NBA, New Orleans Pelicans

Déjà-vu in New Orleans

Wiederholen die Pelicans ihre Fehler mit Anthony Davis bei Zion Williamson?

Die Parallelen zwischen Anthony Davis und Zion Williamson sind nicht zu übersehen: Beide standen nach ihrem Jahr am College praktisch konkurrenzlos an der Spitze aller Mock Drafts, beide sind Bigs, denen seitdem klares Potential zum Franchise Player zugesprochen wurde. Beide kamen durch den Draft nach New Orleans in ein Team, das gerade einen Top 10-Spieler nach Tradeforderungen abgeben hatte müssen in Chris Paul, beziehungsweise jetzt Anthony Davis. In beiden Fällen war eine gehörige Portion Glück für die neue Franchise nötig, da sie jeweils nicht mit den besten Odds in die Lottery gegangen war. Dass Williamson jetzt eine ähnliche Entwicklung wie Davis zeigt, wird sicher die Hoffnung der Pelicans sein. In einem Punkt dürften sie aber auf einen Bruch im Muster hinarbeiten: Der Teamerfolg der Davis-Jahre entsprach kaum den Erwartungen, wie auch die Entlassung des langjährigen GMs Dell Demps Anfang des Jahres verdeutlicht. Allerdings zeigen sich bereits vor Williamsons erstem NBA-Spiel einige Ähnlichkeiten im Teambuilding mit den Davis-Jahren. Wiederholen die Pelicans also trotz des neuen Managements um Trajan Langdon ihre Fehler?


Blick zurück auf das Jahr 2011: Der langjährige Star der Noch-Hornets, Chris Paul, hat nach diversen Allstar-Nominierungen und Playoff-Runs genug von New Orleans. Da sein Vertrag im Folgejahr eine Spieleroption hat, kann er ausreichend Druck auf die Franchise ausüben und bekommt seinen Wunsch erfüllt: Er geht nach Los Angeles. Allerdings scheitert der erste Versuch eines Trades mit den Lakers, weil die zu diesem Zeitpunkt gemeinschaftlich von der Liga verwalteten Hornets einen aus Sicht David Sterns einen zu schlechten Gegenwert erhalten hätten. Mit Lamar Odom, Luis Scola, Kevin Martin und Goran Dragic im 3-Team-Trade mit den Rockets wäre das Team im Mittelfeld verblieben und hätte kaum Chancen auf einen hohen Pick gehabt. Stattdessen ergreifen die Clippers die Gunst der Stunde und geben einige jüngere Spieler wie Eric Gordon und Al-Faruq Aminu, den Filler Chris Kaman sowie einen Pick für Paul ab (was für neutrale Fans schon dank des Fotos von der Pelicans-Spielerpräsentation ein Gewinn war). So erhalten die kurz darauf an Tom Benson verkauften Hornets im Draft 2012 dank der viertschlechtesten Bilanz und etwas Lottery-Glück den ersten Pick. Sie wählen wie allgemein erwartet Anthony Davis sowie mit dem von den Clippers getradeten 10. Pick Austin Rivers. Davis erfüllt in seiner Rookiesaison weitgehend die Erwartungen, woraufhin die Hornets im folgenden Sommer eine Beschleunigung ihres Rebuilds anstreben: Der eigene 6. Pick (Nerlens Noel) und ein zukünftiger Firstrounder werden für Jrue Holiday nach Philadelphia geschickt. Das Offer Sheet der Suns für Gordon wird ebenfalls gematcht, das Team soll möglichst sofort in die Playoffs kommen.

In den folgenden Jahren gelingt allerdings trotz weiterer Win Now-Trades wenig. Immer wieder verwenden die Hornets/Pelicans ihre Picks für Spieler wie Omer Asik, die sie dann teuer bezahlen, lassen aber gleichzeitig etwa Robin Lopez und Aminu quasi ohne Gegenwert ziehen. Die Fehler der ersten Davis-Jahre sind hier bereits skizziert, im Rückblick ist noch hinzuzufügen, dass immerhin ein Playoff-Seriensieg gelang: Nachdem zuvor nur ein Playoffeinzug mit Sweep durch die Warriors zu Buche stand, konnten Davis, Holiday und Co. 2018 die Blazers schlagen. In der folgenden Saison waren aber aufgrund der Schwächen des Kaders, erneuter Verletzungsprobleme und auch wegen der starken Konkurrenz in der Western Conference die Playoffs bereits unwahrscheinlich, als Davis seine Tradeforderung öffentlich machte. Auch wenn die Pelicans erst im Sommer der Forderung nachgaben, zeigte sich so bereits das Ende der Davis-Ära.


