauptziel – maximaler sportlicher Erfolg – scheitert?

MVP = Best Player of the League

Die MVP-Definition muss überdacht werden. Die Schwierigkeit der aktuellen Definition ist, dass es nicht zu ermessen ist, wie wertvoll ein Spieler ist. Dadurch werden immer wieder Spieler in den Kandidatenkreis gespült, die regelmäßig daran scheitern, mit ihrem Team auch in den Playoffs Erfolg zu haben und/oder die davon profitieren, dass ihnen eine zweite Option im Team fehlt, wie es beispielsweise bei Dirk Nowitzki der Fall ist.

Deshalb sollte man den MVP-Award dahingehend ändern, dass man den besten Spieler der Liga sucht und auszeichnet, und nicht den wertvollsten. Dieses ist ein großer Unterschied, denn nicht immer muss der wertvollste Spieler auch der beste Spieler sein. Zudem muss der beste Spieler längst nicht auch immer in einem erfolgreichen Team spielen.

Nehmen wir beispielsweise das Jahr 2006. Steve Nash wurde am Ende der Saison als wertvollster Spieler ausgezeichnet. Kobe Bryant wurde mit seinen Los Angeles Lakers zwar nur Siebter im Westen, war aber mit seinen über 35 Punkten pro Spiel zweifelsohne der beste Spieler der Saison. Würde man zudem die 30 Coaches der NBA befragen, welchen Spieler sie für einen Teamerfolg in ihr Team picken würden – Steve Nash oder Kobe Bryant -, wäre die Antwort wohl ziemlich eindeutig.

Würde man in dieser Saison statt dem MVP den besten Spieler der Liga suchen, hätte man jedenfalls nicht die Probleme bei der Kandidatensuche – es wäre Lebron James.

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