Boston Celtics, NBA

Jayson Tatums Entwicklung als Scorer

Und seinen Wandel zum modernen NBA-Star

In einem Interview mit NBA2K erläuterte der amtierende Eastern Conference Player of the Month Jayson Tatum letzten Sommer seine vier Ziele für die Saison 2019-20: ein Player Rating von 90, einen Punkteschnitt über 20, sein erstes All-Star Game und einen Einzug in die NBA Finals. Während die Aussage zum 2k-Rating wohl den Sponsor zufrieden stellen sollte und wenig sportliche Relevanz aufweist, konnte er zwei seiner Ziele erreichen. Das dritte, die NBA Finals, kann bis auf weiteres nicht stattfinden. Trotzdem ist Tatums Saison einen genaueren Blick wert. Nicht umsonst ist er einer der Favoriten für den Most Improved Player Award und befindet sich auf der Schwelle zu einem All-Defensive oder sogar All-NBA Team.

Defensive Vielseitigkeit

Defensiv sind Tatums Leistungen zwar ein Streitpunkt, jedoch ist sich inzwischen immerhin jeder einig, dass er auf dieser Seite des Feldes ein positiver Faktor ist. Die Kritiker beziehen sich hauptsächlich darauf, dass stärkere Spieler ihn vor allem in Korbnähe überwältigen können. Durch gute Positionierung konnte er diesem Problem aber gewissermaßen entgegenwirken. Außerdem sind die Celtics unter Brad Stevens so erfahren und geschickt darin, schnelle, kompakte Scram Switches auszuführen, dass sich im Post selten Mismatches ergeben.

Tatum war schon immer gut darin, harte Close-Outs an der Dreierlinie zu laufen. Teilweise wurden diese zwar als schlechte Fußarbeit kritisiert, doch setzen die Celtics gerne darauf, ihre Gegenspieler zu zwingen, einen anderen Wurf zu nehmen. Da sie in der Regel Bigs auf dem Feld haben, die mit zum Korb ziehenden Perimeterspielern mithalten können, sind die Konsequenzen eines solchen Close-Outs als eher positiv zu werten. 

Jayson Tatum und Grant Williams sprinten auf den Schützen zu um den Dreier wegzunehmen. Williams fällt Richtung Korb ab, während Tatum dafür sorgt, dass Harris keinen sauberen Wurf nehmen kann.

Seine Instinkte als Helpdefender waren schon als Rookie ersichtlich, zeigen sich in dieser Saison jedoch verstärkt. Seine Athletik scheint leicht verbessert und er hat sich zu einem der aktiveren defensiven Playmaker entwickelt. Bei manchen Spielern führt eine erhöhte Aktivität und statistischer Output zwar dazu, dass sie auch mehr Fehler begehen, hiervon kann bei Tatum aber keine Rede sein. Anthony Davis ist außerdem der einzige andere Star mit vergleichbarer Scoringlast, der eine BLK% über 2,4 und eine STL% über 2,0 vorweisen kann. Wenn man diese Parameter leicht anpasst finden sich natürlich auch andere gute Spieler, es zeigt jedoch, wie rar Tatums Skillset als Verteidiger ist.

Dieser Schritt nach vorne war sogar für die Celtics Offensive enorm hilfreich, da Tatum den Ball dann schnell nach vorne spielen kann und solche Aktionen ihnen zuverlässig leichte Punkte bescheren. Das führte auch dazu, dass er zunehmend eine Rolle als Roamer einnehmen durfte, vermutlich auch, um ihn ein Stück weit zu schonen, damit er mehr Energie in seine Offense investieren kann.

Tatums Fokus liegt mehr auf dem Ball als bei seinem Matchup. Er forciert den Turnover und spielt Gordon Hayward eine Vorlage in Transition.

An defensiver Vielseitigkeit ist ihm in Boston vermutlich nur Marcus Smart voraus, dem ein Platz in einem der beiden All-Defense Teams schon fast sicher ist. So kann Tatum Guards, Wings und perimeterorientierte Bigs problemlos verteidigen, ohne eine Schwachstelle darzustellen. In verschiedensten Matchups kann er seine Länge und laterale Geschwindigkeit so nutzen, um das Matchup zu seinen Gunsten zu drehen. Da er sehr aktive Arme hat, verengt er die Passwege zudem erheblich.

