Miami Heat

LeBron und die Crunchtime

LeQuit, LeChoke, LeFail … so oder auf andere Arten wird zumeist das Crunchtime-Spiel von LeBron James beschrieben. Wir hatten ihn trotzdem in unserer 5-on-5-Rubrik überwiegend als besten Spieler der bisherigen Saison genannt. Dass James der beste Spieler in den ersten 43 Minuten eines Spieles ist, wird kaum jemand bestreiten wollen, aber auf die letzten fünf Minuten würden laut momentanem Stand eher wenige Fans James vertrauen. Wieso James trotzdem der beste Spieler der NBA ist und in den entscheidenden Minuten auf das Feld gehört, soll in diesem Artikel erklärt werden.

Die Überbewertung der Crunchtime

Ein Spiel hat bekanntlich 48 Minuten, sofern man in keine Overtime gehen muss.  Ab Minute 1 geht es darum, sein Team in die bestmögliche Situation zu bringen, um das Spiel erfolgreich zu beenden. So lautet die simple Zielsetzung bei Beginn jedes NBA-Basketballspiels. Der beste Spieler der ersten 43 Minuten verhilft den Miami Heat in eben jenen Minuten dazu, sein Team bestmöglich für das Ende des Spiels zu positionieren. Und dies kann im Optimalfall so gut sein, dass es zu gar keiner Crunchtime kommt.

LeBron James‘ Klasse closed Spiele auch schon nach dem dritten Viertel. Was wie ein maßlos arrogantes Statement eines verblendeten Heat-Kiddies klingen mag, ist letztlich für 5 der bisherigen 12 Spiele Realität. Mit LeBron James auf dem Feld gehen die Heat bei den Dallas Mavericks am Weihnachtsfeiertag mit 33 Punkten Vorsprung ins vierte Viertel,  gegen die Bobcats sind es 28, gegen die Pacers 22, gegen die Nets 14, und die Spurs gehen mit einem Rückstand von 11 Punkten ins letzte Viertel. Alle diese Spiele sind vorentschieden. Auch weil LeBron James sein Team zu diesen Führungen getragen hat. Es kommt also faktisch aufgrund der Klasse James‘ gar nicht zu einer Crunchtime und dies ist bei 41% der Spiele der Fall. Mit Sicherheit ist die Sample Size noch zu klein, aber ein Indiz sollte es sein: Der beste Spieler closed das Spiel. Nicht mit dem letzten Wurf zum Buzzer am Ende des vierten Viertels, sondern mit schierer Dominanz in den Vierteln davor.

Es ist durchaus ein toller Charakterzug, wenn man die mentale Stärke besitzt, in engen Spielen mit den entscheidenden Würfen das Spiel zu entscheiden. Dem ist nicht zu widersprechen. Aber es ist eine Facette im Skillset eines Spielers, eine von erheblich vielen. Dennoch genießt sie bei vielen Fans einen hohen Stellenwert, vielleicht gar einen zu hohen. Dabei ist unklar, ab wann die Crunchtime beginnt, was alles ein Clutchplay ist und wie sich dies genau messen lässt.

Was ist ein Clutchplay?

Ein Clutchplay ist für viele der Wurf in der Offensive. Für einige beginnt die Zeit der Crunchtime erst bei unter einer Minute, bei anderen in den letzten drei Minuten und wieder andere (bspw. 82games.com) sehen den Beginn der Crunchtime bei fünf Minuten vor Ende des Spiels. Wann diese Zeit beginnt, ist also willkürlich gewählt – und einige Punkte werden völlig außer Acht gelassen, die ebenfalls in dieser Zeit stattfinden.

Zunächst einmal wäre da die Defense zu nennen. Es gibt Clutchplays auch in der Verteidigung und dies muss kein spektakulärer Steal oder ein Block in die siebte Zuschauerreihe sein.  Ein Clutchplay kann sein, dass man richtig zur Hilfe rotiert und den Abschluss des Angreifers so stark beeinflusst, dass dieser verwirft. Ein Clutchplay ist ein umkämpfter Defensiv-Rebound, der das eigene Team wieder in Ballbesitz bringt. Dies aber bei der Schnelligkeit des Spiels alles richtig erfassen zu können, ist nahezu unmöglich. Deshalb werden diese Aktionen entweder nicht erkannt oder als unwichtig eingeordnet. Dabei besteht die Hälfte der Crunchtime eben auch aus der Verteidigung. Genau hier kann man ebenso ein Spiel gewinnen, man muss es nicht offensiv tun.

