Boston Celtics, NBA

Auf der Suche nach dem letzten Puzzleteil

Wie geht man eine Offseason an, wenn man schon (fast) ganz oben war? Wenn nur ein Team der eigenen Conference besser war und das auch nur nach sieben Spielen? Wenn dieses Team aber bedeutend jünger ist, während sich die eigenen Stars langsam, aber sicher auf vierzig aufrunden lassen? Wenn der finanzielle Spielraum gegen Null tendiert? Fragen, die sich die Boston Celtics zu Beginn des Sommers stellen mussten – und die sie schon zu großen Teilen beantwortet haben.

Die Ausgangslage nach dem knappen Ausscheiden in den Eastern Conference Finals gegen Miami war klar: Die Verträge von Kevin Garnett und Ray Allen laufen aus, Brandon Bass, der sich in den Playoffs ein ums andere Mal ins Rampenlicht gespielt hat (am beeindruckendsten sicherlich mit seinen 27 Punkten in Spiel Fünf gegen Philadelphia), würde seine Option auf ein weiteres Jahr über vier Millionen kaum ziehen. Dazu das jedes Jahr gleiche Spiel mit den Rollenspielern, die nur Einjahresverträge erhielten und dementsprechend Free Agents (Mickael Pietrus, Keyon Dooling, Marquis Daniels) oder Restricted Free Agents (Greg Stiemsma) wurden. Machte insgesamt (ohne Cap Holds) eine Payroll von 32 Millionen Dollar und damit eine Menge Spielraum in der Free Agency.

Die Draft

Vorher kam allerdings der Draft, in dem sich die Celtics erst mal auf ihren großen Positionen verstärkten: Mit dem 21. und 22. Pick sicherten sie sich die Dienste von Jared Sullinger (Ohio State) und Fab Melo (Syracuse). Sullinger wurde von uns in den Pre Draft Power Rankings an Nummer 13 geführt und gilt vor allem als im offensiven Post versierter Spieler, der aber zwingend an seiner Athletik arbeiten muss. Vor einem Jahr wurde Sullinger noch als Top 5-Pick gehandelt und er verspricht sofortige Hilfe, sodass die Celtics hier wenig falsch machen konnten – gerade mit einem derart späten Pick und dem Team-Need im Hinterkopf. Das Need wurde auch deutlich mit dem 22. Pick adressiert, da hier nicht der vom Talent her höher einzuschätzende Perry Jones (ebenfalls PF) gezogen wurde, sondern ein echter Center mit Fab Melo. Der Big East Defensive Player of the Year mag zwar eher als Prospect gelten und offensiv extrem roh sein, dafür sollte er aber sofort am defensiven Brett helfen können und verfügt darüber hinaus über eine gute Athletik – zur Not nimmt er eben nur die Alley Oop-Pässe von Rondo ab, die im letzten Jahr noch zu Chris Wilcox segelten. Mit dem Zweitrundenpick kam Tweener Kris Joseph, ebenfalls Absolvent aus Syracuse, eher als Füllmasse für die Bank – reguläre Spielanteile sind hier positionsbedingt kaum zu sehen, trotz durchaus vorhandener Allround-Qualitäten.

Was aber mit der Draft schon deutlich wurde: Die Celtics sind sich ihrer Schwachstellen vollauf bewusst und versuchen, diese mit dem beschränkten Handlungsspielraum so gut wie möglich auszumerzen. Großes Leid brachte immer wieder das Rebounding über jeden Celtics-Fan, wurden die Grün-Weißen doch immer wieder am Brett dominiert – trotz eines Kevin Garnett oder (für ihre Position) starken Reboundern wie Paul Pierce und Rajon Rondo. Jared Sullinger sollte von Tag Eins an einer der besseren Rebounder in der Liga sein, beherrscht das Positionieren und Ausboxen extrem gut – dass das eigentlich wichtiger als jede Athletik ist, zeigen uns Jahr für Jahr Kevin Love und Zach Randolph. Fab Melo dürfte hier zwar eher wenig helfen – 5,8 Rebounds in 25 Minuten am College sind wirklich kein Spitzenwert für einen Center -, aber da Sullinger am ehesten die Rotation knacken wird, fällt das nicht sonderlich dramatisch ins Gewicht. Sullinger könnte zudem auch mal für eine tiefe Anspielstation im Lowpost gut sein – Garnett fühlt sich nach wie vor aus der Halbdistanz etwas wohler, Brandon Bass sowieso. Insofern wurde schon durch den Draft wenigstens auf dem Papier etwas Abhilfe geschaffen, wenngleich natürlich niemand erwarten darf, dass Sullinger der große Heilsbringer werden wird.

