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Scouting Report: Melvin Ejim & Taylor Braun

Bei der diesjährigen Summer League in Orlando schickte der Gastgeber gleich zwei Teams an den Start. In dem ersten, Orlando Blue genannt, spielten unter anderem die jüngsten Erstrundenpicks der Magic, Elfrid Payton und Mario Hezonja, mit. Das zweite Team, Orlando White, bestand hingegen hauptsächlich aus Spielern, die das nächste Jahr wohl nicht in der NBA verbringen würden. Trotzdem hinterließen viele davon einen bleibenden Eindruck, vor allem weil es dieses Team bis ins Finale schaffte. Melvin Ejim und Taylor Braun, die beide nächstes Jahr in der Beko BBL spielen werden, gehörten ebenfalls dazu. Wir haben uns die zwei Forwards mal genauer angesehen…  

 

Melvin Ejim

 

Ejim, 24, verbrachte die erste Saison nach seinem College-Abschluss 2014 in Italien bei Virtus Roma, nachdem er bei der letztjährigen Draft nicht gezogen wurde. Seine Position ist schwer zu bestimmen, da er mit seinem Körperbau bei 1,98m zwischen mehreren Positionen steht. In der College-Zeit spielte er hauptsächlich die Positionen Drei und Vier, wobei er mit ansteigendem Alter immer mehr auf die kleinere der beiden Positionen rückte. Dies hing auch damit zusammen, dass er sein Spiel mehr auf die Arbeit am Perimeter verlegte. So nahm er auch mehr und mehr Dreipunktwürfe im letzten Jahr an der Iowa State University. Ähnliches war auch in Orlando zu erkennen. Ejim verbrachte viel Zeit auf Höhe der Dreipunktlinie, dagegen sehr wenig im Low-Post oder unter dem Korb.

Diese Entwicklung ist nicht nur zu seinem Vorteil verlaufen, da der Kanadier in der Summer League große Ballhandling-Probleme aufwies und somit eher weniger dem klassischen Small Forward entsprach. Viel eher kann er an der Dreierlinie nur als Spot-Up-Shooter oder in einem Dribble-Handoff genutzt werden, da Ejim zu langsam ist, um gegen gegnerische Dreier zum Korb zu ziehen. Er hat keinen wirklichen explosiven ersten Schritt mit dem er Spieler seiner Größe auf dem Weg zum Ring bezwingen könnte. Zudem funken ihm seinem schwachen Handles immer wieder dazwischen, sodass sich Ejim viele Ballverluste beim Drive leistete. Hier muss der Neu-Bayreuther definitiv noch lernen bessern mit dem Ball umzugehen, um sich ein breiteres Offensivarsenal aneignen zu können.

Des Weiteren könnten seine Touches am Perimeter auch aufgrund der Verpflichtung von Ken Horton abnehmen. Der Forward, der aus Finnland in die Wagnerstadt wechselt, spielt ebenfalls gerne auf Höhe der 6,75m-Linie, ist aber im Gegensatz zu Ejim ein deutlich besserer Dreierschütze. Um Hortons Spot-Up-Qualitäten nutzen zu können, muss Ejim aus Spacing-Gründen wieder vermehrt aus dem Low-Post arbeiten.

Insgesamt wird es hier eh interessant zu sehen sein, wie Headcoach Mike Koch mit den beiden Neuzugängen umgeht. Vom Körperbau sind beide sehr unterschiedlich, allerdings sind ihre Spielanlagen doch ähnlich. Koch muss somit versuchen Ejim eine klare Rolle zuzuweisen, um die Stärken von Horton nicht zu einzuschränken. Dies wird dann wahrscheinlich auch mit der Verpflichtung des Center zusammenhängen. Hier sollte medi Bayreuth versuchen sich keinen reinen Brett-Center á la Javon McCrea zu angeln, da Ejim, wenn Koch wieder vermehrt auf diesen Teil seines Spiels bauen möchte, auch mit dem Rücken zum Korb punkten könnte. Immerhin steht es außer Frage, dass Ejim mit seiner Statur ein dominanter Power Forward in der Beko Basketball Bundesliga sein könnte. Aufgrund seiner Athletik und seiner enormen Kraft wird jeder gegnerische Vierer es schwer haben den Kanadier unter den Brettern zu kontrollieren.

