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Helfen Guards beim Rebounding?

Helfen Westbrook, Rondo, Turner & Co. ihren Teams?

488. Das ist die Anzahl an Rebounds, die Russell Westbrook in der letzten Saison geholt hat. Durchschnittlich 5,4 Defensivrebounds konnte er für sein Team sichern – Ligaspitze unter den Guards. Wie sehr helfen also die kleinen Spieler beim Defensivrebounding und wie sinnvoll ist Guard-Defensivrebounding?

Fabian Thewes hatte in seinem Artikel für Go-to-Guys.de bereits eindrucksvoll herausgestellt, dass Defensiv- und Offensivrebounding zwei verschiedene Fähigkeiten sind und man offensiv eher Einzelkämpfer- und defensiv Teamfähigkeiten mitbringen muss.
Die Betrachtung des offensiven Rebounds ist hier weniger sinnvoll, weil die Beurteilung nicht unbedingt abhängig vom Talent des Spielers ist, sondern vor allem von den Anweisungen des Coaches. Die Dallas Mavericks waren im Meisterjahr 2011 nur 26. im Offensivrebounding, aber Achter am defensiven Brett. Das strategische Zurückziehen nach einem Fehlwurf kann sehr hilfreich sein, um den Fastbreak des Gegners zu unterbinden. Außerdem sind die offensiven Reboundraten der Guards zumeist vernachlässigbar, weil sie sich im 2-3%-Bereich bewegen.

Wer ist der beste Guard-Rebounder?

Bevor wir uns überlegen können, wie sinnvoll es ist, dass Guards zum Defensivrebounding gehen, sollten wir uns einen Überblick darüber verschaffen, wer denn überhaupt statistisch der beste Defensivrebounder in der Liga ist. Westbrook holte zwar die meisten Defensivrebounds pro Spiel, aber wir wissen ja bereits zu Genüge, dass dies durch die Pace und unterschiedliche Minutenanzahl keine verlässliche Aussage ist.
Für eine bessere Aussagekraft sollten wir uns auf das DRB% berufen, das bspw. basketball-reference.com anbietet. Hier erfahren wir auch, dass es nicht Westbrook ist, der die Liga anführt, sondern Evan Turner. Vernachlässigt man Kent Bazemore wegen der geringsten Minutenzahl ergibt sich eine Top 5 aus Turner, Lance Stephenson, Westbrook, Rajon Rondo und Michael Carter-Williams. Das überrascht nicht, wenn wir an die gehäuften Triple Doubles in der letzten Saison denken sowie an potentielle Kandidaten, die Assists und Rebounds zweistellig liefern können.

Was sind diese Rebounds aber nun wert?

Versetzen wir uns in eine typische Spielsituation. Das gegnerische Team hat den Ball, forciert einen Wurf, der aber sein Ziel verfehlt und vom Ring oder Brett wieder zurück ins Feld springt. Welche Mechanismen setzen nun bei dem verteidigenden Team ein?

Die oberste Prämisse ist klar: Der Rebound soll gesichert werden, um wieder in Ballbesitz zu kommen. Dazu bedarf es im Regelfall der Teamarbeit. Kaum ein einzelner Spieler ist dafür verantwortlich, dass in der Liga durchschnittlich 3 von 4 Rebounds beim verteidigenden Team landen. Es ist das Zusammenspiel der näher am Korb platzierten Verteidiger, die den Ball sichern. Im überwältigenden Großteil der Situationen sind dies die beiden Big Men der verteidigenden Mannschaft, die sich zumeist auch den Rebound sichern oder mit ansehen müssen, wie die offensiven Bigs die Possession erhalten und den Ball wieder unter ihre Kontrolle bringen. Auffällig ist hier zunächst, dass die Guards in der Verteidigung zumeist gar nicht aktiv agieren (also bspw. beim Ausboxen helfen), sondern nur reagieren und sich bestmöglich platzieren, um einen Abpraller doch zu ergattern. Dies liegt in der heutigen Zeit daran, dass durch den vermehrten Drei-Punkte-Wurf der Ball durchschnittlich weiter vom Korb wieder herunterkommt (Einfallswinkel = Ausfallswinkel) oder aber die Bigs gezielt für die Guards ausboxen. Der Guard selbst beeinflusst den Reboundvorgang am defensiven Brett kaum.