Die zu erwartende Zion-Ära nahm ihren Anfang mit der gewonnenen Lottery, mit dem Davis-Trade wurden dann die Weichen scheinbar eindeutig gestellt: Wie schon Jahre zuvor erhielt New Orleans in Brandon Ingram, Lonzo Ball und Josh Hart mehrere jüngere Spieler, dazu weitere Assets wie den diesjährigen Lakers-Pick. Nach einem Trade mit den Hawks konnten die Pelicans so neben Williamson auch Jaxson Hayes mit Pick 8 und Nickeil Alexander-Walker mit Pick 17 wählen. Somit steht seit diesem Sommer eine potentielle Starting Five junger Spieler bereit. Allerdings schufen die Pelicans durch ihren Trade mit den Hawks (Pick 4 und Solomon Hill für 8 und 17, mit einigen Seconds) die Basis, nicht voll in den Rebuild zu gehen: Holiday wurde nicht weggetradet, Derrick Favors kam günstig per Trade aus Utah und J.J. Redick in der Free Agency. An unbekannteren Spielern Ende 20 stehen zudem noch der wiederverpflichtete, jetzt aber verletzte Darius Miller, der gehaltene E’Twaun Moore und der aus Europa geholte Nicolo Melli mit Verträgen auf MLE-Niveau im Kader. Damit wird deutlich, dass die Pelicans schon nächste Saison wieder gewinnen wollen. Insbesondere Holiday, Favors und Redick zeigen das, aber auch Ingram und Ball sollten in ihrer 4., bzw. 3. Saison einen entsprechenden Beitrag leisten.

Diese Entscheidung muss nicht unbedingt falsch sein, schließlich geht es in der NBA letztendlich um Siege. Aber wie die Davis-Jahre zeigen, kann es für eine Franchise extrem schädlich sein, wenn sie sich zu früh und außerdem noch vergeblich in Richtung Playoffs orientiert. Dass die Pelicans in einer weiterhin sehr starken Western Conference die Postseason erreichen, erscheint aktuell unwahrscheinlich. Damit stellt sich aber deutlich die Sinnfrage der Veteranen im Kader und der in Trades für Spieler und Cap Space abgegebenen Assets. Nicht nur verschlechtern Veteranen die Chancen des Teams auf einen guten Pick, sie nehmen auch den jungen Talenten Minuten. Das lässt sich beispielsweise an Hayes zeigen: Wenn die Pelicans gewinnen wollen, wie viele Minuten erhält er dann hinter Favors und dem letzte Saison positiv überraschendem Jahlil Okafor? Das sind keine optimalen Aussichten für einen hohen Lottery-Pick. Ähnlich könnte es den jungen Guards mit den Veteranen Holiday und Redick gehen. Zwar wird oft das Argument aufgeführt, dass eine bessere Struktur auf und neben dem Parkett die Entwicklung von Spielern fördert, aber dafür hätten auch weniger ambitionierte Veterans wie etwa Moore ausgereicht.

Zudem bedeutet die Verwendung von Cap Space indirekt den Verlust von Assets. Für den Hill-Dump an die Hawks bezahlten sie direkt. Zudem hätten die Pelicans nicht nur für Holiday einen vermutlich sehr guten Gegenwert erhalten, sondern auch den für Redick und Favors verwendeten Raum unter dem Soft Cap für schlechte Verträge oder jüngere Reclamation-Projekte nutzen können. So arbeiteten etwa die Grizzlies, die sich ansonsten in einer ähnlichen Situation befinden: Sie gaben diese Offseason Mike Conley ab, tradeten für Andre Iguodala und erhielten dafür einen Pick der Warriors. Von den Suns bekamen sie ebenfalls in einer Art Salary Dump Josh Jackson. Allenfalls Jonas Valanciunas passt nicht ganz in diese Logik, weist aber nicht die gleiche Bedeutung auf wie die Summe der Win Now-Moves der Pelicans. Somit richteten die Grizzlies ihre Planungen deutlich an der Timeline von Jaren Jackson Jr. und Ja Morant aus. Im Kontrast dazu versuchen die Pelicans, ein gleichermaßen zu Williamson und zu Holiday passendes Team zu konstruieren.

