ratiopharm Ulm

Taylor Braun – unauffällig auffällig

Wie Taylor Braun das Spiel von ratiopharm Ulm außerhalb des Boxscores beeinflusst

Taylor Brauns persönliche Statistiken sind alles andere als überragend – 7,3 Punkte, 3,8 Rebounds, 1,9 Assists, 0,1 Blocks und 1,0 Steals bringt er aufs Parkett. Trotzdem steht er für Tabellenführer ratiopharm Ulm die zweitmeisten Minuten auf dem Parkett (25) und ist auch immer dann auf dem Feld, wenn es wichtig wird. Was ist also das Geheimnis hinter einem der stillen Stars der Basketball-Bundesliga und warum wird er mit Per Günther, Chris Babb oder Raymar Morgan nie in einem Satz genannt, wenn es um die Wichtigkeit für das Ulmer Spiel geht? Ein detaillierter Blick in Brauns defensiv ausgerichtetes Spiel und seinen Einfluss auf den Erfolg der Ulmer soll Abhilfe schaffen.


Wie die meisten US-amerikanischen Spieler, versuchte auch Taylor Braun über die NBA Summer League den Schritt in die beste Basketballliga der Welt zu machen. Im Jahre 2014, nachdem er seine Rookie-Saison in Belgien bei Okapi Aalstar beendet hatte, spielte Braun in der Summer League für die Orlando Magic, die damals mit Topspielern wie Scottie Wilbekin (Darussafa Dogus Istanbul), Keith Appling oder Melvin Ejim gespickt waren. Dort konnte ich Braun zum ersten Mal spielen sehen und seine Stärken und Schwächen kennen lernen, die ich später in diesem Scouting Report niederschrieb. Der Grund war zu dem Zeitpunkt, dass ratiopharm Ulm einige Tage vorher die Verpflichtung des Flügelspielers bekanntgegeben hatte. Wie ich auch schon damals vermerkte, wäre er mir wohl ohne diese Tatsache in den Summer League-Spielen kaum aufgefallen. Während die balldominanten Guards wie Wilbekin oder Appling extrem viele Würfe nahmen, verbrachte Braun offensiv die meiste Zeit in einer der Ecken, kam nur zu wenigen Würfen und fiel deshalb auch kaum auf, was in der Summer League eigentlich immer tödlich ist.

Auf der anderen Seite waren auch da schon Ansätze von dem zu erkennen, was Braun in Ulm so stark macht: Der 25-Jährige zeigte dort schon einen enormen Einsatz in der Defensive und verzeichnete viele Hustle-Plays. Es war offensichtlich, dass Braun ein sehr team-orientierter Spieler ist, dessen Einfluss nur selten im Boxscore wiedergefunden werden kann, aber trotzdem extrem wertvoll ist.

Dieses Fazit lässt sich nach anderthalb Jahren auch bei ratiopharm Ulm ziehen. Nachdem Braun in seinen Anfängen in Deutschland noch von Verletzungen zurückgeworfen wurde, präsentiert er den Ulmer Fans mittlerweile sein komplettes Arsenal. Diese wiedergefundene Stärke hat, wie Coach Thorsten Leibenath im Interview mit dem OrangeZone-Magazin erzählt, aber auch noch einen anderen Grund: „Er hat sich davon freigemacht zu glauben, dass Punkte etwas mit seiner Einsatzzeit zu tun hätten.“ Denn in einer Mannschaft, welche seit Jahren vor allem durch ihre überragende Offense besticht, durch gute Defensive herauszustechen ist nicht unbedingt einfach. So ist es auch kein Wunder, dass, während Ulm in der Hinrunde die Liga überrollt, kein einziges Spiel verliert und nebenbei noch Brose Bamberg und den FC Bayern Basketball in sehr überzeugender Manier schlägt, es Taylor Braun ist, der einen großen Anteil an diesem Erfolg hat, aber nur ganz selten genannt wird. Der Großteil der Aufmerksamkeit liegt auf Raymar Morgans möglicher MVP-Saison, Anführer Per Günther, Braydon Hobbs’ Passqualitäten und der insgesamt neuen Tiefe im Kader. Doch, wie bereits erwähnt, fallen der Einfluss von Braun und die Aspekte, in welchen er dem Team besonders hilft, auch nicht immer sofort ins Auge.  


