NBA

Winning At The Margins

Die besten kleineren Deals der abgelaufenen Offseason und wie sie zustande kamen

Die NBA blickt auf eine der turbulentesten Offseasons aller Zeiten zurück. Nur selten haben so viele Superstars das Team gewechselt wie in diesem Jahr, manche mögen vielleicht sogar sagen noch nie. Dementsprechend viel Aufmerksamkeit haben diese Wechsel auf sich gezogen. Und das natürlich völlig zurecht: Superstar-Qualität ist immer noch einer der entscheidendsten Faktoren für Teamerfolg. Und doch ist er nicht der Einzige. Nach dem Gewinn einer Championship ist oft zu lesen, dass die Grundlage dafür das sogenannte „Winning at the margins“ war, also der Erfolg bei eher kleineren Transaktionen. Dieser legt auch oftmals den Grundstein dafür, dass sich später Superstars für das Team entscheiden. Die Nets und Clippers sind das beste Beispiel für eine solche Entwicklung. Aus diesem Grund soll es in diesem Artikel darum gehen, welche Teams in dieser Offseason besonders erfolgreich waren bei der Verhandlung dieser „kleineren Deals“. Als Abgrenzung der maximalen Gehaltshöhe, bis zu der man den Vertrag als klein bezeichnen kann, dient dafür der Betrag der vollen non-taxpayer mid-level exception (MLE) in Höhe von 9.258 Millionen US-Dollar im ersten Jahr des Vertrags. Mit eingeschlossen sind demnach auch Verträge bis zu dieser Höhe, die mit Capspace umgesetzt wurden.

Um eine Wertung eines solchen Vertrags vornehmen zu können, muss man bestimmte Kriterien über den reinen Value des Vertrags, also der Qualität des Spielers im Vergleich zu seinem Gehalt, hinaus betrachten. Es ist wichtig zu beachten, dass es sich bei Spielern, die weniger als die MLE verdienen, in der Regel um Rollenspieler handelt. Für solche Rollenspieler ist eine andere Art von Skillset von entscheidender Bedeutung als für Superstars. Es geht mehr darum, dass diese Spieler neben solchen Superstars immer noch ihre Qualitäten positiv einbringen können, ohne die Gelegenheit des Stars, seine Fähigkeiten voll auszuspielen, einzugrenzen. In Fachkreisen bezeichnet man diesen Umstand als Scalability des Skillsets eines Spielers. Eine gute Defense, Shooting-Fähigkeiten und im Idealfall noch Passing-Vermögen sind daher für diese Rollenspieler wichtiger als beispielsweise das Talent, Würfe in Isolation zu kreieren. Zudem darf man bei der Bewertung auch den Team-Fit des Spielers in seinem neuen Team nicht unterschätzen. Füllt er mit seinem Skillset eine zuvor massiv unterbesetzte Rolle im Team, ist er für seine neue Mannschaft wertvoller, als wenn er die Fähigkeiten bereits unter Vertrag stehender Spieler quasi dupliziert.

Die aufgeführten Beispiele sollen dabei weniger eine Bewertung dessen sein, was tatsächlich die vier besten Deals waren, sondern viel mehr die Grundlage schaffen zu bewerten, welche Teams besonders erfolgreich waren. Gleichzeitig dienen sie damit auch zu beleuchten, in welchen Situationen es für Teams überhaupt möglich ist, solche Deals einzufädeln.

 

Jared Dudley

(Los Angeles Lakers/ 1.6 Millionen, ein Jahr)

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Der 34-jährige Jared Dudley ist wahrscheinlich das Paradebeispiel dessen, was innerhalb der Basketballwelt als „Ring Chaser“ bezeichnet wird, also ein Spieler, der für wenig Geld bei einem Contender wie den Lakers anheuert, in der Hoffnung mit dem Team im Herbst seiner Kariere einen Titel zu gewinnen. Im vergangenen Jahr war Dudley noch ein integraler Bestandteil des Playoff-Pushs der Nets und hätte sicherlich das eine oder andere rein finanziell bessere Angebot vorliegen gehabt. Für die Lakers ist er zum Minimum ein Schnäppchen und damit vermutlich einer der wenigen Spieler, für die das Team um LeBron James und Anthony Davis nicht überbezahlt hat. Dudley mag kein sehr begnadeter Scorer sein (in der abgelaufenen Saison erzielte er im Schnitt nur etwa 8.5 Punkte pro 36 Minuten), aber er bringt andere Qualitäten mit, die für einen Contender von großem Wert sein dürften.

