Alltimers, NBA

Warum LeBron James kein Point Guard ist

Analyse des Sinn und Unsinn der klassischen Positionsbezeichnungen

Analyse des Sinn und Unsinn der klassischen Positionsbezeichnungen

Anfang Juli setzte Chris Haynes von Yahoo Sports diesen Tweet ab:

Die meisten Reaktionen in (nicht nur) meiner Timeline bestanden entweder aus „Hat LeBron das nicht schon immer?“ oder „Damit macht die Rosterkonstruktion der Lakers deutlich mehr Sinn“. Mal abgesehen von der allgemein etwas merkwürdigen Idee, dass ein solcher Tweet eines Reporters etwas an der Rosterkonstruktion eines Teams ändern soll, zeigt diese Bandbreite an Reaktionen vor allem die Unklarheiten darin, wie verschiedene Menschen die Bezeichnung eines Spielers als Point Guard interpretieren. Nachdem die NBA die Teams dazu zwingt, zumindest für ihre Starter auf dem Papier anzugeben, welcher Spieler welche Position bekleidet, lässt sich statistisch grob nachvollziehen, wie oft ein bestimmter Spieler eine solche Position eingenommen hat. Und siehe da, laut basketball reference spielt LeBron James in diesem Jahr 54% seiner Minuten als Point Guard. Eine Rolle, die er nach denselben Aufzeichnungen seit seiner Rookie Saison nicht mehr ausgefüllt hat.

Lebron Minuten auf Position

Prozentualer Ansatz der gespielten Minuten von LeBron pro Position (via basketballreference.com)

Betrachtet man allerdings Spiele der Lakers und vergleicht sie mit denen von LeBrons letzter Saison in Cleveland, in der er laut Basketball Reference vornehmlich ein „Power Forward“ war, fällt es schwer, echte Unterschiede festzustellen. Sowohl der Spieler LeBron als auch seine Rolle im Team sind nahezu exakt dieselben. Es stellt sich daher die Frage, ob die Idee der klassischen Positionen in Zeiten von „positionless basketball“ in der modernen NBA noch zeitgemäß ist oder es eventuell besser geeignete Möglichkeiten gibt, um Spieler zu kategorisieren?

Warum nicht klassischen Positionsbezeichnungen?

Um diese Fragen zu beantworten, muss man sich zuerst überlegen, was genau wir mit der Kategorisierung von Spielern mit Hilfe bestimmter Positionsbezeichnungen überhaupt versuchen zu erreichen.
Mit der Klassifizierung von Spielern versuchen wir auf einem sehr oberflächlichen Niveau Informationen über diesen Spieler zu vermitteln und so die Kommunikation über den betreffenden Spieler zu erleichtern. Um dies zu erreichen, muss ein klares Verständnis darüber herrschen, was Spieler einer bestimmten Position ausmacht und die Kategorisierung eines Spielers sollte möglichst eindeutig vorzunehmen sein.

Dass dies mit den aktuellen Positionsbezeichnungen nicht möglich ist, zeigt die alljährliche GM Survey von John Schuhmann von nba.com mehr als deutlich. In ihr wurde LeBron im vergangenen Sommer von GMs und anderen Ececutives rund um die Liga in gleich drei der fünf möglichen Kategorien als der beste Spieler der Liga genannt.

Ergebnisse der GM Survey

Ergebnisse der GM Survey (Quelle:https://www.nba.com/gmsurvey/2019)

Viele der klassischen Positionsbezeichnungen sind geprägt von Spielern der Vergangenheit und implizieren so auch einen bestimmten Skill eines Spielers. So verbinden vielen Beobachter mit dem Begriff eines Point Guards einen Playmaker wie Steve Nash oder Rajon Rondo vergangener Tage. Es liegt daher nahe, diese Positionsbezeichnung auf alle Spieler anzuwenden, die diesen bestimmten Skill mitbringen. LeBron James, der aktuell die Liga mit weitem Abstand bei der Zahl der Assists pro Spiel anführt, als Point Guard zu bezeichnen, scheint somit eine Selbstverständlichkeit.

Und doch werden oftmals auch Spieler als Point Guards klassifiziert und von ihren Teams gelistet, die diesen Skill nicht beherrschen. So spielt beispielsweise Patrick Beverley laut basketbal reference 100% seiner Minuten als Point Guard und ihn würde vermutlich niemand als tödlichen Playmaker bezeichnen. Er wird vor allem daher als Point Guard gelistet, da er der mit Abstand kleinste Spieler seines Teams ist. So verschwimmen bei der Bezeichnung körperliche Attribute eines Spielers mit Aussagen über seine Fähigkeiten.

