Alltimers, NBA

Loyalität oder Pragmatismus?

Wie sollen NBA-Franchises mit alternden Franchise Playern umgehen?

Wie sollen NBA-Franchises mit alternden Franchise Playern umgehen?

Nicht nur im Basketball, sondern in fast jeder Mannschaftssportart, ist das Bild des loyalen Sportlers ein Image, welches vor allem bei den Fans sehr beliebt ist. Gerne wird es als Symbol gegen die immer weiter voranschreitende Kommerzialisierung des Sportes interpretiert. Sportler, die ihren Verein oder ihre Franchise nach längerer Zeit verlassen, werden oft als geldgeizig dargestellt. Vergessen wird dabei aber gerne, dass die Beziehung zwischen Sportler und Team eine zweiseitige ist. Für das Sportteam oder die Franchise gibt es neben dem Symbolcharakter eines solchen Sportlers oft auch einen finanziellen Anreiz in Form von Merchandising. Auch wenn der Sportler nicht mehr auf dem früheren Niveau performt, lässt sich durch seinen Symbolcharakter noch viel Gewinn machen. In der abgelaufenen Saison gehörten die Jerseys von Dwyane Wade (12.) und Derrick Rose (10.) immer noch zu den am meistverkauftesten Jerseys der NBA. Die sportliche Leistung der beiden war dagegen, vor allem bei Rose, ernüchternd.

In der NBA sind es überwiegend Superstars, die ihre komplette Karriere oder nahezu ihre komplette Karriere bei einer Franchise verbringen. Bei Rollenspielern wie Udonis Haslem oder Nick Collison ist dies eher ungewöhnlich. Tim Duncan (19 Saisons), Dirk Nowitzki (18 Saisons), Kobe Bryant (20 Saisons) und Dwyane Wade (13 Saisons) zeigen die unterschiedlichen Wege, wie schwierig es sein kann, wenn das Gesicht der Franchise älter wird und wie verschieden die Franchises mit den alternden Superstars umgehen.

Kobe Bryant – fehlende Selbstreflexion

Kein Spieler hat in den letzten 20 Jahren in der NBA so polarisiert wie Kobe Bryant. An fünf Titeln war er als bester oder zweitbester Spieler seines Teams beteiligt. Selbst zu seinen erfolgreichsten Zeiten gab es Kritik an seiner Wurfauswahl und seinem Egoismus. Als er sich dann zum Ende der Saison 2012/13 die Achillessehne reißt, beginnt der vermutlich schwierigste Part in Bryants Karriere. In der folgenden Saison kehrt Bryant zwar im Dezember zurück, doch absolviert nur sechs Spiele, bevor er sich den Schienbeinkopf im linken Knie bricht.
Bryant kann bekanntlich in den nächsten 2 Saisons nicht einmal mehr annähernd an seine bisherigen Leistungen anschließen. Dennoch hat Bryant weiter das Wurfvolumen eines Superstars. Seine Usage liegt in der Saison 2014/15 bei 34.9%. Nach Russell Westbrook nimmt Bryant damit ligaweit prozentual die zweitmeisten Abschlüsse seines Teams. Seine Effizienzwerte (ORtg 95, TS 47.7%) sind katastrophal. Bryant schadet von diesem Zeitpunkt an seinem Team mehr, als er ihm hilft.

Es fehlt ihm an der Selbstreflexion, dass er nicht mehr der Spieler vergangener Tage ist und er kann sich in keine neue Rolle einpassen, um für die Lakers auf dem Feld weiter nützlich zu sein.
Dennoch steht er, obwohl er 36 Jahre alt ist und zwei schwere Verletzungen in den vergangenen zwei Saisons hatte, immer noch knapp 35 Minuten pro Abend auf dem Feld. Die Saison endet für Bryant mit einer Schulterverletzung schon im Januar.
Auch das Verhalten der Lakers ist in der Offseason 2015 kaum zu verstehen. Mit Jordan Clarkson und dem Nr.2-Draftpick D’Angelo Russell haben die Lakers eigentlich zwei hoffnungsvolle junge Combo-Guards. Anstatt die beiden lernen zu lassen und ihnen viel Verantwortung mit dem Ball in der Hand zu übergeben verpflichten die Lakers Lou Williams. Einen weiteren Ballhandler und Scorer, welcher die Spielanteile von Russell und Clarkson weiter verkürzt.
Auch in seiner Abschlusssaison kann Bryant sich kaum anpassen und findet keine Rolle im Team. Bryant schadet in diesen zwei Jahren seinem Team mehr als er ihm nutzt. Das Karriereende von Bryant kommt gerade noch rechtzeitig, um die jungen Talente der Lakers wie Russell, Randle und Ingram jetzt langfristig aufbauen zu können.

