ratiopharm Ulm, Taktik

Das Konzept der Positionslosigkeit

Nach den jüngsten Verpflichtungen von ratiopharm Ulm, gab es von den Fans hauptsächlich zwei Reaktionen: Zum einen waren sie erstaunt, welchen Kader die Spatzen dieses Jahr zusammenstellen könnten. Zum anderen herrschte aber eine ziemliche Unklarheit über die Positionsverteilung. Immerhin hatte Ulm mit Philipp Neumann nur einen echten Center verpflichtet und De’Sean Butler, der im College auf der Zwei und Drei eingesetzt wurde, sollte plötzlich Power Forward spielen. Doch dabei zeigten diese Transfers nur, dass Headcoach Thorsten Leibenath die aktuellsten Entwicklungen des Basketballs erkannt und folgerichtig gehandelt hatte…  

 

Über Positionen und Aufgaben  

 

Zu aller erst muss klargemacht werden, wie es überhaupt zu den Positionsbezeichnungen gekommen ist, die wir heute kennen. Point Guard, Shooting Guard, Small Forward, Power Forward und Center sind immerhin in der Sprache des Basketballs immer präsent und spielen bei der Kaderplanung jedes Teams eigentlich in jedem Sommer eine Rolle. Doch woran kann nur erkannt werden, um welche Position es sich bei welchem Spieler handelt? Die alten Positionsbezeichnungen sind immer mit Aufgaben verknüpft.

So soll der Point Guard gut mit dem Ball umgehen können und ein Auge für den Mitspieler haben. Der Shooting Guard soll, wie es der Name bereits verrät, einen guten Wurf haben und für das Scoring zuständig sein. Als kleiner Forward wird man bezeichnet, wenn man vor allem ein Allrounder ist und dem Team somit jede Box-Score-Kategorie füllen kann. Der Power Forward soll vom High-Post aus arbeiten und bei der Reboundarbeit helfen, die hauptsächlich der Center übernimmt, weil dieser ja nur in der Nähe des Korbs arbeitet und dort punkten, rebounden und verteidigen soll. Somit ist die Positionsbezeichnung auch eng mit dem Skill-Set der Spieler verknüpft. Ein extrem großer Spieler mit dementsprechend großen Händen, wird es schwer haben, den Ballvortrag zu übernehmen. Deswegen wurde bei diesem Spieler schon frühzeitig viel Wert auf die Arbeit unter den Brettern gelegt.

Nun hat sich allerdings in der Evolution des Basketballs das Training einzelner Spieler verändert und Coaches haben erkannt, dass es Vorteile hat, wenn ein Spieler, der eigentlich für ein bestimmtes Gebiet vorgesehen ist, sich außerordentliche Skills für diese Position zulegt. So hat Dirk Nowitzki beispielsweise mit Holger Geschwinder trotz seiner 2,13m akribisch an seinem Wurf gearbeitet. Geschwinder hat erkannt, dass Nowitzki aufgrund seiner physischen Darbietung wohl kaum ein Brett-Forward oder ein starker Rebounder wird. So wurde der Spieler Nowitzki auch erst wegen seines extrem starken Wurfs für NBA-Teams interessant. Denn welcher Vierer hatte zu dieser Zeit schon solch ein weiches Händchen von außen?   Diese Entwicklung ist in den letzten Jahren immer extremer geworden. Den Höhepunkt fand sie dann sicherlich, als Erik Spoelstra von 2010-2014 mit den Miami Heat mit diesem Konzept Finals-Abonnent war. Immerhin war LeBron James für jeden Basketball-Fan schon immer ein typischer Small Forward. Er konnte punkten und rebounden, hatte gleichzeitig aber auch ein enorm gutes Auge für seine Mitspieler und verteidigte ordentlich. Spoelstra musste aber aufgrund seines Personals umstellen und schickte Chris Bosh auf die Fünf sowie James auf die Power Forward-Position. Wegen seiner Physis war dies für James eh kein Problem, zudem war James während seiner Jahre bei den Heat wahrscheinlich alles, nur kein Vierer. Immerhin war er es, der den Ballvortrag übernahm und die Set Plays einleitete. Mario Chalmers, den man als Point Guard bezeichnet, fungierte eher als Spot-Up-Shooter. Chris Bosh, der hier den Center mimte, war selten unter den Brettern zu finden und baute sein Offensivarsenal soweit aus, dass auch er schon bald verlässlich den Dreier traf. Dass die Reboundarbeit darunter litt, war offensichtlich.