In der Vergangenheit handelte sich das um ein eher kleineres Problem, da bestimmte Skills oftmals sehr abhängig von den körperlichen Maßen eines Spielers waren. Es ist kein Zufall, dass die zuvor genannten Nash und Rondo beide über ähnliche Maße verfügen wie Patrick Beverley. In der modernen NBA ist das jedoch nicht mehr der Fall. Die Skillentwicklung und -verteilung ist viel breiter gestreut als in der Vergangenheit. So kann der beste Passer eines Teams heute 7-0 foot groß und aktuell vermutlich etwa 180 Kilo schwer sein. Und doch kommt niemand auf die Idee, Nikola Jokic als den Point Guard seines Teams zu bezeichnen, auch wenn er die Spieler der Denver Nuggets in der Kategorie „Assists per Game“ mit deutlichem Abstand anführt. Die klassischen Positionsbezeichnungen scheitern daher daran, wirkliche Informationen über einen Spieler zu vermitteln, sind uneindeutig und daher zur Kommunikation völlig ungeeignet. In der heutigen NBA ist es relativ egal, welche Rolle von einem Spieler einer bestimmten Körperstatur erfüllt wird. Es ist lediglich von Interesse, dass alle relevanten Rollen in der Offense eines Teams ausgefüllt werden. Die Idee, Spieler anhand ihrer offensiven Rolle zu klassifizieren, liegt daher zuerst nahe.

Die offensive Rolle eines Spielers als Position?

Werden die Qualitäten eines Spielers beschrieben, wird oftmals die offensive Rolle des Spielers um ein Vielfaches ausführlicher dargestellt als die defensive Rolle. Das liegt vor allem daran, dass mit Hilfe vieler Statistiken Aussagen über die offensive Rolle eines Spielers sehr leicht zu unter- oder widerlegen sind. Diesen Aussagen können nun natürlich zu übergeordneten Kategorien zusammengefasst werden und das geschieht auch in fast jeder Diskussion. Die Rolle, die dem eingangs beschriebenen „klassischen Point Guards“ am nächsten kommt, ist zum Beispiel die Rolle des primären Ballhandlers, die sowohl LeBron als auch der zuvor genannten Jokic oder Steve Nash alle zu bestimmten Zeiten ihrer Karriere ausgefüllt haben und oder es noch tun.

Wie man Statistiken benutzen kann, um solche übergeordneten Kategorien zu erzeugen, zeigt dieses Beispiel von Evan Baker von towardsdatascience. Er benutzt eine Clustering-Methode basierend auf Counting Stats, um alle Spieler in fünf Kategorien einzuteilen:

Einteilung und Beschreibung der “Positionen” (Quelle)

Die Methodik weist noch einige entscheidende Schwächen auf (beispielsweise wären die Anzahl an Possessions als Ballhandler in P&R und Iso oder die Anzahl an Pull up vs C&S -Jumpern deutlich bessere Indikatoren für die offensive Rolle als die verwendeten sehr rohen Statistiken) und es entsteht daher eine Gruppierung, die ich für wenig sinnvoll erachte. Aber das Vorgehen an sich zeigt, wie auf Basis einfach zugänglicher Statistiken eine Kategorisierung getroffen werden könnte, die deutlich mehr Informationen über Spieler überliefert als die klassischen Positionsbezeichnungen. Einen sehr interessanten Schritt in diese Richtung stellt auch die Idee einer sogenannten „True Usage“ von Seth Partnow von theathletic dar. Sie liefert eine deutlich verbesserte Möglichkeit die Rolle eines Spielers innerhalb einer Offense zu beschreiben als die bisherigen von Mängeln behafteten Definitionen der Usage.

What is my position, Coach?

Wie ein solches Framework mit einer eher theoretischen Natur aufgebaut werden kann, zeigte mein Kollege Dennis Spillmann bereits vor mehr als sieben (!) Jahren. Seitdem haben sich einige Aspekte der NBA verändert, das Grundkonzept bleibt jedoch dasselbe.

Die Ergebnisse solcher Analysen zeigen allerdings auch, dass die offensiven Rollen vieler Spieler sehr stark variieren können und es teilweise selbst unter ähnlichen Spielertypen noch zu viele Unterschiede gibt, um sie in dieselbe Kategorie einzustufen. Zudem sind die offensiven Aufgaben des Spielers auch stark abhängig von dem System des Teams und den Präferenzen des Coaches. So gibt es nicht in jedem Team einen Stretch Four Spieler vom Typus Davis Bertans, der trotz seiner Körpergröße hauptsächlich off-ball am Perimeter als Spacer agiert. Andere Coaches oder vor allem TV Analysten nutzen Bigs dagegen eventuell lieber in Post-ups oder als Roll Man. So kann sich die Rolle eines Spielers auch stark verändern, je nachdem mit welchen seiner Mitspieler er auf dem Feld steht. Spielt George Hill in Milwaukee neben Giannis, wird er vornehmlich als Spacer und off-ball Shooter eingesetzt. Sitzen Giannis und Middleton jedoch auf der Bank übernimmt, er eher die Rolle des Playmakers. Wäre er daher in dieselbe Kategorie einzustufen wie ein reiner Shooter wie sein Teamkollege Kyle Korver?