In einem Basketballteam den defensiv wichtigsten Akteur herauszufiltern, ist nie so ganz einfach. Immerhin gibt es dafür, im Gegensatz zur Offensive, kaum aussagekräftige Statistiken. Deshalb wird häufig mit Blocks (eher bei größeren Spieler) und Steals (eher bei kleineren Spieler) argumentiert, obwohl man im Endeffekt weiß, dass das auch nicht der heilige Gral der Leistungsbewertung sein kann. So bleibt am Ende nur der reine „Eye Test“, bei dem jeder mit seinen eigenen Kriterien bestimmen muss, welche Fähigkeiten er für wichtig oder unwichtig hält. Häufig kennen wir es deshalb, dass einer der großen Spieler genannt wird, weil diese meist in Ringnähe positioniert sind und mit ihrer Athletik oder ihren langen Armen noch viele Würfe beeinflussen können und somit häufig als Anker der Verteidigung bezeichnet werden. 

Bei ratiopharm Ulm lässt sich diese Feststellung so nicht treffen. Das defensive Konzept des Vizemeisters ist auf die extreme Mobilität und Variabilität aller Spieler zugeschnitten. Die Big Men sind alles andere als in der Zone geparkte Ringbeschützer. Viel eher switchen die Ulmer sehr viel und bringen ihre Großen somit immer wieder in Situationen, in denen sie schnelle Guards am Perimeter verteidigen müssen. Genauso müssen es also auch kleinere Ulmer mit größeren Gegenspielern aufnehmen. Diese entstandenen Mismatches will die angreifende Mannschaft natürlich ausnutzen, weshalb in der Ulmer Verteidigung viel Help-Defense nötig ist, um leichte Punkte des Gegners zu verhindern. In Perfektion rotieren sie sehr schnell und lassen somit keine Lücken aufkommen, die das gegnerische Team ausnutzen könnte. Somit lässt sich festhalten, dass durch ihren Fokus auf die variable Defensive ein starrer, shotblockender Big Man nicht der zentrale Spieler ist.

Viel mehr lebt die Ulmer Verteidigung an ihren besten Tagen von den Flügelverteidigern – namentlich Chris Babb und eben Taylor Braun. Während Ersterer häufig als Ulms bester Verteidiger genannt wird, ist es doch am Ende Braun, der die besten Offensivspieler des Gegners verteidigt. Dies hängt natürlich zum einen damit zusammen, dass Babb dafür vorgesehen ist, offensiv einen höheren Output zu liefern als Braun. Zum anderen kann aber auch mittlerweile festgehalten werden, dass Ulms Nummer 24 defensiv noch präsenter agiert und damit einen noch größeren Einfluss hat.

Doch kombiniert man die Qualitäten der beiden US-Amerikaner, kommt die wohl beste defensive Flügelzange der Basketball-Bundesliga dabei raus, die sowohl in der allgemeinen Pick&Roll-Defense, die normalerweise nur als Team zu bewerkstelligen ist, als auch in der Verteidigung von individuell hochklassigen Spielern die wichtigste Rolle einnehmen. Bei ratiopharm Ulm führt dies in der Verteidigung des Blockens und Abrollens letztendlich zu einer einzigartigen Kombination aus aktiven Flügelverteidigern, die meist auf der Helpside postiert sind, und sehr mobilen Big Men, die sowohl den Ballführer als auch den abrollenden großen Spieler stoppen können. Insbesondere in den Spitzenspielen gegen Brose Bamberg und den FC Bayern Basketball war auffällig, wie gut dies funktioniert und wie schwer es dann selbst die Topteams aus Bamberg und München haben, aus dem Pick&Roll zu Punkten zu kommen.