Die möglichen Gefahren aus dieser Entscheidung der Pelicans lassen sich erneut am Vorgängerteam ablesen. Den Hornets gelang es etwa in den ersten Davis-Jahren nicht, ihre übrigen interessanten Youngster zu entwickeln und zu halten. Al-Faruq Aminu und Austin Rivers verließen New Orleans als Busts, machten aber in Portland beziehungsweise Los Angeles den Schritt zu brauchbaren NBA-Spielern. Es braucht nicht viel Phantasie, sich etwa für Hayes oder Hart einen ähnlichen Weg vorzustellen, wenn sie aufgrund der Ambitionen des Teams hinter Favors, Holiday und Co. kaum Minuten sehen. Für Ingram oder Ball ist wohl die Karriere Eric Gordons bei den Pelicans das Negativbeispiel: Obwohl er die Franchise verlassen wollte, ging sie beim Offer Sheet der Suns mit. Nach anhaltenden Verletzungsproblemen konnte Gordon erst in Houston wieder an sein Potential anknüpfen. Dazu trugen weitere fragwürdige Entscheidungen der Pelicans wie etwa der mit den NFL-Saints geteilte medizinische Stab bei, aber das überambitionierte Vorgehen der Franchise verschärfte die bestehende Problematik zusätzlich. Eine ähnliche Situation steht jetzt bevor. Ingram könnte entweder bis Saisonbeginn noch einer Extension zustimmen oder im Sommer 2020 Restricted Free Agent werden, für Ball gilt das jeweils ein Jahr später. Der Win Now-Modus verschärft die Schwierigkeiten mit dieser Entscheidung: Eine kleinere Rolle für die beiden jungen Spieler reduziert auch die Möglichkeiten, ihr Talent zu evaluieren. Für finanzielle Entscheidungen muss auf zusätzliche Faktoren Rücksicht genommen werden. Gerade in der nächsten Offseason mit wenig interessanten Free Agents könnte das problematisch werden, wenn Ingram ein teures Offer Sheet erhält. Sollen die Pelicans einen wichtigen Teil des Gegenwerts für Davis einfach ziehen lassen oder in Kauf nehmen, sich einen Vertrag à la Andrew Wiggins ans Bein zu binden? In solchen Fällen gibt es oft keine gute, sondern nur eine schlechte und eine weniger schlechte Option.


So negativ der Vergleich in vielen Punkten für die aktuellen Entscheidungen aussieht, darf man die Skepsis auch nicht übertreiben. Schon im Detail besteht für diese Aspekte großes Verbesserungspotential – Favors war etwa deutlich günstiger als Asik –, sodass eine analoge Entwicklung nicht zwangsläufig ist. Den Celtics ist der Spagat zwischen verschiedenen Spieler-Timelines bislang recht gut gelungen. Aber wie schon zu Beginn der Davis-Ära erschwerten die Pelicans ihre eigene Aufgabe, indem sie den Raum für Fehler reduzierten. Es ist vergleichsweise einfacher, Assets zu sammeln, in Ruhe die eigenen Spieler zu entwickeln und erst nach einigen Saisons den Sprung in die Playoffs anzugehen. Allerdings kann auch dieses Modell über Jahre hinweg scheitern, wie die Playoff-Durststrecken der Suns und Kings zeigen. Trotzdem stehen Pelicans-GM Langdon und Head Coach Alvin Gentry vor einer nicht gerade kleinen Herausforderung, den schnellen Rebuild im zweiten Versuch zum Erfolg zu bringen.

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3 comments


  1. Avatar

    Jonathan Walker

    Interessanter Vergleich. Was mir aufgefallen ist: Du erwähnst zweimal GM Langdon als Entscheider, aber ich denke, dass Griffin als VP of BBall Ops eher die Richtung der Franchise lenkt.

    Davon ab halte ich von der Offseason der Pelicans nun viel mehr als von der 2012. Shooter wie Redick sind für Zions (und auch Ingrams und Balls) Entwicklung extrem wichtig. Im Vergleich mit Memphis’ Morant ist Zion sehr viel eher ein Spieler, der in der NBA sofort positiven Impact haben kann – warum also nicht direkt nutzen? Bezüglich Zions Langlebigkeit bin ich ohnehin skeptisch. Wenn die Pels diese Saison direkt ein wenig PO-Hype generieren können, kann das in einem Markt wie ihrem extrem viel bewirken. Auch aus dem sehr guten (und heute im Vergleich mit 2012 viel besserem) Jrue Holiday holt man so viel mehr heraus.

