Off-Court, Salary Cap / CBA

Pro Hard Cap – pro Chancengleichheit?

„Die Lakers kriegen Howard  geschenkt!“ war nach dem Trade zu Offseasonbeginn ein weit verbreitetes, wenn auch sehr diskutables Statement. Während die einen, ungeachtet der Jahre, die die Akteure der Lakers schon auf dem Buckel haben, davon sprachen, dass man den Titel ja gleich in die kalifornische Metropole schicken könne, monierten die anderen „das System“.  Was innerhalb der Fangemeinde vielleicht noch als cool gilt, weil es Protest ausdrückt und dabei doch sehr frei definierbar ist, bezieht sich in diesem Zusammenhang doch auf eine relativ klare Sache: den Salary Cap. Besser gesagt: die ziemlich freie Auslegung des selbigen in der NBA und die Tatsache, dass die Los Angeles Lakers den Trade durchführen konnten, obwohl sie meilenweit über der Gehaltsgrenze liegen. Letztlich ging es also darum, dass (mal wieder?) ein großer Markt bevorteilt würde, während z.B. zeitgleich in Oklahoma City ein Ende der Big Four abzusehen ist. Ein Hard Cap (also eine feste Gehaltsgrenze, die mit keinerlei Ausnahmen überschritten werden kann) würde automatisch Chancengleichheit bedeuten – womit wir dann wieder bei der Fangemeinde wären. Denn ähnlich wie bei der allgemeinen Systemfrage geht es auch beim Salary Cap darum, die Alternative (also hier den Hard Cap) darzustellen und zwar so, dass sie real umsetzbar ist. Was sich so einfach anhört, ist es nämlich in Wirklichkeit gar nicht.

Erste Hindernisse

Zuerst stellt sich natürlich die Frage, wo der Hard Cap gezogen werden würde. Selbst diese simple Fragestellung ist ein streitbarer Punkt: Soll er dem aktuellen Salary Cap entsprechen, also bei ca. 58 Millionen Dollar liegen? Soll er an der Grenze zur Luxury Tax liegen, also bei rund 70 Millionen Dollar? Irgendwo dazwischen? Oder setzt man ihn so, dass selbst die kleinste Franchise an den Hard Cap gehen kann, ohne Verluste zu machen? Dann müsste man ihn wohl bei ca. 50 Millionen Dollar ansetzen, obwohl selbst das für eine Franchise wie die Sacramento Kings eng werden würde. Dazu muss man bedenken, dass die Höhe des Caps automatisch die Höhe der Gehälter bestimmt – diese bzw. die Höhe der Maximalbeträge orientieren sich schließlich relativ zum Cap. Je höher aber der Cap liegt, umso weniger Teams werden tatsächlich an dessen Grenze gehen können und umso „ungerechter“ ist wieder die Liga.

Allerdings bleibt allein die Höhe des Caps nicht der einzige Streitpunkt. Ein Grund, weshalb die NBPA (National Basketball Players Association = Spielergewerkschaft) einen Hard Cap strikt ablehnt, sind die wahrscheinlichen Gehaltseinbußen der Spieler. Schließlich wird das Geld, das für Spielergehälter im Umlauf ist, bei einem Hard Cap strikt reglementiert, wohingegen es im aktuellen System bis zur neu ausgehandelten Grenze von 50% des Gesamtumsatzes relativ frei gehandhabt wird. In diesem Fall wird noch nicht einmal der Inflationsausgleich und ähnliches berücksichtigt, der ein solches Modell für die Spieler noch unattraktiver macht.

Grobe Umrisse eines Modells: Hohe Maxdeals

Ungeachtet dieser Hindernisse kann man natürlich ein Modell entwerfen, das funktionieren könnte. Der Schlüssel zu einem funktionierenden Hard Cap  wird nämlich nicht (nur) die Gehaltsgrenze an sich sein, sondern die Ausgestaltung des dann neu zu verhandelnden CBA. Einfacher gesagt: Das Volumen der zulässigen Verträge. Hier ist es ironischerweise so, dass, je mehr die Verträge vom Cap wegnehmen dürfen, die vermeintliche Chancengleichheit immer mehr gegeben sein wird. Anders ausgedrückt: Je mehr ein Maximalvertrag relativ vom Cap verschluckt, desto eher verteilen sich die Spitzenspieler auf mehrere Teams. Ein Beispiel: Momentan nehmen nach dem neuen CBA zwei Maximumverträge ca. 57% des Caps ein (Rechnung: 20 Mio. Dollar pro Jahr pro Vertrag, 70 Millionen als Grenze), den man zur Verfügung hat, ohne die Luxury Tax zu bezahlen. Es stellt also kein Problem dar, zwei Superstars im Team zu haben, die restliche Rotation aber dennoch auf einem qualitativ relativ guten Niveau zu halten. Der Grund hierfür: Die Basketballteams sind relativ klein, einzelne Spieler haben einen größeren Einfluss, aber mehr als zehn Rotationsspieler braucht ohnehin kaum ein Team. Es muss also der Anteil, den ein Maximum-Vertrag vom Cap einnimmt, erhöht werden.