Auch im bei dem so schwierig zu verteidigenden Blocken und Abrollen an der Seite macht Braun einen guten Job. Dieses Sideline-Pick&Roll wird von vielen Teams ja gerne gespielt, da es dabei eben extrem schwierig ist für die Defensive entsprechende Hilfe zu schicken. So machen viele Offenses dies zu einem kleinen Two-Men-Game an der Seite, wo sie dann meist auch Kapital raus schlagen können. Um diese einfachen Zähler zu verhindern verteidigen viele Teams in der BBL solche Situationen mit der sogenannten ICE-Defense (in Ulm „Blue“ genannt). Dabei geht es darum dem Ballhandler den Weg zur Mitte zu versperren und ihn eher zur Seitenlinie zu forcieren, sodass er die restlichen drei Spieler erst gar nicht einbinden und auch selbst nicht scoren kann. Der Big Man hat dabei die Rolle erstmal den Wurf, der für den ballführenden Spieler dann normalerweise möglich wäre, zu verteidigen und auch insbesondere den Durchstecker auf den abrollenden Großen zu verhindern.

In der folgenden Situation forciert Per Günther Josh Mayo zur Seite und Augustine Rubit kommt hoch, um den Wurf zu verhindern. Genauso kann der Bonner auch nicht zwischen den beiden durchpassen, da sonst Rubit eingreifen könnte. So bleibt für Mayo nur der Lob-Pass über Rubit, welcher allerdings deutlich mehr Zeit in Anspruch nimmt. Genau diese Zeit nutzt Braun, um von der Weakside herüberzukommen und den abrollenden Big Man, Julian Gamble, vorerst zu übernehmen. Auffällig ist hier, wie früh Braun die Situation erkennt und seinem Teamkollegen Chris Babb schon die Anweisung gibt, seinen Gegenspieler auf der ballfernen Seite zu übernehmen, da er nun aushelfen muss.

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Der Lob-Pass über Rubit kommt zwar an, allerdings kann Gamble nun nicht sofort zum Korb hochsteigen, da Braun ihn bereits übernommen und eng verteidigt hat. Durch seine Fuß- und Rumpfstellung drückt Braun den Bonner Big vom Korb weg und zur Baseline hin, wo meist lediglich noch der Pass an der Grundlinie entlang in die Ecke bliebe. Diesen muss Babb nun schließen und so bliebe Gamble kaum eine Option mehr. Wenn er sich wieder zum Korb drehen wollte, wäre Rubit bereits da um dem kleineren Braun auszuhelfen.

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Genau das passiert hier in diesem Fall. Rubit erhöht zusammen mit Braun den Druck auf Gamble, der nun immer näher zur Baseline gedrückt wird. Babb hat Ryan Thompson in der Ecke schon zugestellt und so bleibt für den ballführenden Spieler nun keine Option mehr, da sich zudem der einzige offene Mitspieler in seinem Rücken befindet.

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In solchen Umsetzungen der defensiven Prinzipien ist immer wieder gut zu erkennen, welche zentrale Rolle Taylor Braun dort einnimmt. So ist er, wenn er auf dem Court steht, normalerweise der erste Verteidiger, der von der ballfernen Seite rotiert, um seine Mitspieler zu unterstützen. Dank seiner Schnelligkeit und der guten Fußarbeit gelingt es ihm immer wieder, trotz des Aushelfens in der Mitte, auch wieder rechtzeitig außen bei den Schützen zu sein, um auch dort noch Würfe verhindern oder wenigstens erschweren zu können.


Dabei ist insbesondere ein defensives Schema zu erkennen, welches Taylor Braun aufgrund seiner Anlagen wie kaum ein Zweiter in der Liga erfolgreich ausführen kann: das sogenannte „defensive X-Out“.  Beim „X-Out“ geht es um ein Prinzip, wie man auf der ballabgewandten Seite rotiert, um möglichst keinen offenen Wurf abzugeben. Dabei geht normalerweise ein Pick & Roll auf einer Seite voraus, bei dem dann ein dritter Spieler helfen musste, sodass es zu einer Rotation auf der Weakside kommen muss. Da Braun, wie oben bereits angedeutet, ein zentraler Spieler in der Verteidigung des Blockens und Abrollens bei den Ulmern ist, wird er immer wieder in diese „X-Out“-Situationen involviert.