Ejim geht mit viel Kraft zum Korb und kann seinem Team so mit Offensivrebounds zweite Möglichkeiten erarbeiten. Allgemein ist Ejim sowieso einer der stärkesten Rebounder, die man in der Summer League sehen konnte. Unter dem Korb schreckt er auch vor größeren Big Men nicht zurück und versucht direkt noch in Korbnähe zu finishen. Des Weiteren hat Ejim definitiv eine gute Wurftechnik und kann seinen Wurf im Spielfluss versenken. Besonders aus der Ecke versuchte der Iowa State-Absolvent in Orlando immer wieder von Downtown abzudrücken. Sollte er in Bayreuth auf der Vier spielen, darf man erwarten, dass gegnerische Power Forwards ihm den Platz geben, um von „beyond the arc“ zu werfen. Immerhin könnte Ejim dort aufgrund seiner Schnelligkeit und Größe noch im Drive zum Korb überlegen sein. Auf der Drei sähe dies gegen Gegenspieler wie Ryan Brooks, Will Clyburn oder Trent Lockett in der letzten Saison aber wohl ganz anders aus.

In der Defense zeigte sich Ejim in der Woche in Orlando stets aktiv und versuchte immer wieder seine Hände zwischen die Passwege zu bringen. Es wurde klar, dass er in der Beko BBL ein sehr solider Verteidiger werden kann. Denn was ihm in der Offense Probleme bereitet, hilft ihm defensiv enorm weiter. Er kann aufgrund seiner Physis mehrere Positionen verteidigen und könnte vielleicht sogar gegen Center aus der Bundesliga antreten, wenn es besondere Lineups erfordern. Ansonsten wird Ejim wohl in 80% seiner Matchups gegen größere Spieler antreten, was für gegnerische Coaches sicher nicht immer einfach in der Spielvorbereitung ist. Immerhin sind sie sich dessen bewusst, dass es eigentlich ein Mismatch wäre und sie versuchen könnten dort ihre Vorteile zu ihren. Allerdings wissen wir spätestens seit der Finalserie zwischen Bamberg und Bayern und der Defense-Performance von Darius Miller, wie schwierig so ein Mismatch auszuspielen ist.

Wer jetzt aufgrund dieses Scouting Reports glaubt, dass medi Bayreuth sich mit Ejim keinen Gefallen getan hat, liegt komplett falsch. Er ist eine der imposantesten Verpflichtungen der Bayreuther der letzten Jahre. Sein Impact in der BBL wird vielseitig sein und sehr viele Gegenspieler werden es schwer haben gegen ihn, egal ob offensiv oder defensiv. Sollte sich Ejim zusätzlich noch in den genannten Schwachpunkten verbessern, eine exakte Rolle im Team gefunden haben und das alles auf BBL-Niveau konstant abrufen können, steht dem Bayreuther Basketball schon jetzt ein besseres Saison bevor als noch 2014/15. Denn nicht umsonst, soll der Bamberger Meistercoach Andrea Trinchieri bei Headcoach Mike Koch angerufen und gefragt haben, ob medi nach dieser Verpflichtung jetzt auch um die Meisterschaft mitspielen wolle.      

Quick scouting: Melvin Ejim und Taylor Braun

 

 

Taylor Braun

 

Wenn man das Team Orlando White in der Woche aufmerksam verfolgt hat, so war Taylor Braun, dessen Wechsel nach Ulm erst währenddessen bekannt wurde, fast der komplette Gegensatz zu Melvin Ejim. Braun, ebenfalls 24, spielte eine deutlich unauffälligere Summer League, aber überzeugte trotzdem. Während Ejim nämlich die meiste Spielzeit im Team bekam, kam Braun meist von der Bank und hatte somit auch weniger Ballaktionen als der Bayreuther Neuzugang. Des Weiteren wirkte Ejim insgesamt aktiver, wollte in mehr Possessions etwas bewirken und erzielte somit auch mehr Punkte. Mit dem einher gehen natürlich damit auch mehr Turnover für Ejim, was seine oben genannten Schwächen offenbarte. Bei Braun wirkte es in vielen Spielen so, dass er zu aller erst nichts falsch machen wollte, viel den Ball bewegte und nur selten auch mal selbst abdrückte. Der Begriff „schüchtern“ wäre vielleicht zu extrem, würde aber wahrscheinlich einige seiner Auftritte auf den Punkt treffen.