Statistisch lässt sich dies vor allem mit den neuen Statistiken, die die NBA zur Verfügung stellt, belegen: Mit den „contested rebounds“ wird gemessen, ob ein Rebound gegriffen wurde, wenn ein Gegenspieler in unmittelbarer Nähe war oder ob der Rebound nur ungehindert eingesammelt wurde. Hier wird versucht zu untersuchen, ob um die Bälle wirklich gekämpft wurde. Dass Bigs diese (auch noch totale) Statistik anführen, ist nicht verwunderlich, sie stellen schließlich auch die besten Rebounder. Bei den umkämpften Rebounds wird nochmals deutlicher, wie eminent wichtig die Spieler direkt am Korb sind, um die Possession zu sichern bzw. zu erhalten. In den Top 100 gibt es  … genau einen Guard. Auf Rang 100. Russell Westbrook sichert sich von seinen 7,3 Gesamtrebounds nur 2,0 im Kampf. Den Rest sammelt er recht unbedrängt ein. Westbrook kommt auf diese 2,0 Rebounds allerdings auch deshalb, weil er der beste Offensivrebounder unter den Guards ist und dort fast 1,9 ORBs einsammelt. Wie im Artikel von Fabian Thewes schon erklärt, ist dies immer eine zu würdigende Leistung.

Dennoch stehen 99 Frontcourtspieler vor Westbrook, also im Prinzip eine Dreier-Rotation von jedem Team. Die anderen Rebounding-Guards aus der Top 5 finden sich auf den Rängen 197 (Turner), 141 (Carter-Williams), 185 (Rondo) oder nicht mal in den Top 200 (Stephenson) ein.
Bei Evan Turner kann man dies zudem nochmals gut zeigen, wie wenig Einfluss er aufs Rebounding hat, weil die Boston Celtics in der letzten Saison ein besseres Reboundingteam in der Defensive waren, wenn Turner auf der Bank saß. Defensivrebounding ist Teamarbeit.

Bis zu diesem Zeitpunkt sollte klar sein, dass es Guards gibt, die Rebounds holen und sicherlich auch ein gewisses Gespür dafür haben, wo ein Ball nach einem Fehlwurf landen könnte, aber dass der eigentliche Prozess des defensiven Reboundings von den Bigs am Korb dominiert wird. Die Guards haben fast keinen Einfluss darauf, ob das Team den Ball bekommt oder nicht. Allerdings forcieren einige Bigs durch ihr Ausboxen geradezu, dass der Lead-Guard zu einem Rebound kommt. Warum?

Auf dem schnellsten Weg zum Erfolg

Die Taktik, dass die Bigs für den kleineren Spielmacher ausboxen, ist nicht neu. Jason Kidd war sicherlich ein sehr guter Antizipator, was den Fehlwurf des Gegners anging, aber seine acht Rebounds pro Spiel holte er nicht, weil er etwas sehen konnte, was sonst niemand sah. Es lag vor allem daran, dass seien Bigs für ihn ausboxten und nicht versuchten, aktiv den Rebound selbst zu sichern, sondern die Gegner so lange vorm Rebound abzuhalten, bis der Floor General diesen sichern konnte. Warum dies aus Teamsicht so sinnvoll erschien, ist leicht erklärt: Normalerweise ist der Playmaker eines Teams der Spieler mit dem besten Ballhandling und der besten Courtvision auf dem Feld. Wenn man es nun schafft, diesem Spieler so schnell wie möglich den Ball zukommen zu lassen, kann dieser damit beginnen, den Gegenangriff zu planen. Er trifft die besten Entscheidungen und sieht nicht nur Möglichkeiten zum Fastbreak, sondern kann sie aufgrund seines Skillsets auch bestmöglich umsetzen.

Kaum ein Big hat die Übersicht wie Kevin Love; noch weniger Bigs haben die Übersicht und den Skill, solche Outletpässe zu spielen wie der Cavalier. Deswegen ist es aus Teamsicht viel sinnvoller, dass nicht der Big den Rebound sichert – obwohl er dies könnte –, sondern dass der Ball so schnell wie möglich zu dem Spieler geht, der das Spiel beschleunigen kann, ohne viele Fehler zu machen. Deshalb werden Rebounds den Ballhandlern überlassen, um zum effizienten Spielzug des Basketballs zu kommen, der in einer gewissen Häufigkeit genutzt wird (der Cut ist bei weit kleinerem Volumen noch effizienter): zum Fastbreak. Die Teams in der NBA erzielen durchschnittlich 1,1 Punkte pro Fastbreak, den sie laufen. Deshalb ist es auch sinnvoll für viele Teams, genau in diese Situation zu kommen.

