Alltimers, NBA

There is no GOAT

Warum historische Ranglisten in der NBA sinnlos sind

Die ungeplante Spielpause der NBA hat die Sommer-Themen dieses Jahr ungewohnt früh auf die To-Do-Listen der Journalisten gebracht. Nachdem letzte Woche auch noch die diesjährige Hall-of-Fame-Class bekannt gegeben wurde, hat ein Thema besonders Konjunktur: Wer sind eigentlich die besten Spieler der Liga-Geschichte? Insbesondere Kobe Bryants Platz auf dieser Liste, wenige Monate nach seinem Unfalltod und unmittelbar nach seiner Aufnahme in die Hall of Fame, ist heiß diskutiert. Aber auch die Debatte MJ vs. Lebron ist mittlerweile schon ein Klassiker. Schöne Themen, um sich die Zeit in ohne NBA zu vertreiben? Sicherlich. Eine sinnvolle Diskussion, die man mit objekten Maßstäben führen kann? Ziemlich sicher nicht.

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Wie beobachten wir die NBA?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Erst einmal ist klar, dass jede Rangliste subjektiv sein muss, denn trotz aller Zahlen und Daten rund um die NBA gibt es keinen allgemeingültigen Maßstab für spielerische Qualität. Geht es in erster Linie um gewonnene Meisterschaften? MVP-Seasons? Erzielte Punkte – pro Spiel oder insgesamt? Jede einfache Antwort auf diese Frage verbietet sich, weil sonst etwa Robert Horry (7 Ringe mit Rockets, Lakers und Spurs) die gesamte moderne NBA hinter sich lassen würde. Es müsste also eine Gewichtung dieser Faktoren vorgenommen werden, die aber vor ähnliche Probleme stellt: Sind Bill Russells 11 Meisterschaften höher zu bewerten oder Wilt Chamberlains individuelle Zahlen? Wie sind Kareem Abdul-Jabars Stats aus 20 Saisons verglichen mit Michael Jordans Karrierewerten trotz zweier Pausen einzuschätzen? Eine eindeutige Antwort auf diese Frage ist unmöglich. Das mag sogar ein Grund dafür sein, warum die Debatte so beliebt ist: Wenn alle die gleichen Maßstäbe hätten, gäbe es nichts mehr zu diskutieren.

Allerdings hören die Probleme mit der GOAT-Debatte damit nicht auf. Ein weiterer Punkt lässt sich fast mit einer Frage abhaken: Wie viele Leser dieser Zeilen haben Bill Russell und Wilt Chamberlain live spielen sehen? Oder auch nur ein paar ganze Spiele nachträglich angeschaut? Von George Mikan, der in den 1940er Jahren in seiner Prime war, erst gar nicht zu sprechen… Selbst wenn man sich von diesen Spielern ein vollständiges Bild machen wollte und sehr viel Zeit mitbrächte: Viele Spiele der frühen NBA-Jahre sind nicht überliefert, so ist selbst Chamberlains 100-Punkte-Spiel wohl verloren. Sogar nach heutigen Maßstäben wichtige Statistiken wurden lange Jahre nur teilweise aufgenommen. Das gilt natürlich besonders für alle Tracking-Daten, aber auch einfache Counting Stats wie Blocks wurden erst ab den 1970er Jahren verzeichnet.

Niemand ist objektiv

Nicht zuletzt stößt man beim Verfassen einer Liste von All-Time-Greats der NBA zwangsläufig an seine persönlichen Grenzen. Schon die Zeit, die man bräuchte, um von allen in Frage kommenden Spielern auch nur eine einigermaßen aussagekräftige Zahl von Spielen zu sehen, dürfte kaum jemand haben. Ältere NBA-Beobachter haben das Argument, schon früher mehr gesehen zu haben – aber hier kommen die beiden schon genannten Probleme zusammen: Wer als leicht zu beeindruckender Teenager Michael Jordan gesehen hat und als erfahrener NBA-Journalist LeBron James, beurteilt diese Eindrücke nicht gleich. Die Generation der 30- bis etwa 50-Jährigen wie Bill Simmons, Stephen A. Smith und Co. prägt aber seit Jahren die NBA-Berichterstattung. Es liegt nahe, dass die Glorifizierung der 1980er und 1990er Jahre auch mit dem Alter der medialen Protagonisten zusammenhängt.