Als Beispiel dient dazu die folgende Szene aus dem Spiel gegen Ludwigsburg. Die MHP Riesen spielen an der Seite ein Pick & Roll, welches von Günther und Morgan in der oben beschriebenen „Blue“-Defense verteidigt wird. Da Günther aber schlecht um den Block kommt, haben die Ludwigsburger nun eine gute Möglichkeit den abrollenden Johannes Thiemann in Szene zu setzen. Morgan stoppt nur den Wurf und Drive von Wes Washpun, was Thiemann nun die Räume gibt, um den Ball zu erhalten und in die Zone zu ziehen. Dort positioniert sich allerdings schon der dritte Ulmer Verteidiger, nämlich Taylor Braun. Ein besonderes Augenmerk sollte man dabei darauf legen, wie weit Braun von seinem eigentlich Gegenspieler, Tekele Cotton entfernt ist. Allerdings ist dieser durch die Präsenz von Da’Sean Butler nicht direkt anspielbar und so ist Brauns Gegenspieler mehr als einen Pass entfernt, welches ihm diese tiefe Hilfe erlaubt.

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Durch den in der Zone geparkten Braun können die Ludwigsburger natürlich nun nicht über innen spielen. So landet der Ball dann bei Brauns Gegenspieler, der normalerweise nun einen offenen Dreipunktwurf hätte. Nun kommt es zum „defensive X-Out“, um genau diesen Wurf zu verhindern. Da Braun nicht so schnell wieder oben an der Dreierlinie sein kann, ist es die Aufgabe vom zweiten Weakside-Verteidiger, in dem Fall Chris Babb, diesen Wurf zu stoppen. Für Babb ist es die sogenannte „first pass responsibility“, da er den ersten Pass nach Außen verfolgen und den Gegenspieler stellen muss. So bewegt sich der US-Amerikaner sofort von seinem Gegenspieler in der Ecke nach oben, um Cotton am Wurf zu hindern. Dieser sieht dies bereits kommen und passt den Ball sofort in die Ecke weiter. Genau dies wollten die Ulmer allerdings auch forcieren, da dieser Extrapass Braun natürlich nun die Zeit gibt, um noch in die Ecke zu sprinten.

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Genau dies gelingt dem US-Amerikaner auch und so ist er in der Ecke angekommen, bevor David McCray zum Dreier ansetzen kann. Es ist hier aber auch noch wichtig anzumerken, dass Braun in dieser Szene nicht den Fehler begeht und springt, um einen möglichen Wurf zu verhindern. Dies könnte zum einen dazu führen, dass er ein Foul angehängt bekommt, wenn er in McCrays Finte hineinspringt. Zum anderen wäre er aber so auch aus dem Spiel und sein Gegenspieler könnte in aller Ruhe zum Korb ziehen. Stattdessen kommt Braun zwar sehr nah an McCray heran, kann durch seine Fußstellung aber auch gleich einen Richtungswechsel vornehmen und ihn auf dem Weg zur Mitte verfolgen. In diesem Standbild ist gut zu erkennen, wie Braun zuerst das Gewicht auf den linken Fuß verlagert, daraus aber auch gleich die Energie nehmen kann, um eben einen Richtungswechsel zu vollziehen.

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Dies führt dazu, dass McCray durch seine kurze Finte gar keinen Vorteil gewinnen konnte und nun auf dem Weg in die Mitte eng von Braun verfolgt wird. Im Endeffekt muss der Ludwigsburger einen ganz eng verteidigten Fadeaway-Jumper mit einer Hand im Gesicht nehmen. Besser kann man diese Szene kaum verteidigen.

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Um nochmals zu verdeutlichen, welche Wege für Braun in der Verteidigung innerhalb einer Possession anstehen, dient diese zweite Szene aus dem Spiel gegen Ludwigsburg. Wieder kommt es zu einem Blocken und Abrollen der MHP Riesen an der Seite. Wieder eröffnen sich für den Ludwigsburger Center dadurch enorme Räume in der Mitte des Feldes. Jack Cooley steht schon bereit, um den Pass am Zonenrand zu empfangen. Braun verlässt wieder seinen Gegenspieler und ist fast ein bisschen zu spät dran, da der Pass in die Mitte bereits gespielt wurde.

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Doch da Cooley noch Zeit zum Verarbeiten benötigt, ist Braun letztendlich noch rechtzeitig, um sich dem Big Man in den Weg zu stellen. Er steht bereits mit beiden Beinen fest auf dem Boden, könnte so vielleicht ein Offensivfoul ziehen, falls Cooley ungestüm zum Brett gehen wollte. Allerdings ist dies nicht der Fall und so verhindert Braun vorerst den Drive zum Korb und zwingt Cooley dazu den Ball aufzunehmen.