Zuallererst ist hierbei seine defensive Versatilität anzuführen. Er kann mehrere Positionen verteidigen, switchen und ist insbesondere ein guter Help Defender. In einem Kader, der ansonsten, abgesehen von AD, nicht von starken Verteidigern strotz, können diese Fähigkeiten enorm wertvoll sein. Er mag kein überragender Shooter sein, aber mit 35.1% bei 5.9 Versuchen pro 100 Possessions in der vergangenen Regular Season strahlt er doch ausreichend Gefahr aus, um mindestens in der Regular Season am Perimeter nicht völlig alleine gelassen zu werden. Seine beinahe wichtigste Fähigkeit jedoch hat nur bedingt mit seinen Qualitäten auf dem Feld zu tun: Im Team der Nets nahm er oftmals die Rolle des „emotional Leaders“ ein, der sein Team stets motiviert und für seine Mitspieler in die Bresche springt. Unvergessen ist wohl der Streit mit Ben Simmons im Laufe der Erstrundenserie mit den 76ers in den vergangenen Playoffs. In einem Team, das im letzten Jahr von einigen internen Querelen betroffen war und in dem sich der eine oder andere schwierige Charakter befindet, kann ein erfahrener Veteran mit einer derart positiv Ausstrahlung durchaus hilfreich sein. Dudley wird vermutlich eine eher kleine Rolle innerhalb der Rotation einnehmen hinter den angestammten Spielern Lebron, AD und Kyle Kuzma. Aber diese Rolle wird er voraussichtlich zur Zufriedenheit aller erfüllen und ist damit der perfekte Pick-up für die Lakers in dieser Offseason.

Ähnliche Offseason-Deals: Wilson Chandler (Brooklyn Nets/1.6 Millionen, ein Jahr),
Kyle O’Quinn (Philadelphia 76ers/1.6 Millionen, ein Jahr)

 

Dorian Finney-Smith

(Dallas Mavericks/ 12 Millionen, 3 Jahre)

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Dorian Finney-Smith ist ein Beispiel eines Phänomens, das wir in diesem Sommer nur sehr selten betrachten durften. Der 26-jährige Wing der Dallas Mavericks war einer der wenigen Restricted Free Agents, deren Team diesen Umstand zu seinem Vorteil nutzten konnte, um den Spieler günstig erneut unter Vertrag nehmen zu können. Andere Teams waren aufgrund der Annahme, dass die mit mehr als ausreichend Capspace gesegneten Mavericks jedes Angebot matchen würden, nur wenig interessiert an ihm. Und das trotz dessen, dass Finney-Smith ein für die moderne NBA potenziell wertvolles Skillset mitbringt. Der 6-8 große Forward kann mehrere Flügelpositionen verteidigen und wurde im vergangenen Jahr unter anderem als primäre defensive Option gegen James Harden in den vier Spielen der Mavs gegen die Rockets eingesetzt. Sein Dreier ist nach wie vor extrem unzuverlässig, allerdings zeigt Finney-Smith in seinem dritten Jahr in der Liga auch hier schon deutliche Fortschritte. Soll der Jumper eine veritable Option seines Spiels werden, muss er seine Quote von 31.1% in der abgelaufenen Saison natürlich weiter steigern. Aber sollte er diese Hürden bewältigen, wirkt er wie der perfekte Archetyp des defensiv variablen 3&D-Wings, den man in einem rund um Luka Doncic aufgebauten Team dringend benötigt. Bereits in der abgelaufenen Saison war der Forward in einigen Spielen Starter auf der Drei und könnte diese Rolle nach aktuellem Stand in naher Zukunft wohl dauerhaft bekleiden. Selbst im Falle dessen, dass der Jump Shot sich nicht verbessert, ist er als solider Rollenspieler von der Bank durchaus seinen Vertrag mehr als wert.