Dirk Nowitzki – schadet zu viel Loyalität zwischen Spieler und Franchise?

Sportlich gesehen kann ein Superstar nicht viel besser altern als Nowitzki es tut. Noch nie von seiner Athletik lebend, ist er zumindest offensiv, auch im hohen Alter, ein extrem produktiver Spieler. Zudem hat er es auch verstanden, sich zurück zu nehmen und agiert in einer kleinereren Rolle als früher, sehr effizient. Er verbringt auch in der Offensive immer mehr Spielzeit abseits des Balles, kann so Kraft sparen und hat dennoch als guter Schütze und Stretch Vierer einen positiven Einfluss auf sein Team.

Wieder einmal hat es das Front Office der Dallas Mavericks geschafft, ein konkurrenzfähiges Team um Dirk Nowitzki, den Fixpunkt der Franchise, aufzubauen. Im Gegensatz zum letzten Jahr wurde das Team zwar nicht komplett neu aufgebaut, aber doch auf zwei Positionen deutlich verändert. Mit Zaza Pachulia und Chandler Parsons wurden zwei Starter ziehen gelassen. Dafür konnten die Mavericks Harrison Barnes mit dem Maximalvertrag nach Dallas locken und sicherten sich mit Andrew Bogut einen legitimen Starter auf der Centerposition, ohne Gegenwert im Trade abgeben zu müssen.  Zudem wurden die Verträge von Dwight Powell und Deron Williams zu fairen Konditionen verlängert. Im Groben und Ganzen steht der Kader der Mavericks, lediglich kleinere Moves um den Kader abzurunden werden wohl noch folgen. Doch die Dallas Mavericks sind weit davon entfernt, noch einmal um die Meisterschaft zu spielen und Erfolg ist der einzige wirkliche Anspruch, den Nowitzki zu diesem Zeitpunkt in seiner Karriere laut eigener Aussage noch hat. Wäre es nicht für beide Seiten besser, wenn Nowitzki, in beidseitigem Einvernehmen, in den letzten Jahren getradet oder in der Free Agency gewechselt wäre? Dallas könnte einen vernünftigen Rebuild durchziehen und Nowitzki könnte nochmal bei einem erfolgreichen Team spielen.

Schon nach der misslungenen Saison nach der Meistersaison wäre es für die Mavericks vermutlich am besten gewesen in den Rebuild zu gehen. Mit Dirk Nowitzki (34), Jason Terry (35), Shawn Marion (34), Jason Kidd (39) und Vince Carter (35) waren die fünf Spieler mit den meistgespielten Minuten alle deutlich über 30.
 Nach dem konsequentialistischen Sinnspruch “Der Zweck heiligt die Mittel” hätten sie sich hier auch von Nowitzki trennen müssen, um einen kompletten Rebuild durchführen und außerdem so in einem Trade weitere Assets zu bekommen.
Stattdessen wurde das Team mit mittelklassigen Free Agents so gut es geht konkurrenzfähig für den Playoffkampf gehalten. Dazu wurden unter anderem O.J. Mayo und Darren Collison verpflichtet. Die Playoffs wurden in dieser Saison jedoch knapp verpasst.
Auch in den folgenden Jahren weigerte man sich den Weg des Rebuildes einzuschlagen, sondern versuchte es weiter über die Free Agency. Im Sommer 2013 versuchte man es bei Dwight Howard, musste sich aber mit Monta Ellis, Jose Calderon und Samuel Dalembert zufrieden geben. Die Mavericks erreichten als Achter knapp die Playoffs und konnten danach die Serie gegen die Spurs sogar überraschend knapp gestalten. Erst in Spiel 7 musste man sich geschlagen geben. In der folgenden Offseason verzichtete Nowitzki auf Gehalt, damit die Mavericks Chandler Parsons aus Houston loseisen konnten. Auch Tyson Chandler konnte durch einen Trade für Calderon, Larkin und Draftpicks zurückgeholt werden. Der Trade für Rajon Rondo zwei Monate nach Saisonbeginn entwickelte sich zum Debakel für die Mavs. Letztendlich beendeten die Mavericks die Saison als Siebter und schieden chancenlos mit 1:4 gegen die Rockets in der ersten Runde aus.
Auch im letzten Sommer hätte der Rebuild dann endlich eingeleitet werden können und wieder versuchten die Mavericks unbedingt im Playoffkampf zu bleiben. Wes Matthews und Deron Williams wurden in der Free Agency verpflichtet, Zaza Pachulia für einen Zweitrundenpick aus Milwaukee geholt. Trotz acht Siegen weniger als im Vorjahr belegten die Mavericks den sechsten Platz im Westen und erreichte knapp die Playoffs. Dort schieden sie mit 1:4 gegen die Oklahoma City Thunder aus. Auch mit einem DeAndre Jordan, der sich nach Zusage doch noch gegen die Mavericks entschieden hatte, wäre die Saison vermutlich nicht erfolgreicher verlaufen.