Die Free Agency

Der weitaus wichtigere Teil der Offseason ist für ein Team wie die Celtics die Free Agency und da wurden schnell Nägel mit Köpfen gemacht. Kevin Garnett, der wohl seine beste Saison seit drei Jahren für Boston absolvierte, unterzeichnete ein neues Arbeitspapier über drei weitere Jahre und 34 Millionen Dollar. Gehen wir mal davon aus, dass es der letzte Vertrag sein wird, den Garnett als Aktiver unterzeichnet. Trotz des auf den ersten Blick üppigen Gehalts sparen die Celtics allein hier im Vergleich zum Vorjahr zehn Millionen Dollar ein – Geld, das bitter nötig ist, um die weiteren Free Agents zu halten. Das hat immerhin dazu geführt, dass Brandon Bass und Jeff Green ihre Verträge verlängern werden, wobei gerade Green als Neuzugang anzusehen ist und die extrem dünne Rotation der Celtics qualitativ wie quantitativ aufwerten sollte.

Die große Story aus Sicht der Celtics war aber natürlich der Abschied von Ray Allen. Man kann das Thema sicherlich aus unterschiedlichsten Perspektiven sehen: Ist Allen nur konsequent, weil ihn Boston nicht gerade puderte, immer wieder in Trades anbot und zwischendurch gar auf die Bank verbannte? Ist er illoyal, weil er gerade zum direkten Konkurrenten aus Miami wechselte und dabei eine Menge Geld liegen ließ? Macht ihn nicht gerade das wieder sympathisch, weil er sportlichen Erfolg über seine Verdienste (die ohnehin schon im Verlauf seiner Karriere sehr üppig waren) stellt? Oder ist er nur die nächste Ringhure, obwohl er doch seinen Titel gerade in Boston gewonnen hat? Wie auch immer man das Thema sehen möchte (und natürlich spielten auch persönliche Beziehungen u.a. zu Rajon Rondo und Doc Rivers eine Rolle), man kann Allens Verdienste in seiner Zeit als Celtic nicht hoch genug einschätzen. Sei es der Dreierrekord in den NBA Finals 2010, seine Gala-Serie gegen die Bulls 2009, seine unzähligen Clutch-Plays – Allen hat zu viel für Boston getan, als dass jetzt böses Blut fließen sollte.

Die Lücke, die Allen im Kader gerissen hat, ist immerhin geschlossen worden: Zum einen darf man davon ausgehen, dass Avery Bradley nach erfolgreich überstandener Schulter-OP inklusive Reha in die Starting Five zurückkehren wird. Dazu hat man mit Jason Terry von den Dallas Mavericks einen der besten Sixth Men der NBA per Mid-Level Exception losgeeist, der Boston eine bis dahin kaum bekannte Option gibt: Scoring und Instant Offense von der Bank. Gut möglich, dass Terry auch viele Spiele mit den Startern beenden wird und die Rolle des Clutch-Shooters von Allen übernimmt. Obwohl Terry nach der Meisterschaft 2011 sicherlich ein schwächeres Jahr hatte, scheint die Verpflichtung bei gerade einmal 15 Millionen über drei Jahre sehr lohnenswert aus Sicht der Celtics. Derweil bemüht man sich aber noch um einen zweiten Guard, der nach neuesten Gerüchten Courtney Lee heißen soll. Das macht insofern Sinn, da Bradley wohl den Anfang der Regular Season verpassen wird und Boston ohnehin mit Rondo, Bradley und Terry im Backcourt etwas klein aufgestellt ist. Sollte Lee tatsächlich kommen, hat Boston eine weitere wichtige Option von der Bank gewonnen. Inwiefern sich das aber gehaltstechnisch ausgeht, bleibt offen – Boston muss irgendwie einen Sign-and-Trade-Deal einfädeln, da man Lee keine Exceptions mehr anbieten kann (außer die Bi-Annual Exception, die mit 1,9 Millionen Dollar deutlich zu wenig ist).