Ein ähnlicher Fall dieser Offseason ist interessanterweise mit Maxi Kleber (34/4) ein weiterer Spieler der Mavericks. Die meisten anderen Restricted Free Agents wechselten entweder das Team (z.B. Delon Wright), wobei hier das abgebende Team oftmals für den Verzicht der Restricted-Rights entlohnt wurde. Oder sie von ihrem Team bereits früh in der Offseason zu recht stattlichen Verträgen verlängert (z.B. Thomas Bryant). Diese Beispiele lassen auf zwei Faktoren schließen, die das Erzielen von günstigen Verträgen für Restricted Free Agents unterstützen. Zum einen der offensichtliche Wille des Teams alle Angebote für den Spieler zu matchen, welcher oftmals dadurch bedingt wird, dass das Team eine gewisse finanzielle Flexibilität hat oder bei der Jagd nach anderen Wunschspieler scheitert. Zum anderen auch die Möglichkeit des Teams abzuwarten, bis große Teile des zur Verfügung stehenden Geldes auf dem Markt schon ausgegeben wurden und es dem Free Agent damit an potenziellen Alternativen fehlt.

Ähnliche Offseason-Deals: Maxi Kleber, Rodney McGruder (LA Clippers/15 Millionen, 3 Jahre)

 

Kevon Looney

(Golden State Warriors/15 Millionen, 3 Jahre mit einer Player Option)

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Wie abzusehen war, liegt hinter den Golden State Warriors eine der ereignisreicheren Offseasons der jüngeren Vereinsgeschichte. Dass sie derart turbulent werden würde, war allerdings von niemandem zu erwarten. Da das Team aus Kalifornien D’Angelo Russell in einem Sign&Trade mit den Nets erlangen konnten, war klar, dass es anschließend knapp über der Tax-line hardcaped sein würde. Aufgrund dieser Einschränkungen musste zu diesem Zeitpunkt angenommen werden, dass Golden State nicht in der Lage sein würde, Center Kevon Looney zu halten. Dass dies am Ende doch gelingen konnte, lag in großen Teilen daran, dass der 23-jährige vermutlich auf Geld verzichtet hat.

 In einem sehr dünn besetzten GSW-Team füllt Looney die Rolle des Energizers von der Bank als Back-up des ebenfalls neu verpflichteten Willie Cauley-Stein perfekt aus. Es ist eine Aufgabe, die Looney schon in der abgelaufenen Saison mit großem Erfolg bewältigt hat und sich dabei und im Umfeld der Warriors offensichtlich wohl fühlt. Mit seiner Switchability und soliden Defense bringt er Aspekte in das Spiel seines Teams, die diesem ansonsten auf der Center Position fehlen. Offensiv weist sein Spiel definitiv entscheidende Limitationen auf, wie beispielsweise das völlige Fehlen eines Jump Shots (0.3 Dreier-Versuche auf 100 Possession), aber als solider Screener stellt er trotzdem eine gute Kombination zu den wurfstarken Guards des Teams rund um Elite-Shooter Steph Curry dar. Trotz ersten Berichten, dass er den Warriors besser in der Rolle als Back-up von der Bank gefällt, scheint es daher nicht unwahrscheinlich, dass er im Laufe der Saison zum Starter ernannt wird. Der Schlüssel zu seiner kostengünstigen Verpflichtung war, neben dem Einbau einer Player Option im letzten Vertragsjahr, sicher, dass Looney das Umfeld des Teams und seine Rolle darin schon gut kennt und sich darin derartig wohlfühlt, dass er das nicht zugunsten von mehr Gehalt verlasen wollte.

Ähnliche Offseason-Deals: Rodney Hood (Portland Trail Blazers/11.7 Millionen, 2 Jahre mit einer Player-Option), Austin Rivers (Houston Rockets/4.5 Millionen, 2 Jahre mit einer Player-Option), James Ennis (Philadelphia 76ers/4 Millionen, 2 Jahre mit einer Player-Option)

 

DeMarre Carroll

(San Antonio Spurs/20.6 Millionen, 3 Jahre, nur leicht garantiert im letzten Jahr)

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DeMarre Carroll ist das lebende Beispiel dafür, warum nicht der reine Value eines Vertrags allein darüber bestimmt, wie gut das Signing eines Spielers für sein neues Team einzuschätzen ist. Mit knapp über 20 Millionen für die nächsten drei Jahre ist er nicht überbezahlt, aber auch nicht unbedingt unglaublich günstig. Aber sein Fit im neuen Team ist derart perfekt, dass er sich für die Spurs trotzdem als sehr gute Verpflichtung erweisen sollte. Dem Team aus San Antonio mangelte es im letzten Jahr vor allem an zwei Dingen: Wing Defense (insbesondere gegen größere Flügelspieler der Gegner) und Shooting. Und genau diese beiden Skills bringt Carroll mit.