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Nun muss sich der Ludwigsburger Fünfer eine Anspielstation suchen und findet diese logischerweise wieder in Brauns Gegenspieler an der Dreierlinie, in dem Fall David McCray. Wieder ist es nun die Aufgabe von Babb im Zuge des „defensive X-Outs“ hochzukommen und erstmal diesen Wurf zu verhindern. Genau wie im ersten Fall wird der Ball von den Ludwigsburgern auch wieder in die Ecke befördert.

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Dort war David Gonzalvez für einen kurzen Moment offen, doch nach dem Extrapass hat Braun mittlerweile die Meter bereits zurückgelegt und kann den Dreipunktwurf noch sehr gut stören.

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Doch nicht nur in der Verteidigung des Blockens und Abrollens und der dazugehörigen Rotation, wie dem “defensive X-out”, ist Braun gefordert, sondern natürlich auch in der Eins-gegen-Eins-Verteidigung. Wie bereits angedeutet, bekommt es der 25-Jährige normalerweise mit dem besten Offensivspieler des Gegners zu tun und so muss er auch da jede Woche unter Beweis stellen, dass er diese Spieler stoppen kann.


Dabei ist vor allem auffällig, wie vielfältig Braun seine Gegenspieler verteidigen kann und mit welcher Konsequenz und Ernsthaftigkeit er seiner Arbeit dabei nachgeht. Zum einen ist dabei seine Defense gegen zum Korb ziehende Spieler zu nennen. Braun versteht es sehr gut, seine Gegenspieler auf dem Weg zum Korb eng zu verfolgen, dabei aber nur sehr selten ein Foul zu begehen. Seine Schnelligkeit erlaubt es ihm, nachdem er am Perimeter möglicherweise geschlagen wurde, bis zur Mitte wieder rechtzeitig bei seinem Mann zu sein und dessen Wurf zu stören.
In dieser Sequenz bekommt es Ulms Nummer 24 mit Ryan Thompson, einem der besten Offensivspieler und möglicherweise dem besten „pure Scorer“ der Bundesliga, zu tun. Nach einer Körpertäuschung gelingt es Thompson den Spalding auf seine starke rechte Hand zu befördern. Von dort aus möchte der US-Amerikaner nun zum Korb ziehen, um hochprozentig abzuschließen, wie es ihm normalerweise regelmäßig in seinen Spielen gelingt.

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In dieser Szene verläuft es allerdings anders. Zwar ist er auch mit seinem ersten Schritt an Braun vorbei, doch der Ulmer schafft es rechtzeitig wieder an Thompson dran zu sein, um dessen Korbleger nicht nur zu verhindern, sondern um dem Bonner den Weg zum Korb regelrecht zu versperren. Wieder gelingt es Braun also, seinen Gegenspieler dazu zu zwingen, das Dribbling zu stoppen und den Ball aufzunehmen. Durch Brauns Position fällt es Thompson nun zusätzlich schwer, nun überhaupt noch eine Anspielstation zu finden, da er so eng bei ihm ist und Thompson in dieser Situation direkt unter dem Korb schlecht positioniert ist.

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Ganz ähnlich ist auch dieses Beispiel aus dem Spiel gegen Ludwigsburg zu bewerten. Kelvin Martin will hier über die Mitte zum Korb ziehen, weil sich dort eine enorme Lücke aufgetan hat. Dies ist gegen Braun aber keine leichte Aufgabe, der es bereits auf Höhe der Freiwurflinie ohne Foul schafft, den Gegenspieler dazu zu zwingen das Dribbling zu stoppen. Martin ist im Niemandsland des Feldes gefangen und muss sich nun nach einer Anspielstation umsehen.

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Doch auch gegen starke Schützen wird der North Dakota State-Absolvent eingesetzt, um deren Kreise und Wurfquoten einzudämmen. Dabei muss er allerdings gänzlich anders verfahren, als gegen Spieler, die lieber direkt am Korb den Abschluss suchen. Während er in solchen Situationen noch etwas mehr Abstand ließ, um nicht sofort mit dem ersten Schritt geschlagen zu werden, verteidigt er gute Werfer deutlich enger. Im folgenden Beispiel muss er gegen den ausgewiesenen Schützen Chad Toppert von den MHP Riesen ran.

