Gedanken, Miami Heat

Vom Frozen One zum GOAT?

Es ist ruhig geworden, das erste Mal seit sieben, seit acht, seit zehn Jahren. LeBron James hatte im vergangenen Monat einen Meilenstein in seiner Karriere erreicht: NBA-Champion. Als unumstritten bester Spieler seines Teams, der Playoffs, der Liga. Der König hatte sich selbst gekrönt und somit verschwand zu größeren Teilen auch die Missgunst aus der Medienlandschaft. Diese Leere füllten die Anerkennung, das Lob, letztlich gar die Verehrung für James aus. Doch wo positioniert diese Leistung LeBron all time?

Larry Legend über LeBron

Am Anfang der Woche hatte Larry Bird höchst selbst die Diskussion um den Greatest of all time wieder zu Teilen eröffnet, als er in einem Interview mit ESPN sagte, dass James Michael (Jordan) nahe kommen könnte.

“Has anyone ever had a better run?” asked Bird rhetorically about James’ performance in the playoffs. “He never had a bad game. He was so focused. You could see his confidence building and building and building.” […]

“He should go down in history as one of the top, top players and maybe he’ll get close to Michael (Jordan).

Was der Altmeister über James sagte, ist zutreffend, auch dass er – bewusst oder unbewusst – nicht davon sprach, dass James Jordan übertreffen würde, sondern sich ihm nur annähern würde. Mit hinein schwingt auch, dass der selbsternannte “Chosen One” bereits jetzt eine Stellung als Top 10-Spieler aller Zeiten innehat oder zumindest ganz nah an der Grenze dazu steht. Dabei ist James gerade einmal in seiner Prime und hat noch einige sehr gute Jahre vor sich. Jedoch sollte man auch nicht die Nahzeitwirkung der abgelaufenen Playoffs unterschätzen. Diese sind den Menschen am präsentesten und werden deshalb höher gewichtet als weiter zurückliegende Leistungen.

Verblasste Vergangenheit

Dabei überzeugte James ja bereits vor dem erfolgreichen Titlerun in der Liga. Neben den hinlänglich bekannten MVP-Trophäen in der Regular Season, die er unstrittig verdiente (dabei könnte eher noch die Diskussion entstehen, ob er in der Saison 2010/2011 nicht eher noch benachteiligt wurde, als Derrick Rose die Trophäe gewann), spielte James auch in seiner ersten Saison für die Miami Heat eine ungemein starke Saison, die aufgrund des Abtauchens in den letzten vier Spielen der Finals so verzerrt dargestellt wurde. Die sehr guten Leistungen mit Clutch Shots gegen Boston oder die wahnsinnige Defense gegen Derrick Rose traten in den Hintergrund. “LeChoke” oder “The Frozen One” waren die prägenden Eindrücke, die die NBA-Fans aus der Saison mitnahmen. Die letzte Impression ist eben zumeist auch die prägendste.

Deshalb wird James momentan auch wieder (zu sehr) erhöht und ist nach einem Titelgewinn wieder mitten in der Diskussion, ob er der beste Basketballer werden könnte, der je in der NBA aufgelaufen ist. Die Beteiligung an der Diskussion ist zum jetzigen Zeitpunkt müßig und wird erst dann ein Fundament erhalten, wenn James seine Karriere beendet hat und die NBA einige Jahre ohne James ausgekommen ist. Vielleicht wird auch dann eine Art Mythenbildung wie bei Michael Jordan einsetzen; vielleicht schlägt der Pegel auch in die gegensätzliche Richtung aus. Das Schicksal bestimmt der Auserwählte weiterhin selbst. Ob James wirklich das Zeug hat, um überhaupt in der GOAT (Greatest of all time)-Diskussion aufzutauchen, wird nämlich erst die nächste Saison aufzeigen.

Das Jahr danach

Wer erinnert sich noch daran, wer vor 12 Monaten die Schlagzeilen der Basketballwelt bestimmte? Der außerirdische Dirk Nowitzki, der mit einem phänomenalen Run und einem tödlichen Schuss eben jenen LeBron James mitsamt der Miami Heat erlegte. Es war die Krönung des Deutschen, der von seinem Coach daraufhin als “Top 10-All-Time-Player” bezeichnet wurde. Kaum eine Medienanstalt widersprach, zu überwältigend war die damals frische Impression. Was ist davon heute übrig geblieben?

Nicht viel. Jedenfalls nicht viel Substantielles. Dies liegt zum einen daran, dass die Erinnerung des traumwandlerischen Runs der Mavericks verblasste, zum anderen liegt es auch an Nowitzki selbst. Dieser sagte von sich selbst, dass er ausgebrannt sei, dass sein Ziel erreicht wurde. Daraus resultierte eine zu kurze Vorbereitung auf die neue Saison, die ihm den unrühmlichen Spitznamen “Disco-Dirk” einbrachte. Ein dadurch unaustrainierter Nowitzki, der nie an seine Playoff-Leistungen des vergangenen Jahres anknüpfen konnte, war die Folge. Nowitzki selbst bewies damit, dass er nicht in die Liste der 10 besten Spieler aller Zeiten gehört, da diese sich durch unermüdlichen Einsatz und ewigen Willen zum Sieg auszeichneten. Ein körperlicher Topzustand war dafür die Mindestvoraussetzung.

Genau dieser Umstand sollte LeBron James Warnung genug sein, wenn er danach strebt, sich in die vorderste Reihe der Historie der NBA zu spielen. Denn dort ist er noch nicht angekommen und wird es auch nie, wenn er nicht beweist, dass ihm ein Titel nicht reicht. Wenn er nicht beweist, dass es nicht sein Ziel ist, ein Mal die Larry O’Brien-Trophy zu gewinnen, sondern in jedem Jahr. Wenn er nicht beweist, dass er den Sport in jedem Jahr so ernst nimmt und so vollkommen austrainiert und fokussiert in eine Saison geht wie in die abgelaufene Lockout-Saison. Wenn er nicht beweist, dass der beste Basketballer der vergangenen Saison nicht trotzdem noch an sich selbst und seinem Spiel arbeiten kann. LeBron James muss nicht der GOAT dieses Sports werden, auch wenn dies sein Ziel sein sollte. Es reicht, wenn er vom Chosen zum Proven One wird. Wenn er beweist, dass diese Postseason keine Ausnahme war.

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