All diese Punkte hängen ganz zentral damit zusammen, dass niemand die NBA völlig neutral oder objektiv betrachten kann. Jeder bringt bestimmte Vorstellungen und ein konkretes Vorwissen mit, das die eigenen Einschätzung beeinträchtigt. Stattdessen könnte man sich natürlich einzig auf zahlenbasierte Modelle verlassen, aber auch für diese Berechnungen müssen Menschen die Maßstäbe anlegen. Die zugrunde liegenden Probleme würden sich also nicht fundamental ändern. Außerdem könnten auch mathematische Modelle kaum auf die geänderten Rahmenbedingungen reagieren – es geht nämlich nicht nur um den Faktor Mensch, wenn man die Schwierigkeiten einer GOAT-Debatte diskutiert.

Immer noch NBA, nicht mehr die gleiche Liga

Nochmal zurück zu Chamberlain und Russell, also den 1950er- und 1960er Jahren – etwa 20 Jahre nach dem 2. Weltkrieg, der Höhepunkt des Kalten Krieges, die Zeit der US-Bürgerrechtsbewegung. Diese historische Einordnung ist nicht offensichtlich für eine GOAT-Debatte im Basketball relevant, ein Blick auf Bill Russells Karriere zeigt aber, wie sehr gerade die Diskriminierung schwarzer Spieler in den ersten Jahrzehnten der NBA Einfluss auf das Ligageschehen nahm. Außerdem verdeutlicht dieser Hintergrund, dass historische Debatten nicht kontextlos geführt werden können – das gilt für Basketball genauso wie für Politik und Gesellschaft.

Auch wenn die Grundidee von Basketball natürlich die gleiche geblieben ist, hat sich auch auf und rund um die Courts seitdem extrem viel verändert. In Russells Rookie-Saison 56/57 bestand die NBA aus acht Teams, bei seinem Retirment 68/69 immer noch nur aus 14. Zur Einschätzung seiner elf Ringe darf man außerdem nicht ignorieren, dass kein Salary Cap existierte und die Celtics mehrere Stars wie Bob Cousy und John Havlicek dauerhaft halten konnten. Es greift aber zur kurz, Russell (und Chamberlain) deswegen einfach auszuschließen.

Regeländerungen – nicht nur für die 1960er relevant

Während in GOAT-Debatten die Entwicklung von den 1960ern zur modernen NBA meist noch berücksichtigt wird, finden die Unterschiede zwischen 1980ern und den 2000ern deutlich weniger Berücksichtigung. Das Argument, man könne Chamberlain und Russell in GOAT-Diskussionen nicht miteinbeziehen, wird öfter gemacht – aber für KAJ und MJ würde diese Idee wohl kaum ernst genommen. Dabei lässt sich gar nicht so genau festlegen, wann die ‘moderne’ NBA entstand. Die Einführung der Shot Clock (1954) muss wohl sicher als Voraussetzung gelten. Aber ob der NBA-ABA-Merger 1976 oder die Einführung von Dreipunktwürfen 1979 einen wichtigeren Einschnitt darstellt, lässt sich diskutieren. Das Ende der Konkurrenzliga und die neuen Teams und Spieler veränderten mit Sicherheit die NBA-Landschaft massiv und bildeten die Voraussetzung für ihren bis heute andauernden kommerziellen Aufschwung. Rein spielerisch lässt sich – trotz der sehr langsamen Durchsetzung – der Dreipunktwurf heute kaum mehr wegdenken.