Dabei kann an der Aufstellung der Ludwigsburger schon erkannt werden, dass dieses Play möglicherweise für einen Toppert-Dreier aufgezeichnet ist. So hat dieses Floppy-ähnliche Set zwei große Spieler, die an den Elbows warten, um Blöcke zu setzen. Toppert kann von der Baseline starten und sich dann für einen Screen entscheiden, um Freiraum für einen Wurf zu bekommen. Bereits unter dem Korb nimmt Braun die entsprechende Position ein, um ganz eng am Mann bleiben zu können. Dabei steht er mit dem Rücken zum Ball und hat die Augen nur auf Toppert gerichtet, um dessen nächsten Laufweg erahnen zu können.

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Nachdem sich Toppert für eine Seite entschieden hat, bekommt er tatsächlich den Ball am Perimeter. Braun hat durch seinen Fokus allerdings keinen Meter verloren und steht dem Ludwigsburger regelrecht auf den Füßen. Durch die hochgestreckten Arme verschwindet auch die letzte Chance für Toppert doch noch zu werfen. Natürlich birgt diese extrem aggressive Defense die Gefahr, dass Toppert einfach an Braun vorbeiziehen könnte. Doch das ist letztendlich das, was Braun mit dieser Art der Verteidigung erreichen will: „Make a shooter a driver!“

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Und immer dann, wenn nur ein Wurf erwartet wird, ist es extrem effektiv und kaum einem Spieler gelingt es da noch den Ball loszuwerden. Auch wenn Shavon Shields bei so aufdringlicher Defense wohl normalerweise an Braun vorbeiziehen würde, muss in dieser Szene die Shotclock beachtet werden. Bei nur noch ganz wenigen Sekunden auf der Uhr rückt Braun seinem Gegenspieler immer näher, hat zusätzlich einen Arm oben und hat den Frankfurter damit „in der Falle“.

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Neben den bisher aufgezeigten defensiven Facetten, wie Help-Defense beim Pick&Roll sowie Verteidigung gegen gute Slasher oder Shooter, kann auch gesagt werden, dass Braun in der Post-Verteidigung einen soliden Job macht. Dadurch, dass die Ulmer defensiv gerne und viel switchen, kommt es häufiger vor, dass ein kleinerer Spieler im Low-Post gegen einen Big Man des Gegners verteidigen muss.

Braun gelingt es da immer wieder, den Großen zum Stoppen des Dribblings beziehungsweise in einen verfrühten Wurf oder Pass zu zwingen. Wenn dies nicht gelingt, ist er auch bereit den gegnerischen Big Man mit einem Foul zu stoppen. Sein Foulmanagement ist aber trotz seiner intensiven defensiven Aufgaben extrem gut. Lediglich 2,3 Fouls leistet sich Braun pro Partie und war so nur im Spiel gegen den FC Bayern Basketball und im Overtime-Thriller gegen Bayreuth frühzeitig ausgefoult.  

In dieser Szene muss es Braun wieder mit einem größeren Spieler aufnehmen. Dabei bekommt er in der Zone zwar zusätzliche Hilfe, hat seinen Gegenspieler aber schon früher am Dribbeln gestoppt. So muss Scott Eatherton von der BG Göttingen in diesem Fall den Ball loswerden, probiert einen riskanten Pass quer über das Feld, den Braydon Hobbs abfangen kann. Am Ende steht der Steal nur bei Hobbs im Boxscore. Doch mindestens einen genau so großen Anteil an diesem Ballklau hatte Braun, dessen Aktion statistisch nicht aufgezeichnet wird.