Die Heat sammelten fast jährlich die wenigsten Rebounds der NBA ein. Doch der Erfolg gab Spoelstra Recht. Zwei Championships und zwei weitere Finals-Teilnahmen hinterließen Spuren in der besten Basketballliga der Welt. So setzte auch der Titelgewinner von 2015 auf das System des „positions-less basketball“, wie Spoelstra es nannte. Die beste Lineup der Golden State Warriors wurde mit Draymond Green auf der Center-Position geführt. Der Senkrechtstarter fand in diesem System seine Paraderolle, avancierte zu einem der besten Defender der Liga und hatte einen maßgeblichen Anteil an dem Titelgewinn der Warriors. So waren auch Lineups aus Shaun Livingston, Stephen Curry, Klay Thompson, Andre Igoudala und Draymond Green keine Seltenheit. Außer Livingston spielt dabei keiner auf seiner ursprünglichen Position, zudem ist hier kein Akteur größer als 2,01m.   Es ist also zu erkennen, dass mehr und mehr Coaches nicht mehr nur auf Größe und klassische Positionen setzen.

Die jüngere Vergangenheit hat auf höchstem Basketball-Niveau gezeigt, dass jeder Spieler heutzutage alles können muss. Wenn ein Big Man stark unter dem Korb arbeitet, ist er sehr gut. Wenn er dazu allerdings noch den Mitteldistanzwurf oder gar Dreier verlässlich trifft, ist er noch wertvoller. Somit wurde deutlich, dass die alten Bezeichnungen ausgedient haben, weil sich die Aufgaben der Spieler einfach verschoben haben. Da Aufgaben mit Positionsbezeichnungen einher geben, sollte man deshalb auch in der Beko BBL vorsichtig sein, wie man Spielerverpflichtungen auf bestimmten „Positionen“ bewertet. Denn auch dort zeigte die letzte Saison, dass positionsloser Basketball erfolgreich sein kann, wenn das Spielermaterial stimmt.  

 

Positionsloser Basketball in der Beko BBL  

 

Denn auch in der deutschen Liga waren Formen des „position-less“ basketball zu erkennen. Wie zuletzt in der Finalserie zwischen den Brose Baskets Bamberg und dem FC Bayern Basketball. Während Svetislav Pesic mit den Münchenern sehr positionsgetreu spielte (einzig Robin Benzing spielte die Vier), wechselte Andrea Trinchieri bei seinen Brose Baskets munter die Rollen. So galt später seine Drei-Guard-Lineup als eine wichtige taktische Veränderung für den Titelgewinn. Denn neben Brad Wanamaker und Janis Strelnieks ließ der Bamberger Headocach regelmäßig Dawan Robinson auflaufen. Somit bekleidete der 1,88m-Mann nach den alten Bezeichnungen die Small Forward-Position.

Foto: Alexander Fischer

Natürlich war er in dem Sinne keiner, weil seine Aufgaben auch andere waren. Trinchieri hatte mit dieser Lineup die Möglichkeit extrem viel Platz auf dem Court zu schaffen, was besonders dem lettischen Scharfschützen Strelnieks entgegenkam. Des Weiteren nutze man Robinsons extrem gute Physis und ließ ihn auch gegen die gegnerischen Forwards aufposten. So kreierten die Bamberger viele Mismtaches auf dem Court und die oft langsameren Bayern, die meist extrem groß spielten, hatten Probleme damit. Eine ganz ähnliche Taktik verfolgte der italienische Meistercoach auch defensiv. Mit Darius Miller hatten die Bamberger wohl den unbequemsten Spieler dieser Finalserie in ihren Reihen. Der Ex-NBA-Spieler könnte wohl am ehesten in die Schublade „Power Forward“, in der NBA sogar eher „Small Forward“ gesteckt werden. Doch Trinchieri nutzte den 2,03m-Athleten variabel, ließ ihn sogar gegen generische Center wie John Bryant ran. Auch hier hatten die Münchener ihre Schwierigkeiten, weil dies ihr etwas steiferes System nicht verkraften konnte. Wieder entstanden Mismatches, zudem machte Miller eine außerordentlich guten Job gegen die Big Men der Bayern.