Ironischerweise ist dies für unsere Top 5 bei den Defensivrebounds auch bitter nötig. Keiner der Fünf verfügt über einen sicheren, sauberen Distanzwurf. Im Gegenteil: alle Spieler haben erhebliche Probleme mit dem Wurf weiter weg vom Korb. Lance Stephenson hat in der letzten Saison den unrühmlichen Rekord für die schwächste Dreierquote mit mindestens 100 Versuchen in der NBA aufgestellt; Russell Westbrook weiß noch immer nicht, wann er einen Dreier nehmen soll und hat Probleme beim Decisionmaking;  Michael Carter-Williams, Evan Turner und Rajon Rondo verweigern den Wurf zuweilen komplett, weil sie wissen, dass sie ihn nicht treffen können.

Diese Fünf tauchen nicht zufällig bei den Defensivrebound auf: Es ist ihre beste Chance, ein effizientes Play zu kreieren. Wenn klar ist, dass eine Verteidigung, die sich im set play befindet, alles dafür tun wird, dass man als Guard nicht zum Korb penetrieren kann und man als Guard zudem über keinen nennenswerten Wurf verfügt, dann hat man in der Halbfeldoffensive sehr große Probleme. Die Lösung ist somit, gar nicht erst ins set play zu gehen, sondern über die Transition zu einfachen Punkten zu kommen. Dies gelingt aber nur durch Steals oder defensive Rebounds. Als Coach ist es da nur natürlich, dass man all seine Spieler bestmöglich einsetzt und dementsprechend versucht, dem Playmaker den Ball in die Hände zu geben. Deswegen gibt es einige Guards, die viele Rebounds einsammeln und dies auch folgerichtig tun, um sich selbst in Szene zu setzen und der Halbfeldoffensive zu entkommen. Gute Defensivrebounder sind sie damit aber nicht automatisch, weil sie bei dem Vorgang selbst kaum Einfluss auf dem Ausgang haben.

Fazit

Wir müssen unterscheiden, welche Aussage wir zum Defensivrebounding von Guards treffen wollen. Viele Rebounds pro Spiel bedeuten nicht, dass der Guard sein Team wirklich beim Reboundingprozess unterstützt, sondern im Regelfall nur die gut ausgeboxten Fehlwürfe einsammelt, um das Spiel schnell zu machen. Natürlich muss der Guard auch ein gewisses Talent dafür haben, etwa die Antizipation für den Rebound. Zu großen Teilen erhält er den Ball aber nur, weil die eigenen Bigs ihm den Weg freiräumen. Es ist falsch anzunehmen, dass die Addition eines guten Reboundguards zu einem schlechten Reboundteam einen signifikanten Effekt hätte.

Allerdings hat das Ausboxen für den Guard seine Berechtigung und hilft den Teams auch ungemein. Der Fastbreak ist das effizienteste Play innerhalb der Liga, weil die Defense keine Zeit hat, um sich neu zu ordnen. Dies gilt es auszunutzen und so oft wie möglich in eine Fastbreaksituation zu kommen. Dennoch sollten wir uns klar machen, dass ein Guard niemals die Arbeit eines Bigs ersetzen kann.

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9 comments

  1. Avatar

    Coach K

    Respekt ein sehr guter Artikel über das Reboundingverhalten von Guards. :!:

    Ich gebe dir Recht das das Teamkonzept hier sehr extrem sich bemerkbar macht. Wenn die Guards auch selber noch mit Ausboxen würden wäre das ganze noch besser auch gerade für die BigMan die natürlich dann immer blöd aussehen wenn von hinten ein Guard sich einen Rebound schnappt der deutlich kleiner ist. Dies würde nicht passieren wenn Guards mit ausblocken würden, bzw. den Gegner nur für eine Sekunde beim Rebound Vorgang stören würden.

    Wenn ihr mal Zeit hat dann schaut euch sowas mal bei Amatuerteams an, hier sieht man besonders erfolgreiche Teams den Fastbreak solaufen wie das in diesem Artikel beschrieben wurden ist. Das liegt zum größtenteil daran das das Spiel im Setplay nur unterdurchschnittlich ist und der Korbleger im Fastbreak mit der sicherste Wurf im Spiel ist.

  2. Dennis Spillmann

    |Author

    Danke!