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Natürlich kosten diese ständigen Richtungswechsel und Läufe enorm viel Kraft, die er aber durch seine geringere Rolle in der Offensive auch wieder auftanken kann. Dies sollte allerdings nicht so verstanden werden, dass Braun in die Ulmer Offense nicht eingebunden ist beziehungsweise nicht mehr Verantwortung übernehmen könnte. Es ist ganz einfach die Tatsache zu beachten, dass der US-Amerikaner meist mit vier hochbegabten Offensivspielern gleichzeitig auf dem Parkett steht. Egal ob Chris Babb, Da’Sean Butler, Per Günther oder Raymar Morgan, die meisten Ulmer sind mit einem reichhaltigen Offensivarsenal ausgestattet und können so den Gegner fast überall schlagen. Kein Wunder also, dass die Spatzen mit 123,32 erzielten Punkte pro 100 Ballbesitzen mit weitem Abstand die beste Offensive der Basketball-Bundesliga stellen. In diesem Ensemble ist es eben Braun, der seine offensiven Fähigkeiten nur seltener einbringen muss und für den eben auch kaum Setplays gelaufen werden. Meist fungiert der 25-Jährige in der Offense als Schütze, der das Feld breit machen soll. Seine meisten Punkte erzielt er aber eher, wenn er unverhofft zum Korb schneidet oder in der Defense gute Arbeit leistet und den Fastbreak abschließen kann.

Dass er durchaus die Athletik besitzt, um spektakulär und mit Gegenspielern in unmittelbarer Nähe am Korb abzuschließen, hat er schon häufiger bewiesen. Genauso hat er den Ulmer Fans auch schon seinen Wurf präsentiert, der auch aus der Distanz von der Defense respektiert werden muss. Durch Probleme am Ellenbogen fiel es Braun in der letzten Spielzeit allerdings schwer, seinen Wurf einzusetzen und so sanken seine Quoten doch deutlich. Auch wenn in dieser Saison den Dreier erst mit 34 Prozent trifft, muss den gegnerischen Teams klar sein, dass sie den US-Amerikaner nicht immer so offen am Perimeter lassen können.

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Doch, wie bereits angedeutet, ist es weniger der Wurf, der Taylor Braun zu einem ernst zu nehmenden Offensivspieler macht. Vor allem durch seine physischen Voraussetzungen und die Schnelligkeit besteht für ihn ohne und mit Ball immer die Möglichkeit, zum Korb zu ziehen und da zu einfachen Zählern zu kommen. Aufgrund seiner Athletik hat er auch wenig Probleme mit Kontakt oder damit, sehr spektakulär am Ring abzuschließen. Sein Coach Thorsten Leibenath meint: „Mit zwei Dribblings kommt Taylor aufgrund seiner Explosivität immer dorthin, wo er will.“

Durch diese plötzlichen Cuts, die immer mit hochprozentigen Würfen am Korb enden können, reißt der US-Amerikaner natürlich auch immer wieder Lücken, da die Verteidiger solche einfachen Punkte möglichst verhindern wollen. Im Spiel gegen Frankfurt zeigt sich in folgender Offensivsequenz der Einfluss. Die Skyliners wollen wie meistens den aufpostenden Spieler von der Grundlinie aus doppeln. Dies lässt auf der ballfernen Seite logischerweise immer einen Spieler frei. Nun agieren die Ulmer so, wie es viele clevere Teams dagegen tun: Ein Spieler, in dem Fall Braun, schneidet von der Weakside in Richtung Zone. Dies verleitet den einzig übrig gebliebenen Verteidiger auf der Seite dazu, ihm zu folgen. Damit bleibt letztendlich immer ein Schütze in der Ecke frei, der gut anspielbare wäre. Wenn der Verteidiger Braun hier nicht folgt, könnte der Ulmer möglicherweise selbst bedient werden und abschließen.

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Aber es gibt auch mal Phasen in einem Spiel, wo auch dem Edelverteidiger mal der Ball in der Offense überlassen wird, sodass dieser kreieren kann. In dieser Szene aus dem Spiel gegen Göttingen lässt sich gut erkennen, welche offensiven Möglichkeiten der US-Amerikaner hat. Es stellt für ihn keine Probleme dar, aus dem Blocken und Abrollen einen Zug zum Korb zu entwickeln. Hier erkennt er, dass Alex Ruoff und Scott Eatherton bei der Verteidigung des Pick&Rolls klar mit der Nutzung des Blocks rechnen und sich schon weit in eine Richtung bewegen. Dies kann er sofort mit einer Körpertäuschung ausnutzen, um ungehindert in die Mitte zu kommen.  

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Weiterhin nutzt er auf dem Weg noch einen schnellen Eurostep, um an zwei Verteidigern gleichzeitig vorbei zu kommen und athletisch am Korb abzuschließen. Ein offensiv limitierter Spieler sieht anders aus.