    Außerdem hat man durch das Festhalten an Holiday sowie den Deals für Favors und Redick zwar gewisse Opportunitätskosten, allerdings hat man dafür keinen einzigen Pick abgegeben (Bzw. nur #5 für #9 und #17, was nicht zwangsläufig ein Downgrade ist). Man hat ja auch so noch mehr als genug junge Talente im Kader, neben den paar sinnvollen Vets.

    So sehr ich deine Kritik am Management der Hornets/Pelicans 2012-2018 teile – diese Offseason fand ich von der Idee und auch Umsetzung her um einiges besser und daher kaum vergleichbar.

  2. kdurant35

    Ich bin auch deutlich positiver diesen Sommer und sehr den Vergleich zu 2012 und den folgenden Jahren zwar in einigen Punkten, jedoch nicht im Gesamtkonstrukt.

    Meine Kritik am damaligen Rebuild war, dass man sich viel an Flexibilität genommen hat, um diese Beschleunigung zu erreichen.
    Das sehe ich derzeit nicht. Pels besitzen viele Assets und sind mMn in alle Richtungen gut und breit aufgestellt. Die Kernspieler um Zion können bei guter Entwicklung bereits jetzt ein Pelican sein, NO besitzt genug Assets um diesen/diese zu ertraden und die Möglichkeiten per Draft sind auch zahlreich. Jetzt z.B. einen Pick wie im Miami/Harkless Deal aufzunehmen ist nie verkehrt, bei der Anzahl der zukünftigen Picks aber mMn nicht unbedingt notwendig. Da seh ich in einem Spieler a la JJ nicht weniger Value.
    Je nach Saisonverlauf kann Griffin auch noch zusätzliche Assetts generieren. Spieler wie Holiday oder Redick werden auch zur Deadline bzw im schwachen FA-Jahr 2020 noch einen guten Gegenwert bringen, falls NO die Pick-/Talentassets doch noch maximieren will.
    Mir gefällt die Mischung derzeit jedoch.

    Schwierig wird dagegen das von dir angesprochene Minutenmanagment. Derzeit wird es keine leichte Aufgabe alle zufriedenzustellen und den Wert einzelner Spieler durch wenig Einsatzzeit nicht zu gefährden. Hier erwarte ich jedoch nicht, dass dies in einem Sommer geklärt wird. NO wird sich die Spieler sicherlich genauer anschauen und muss dann sicherlich noch weitere personelle Entscheidungen treffen.

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    Julian Lage

    Danke euch, mit Griffin hast du natürlich völlig recht, Jonathan.

    Du meinst aber, dass du die Idee aktuell besser findest als 2012/13. Das finde ich schwer nachzuvollziehen, weil die Idee für mich mehr oder weniger die gleiche ist, nur die Bedingungen und die Ausführung sind andere. Es geht ja in beiden Fällen darum, mit einem vermeintlich sicheren Talent so schnell wie möglich wieder kompetitiv zu sein. (Mir fällt gerade auf, dass man die Doncic-Mavs vielleicht noch viel besser mit den Davis-Hornets vergleichen könnte… Nicht gerade ermutigend für Mavs-Fans^^)

    Die Bedindungen sehe ich jetzt auch als besser an, weil man einiges mehr an Assets hat und Holiday ohne, dass man noch mal für ihn zahlen müsste. Aber gleichzeitig verstärkt das auch einige der Probleme: Holiday hat einen hohen Vertrag, den jungen Spielern werden noch schneller die Minuten weggenommen, man ist noch mehr unter Druck, auch wirklich zu gewinnen. Nehmen wir mal an, Zion erfüllt mehr oder weniger die Erwartungen, beim Rest gibt es auch keine Überraschungen, man landet unter ferner liefen und bekommt Pick 10 oder so. Vermutlich haben Hart und Hayes schon weniger Spielzeit bekommen als optimal wäre, und jetzt steht man vor der FA für Ball und Favors. Will man weiter gewinnen (was nach dieser Offseason der einzig sinnvolle Schritt wäre – ein Richtungswechsel kommt fast immer mit Kosten), muss man beide bezahlen angesichts des ziemlich mageren FA-Jahrgangs. Das klingt für mich nach der Ansammlung von mittelmäßigen Talenten rund um Zion…

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