    In der NBA beobachte ich eigentlich, dass kaum ein Guard aus dem Team, das in der Offensive ist, aktiv zum Rbeoudn geht, außer er hat gerade selbst am Korb abgeschlossen und verlegt.

    Zu deinen Amateurausführungen: Boshaft könnte man sagen, dass das auch auf einige NBA-Guards noch immer zutreffen könnte. ;)

  3. Avatar

    Coach K

    Ja gebe dir recht, meistens nur wenn ein 3er extrem weit zurückkommt (wie du geschrieben hast Einfall- und Ausfallwinkel).
    Leider verstehen es hier viele nicht sich richtig zu positionieren.

    Das Problem ist doch in USA das Spieler wenn Sie die körperlichen Vorraussetzungen haben, die Athletik, größe und so weiter diese auf der Highschool nicht richtig gefördert werden, sondern es heißt du bist 2,5m du gehörst unter den Korb. Passen musst du nicht mehr lernen werfen auch nicht.

    Das sieht man leider bei uns im Jugendbereich auch immer wieder, das Trainer auf Grunde des Teamserfolgs nur sehr kurzfristig denken ohne die Jugendlichen richtig zu fordern und fördern.

  4. Sebastian Seidel

    Ist ja auch gar nix schlimmes dran. Können so die Transition-Offense häufiger unterbinden und den Gegner besser in die Halbfeld-Offense zwingen.
    Mir fällt bis auf Westbrook (wie im Artikel schon beschrieben) auch kaum ein Guard ein der wirklich am offensiven Brett arbeitet. Ab und an vielleicht noch Tony Allen…

  5. Dennis Spillmann

    |Author

    Jepp, genau das schrieb ich ja auch schon im Artikel. Halte ich für völlig legitim und auch folgerichtig.

    Die besten Boardcrasher unter den Guards 14/15:

    Rk Player ORB%
    1 Tony Allen 7.2
    2 Russell Westbrook 5.9
    3 Elfrid Payton 4.8
    4 Ray McCallum 4.3
    5 Iman Shumpert 4.1
    6 Jordan Clarkson 4.0
    7 Rajon Rondo 3.9
    8 Marcus Smart 3.6
    9 Dwyane Wade 3.6
    10 Goran Dragic 3.5
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    15 Michael Carter-Williams 3.2
    22 Lance Stephenson 2.7
    51 Evan Turner 1.9

    Provided by Basketball-Reference.com.

  6. Avatar

    Coach K

    :mrgreen:

    Wie man ganz schön sieht sind die besten OR-Guards alles Spieler der sehr gerne zum Korb gehen, da Sie keinen guten Wurf haben, bzw. keinen guten 3 Punkte Wurf.

    Ich habe natürlich das Payton sich hier verbessert beim 3er und genauso gut weiter die OR holt

  7. Julian Lage

    Ich glaube, das ist nicht wirklich möglich, weil die ORebs einfach Ursache der Positionierung in der Offense sind. Die Leute ohne Reichweite bleiben off Ball logischerweise näher am Korb, weil sie in der Ecke etc. auch ignoriert werden. Die Offensivrebounds sind dann nicht zu selten Würfe, die bei besseren Spacing vielleicht gleich reingegangen wären.

    Wobei es wirklich interessant wäre, wo die Guards-Orebs auf dem Feld sind und wie viele davon nach eigenen Würfen passieren.

  8. Jonathan Walker

    Dachte ich auch immer. Dann kam Ryan Anderson…

    Irgendwie ist er aber auch die totale Ausnahme von der Regel, denn außer ihm schaffte das sonst auch niemand in der Geschichte der NBA.

    Ich denke, er ist einfach ein extrem smarter Spieler, wenn es um Positionierung geht, der je nach Situation entweder an die Dreierlinie driftet oder zum O-Reb geht.

    Neulich bei Zach Lowes Podcast erklärte auch SvG, dass Anderson Switches unter Anderem durch Mismatches beim Rebounding auszunutzen wusste.

    Trotzdem beindruckend, dass man knapp 4 O-Rebs holen kann, wenn man gleichzeitig fast 7 Dreier pro Spiel abdrückt. Sollte man jedem Spieler vorhalten, der das eine als Entschuldigung anbringt, wenn er das andere nicht macht. :mrgreen:

    EDIT: Bei den Guards sind ja auch ein paar dabei, die viel hinter der Dreierlinie stehen und trotzdem in der Top-10 der O-Rebs landen.


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