Als Starter für die Brooklyn Nets zeigte sich Carroll in der letzten Saison defensiv immer noch sehr überzeugend. Auch wenn es ihm inzwischen an der Schnelligkeit mangelt, kleinere Gegenspieler zu verteidigen, ist der 6-8 große Forward in der Lage, sich körperlich gegen fast jeden Flügelspieler der NBA zu behaupten. Zusätzlich stellt er eine Gefahr vom Perimeter dar und trifft im Schnitt über die letzten fünf Jahre 37% seiner acht Dreier pro 100 Possessions. Mit diesem Skillset ist er die ideale Ergänzung für ein Team, in dem DeMar DeRozan, LaMarcus Aldridge und Rückkehrer Dejounte Murray den Hauptteil der Ballhandling-Last übernehmen sollen. Insbesondere nach dem Ausstieg von Marcus Morris aus seiner mündlichen Vereinbarung mit den Spurs dürfte er damit ein Kandidat für die Starting Five des Teams aus Texas sein.

Morris selbst wäre mit seinem recht ähnlichen Skillset, wenn auch ergänzt um einige Ballhandling-Skills, sicherlich ebenfalls ein Kandidat für diese Liste gewesen, bevor er für mehr Geld bei den Knicks unterschrieben hat. Ähnliche Beispiele findet man noch einige in dieser Offseason: Jeremy Lamb, als Starter für Indiana mindestens bis Oladipos Rückkehr, und Thaddeus Young, als Ergänzung zum jungen Bulls-Frontcourt, schaffen es nur deswegen nicht auf diese Liste, weil sie beide für knapp mehr Geld als die MLE unterschrieben haben. Ein wiederkehrendes, wenn auch nicht immer zutreffendes Muster scheint dabei zu sein, dass viele der Verpflichtungen bereits früh in der Free Agency getätigt werden. Dies lässt darauf schließen, dass insbesondere Teams, die früh Free Agents identifizieren, die perfekt zu den Bedürfnissen ihres Kaders passen, auch den entsprechenden Free Agent oftmals von ihrem Angebot überzeugen können.

Ähnliche Offseason-Deals: JaMychal Green (Los Angeles Clippers/9.8 Millionen, 2 Jahre mit einer Player-Option), Wesley Matthews (Milwaukee Bucks/5.2 Millionen, 2 Jahre mit einer Player-Option), Garrett Temple (Brooklyn Nets/9.8 Millionen, 2 Jahre mit einer Team-Option)

 

Fazit

Dass die Schlagzeilen der Offseason hauptsächlich von Wechseln der Stars gefüllt sind, sollte nicht davon ablenken, dass die hier besprochenen kleineren Deals manchmal ähnlich wichtig für den späteren Gewinn einer Championship sind. Es ist keine sonderlich neue Erkenntnis, dass Teams mit guten Chancen, die Meisterschaft zu gewinnen oder anderen Standortvorteilen (wie beispielsweise eine Lage der Stadt am Strand), einen großen Vorsprung bei dem Signing von Free Agents haben. Auch wenn einige der oben genannten Beispiele sicherlich subjektiv sind, zeigt doch auch diese Offseason deutlich, dass es allerdings bei weitem nicht die einzigen Faktoren sind, um gute Deals zu erreichen. Cleveres Management wie etwa beim Identifizieren passender Spieler und ein gutes Teamumfeld scheinen mindestens eben so zum Erfolg von Teams beizutragen. Insbesondere die Bewertung des Fits von Rollenspielern zu einem Team, kommt in vielen Betrachtungen oftmals zu kurz. Vor allem für Teams mit Ambitionen, die über das untere Ende der Lottery hinausgehen, ist das passende Skillset der neu Hinzustoßenden oftmals wichtiger als die reine Qualität. Es würde jedenfalls nicht überraschen, den einen oder anderen der oben genannten Spieler im nächsten Juli die Larry O’Brien-Trophäe in die Höhe recken zu sehen.

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