Offensiv wird hingegen das Decisionmaking und generell alles unterschätzt, was mit dem Set-Up eines guten Wurfes zu tun hat. Das können gute Screens sein, gutes off-the-ball-movement oder ein Extrapass für den besser postierten Mitspieler. Offensive besteht nicht nur daraus, einen Gamewinner zu verwandeln, sondern eben auch daraus, diesen richtig vorzubereiten, Stärken und Schwächen der Gegenspieler richtig einzuschätzen und die richtige Entscheidung zu treffen.

Nimmt man also all diese Faktoren zusammen, wäre man gut darin beraten, wenn man einen Spieler mit dem größten Impact auf das Spiel in seinen Reihen wüsste. Nicht nur jemanden, der die entscheidenden Punkte erzielt, sondern auch das Spiel organisiert, verteidigt, reboundet – man bräuchte den so genannten Two-Way-Player.

Ein Blick auf die vergangene Saison

Den Ruf, dass James kein Closer ist, hat dieser sich zu Teilen natürlich selbst zuzuschreiben – und er beruht eigentlich nur auf sechs Spielen (Playoffs Boston und Finals Dallas). Leider (für den Ruf James‘) waren dies zu großen Teilen die letztjährigen Finals, wo James durch Passivität auffiel, anstatt Highlight- und Clutchplays zu produzieren. Diese Spiele waren scheinbar so prägend, dass er von nun an als Non-Factor auf dem Feld gesehen wird. Vergessen sind nicht nur die Heldentaten gegen die Pistons, wo er die Cavaliers alleine in die Finals trug, sondern vor allem auch anscheinend jede Aktion in der Saison 2010/2011. Alles Prägende sind die Finals 2011, alles Davorliegende schien unwichtig zu sein. Vielleicht sollte man aufgrund einer Sample Size von vier Spielen doch noch weitere Beobachtungen hinzuziehen.

1. Die Clutchstats der Saison 2010/2011

82games.com hat eine frei sortierbare Tabelle online gestellt, mit der man die Leistungen in der Crunchtime einsehen kann. 82games definiert die Crunchtime wie folgt:

„4th quarter or overtime, less than 5 minutes left, neither team ahead by more than 5 points“

Die produzierten Zahlen werden auf 48 Minuten hochgerechnet, um Unterschiede deutlicher zu machen. Als beste Clutchplayer gelten allgemeinhin Dirk Nowitzki und Kobe Bryant, die zur Einordnung der Zahlen James‘ herangezogen werden. Wenn James also ein miserabler Akteur in den letzten fünf Minuten ist, müsste sich dies in dieser Statistik ja bemerkbar machen. Die Sample Size umfasst bei den Akteuren zwischen 38 und 45 Spielen, das ist eine solidere Grundlage als vier Spiele in den Finals.

Wenn es um pure Punkteproduktion geht, ist Kobe Bryant mit fast 50 Punkten (nochmals angemerkt, es werden hier die Stats von 5 auf 48 Minuten hochgerechnet; wir reden hier von ungefähr 5,2 Punkten in den letzten fünf Minuten) Führender in dieser Kategorie. Dirk kommt auf 42 Punkte. LeBron James erreicht … 45,1 Punkte in der Crunchtime. Dass erzielte Punkte nur die halbe Wahrheit sind, wissen wir ja nicht zuletzt von diversen advanced stats, die uns vorrechnen, wer effizient punktet und wer nur effektiv. Fakt ist nämlich auch, dass Bryant mit 40% die niedrigste Quote aus dem Feld hat. Dirk kommt auf starke 46%, James liegt wieder in der Mitte: 43,6% aus dem Feld. Dasselbe Bild ergibt sich bei den Dreiern (Bryant vor James vor Dirk).

Spitzenreiter ist James bei den erarbeiteten Freiwürfen, hier kommt er auf 23 Versuche, Nowitzki kommt auf einen Versuch weniger, bei Bryant sind es nur 16,8. Spitzenreiter ist James auch darin, sich den Wurf selbst zu erarbeiteten, nur 23% seiner Würfe wurden vorbereitet. Knapp vor Nowitzki kommt James auch bei den Rebounds ins Ziel, wo er auf 11,2 (Dirk 11,1) kommt. Erstaunlich ist zumindest, dass James die wenigsten Assists der drei spielt. Bei den einzig messbaren Defensiv-Aktionen führt James die Blocks an und landet bei den Steals hinter Bryant.

Das Erstaunlichste vielleicht zum Schluss: James nimmt mehr Würfe als Nowitzki in dieser Zeitspanne. Klar, er trifft sie insgesamt nicht so gut wie der Deutsche, der die ganze Saison ja schon „in the zone“ war, aber James greift öfter zum Dreier und trifft diesen zumindest hochprozentiger als Nowitzki.