Es wurde also erkennbar, dass Spieler, die ein besonders vielseitiges Skill-Set besitzen und somit auch variabler einsatzbar sind auch in der Beko Basketball Bundesliga immer beliebter werden. Auch Thorsten Leibenath, Coach von ratiopharm Ulm, machte sich diese Erkenntnisse bei der Spielerwahl in diesem Sommer zu Nutze.    

 

Fünf Allrounder, ein Ziel  

 

Denn auch Leibenath versuchte letzte Saison ein ähnliches System in Ulm zu installieren. Allerdings wurde im Laufe der Spielzeit deutlich, dass den Donaustädtern dafür das Personal fehlte. Boris Savovic sollte der bewegliche Big Man sein, der zwischen den beiden großen Positionen switchen sollte, während Tim Ohlbrecht weniger als Floorspacer gedacht war. Es stellte sich allerdings heraus, dass die Spielertypen Savovic und Maarten Leunen viel zu ähnlich waren und es den Spatzen letztendlich deutlich an Athletik und Defense fehlte. Beide verbrachten viel Zeit am Perimeter, allerdings hatten die Ulmer niemanden der diese Räume effektiv nutzen konnte. Zudem wurden sie in der Verteidigung von den Gegnern auseinandergenommen und stellten im Dezember sogar die zweitschwächste Defense der Liga – inakzeptabel für ein Playoff-Team.

Also gab Thorsten Leibenath das Small-Ball-System Mitte der Saison auf und verpflichtet mit Ian Vougioukas einen Brett-Center, der offensiv wie defensiv konstant ablieferte. Daraus nun zu schließen, dass Leibenath doch diese Taktik für die kommende Saison beibehalten sollte, wäre falsch. Immerhin kommt so eine Serie wie die gegen Bonn auch nur alle Schaltjahre und zudem wurden die Unterschiede zu den variablen Bambergern bei der 3:0-Demonstration dann doch sehr deutlich. Der Ulmer Coach ordnete schon kurz nach Saisonende die Verpflichtung von mehr Athletik als oberste Priorität ein. Immerhin bringt Athletik bei Spielern eigentlich immer die Eigenschaft mit sich, dass sie variabler einsatzbar sind. Denn sie haben aufgrund dieser Athletik auch auf anderen Positionen immer noch einen Vorteil gegenüber ihren Gegenspielern, auch wenn sie nicht dieselbe Größe mitbringen.

So überraschten die folgenden Transfers von Augustine Rubit, Raymar Morgan, De’Sean Butler und Carlon Brown nicht. Zusätzlich wurde mit Taylor Braun noch ein typischer Allrounder verpflichtet. Alle diese Spieler haben auf jeden Fall eins gemeinsam: in die klassischen Positionsbezeichnungen kann man sie kaum einordnen. Morgan hat im Small-Ball-System der Göttinger die Fünf bekleidet, ist aber ansonsten eher als Vierer gelistet. Rubit kann aufgrund seiner Physis von der Drei bis zur Fünf alles spielen. De’Sean Butler soll, wie es in der Ulmer Pressemitteilung hieß, auf der Power Forward-Position spielen. Dass er aber auch auf die Drei und Zwei rücken kann mit seinem 2,01m sollte auch klar sein. Auf diesen beiden Positionen ist zudem auch noch Taylor Braun zuhause, der wahrscheinlich zusätzlich noch Minuten auf der Vier sehen könnte.  

Es wird also deutlich, dass es selbst jeder Coach schwer hätte die Positionen dieser Spieler zu benennen. So gibt es in der aktuelleren Sprache des Basketballs auch allgemeinere Begriffe, die für solche Fälle angemessen sind. In einem von Dennis Spillmann verfassten Artikel auf Go-to-Guys.de wird beispielweise zwischen drei Rollen unterschieden:

Playmaker, Wing und Big. Der Playmaker, auch Ballhandler genannt, übernimmt den Ballvortrag und beginnt in der Folge mit dem Set-Play. Dabei ist dieser nicht mit dem Point Guard gleich zusetzen, da ja auch immer ein anderer Spieler diesen Job übernehmen könnte. Bei ALBA Berlin übernahm beispielsweise in der letzten Saison auch Reggie Redding die Arbeit als Playmaker. In den alten Bezeichnungen wird er dagegen als Small Forward gelistet. Ein Flügelspieler („Wing“) ist meist für das Floorspacing zuständig. So ist er häufig mit einem guten Dreipunktwurf oder Drive ausgestattet, um die sich ergebenen Räume zu nutzen. Defensiv verteidigt er die Spieler am Perimeter. Der Big Man agiert dagegen im High- (wenn er mit einem Wurf ausgestattet ist) oder Low Post. Ähnlich wie bei der alten Bezeichnung, liegt sein Tätigkeitsfeld auch in der Defense, wo er für das Shotblocking und Rebounding zuständig ist.  

Mit diesen neueren Rolleneinteilungen fällt es nun auch deutlich leichter die Spieler der Ulmer einzuordnen. Morgan gilt ganz klar als Big, Butler ist ein Flügelspieler. Rubit könnte selbst hier noch eine Mischform aus beidem sein. Braun und Brown wären wieder Wings, während Neumann als Big gelistet wäre. Natürlich sind diese Bezeichnungen variabler und können sich während eines Spiels aufgrund der Lineups und den damit verbundenen Rollenänderungen verschieben. Denn hier macht es uns die aktuellere Rolleneinteilung deutlich einfacher, wie auch Spillmann meint:  

„Was bringt diese Erkenntnis nun? Wenn wir uns einen fiktiven Angriff eines Teams anschauen und an einer beliebigen Stelle den Angriff anhalten, können wir mit großer Sicherheit einen Playmaker, Wings und Bigs ausmachen. Wenn man an diesen fiktiven Stellen jedoch bestimmen sollte, wer PG, SG, SF, PF oder C ist, wird man scheitern. Man kann zwar versuchen, die Spieler einfach nach ihrer Größe zu ordnen, aber das würde nicht erklären, wieso auf einmal der Shooting Guard zum Korb cuttet, der Center sich in der Midrange wiederfindet und der Power Forward am Perimeter das Spiel aufzieht – so wie es in dieser Saison zu fast jeder Zeit bei den Miami Heat der Fall war.“

 

Was hier nämlich für die Miami Heat beschrieben ist, könnte in der kommenden Spielzeit auch für ratiopharm Ulm gelten. Denn wenn man sich das Spielermaterial bis jetzt ansieht, wären schon so viele verschiedene Lineups möglich. Einige Beispiele:  

Günther – Brown – Braun – Rubit – Neumann

Günther – Braun – Butler – Rubit – Morgan

Brown – Brembly – Braun – Butler – Morgan

Günther – Brown – Brembly – Braun – Rubit

Brown – Braun – Butler- Morgan – Neumann  

 

In jeder dieser Aufstellungen können die Rollen wieder sehr variabel interpretiert werden. Wenn Rubit weiter an seinem Dreier feilt könnten die Ulmer auf noch mehr Schützen zurückgreifen und der Ex-Tübinger könnte somit auch mehr auf dem Flügel spielen. Mit Butler und Braun hat Leibenath dort eh schon zwei Spieler, die überall auf dem Flügel einsetzbar sind. So reicht die Spanne von einer absoluten Small-Ball-Aufstellung (Lineup 4), zu dem größten was die Donaustädter zu bieten haben (Lineup 5). Außerdem wird ja noch mindestens ein Spieler zu dem Team hin zukommen und es wäre allzu verwunderlich, wenn dieser nur eine einzelne Rolle bekleiden könnte…    

 

Quellen: Spillmann, Dennis (2012): „What’s my position, coach?“. URL: https://go-to-guys.de/2012/12/27/what-is-my-position-coach/ [Stand: 19.07.2015]

  •  
  • 3
  •  
  •  
  •  
  •  

0 comments

  1. Chris

    |Author

    Hi Marius,

    freut mich sehr, dass dir der Artikel gefällt!

    Noch ist dies nicht möglich, allerdings wollen wir zur neuen Saison diese Möglichkeit bieten für User, die uns gerne unterstützen wollen!


Melde dich an, um einen Kommentar zu schreiben