Tatum kommt zunächst nicht um den Screen von Cody Zeller herum, seine Länge erlaubt es ihm aber Devonte’ Graham trotzdem zu blocken.

Modernisierung der Offense

So wichtig seine Verteidigung auch ist, oft ist der einzige Weg zum All-Star die andere Seite des Feldes. Nach einer statistisch enttäuschenden Vorsaison konnte er viele seiner Schwächen in nur wenigen Monaten ausbügeln. Dieser Prozess war zwar von diversen Hindernissen und viel Trial-and-Error geprägt, warf aber ab Dezember und spätestens zur Jahreswende Früchte ab.

Schon zu Beginn der Saison wurde ein neues Wurfprofil ersichtlich, ein Wandel der schon im späten Sommer für Team USA bemerkbar worden war. Auch dort hinkten die Quoten ein wenig hinterher, aber der Fokus auf Korbleger und Dreier war ziemlich eindeutig. Tatsächlich traf er die ersten zwei Monate der NBA weniger als 50% seiner Würfe am Korb, was den Einbruch seines Dreiers im November umso schmerzhafter machte. Sein True Shooting in diesen beiden Monaten lag lediglich bei 51%, was bei einem Spieler der 18 Abschlüsse pro Spiel sucht natürlich mehr als problematisch ist.  

Statt einen semi-offenen Midranger zu nehmen entscheidet sich Tatum dafür zum Korb zu ziehen und verlegt einen leichten Wurf.

Ein weiteres Problem war, dass er bisweilen nicht an die Mitteldistanzquoten seiner Rookiesaison anknüpfen konnte. Bei knapp über 40% waren das zwar nicht unbedingt die effizientesten Würfe, aber tragbar. Inzwischen trifft er den langen Zweier lediglich in den mittleren Dreißigern, was ein bisschen mager ist für einen Spieler, der in Late-Clock-Situationen Würfe kreieren soll. Immerhin hat er die Anzahl dieser Würfe stark zurückgeschraubt. In seinen ersten beiden Jahren stellten diese ca. 18% seiner Wurfversuche dar, in der vergangenen Saison nur noch 9%.

Damit ist der wichtigste Schritt, den Jayson Tatum dieses Jahr nehmen konnte, der nach hinten, beziehungsweise zur Seite, in Form eines Pull-Up-Dreiers. Damian Lillard ist der einzige Spieler mit mehr als drei Pull-Up-Dreierversuchen pro Spiel, der den Dreier besser getroffen hat als Tatum, und das nur um 0,2%. Das Volumen ist zwar noch nicht so hoch wie bei James Harden, Luka Dončić, oder gar Mitspieler Kemba Walker (dessen Pull-Ups wohlgemerkt anders aussehen, da sie im Gegensatz zu Tatum und den Anderen selten aus der Isolation kommen), aber seine Effizienz bedeutend besser.

Anthony Davis nimmt nur einen halben Schritt nach hinten, dieser Fehltritt reicht für Tatum jedoch um einen gut verteidigten Dreier zu treffen.

Tatum kreiert bei weitem nicht so viel Platz wie die anderen Pull-Up-Künstler, kann sich aufgrund seiner kompakten Bewegungsabläufe und hohem Release mit bedeutend weniger Raum zufrieden geben. Seine Körperkontrolle erlaubt es ihm, den Sidestep in beide Richtungen nutzen zu können und trotzdem in guter Wurfposition zu bleiben.

Als Playmaker hinkt er den oben genannten Spielern leider noch hinterher. Sich hier zu verbessern sollte der nächste Fokus sein, um sein Spiel auszubauen. Von Jahr zu Jahr sind zwar minimale Verbesserungen feststellbar und ein Ballstopper ist er auch nicht unbedingt, dennoch sind seine Drives ziemlich vorhersehbar und enden meist in einem kurzen Jumper oder einem individuellen Abschluss. Solange Walker und Gordon Hayward ihn in dieser Hinsicht entlasten können, ist das für die Celtics kein Problem, für zukünftige Auszeichnungen und seinem Ceiling als Spieler eventuell schon.

Jayson Tatum zieht gegen zwei Verteidiger zum Korb, verpasst dabei zwei offene Mitspieler am Perimeter (Romeo Langford und Tremont Waters) und einen abrollenden Enes Kanter.