Letztendlich müssen am Ende natürlich immer der Sportler und die Franchise wissen, was für sie am Wichtigsten ist. Die Loyalität von Nowitzki und Dallas zueinander scheint so groß zu sein, dass beide auf die rational sinnvollere Möglichkeit verzichten.
Dennoch sollte Dallas für die Zeit nach Nowitzki vorsorgen und anfangen junge entwicklungsfähige Spieler endlich mehr zu fördern. Fast alle Draftpicks der letzten Jahre bekamen kaum Spielzeit und konnten sich erst richtig beweisen, als sie nicht mehr bei den Mavericks spielten.

Dwyane Wade – die Trennung vom ehemaligen Franchise Player

Der Weg den die Miami Heat und Dwyane Wade gegangen sind, ist sicherlich der radikalste. Dennoch ist dieser Schritt logisch nachvollziehbar.
Das Team hat eine solide Saison absolviert und ist im Osten immerhin in die zweite Runde eingezogen. Der vorhandene Kader war in großen Teilen jedoch zu alt, um noch besser werden und eine wirkliche Chance auf eine Meisterschaft zu haben. Dwyane Wade und Joe Johnson gehen auf das Ende ihrer Karriere zu, Luol Deng hat die 30 ebenfalls bereits überschritten und der Gesundheitszustand von Chris Bosh ist immer noch nicht geklärt. Um mit Deng, Johnson und Wade zu verlängern hätten die Heat in diesem Sommer eine Menge Geld investieren müssen. Vor allem da durch den Maximalvertrag von Whiteside und die langfristigen Verträge von Bosh und Dragic schon drei Spieler für längere Zeit unter Vertrag stehen, welche zusammen über 60 Millionen verdienen und deren Gehälter zudem noch ansteigen werden. Den Kader komplett, also neben Wade auch Joe Johnson, Tyler Johnson und Luol Deng, halten zu wollen, hätte die Heat auch bei ansteigendem Cap langfristig unflexibel gemacht.
Also wurde der Kader neu ausgerichtet. Um wirklich komplett zu rebuilden, ist der vorhandene Kader zu gut, hat aber mit Justise Winslow, Hassan Whiteside und Tyler Johnson bereits Entwicklungspotential in den eigenen Reihen.
Die Heat machten Wade ein Angebot von knapp 40 Millionen Dollar für zwei Jahre und waren nicht bereit mehr Geld in die Hand zu nehmen, um mit dem Angebot von Chicago für Wade gleichzuziehen.

Auch weil Wades Leistungen sich in den vergangenen beiden Jahren deutlich verschlechtert haben, kann man Rileys Handeln nachvollziehen. Die nachlassende Athletik ist mittlerweile deutlich zu spüren. Vor allem ersichtlich wird dies an seiner Wurfauswahl. Früh in seiner Karriere schloss Wade noch deutlich über 40 Prozent seiner Abschlüsse direkt am Ring ab und auch in der Big-Three-Ära waren dort immer  noch zwischen 35 und 37 Prozent seiner Abschlüsse. Doch in den letzten beiden Jahren fanden nicht einmal drei von 10 Abschlüssen aus dem Feld in der Zone statt. Stattdessen verlagert Wade sein Spiel immer weiter in die Mitteldistanz, wodurch er deutlich ineffizienter geworden ist (ORtg 103).
Wade verlässt Miami und bekommt noch einmal einen etwas besser dotierten Vertrag, bei einem, wie vermutlich zumindest er glaubt, guten Team.  Die Heat bewahren ihre Flexibilität und können um ihren neuen Kern bauen. Beide Seiten profitieren im Endeffekt von der Trennung.