Die späten 1970er waren aber nicht der einzige Zeitpunkt, zu dem sich die NBA stark veränderte. Einen weiteren ganz erheblichen Einschnitt gab es 2001 durch die Änderung der Illegal Defense-Rule. Statt wie zuvor eine Zonenverteidigung weitgehend zu verbieten, ist sie jetzt mit kleinen Einschränkungen – der 3-Sekunden-Regel – erlaubt. Ausschließlich auf Zonenverteidigung setzte zwar seitdem kein Team, aber einzelne Beispiele lassen sich finden: etwa die Mavs-Meistermannschaft von 2011 oder die Heat dieses Jahr. Viel wichtiger ist jedoch, dass praktisch alle Defensivschemata in der heutigen NBA Elemente aus der Zonenverteidigung übernehmen. Auch wenn dieser Unterschied deutlich schwieriger zu erkennen ist als die Einführung einer Dreipunktlinie, darf diese Regeländerung nicht als unbedeutend ignoriert werden.

Evolution, nicht nur Revolution

Dreipunktwurf und Zonendefense haben eine wichtige Gemeinsamkeit: Nachdem die NBA sie zuließ, gab es nicht sofort ein komplettes Umdenken, um die Elemente so stark wie möglich in die eigene Spielweise zu integrieren. Die Zahl der Distanzwürfe stieg von einem relativ niedrigen Niveau in den ersten Jahren bis heute fast kontinuierlich an. Besonders seit etwa fünf Jahren erreichen die Versuche ein Niveau, die zu immer mehr Klagen über die Eintönigkeit von Pull-Up-Threes und Co. führten. Die Entwicklung der Defense ist weniger eindeutig an Zahlen festzumachen. Dass es auch hier eine Weiterentwicklung gibt, dürften aber nur die größten Nostalgiker abstreiten. Zwischen den beiden wichtigen Regeländerungen gibt es sogar einen Zusammenhang: Gerade weil mehr Help-Defense erlaubt ist, stieg seit den 2000ern die Bedeutung von Spacing in Form von Distanzwürfen.

Für die Frage nach dem GOAT ist dieser Prozess deswegen von Bedeutung, weil klar wird: Wir können selbst die NBA der 1990er Jahre nur schlecht mit der heutigen Spielweise vergleichen. Das Spiel hat sich in zu vielen Punkten weiterentwickelt, auch über die klar sichtbaren Einschnitte wie die Regeländerungen hinaus.

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Die Größten ihrer Zeit

Trotz dieser Kapitulation sowohl vor der Unzulänglichkeit menschlicher Beobachter als auch vor der langsamen Entwicklung der NBA sind Spielervergleiche nicht komplett sinnlos. Statt der Suche nach dem GOAT kann man sich schließlich auf die bestimmten Epochen im NBA-Basketball konzentrieren. Welche Einschnitte dafür naheliegen, ergibt sich aus den Regeländerungen – die praktischerweise mehr oder weniger mit anderen wichtigen Daten zusammenfallen. Merger und Dreipunktline Ende der 1970er wurden schon erwähnt, ähnliches gilt für die Internationalisierung der NBA und Illegal Defense-Regel um 2000. Auch die Einführung des Salary Caps Anfang der 1980er passt grob in dieses Schema, er wurde 1983 für die Saison 84/85 beschlossen. Also lassen sich relativ naheliegende Zeiträume von etwa 20 Jahren ausmachen, in denen vergleichbare Bedingungen herrschten: Von den späten 1950ern bis etwa 1980, dann die 1980er und 1990er und schließlich die 2000er und 2010er.

Fenster von 20 Jahren liegen auch nahe, weil sie ungefähr der Karrieredauer eines Superstars entsprechen. Entsprechend gut passen die Karrieren von Michael Jordan und LeBron James in dieses Muster. Auch viele andere Top 10-Kandidaten wie die angesprochenen Chamberlain und Russell, Duncan und Bryant oder Magic Johnson und Larry Bird spielten quasi ausschließlich in einer dieser Epochen. Natürlich gibt es auch Ausnahmen wie allen voran Kareem-Abdul Jabbar (spielte 1969-1989) und Shaquille O’Neal (spielte 1992-2011). Trotzdem erlauben diese Einschränkungen auf drei Mal jeweils eine Ära von 20 Jahren sinnvollere Vergleiche. Zu hoffen bleibt nur, dass nicht die aktuelle Zwangspause den großen Einschnitt zur nächsten Epoche darstellt…

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