Legt man also z.B. fest, dass ein neuer Maximum-Vertrag bis zu 33% des Caps wegnehmen kann, überlegt man es sich sicherlich zweimal, gleich zwei dieser Verträge auf der Gehaltsliste zu haben. Natürlich wird es Teams geben, die auf dieses Superstar-Modell setzen, aber es wird schwerer fallen, um diese Stars herum ein gutes Team zu bauen. Anderseits wird es Teams geben, die sich lieber breit aufstellen und dafür auf den absoluten Topstar verzichten, was ihnen wiederum legitime Chancen auf eine sportlich erfolgreiche Saison einbringen wird, ist doch der Vorsprung der anderen in der Qualitätsspitze nicht mehr ganz so hoch. Durch den gesparten Maximalvertrag können sie Borderline All Stars mehr bieten als die „Star-Teams“, weshalb sie hier ihren Rückstand qualitativ wieder gut machen könnten. Auch Spieler vom Kaliber eines Pau Gasol werden sich fragen, ob sie lieber bei den Lakers für deutlich weniger Geld spielen als das, was sie selbst in Minnesota verdienen könnten.

Natürlich bleiben auch in diesem Modell etliche Fragezeichen offen und eines kann es ganz sicher nicht verhindern: Wenn Spieler zusammenspielen wollen, werden sie das auch tun. Wenn LeBron James, Dwyane Wade und Chris Bosh sagen, dass sie jeweils einen 20%-Vertrag unterzeichnen, kann das kein CBA und kein Hard Cap dieser Welt verhindern. Es sorgt aber dafür, dass sich die Superstaragglomerationen verringern werden und sich die Spitzenspieler eher auf mehrere Teams verteilen, als es aktuell der Fall ist. Aber ist das wirklich wünschenswert? Welche sportlichen Auswirkungen hätte dieses Modell? Und wieso ist es selbst aus Fan-Sicht vielleicht nicht ganz so toll, wie man zunächst glauben mag?

Der Inbegriff der Identifikation: Die Bird Rights

Um zu erklären, wieso es für die NBA so unglaublich wichtig ist, müssen wir knapp 30 Jahre zurückblicken. Die Boston Celtics stehen in der Offseason 1983 vor einem der größten Probleme ihrer Franchise-Geschichte: Larry Birds Vertrag läuft aus. Der Franchise Player der Celtics, der die Franchise in der folgenden Saison zu einer weiteren Championship führen wird, kann aufgrund der Capsituation nicht verlängert werden. Demzufolge müssen die Celtics Larry Bird ziehen lassen – wäre nicht hier auf Insistieren der Celtics eine Ausnahmeregelung geschaffen worden, die bald nur noch die „Bird Rights“ heißen soll.

Die NBA entscheidet sich dafür, weil keine Franchise ihren besten Spieler ersatzlos verlieren soll. Die NBA ist auch zu diesem Zeitpunkt schon eine Liga der Stars. Larry Bird ist ein Celtic, Magic Johnson ein Laker. Durch diese Rivalität kann sich die NBA des schändlichen Images der 70er entledigen. In der Saison 83-84 wäre diese Rivalität vielleicht aufgrund eines Hard Caps für immer gesprengt worden. Es ist das erste von unzähligen Beispielen, wieso ein Hard Cap die Fans nicht zufriedenstellen wird. Die NBA ist auch deswegen einer BBL haushoch überlegen, weil sie Konstanz und Identifikation vorweisen kann. Tim Duncan wird immer für die San Antonio Spurs spielen, Dirk Nowitzki für die Mavericks. Denkt man an Dallas, hat man immer den großen Blonden vor Augen. Damit dies so bleiben kann, benötigt die NBA zwingend Exceptions, damit die Franchise ihre Identifikationsfigur halten kann.