Tim Duncan – beständig erfolgreich

Neunzehn Spielzeiten absolvierte Tim Duncan für die San Antonio Spurs. In jeder der neunzehn Saisons gewannen die Spurs immer mindestens 50 Siege. Nachdem David Robinson im Jahr 1989 in die Liga kam, schafften die Spurs das außergewöhnliches Kunststück, in 27 Spielzeiten nur ein einziges Mal die Playoffs zu verpassen. Es war die Saison 1996/97, in dem David Robinson nahezu die komplette Saison ausfiel, die Spurs in den Tanking-Modus schalteten und am Ende dadurch Tim Duncan mit dem ersten Pick der Draft zogen.

Schon damals schafften es die Spurs ihren nächsten Franchiseplayer zu bekommen, noch während der aktuelle Franchiseplayer sich in seiner besten Zeit befand. Duncan hatte das Glück, von Anfang an bei einem Team zu spielen, welches direkt um die Meisterschaft spielen konnte. Schon in seinem zweiten Jahr holte Duncan seinen ersten Titel.
Ähnlich wie Robinson, war auch Duncan das ungewöhnliche Glück vergönnt, dass der nächste Franchiseplayer des Teams schon während seiner aktiven Zeit zur Franchsie kam. Während Duncan immer älter wurde und zumindest sein offensiver Einfluss deutlich nachließ, wurde Kawhi Leonard immer besser. Dadurch schafften es die Spurs auch weiterhin ein beständiger Anwärter auf den Meistertitel zu bleiben. Im Gegensatz zu Wade, Bryant und Nowitzki konnte Duncan so auch noch im hohen Basketball-Alter um Titel bei seiner Franchise spielen.

Was ist Loyalität?

Wade, Nowitzki und Bryant zeigen sehr gut, welche unterschiedlichen Probleme es mit alternden Superstars gibt. Im Fall Wade ist es der hohe eigene Gehaltsanspruch, der zum Problem wird, im Fall Bryant die fehlende Reflexion, dass die frühere Leistung nicht mehr abgerufen werden kann und im Fall Nowitzki steht der Spieler dem eigentlich notwendigen Rebuild im Weg. Duncan kann hier als Sonderfall betrachtet werden, da es ihm auch im hohen Alter vergönnt war, ein Team an der Seite zu haben, was seinen Leistungsabfall auffangen konnte.
Wie soll eine Franchise in diesem Fällen mit ihren ehemaligen Superstars umgehen? Ist die Trennung der richtige Weg, wie es jetzt bei Wade und den Heat passiert ist? Oder sollte weiter aneinander festgehalten werden, wie es die Mavericks und Nowitzki machen?

In der allgemeinen Wahrnehmung ist es in der Regel der Spieler, der sich loyal zu einer Franchise verhält. Über die Rolle der Franchise wird dagegen in der Regel weniger gesprochen.
Dabei ist es vor allem sehr abhängig von der Franchise, ob ein Spieler seine komplette Karriere bei einer Franchise verbringt. Damit ein Spieler langfristig bei einer Franchise bleibt, muss diese es schaffen, dem Superstar in seiner Karriere ein konkurrenzfähiges Team an die Seite zu stellen. Schafft die Franchise dies nicht, führt dies in der Regel dazu, dass der Spieler in der Free Agency abwandert oder einen Trade fordert. Prominente Beispiele aus jüngerer Vergangenheit sind Kevin Garnett (Minnesota-Boston), Kevin Love (Minnesota-Cleveland), LeBron James (Cleveland-Miami) oder Dwight Howard (Orlando-Los Angeles Lakers). Auch Bryant forderte 2007 einen Trade, bevor die Lakers es schafften Pau Gasol nach Los Angeles zu holen. Sowohl Bryant, als auch Nowitzki, Duncan und Wade hatten das Glück, dass ihre Franchise es schaffte, ihnen nahezu ihre komplette Karriere ein konkurrenzfähiges Team an die Seite zu stellen.
Spieler sind also in der Regel auch nur dann loyal, wenn die Situation ihnen Erfolg garantiert. Warum sollten Franchises nach anderen Kriterien handeln?

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