Dass er dies aber gar nicht sein muss, fiel auf, sobald er dann den Spalding in die Hand nahm. Der 2,01m-Mann ist ein beweglicher und schneller Small Forward, der mit dem Ball in der Hand so gut wie alles kann. Sein Handgelenk ist extrem weich, sein Wurf sieht sehr gut aus und fällt dementsprechend. In Orlando fanden Brauns Aktionen meist abseits des Balls statt, sodass er oft nur als Spot-Up-Shooter am Perimeter verweilte. Ansonsten wurde er als Blocksteller in diversen Plays genutzt (unter anderem ein guter Back-Screen für ein Alley-Oop-Anspiel). Nur selten war zu sehen, dass Braun auch selbst den Ballvortrag übernahm, allerdings war zu erkennen, dass seine Ballhandling-Skills auch dafür geeignet wären. Wenn Braun den Ball in einer Spot-Up-Situation bekommt, aber dann nicht sofort abschließt, kann er auch selbst aus dem Dribbling seine eigenen Würfe kreieren. Auffällig waren, dass er auch gerne mal den „schlechtesten Wurf im Basketball“ (langer Zweier mit Fuß auf der Dreierlinie) nahm, aber trotzdem seine Würfe aus dem Dribbling konstant versenkte. Hier hätte Braun definitiv noch viel mehr kreieren können. Oft gab er den Ball wieder ab, anstatt seine Qualitäten als Creator unter Beweis zu stellen.

Doch auch dies hatte eine positive Seite: es wurde klar, welch intelligenter und uneigennütziger Spieler Taylor Braun ist. Der US-Amerikaner spielte starke Pässe sowie aus dem Dribbling als auch wenn er kurz vor dem Wurf noch einen besser postierten Mitspieler sah. Sein Basketball-IQ scheint trotz seines Alters schon sehr hoch zu sein und seine Übersicht ist für einen Small Forward ungewöhnlich gut. Außerdem war auffällig, wie ruhig Braun mit dem Ball in der Hand ist. Auch in komplexen Situationen behält er trotz seiner 24 Jahre die Ruhe und sieht sich nach einer Anspielstation um. Überhastete Würfe oder riskante Pässe waren in seinem Spiel nämlich kaum zu finden.

Ansonsten ist Braun auch ein Spieler für die kleinen Dinge. Hier mal eine Hand im Passweg, dort ein Hustle-Play. Der Neu-Ulmer überzeugt nicht durch unglaubliche Athletik oder spektakuläre Dunks, hilft seinem Team aber mindestens genauso viel weiter. Dies ist auch in der Defense zu erkennen, wo er sicher nicht wie Will Clyburn die Gegenspieler abräumen kann, dafür aber den gegnerischen Small Forward aufgrund seiner guten Fußarbeit vor sich halten und auf dem Weg zum Korb zu einem schweren Wurf zwingen kann.

Insgesamt bekommt ratiopharm Ulm hier einen Spieler, der für sein Alter schon sehr weit scheint und dem Team extrem weiterhelfen kann. Wenn er gefordert ist, kann Braun der Scorer des Teams werden und Würfe kreieren. Ansonsten ist er eher ein Allrounder, der auch viel seine Mitspieler in Szene setzen und als Spot-Up-Shooter agieren wird. Im Vergleich zu Will Clyburn vielleicht sogar ein bisschen reifer im Spiel, wenn auch nicht mit dem gleichen Highlight-Faktor. Allerdings muss Braun auch aufpassen, dass er nicht untergeht, wie Maarty Leunen teilweise in der letzten Saison. Hier wird er definitiv als größerer Aktivposten gefordert als noch in der Summer League. Headcoach Thorsten Leibenath kann den 24-Jährigen auf der Zwei sowie auf der Drei einsetzen und kann sich dort vor allem Brauns Vielseitigkeit zu Nutze machen. Lediglich der Zug zum Korb zählt nämlich nicht zu Brauns Paradedisziplin. Hier wirkte er in Orlando sehr unsicher und hatte auch keinen richtigen Move mit dem er Gegenspieler beim Drive bezwingen konnte.

Wenn man allerdings bedenkt, dass Ulm schon Spieler wie Augustine Rubit oder De’Sean Butler unter Vertrag hat, sollte man sich in der Hinsicht weniger Gedanken machen. Denn solange Braun sich zutraut sein Können jedes Wochenende unter Beweis zu stellen, wird er die mittelgroßen Fußstapfen von Will Clyburn in den nächsten Jahren (?) füllen können.  

 

Fazit

 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Beko BBL wieder zwei komplett unterschiedliche aber unglaublich vielseitige Spieler hinzugewonnen hat, die die Liga wieder bereichern werden. Es wird interessant zu sehen sein, wie Mike Koch das Positions-Problem bei Melvin Ejim lösen wird und ob Thorsten Leibenath Taylor Braun zutraut auch eine wichtige Scorer-Rolle in dieser Ulmer Mannschaft zu übernehmen. Wenn beide ihr Potenzial voll ausschöpfen, gibt es aber keine Frage, dass wir hier zwei zukünftige Stars dieser Liga in Orlando sehen konnten.

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