Wenn trotzdem einen Hard Cap geschaffen werden soll, müssen weitere Eingriffe gemacht werden. Zunächst müssen die progressiven Verträge abgeschafft werden. Das heißt, wenn ein Spieler einen mehrjährigen Vertrag unterschreibt, darf er nur so viel verdienen wie im ersten Vertragsjahr. Das ist notwendig, damit man den auslaufenden Franchiseplayer zu denselben Konditionen weiterverpflichten kann. Es kommen jedoch trotzdem noch zwei Probleme hinzu: Das sind zum einen die Franchise Player, die aus ihrem Rookievertrag hinauskommen und nun darauf bestehen, mehr Geld zu bekommen, und zum anderen die neuen Lottery-Rookies, für die Platz unterm Salary Cap sein muss, um sie unter Vertrag nehmen zu können. Das heißt in letzter Konsequenz, dass man ungarantierte oder Ein-Jahres-Verträge für jeden Spieler benötigt, um problemlos den Cap frei zu räumen, damit Platz für wichtigere Spieler geschaffen wird.

Geht die NBA also diesen Weg, dann haben wir europäische Verhältnisse: Kein Spieler ist mehr an seine Franchise gebunden, weil in jeder Offseason jeder Spieler Free Agent ist. In jeder Offseason können nun Superstarabsprachen getroffen werden, um neue Superteams zu bilden, die im Folgejahr wieder aufgelöst würden. Das ist sicherlich nicht die Richtung, in die die NBA will, aber der Hard Cap würde genau dafür sorgen. Natürlich wird der Sommer 2010 eine Ausnahme bleiben, wo 3 der besten 20 Spieler in einem Team auflaufen werden, aber es gäbe jedes Jahr das Melo-Drama oder Dwightmare. Von mehreren Superstars. Gleichzeitig.

Die NBA-Spieler wollen keinen Hard Cap

Wie es hier bereits anklang, müssten vor allem im Vertragswesen viele Einschnitte gemacht werden. Ausnahmslos alle benachteiligen die Spieler. Keine Bird Rights. Kein Gehaltsanstieg im Vertrag. Keinen mehrjährigen Vertrag. Keinen garantierten Vertrag. Die Folgen wären relativ leicht zu antizipieren: Verletzt sich ein Rollenspieler etwas schwerer, wird er direkt entlassen. Es gibt kein gutes oder schlechtes Management mehr. Wenn man die falschen Spieler verpflichtet hat, bekommt man hohe Draftpicks und ein ansonsten leeres Roster und darf von Neuem beginnen. Daraus folgt: Es gibt auch kein gutes Management mehr, nur noch kurzfristigste Erfolge. Teams sehen in jedem Jahr anders aus. Kurz: Die NBA würde einem Swinger-Club gleichen. Dieselben Teams mit wechselnden Spielern.

Dabei ist noch immer nicht gesagt, dass die NBA nun deutlich ausgeglichener sein wird als mit dem Ist-Zustand. Spielerabsprachen wären weiterhin möglich, ebenso ist gutes Management des Front Offices natürlich auch nicht verboten. Wenn Kobe Bryant sagt, dass er trotz Ein-Jahres-Vertrags nur für die Lakers auflaufen wird, kann Mitch Kupchak in jeder Offseason auf die Suche nach weiteren Superstars gehen. Somit kann Kupchak viel eher mit Kobe Bryant als Mitspieler locken, während Milwaukee noch immer nach dem ersten Superstar sucht. Bekommen würde Milwaukee dann einen Spieler der Marke Joe Johnson, der wie ein Franchise Player verdient, aber keiner ist.

Die Fans wollen auch keinen Hard Cap

Jedenfalls nicht, wenn man das Gedankenspielchen bis zum Ende durchspielt. Ohne Soft Cap würde die Liga an Identifikation verlieren. Spätestens, wenn der Lieblingsspieler das Team verlassen muss, weil er sich verletzt hat oder aufgrund des Hard Caps auf ihn verzichtet werden muss, oder wenn man das Team beim ersten Auflaufen zur neuen Saison nur noch zu kleinen Teilen von der Vorsaison kennt, werden die Fans realisieren, dass der Hard Cap nicht das Allheilmittel für das Ungleichgewicht in der NBA ist. Es gibt natürlich ein Ungleichgewicht, das vor allem durch die big markets ausgelöst wird. Der Hard Cap löst dieses Problem jedoch nicht. Das Problem soll auch gar nicht gelöst werden, denn Identifikation, Wiedererkennungswert und Konstanz sind Gütekriterien für ein Unternehmen wie die NBA.

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