Ein weiteres Manko ist seine Unfähigkeit Freiwürfe zu ziehen. Es gab dieses Jahr nur zwei Allstars, Donovan Mitchell und Khris Middleton, die niedrigere Freiwurfraten als Tatum hatten. Das Problem dabei ist natürlich, dass die effizienteste Art zu punkten somit wegfällt, was die Konstanz von Spiel zu Spiel ein stückweit einschränkt.

Immerhin gibt es Indizien dafür, dass er diese Elemente nicht zwangsläufig lernen muss um eine solide Offense leiten zu können. Viele von Bostons besten Lineups bestanden fast ausschließlich aus Bankspielern… und Jayson Tatum. Die Sample Size ist bei solchen Lineups natürlich zu gering um konkrete Schlüsse ziehen zu können, ermutigend ist es trotzdem.

Im Pick and Roll schlägt er sich trotz der Limitationen extrem gut und befindet sich mit 1,13 Points per Possession im 87. Perzentil der gesamten Liga. Seine fehlende Kreativität als Playmaker und die Tatsache, dass er weder der schnellste noch stärkste Forward ist, schränken ihn zwar gewissermaßen ein. Diese Schwächen sind Brad Stevens jedoch bewusst und er bedenkt diese geschickt in seinen Plays. So kommt ein anderer Mitspieler für einen weiteren Screen zum Play oder wird der Screener oft einen als Box-Out getarnten zweiten Screen in Korbnähe stellen. Diese Strategie ist jedoch nur möglich, weil Tatum unfassbar viele Dribblemoves aneinanderreihen kann und seinen Mitspielern somit genug Zeit verschafft, um diese Plays umzusetzen.

Grant Williams stellt einen ersten Screen, gefolgt von einem Re-Screen, während Enes Kanter im Post versucht Wendell Carter Jr. zu sealen.

Wenn Tatum gedoppelt wird, trifft er meist die richtigen Entscheidungen, in dem Sinne, dass die Plays selten in einem Ballverlust enden. Andererseits fehlt ihm die Fähigkeit, um in diesem Zuge gute Würfe für andere zu kreieren und das Double Team somit auszunutzen, wie die besten Spieler der Liga es können. Da er vor dieser Saison mit dieser Art von Defense noch nicht konfrontiert worden war, zumindest nicht auf NBA-Niveau, sollte diese Tatsache vorläufig noch keine Sorgen bereiten.

Dennoch sollte man diese Problematik nicht aus den Augen verlieren. Ein weiterer Grund zur Vorsicht bezüglich seiner zukünftigen Leistungen ist, dass seine Durchschnittswerte über die Saison nicht unbedingt umwerfend aussehen. Sicherlich kann man die Startprobleme als Anomalie auslegen, doch ist es immer gefährlich, bewusst Teile einer Sample Size zu ignorieren. Schließlich bezieht man sich auf deren Summe, um genau solche Ausreißer besser einordnen zu können. Nichtsdestotrotz beendete er die Saison mit einem 110er ORtg und einem TS% von 56,2. Das ist sehr ermutigend für einen 22-Jährigen, der in die Rolle des Closers erst während der laufenden Saison hineinwachsend musste. 

Ausblick

Es wäre interessant zu sehen, wie sich diese Version von Jayson Tatum in den Playoffs schlägt, auch wenn seine bisherigen Playoffkampagnen für sein Alter durchaus beeindruckend waren und es wenige Gründe zur Annahme gibt, dass er einen Schritt zurück machen würde. Bereits in seiner ersten Saison durfte er es dort mit den besten Perimeterverteidigern aufnehmen, die das gegnerische Team zu bieten hatte. Seither ist sein Skilllevel jedoch eindeutig gestiegen. Zudem entspricht er als Flügel, der jederzeit seinen eigenen Wurf finden kann, genau dem Prototypen, den fast jeder Meister seit den 80ern brauchte, um die Saison mit der Larry O’Brien Trophy abschließen zu können.

Dass Tatum sein drittes Ziel, die Finals, dieses Jahr erreichen kann, ist also möglich, aber unwahrscheinlich. Nicht nur, weil es eine Fortsetzung der Saison erfordert, sondern auch die Konkurrenz, vor allem aus Milwaukee, mitspielen müsste. Aber selbst wenn es jetzt noch nicht klappt, hat Tatum diese Saison die richtigen Schritte getan, um es in Zukunft so weit bringen zu können.

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