Dieses Beispiel zeigt, dass eine Kategorisierung anhand der offensiven Rollen sehr eigene Schwierigkeiten mit sich bringen würde. Obwohl es eine Weitergabe von Informationen erleichtern würde, müssten zugleich sehr viele Nuancen der Beschreibung drastisch reduziert werden. Da mit Hilfe der zuvor beschriebenen Statistiken eine genaue Beschreibung und klare Kommunikation eigentlich relativ simpel ist, ist dies ein großer Negativpunkt einer Kategorisierung anhand der offensiven Rolle. Zusätzlich wird auch deutlich, dass diese Rollen mehr oder weniger völlig unabhängig sind von den körperlichen Voraussetzungen eines Spielers. Diese waren großer Bestandteil der klassischen Positionsbezeichnungen und im Sinne eines einfachen Übergangs wäre es von Vorteil, wenn man sie auch in diese Kategorisierung mit einfließen würden.

Die defensive Rolle eines Spielers als Position?

Die Königsdisziplin: Die Evaluation von individueller Defense

Die defensive Rolle eines Spielers ist natürlich mindestens ebenso komplex wie die offensive Rolle und kann sich je nach System stark unterscheiden. Zudem ist sie aufgrund der mangelnden defensiven Statistiken viel schwerer objektiv zu messen, zu quantifizieren und zu kommunizieren.

Trotzdem unterscheidet sich die generelle körperliche Art des Gegenspielers, die ein Spieler in jedem Spiel als hauptsächliches Matchup verteidigt, meistens nur geringfügig. Als Beispiel dafür können die defensiven Matchups von LeBron James während seines Playoff-Runs mit den Cavaliers in der Saison 17/18 dienen. Auch unter Betrachtung der Schwächen der Matchup-Daten, die von der NBA getrackt werden, lässt sich ein deutliches Muster erkennen. Acht der zehn Spieler, die LeBron am häufigsten verteidigt hat, sind zwischen 6-6 und 6-10 groß. Dass LeBron selbst mit 6-9 ebenfalls in diesem Intervall liegt, ist kein Zufall. Zumeist verteidigen Spieler gegnerische Spieler, die ihnen körperlich relativ ähnlich sind. Somit lässt sich eine Klassifizierung erzeugen anhand der Gegenspieler, die ein Spieler verteidigt.

LeBrons primäre Matchups in den Playoffs 17/18 (Quelle: nba.com)

Eine relativ allgemeine Einteilung ließe sich nach einem Schemata erstellen, in dem es lediglich drei Kategorien gibt: Guards, Wings und Bigs. Die Grenzen dieser drei Kategorien sind natürlich nicht trennscharf. So verteidigt Jaren Jackson Jr. in Memphis überwiegend Wings, obwohl er selbst wohl eher als Big zu einzuordnen ist, weil neben ihm eben noch ein weiterer Big in Jonas Valanciunas aufgeboten wird. Zudem gibt es einige Spieler, die über die Fähigkeit verfügen sowohl gegnerische Guards als auch Wings zu verteidigen, wie etwa Ben Simmons.

Aber im Großen und Ganzen lässt sich so eine Kategorisierung vornehmen, mit der wir Informationen über den Spieler einfach kommunizieren können, da auch die defensiven Aufgaben der jeweiligen Spieler sehr ähnlich sind. So ist die Hauptaufgabe eines Bigs vereinfacht gesagt für gewöhnlich Rim Protection, Help Defense und Post Defense gegen gegnerische Bigs. Bis auf einige wenige Ausnahmen ist die Zuteilung klar verständlich und für jeden nachvollziehbar; kein Spieler kann gleichzeitig zu mehreren Kategorien gezählt werden wie es in den klassischen Positionsbezeichnungen zu oft der Fall geworden ist. Extremfälle wie LeBron James können nun sinnvoll eingeordnet werden: Er ist nach dieser Klassifizierung eindeutig ein Wing. Gleichzeitig ist diese Kategorisierung nahe genug an klassisch etablierten Vorstellungen, um leicht übernommen zu werden.

Wofür der ganze Aufwand?

Ideal mag diese von mir bevorzugte Lösung noch nicht sein. Eine tiefergehende Konversation über einen Spieler, die über die Kategorisierung mit nur einem Wort hinausgeht, ist natürlich immer wünschenswert und eigentlich notwendig. Aber bedenkt man die große Menge an Kommunikation, die sich eben doch nur in diesem Rahmen bewegt, sollten wir versuchen, dafür keine widersprüchlichen oder nichtssagenden Begriffe zu verwenden. Und genau das ist es, was die klassischen Positionsbezeichnungen darstellen. Sie bieten keinen Mehrwert  und stören die Konversation mehr als sie zu unterstützen. Ein einheitlicher Standard, der auf alle Spieler anwendbar ist, wird niemals zu erreichen sein, da wir über Spieler mit sehr speziellen Skillsets sprechen. Aber ein Versuch, die Beschreibungen mit Hilfe der tatsächlichen Rolle eines Spielers zu verbessern, ist es auf jeden Fall wert.

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