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Nachdem hier nun so viele Dinge genannt wurden, die Taylor Braun zu einem offensichtlich nur schwer zu ersetzenden Spieler für ratiopharm Ulm machen, bleibt natürlich die Frage, wie es trotzdem sein kann, dass er in der medialen Aufmerksamkeit so komplett unter dem Radar fliegt? Die Antwort auf diese Frage ist wohl im Untertitel dieses Artikels versteckt und auch das, was Braun so besonders macht. Der US-Amerikaner beeinflusst das Spiel der Ulmer enorm, allerdings fast komplett außerhalb des Boxscores. So kommt es nur selten vor, dass man seinen Namen im Zusammenhang mit außergewöhnlichen Statlines liest, welche ja meist im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Auch wenn hiermit ein weiteres Beispiel vorliegt, warum die herkömmlichen Boxscore-Statistiken häufig unbrauchbar sind, gibt es doch eine unübliche Kombination zweier Zahlen, die möglicherweise einen kleinen Hinweis auf Brauns Spielstil geben könnten.

Dabei handelt es sich um die Kombination aus dem „Effektivitätswert“ und dem „Plus-Minus-Wert“. Beide Stats sind für die Bewertung von Spielern normalerweise komplett unbrauchbar, da sie einige wichtige Faktoren nicht mitberechnen und somit auch fälschliche Interpretationen zulassen. Bei Taylor Braun ist jedoch auffällig, dass er zum einen mit +12,4 den besten Plus-Minus-Wert aller Ulmer besitzt. Das heißt, wenn er auf dem Parkett steht, erzielt ratiopharm Ulm 12,4 Punkte mehr als der Gegner. Im ligaweiten Vergleich kommt er mit diesem Wert knapp hinter Janis Strelnieks sogar auf den zweiten Rang (Jerel McNeal und Elias Harris mit deutlich kleinerer Datenmenge). Dies sagt, wie bereits angedeutet, nicht allzu viel aus, weil unklar ist, mit welchen Mitspielern er gleichzeitig auf dem Court stand und wer in seiner Einsatzzeit vor allem seine Gegenspieler waren. Doch interessant wird es dann, wenn man seinen Effektivitätswert betrachtet, der lediglich wiedergibt, welche Zahlen er in den Boxscore produziert. Dort rangiert er unter allen Ulmern mit wichtigen Minuten auf dem letzten Platz. Zusätzlich besitzt er unter allen 53 Bundesligaspielern, die bislang mehr als 25 Minuten pro Spiel auf dem Parkett gestanden haben, mit 9,3 den sechsniedrigsten Effektivitätswert. Das bedeutet, dass er zwar lange auf dem Court steht und seine Mannschaft in dieser Zeit auch deutlich mehr Punkte als der Gegner erzielt, er allerdings selbst total wenig für den Boxscore produziert.

Dies würde letztendlich zwei Interpretationswege zulassen. Der ein Fall wäre, dass Braun einfach ein total irrelevanter Spieler wäre, der wenig zum Spiel beiträgt und dessen Plus-Minus-Wert einfach durch den guten Beitrag seiner Mitspieler geschönt wird. Die andere Möglichkeit bestünde darin, dass sein Einfluss in den üblichen Statistiken einfach nicht gemessen werden kann. Nach der oben durchgeführten Videoanalyse lässt sich nun feststellen, dass hier ganz eindeutig der zweite Fall zutrifft.


So bleibt letztendlich nicht nur ein schönes Beispiel, dass sich vor allem aus den Zahlen des Boxscores nicht viel über einen Spieler sagen lässt. Es kann auch festgehalten werden, dass sich mit Taylor Braun einer der besten Verteidiger der Basketball-Bundesliga in dieser Saison in den Reihen von ratiopharm Ulm befindet. Die Chancen dafür, dass er in die engere Auswahl für den „Defensive Player of the Year“-Award kommt, sollten bei dem Verlauf der Saison und der Konkurrenz normalerweise nicht schlecht stehen. Doch wenn eins zum bisherigen Karriereverlauf von Taylor Braun passen würde, dann auch, dass er bei dieser Wahl unter dem Radar fliegt. Oder wie sein Vater Wayne erklärt: „Er mag das Rampenlicht nicht. Er ist einfach kein Ich-Ich-Typ.“

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