A propos Exceptions: Die führen auch dazu, dass Stiemsma die Celtics verlassen wird. Zwar unterbreitete Boston dem Center die Qualifying Offer, um etwaige Fremdgebote matchen zu können, aber da man die MLE an Terry vergab, kann Boston nur Offerten bis 1,9 Millionen (eben die Bi-Annual Exception) matchen – in einer Liga, in der neuerdings Wucherpreise für Defensivcenter wie Omer Asik oder Greg Stiemsma gezahlt werden, sollte das nicht reichen. Minnesota bereitet angeblich eine Offerte über drei oder vier Millionen Dollar vor, womit vom Abgang Stiemsmas ausgegangen werden kann. Die übrigen Free Agents, die schon letzten Jahr bei Boston waren – Keon Dooling, Mickael Pietrus, E’Twaun Moore – dürfen sich Hoffnungen auf eine Weiterbeschäftigung machen, obwohl die Frage nach der Spielzeit gestellt werden muss, wenn Courtney Lee tatsächlich kommen sollte.

Der Ausblick

So weit also zu den (bisherigen) personellen Rochaden. Die Frage: Hat sich Boston genug verstärkt, um wieder Titelkandidat zu sein? Auf dem Papier sollte man jedenfalls wieder zu den drei besten Teams im Osten gehören. Die Starting Five (Rondo, Bradley, Pierce, Bass, Garnett), mit der Boston nach dem All Star Game letzte Saison die furiose Aufholjagd startete, ist wieder komplett dabei. Dennoch wird sich der Spielstil ändern – man hat zwar theoretisch mit Terry einen Ersatz für Ray Allen gefunden, aber beide sind unterschiedliche Spielertypen: Terry rennt nicht um zig Screens, wie es Allen so gerne gemacht hat, sondern kreiert lieber selbst. Inwiefern das im Widerspruch zu Rajon Rondo und dessen Spielstil steht, bleibt abzuwarten. Rondo ist das Hirn der Offensive, bedient seine Mitspieler nahezu perfekt, ist ein balldominanter Spieler. Gut möglich, dass wir bei Rondo noch öfter etwas beobachten dürfen, was er schon in der zweiten Saisonhälfte gerne machte: Das Aufposten im tiefen (!) Post. Das wirkte manchmal etwas erzwungen, manchmal etwas übertrieben, könnte aber eine Co-Existenz von Terry (in dem Fall als Ballhandler) und Rondo sichern. Zudem dürfte sich der JET über Brandon Bass freuen, den er einerseits schon aus Dallas kennt, der andererseits aber als Power Forward, der gerne aus größerer Distanz abschließt, eine ähnliche Spielanlage wie Nowitzki hat – das Pick&Roll zwischen dem Deutschen und Terry funktionierte bekanntermaßen sehr ordentlich.

Defensiv wird sich relativ wenig ändern, wenn man die zweite Saisonhälfte betrachtet: Boston wir mit Bradley/Rondo versuchen, den gegnerischen Spielaufbau, sollte er denn über die kleinen Positionen erfolgen, empfindlich zu stören. Sonst darf man auf die gewohnten Defensivschemas vertrauen: Schnelle Rotationen, eine Verriegelung der Zone und das in Kauf nehmen von Dreiern. Die Präsenz von Stiemsma als Blocker wird fehlen, wobei Fab Melo in diese Rolle hineinwachsen könnte. Ob das aber den riesigen Unterschied macht, da Stiemsma auch nicht wahnsinnig große Spielanteile sah, bleibt zu beobachten. Tendentiell haben die Celtics aber nach wie vor eher auf den großen Positionen Nachholbedarf und, wenn man ehrlich ist, mit Garnett nur einen Spieler von herausragender Qualität.

Insofern kann sich durchaus ein Stilwandel vollziehen, den man schon streckenweise in der vergangenen Saison beobachten durfte: Smallball in Boston. Garnett/Sullinger dürften dabei als Lowpostspieler fungieren, Green bietet eine passende Option sowohl als Small Forward wie auch als Stretch Four. Besonders die relative Leistungsdichte auf den Forward-Positionen mit Pierce, Green, Bass dürfte Doc Rivers dazu verleiten, diese kleineren Lineups noch öfter aufs Parkett zu schicken. Das dürfte zwar altbekannte Reboundprobleme mit sich bringen, verspricht aber insgesamt einen spektakuläreren Spielstil bei gleichbleibend hoher defensiver Intensität. Keine schlechte Mischung, um wieder an einen tiefen Playoff-Run zu denken.

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