Die Zahlen kann man drehen und wenden, wie man will. Ein besonders schlechter Clutchspieler wird James dabei nicht. Auch kein passiver, auch kein Choker. James ist in der Crunchtime da und hilft seinem Team. Nicht nur durch seinen Wurf, auch durch seine Entscheidungen (er hat die niedrigste Turnoverzahl der drei) und sein Allroundpaket. James war mit absoluter Sicherheit ein Top 10 Clutchplayer in der Saison 2010/2011.

2. Die Playoffs bis zu den Finals

Go-to-Guys.de hatte in den Playoffs zur Serie der Heat gegen die Chicago Bulls zwei Beiträge beigesteuert (Link1 und Link 2), die zwar zunächst aus Sicht der Bulls analysierten, wieso diese nicht erfolgreich waren.  Indirekt klang aber auch hier schon durch, was James in dieser Serie leistete.

Da Go-to-Guys aber nicht das Referenzmedium sein sollte, gibt es auch eine Reihe anderer Artikel, die aufzeigten, dass LeBron James zum einen in der Crunchtime ein Faktor ist und zum anderen der beste Spieler dieser Liga. Am 30.05.2011 veröffentlichte der Bleacherreport 5 Gründe, wieso James der beste Spieler der NBA sei. Argument 5:

James can take over a game, shutting down the opposing team’s top scorer on defense and on the other end carrying the team offensively.

When he’s shooting well from outside, James is almost impossible to defend. 

Zwei Wochen später  sind die Dallas Mavericks NBA-Champions. Bleacherreport erkennt an, dass Dirk Nowitzki der beste Clutchperformer dieser Playoffs war. Zweitbester Performer in den Playoffs?

LeBron James delivered in the clutch for his team more than any other player in the NBA not named Dirk Nowitzki.

Wem diese Aussage zu wenig faktisch untermauert erscheint, den bedient John Schuhmann im Hangtime-Blog von nba.com. Schuhmann hat bis zu Spiel 2 der Chicago-Serie die einzelnen Clutchperformances von James analysiert und diese in den Zusammenhang gesetzt, indem er die besten Playoff-Clutch-Performer hinzuzog. James hatte bis zu diesem Zeitpunkt doppelt so viele Clutch field goals erzielt wie Dirk Nowitzki und drei Mal so viele wie Kobe Bryant. Zugestehen muss man natürlich, dass der Deutsche eine überragende Quote aufwies. Aktiver war jedoch James, der übernahm und insgesamt 10 Treffer bei 24 Versuchen erzielte (Dirk 5-9, Kobe 3-12). Ist das so unclutch? 41,6% sind in solchen Situationen eine sehr gute Quote.

Wem die Zahlen zu dröge sind, der kann sich dieses Youtube-Video ansehen, wo die Punkte von James in den Playoffs gezeigt werden, die ab Minute 43 erzielt wurden (Nicht jeder Korb ist davon streng genommen ein Clutch-Bucket, weil dort auch Punkte zu einer 10-Punkte-Führung dabei sind):

Bei all diesen Analysen stand wieder nur der Wurf im Vordergrund, aber wie in der vergangenen Kapiteln verdeutlicht, gehört eben auch nicht Messbares zum Agieren in der Crunchtime.

Fazit

Ist LeBron James der beste Clutchplayer in den letzten zehn Jahren? Wahrscheinlich nicht. Ist er unclutch? Mitnichten. James trug seine Teams, wenn er es musste. Nicht immer, aber sehr oft. Nicht nur in der Regular Season, sondern auch in den Playoffs. Nicht nur früher, sondern auch in der letzten Saison.

Dabei sei noch eben angemerkt: Kann man den Status des Clutchplayers, so man ihn einmal innehatte, denn auch wieder verlieren? Steht man dann bei jedem Wurf wieder auf der Probe? Wenn dies so ist, dann ist niemand ein Clutchplayer, auch James natürlich nicht. Wenn James also nachweislich sein Team auch in den entscheidenden Phasen trägt (mit mehr Punkten als Dirk und einer besseren Quote als Kobe), dann bekommt er entweder das Label, dass er ein Clutch-Player ist oder niemand hat es inne.

Hat James enttäuschende Finals gespielt, wo er Wade den Vortritt ließ und sich passiv verhielt? Ja. Hat James schlechte Playoffs gespielt? Mit Sicherheit nicht. Er war vor den Finals der mit Abstand beste Heat. Dass er dies in den Finals nicht zeigen konnte, mag ein Makel an seinem Spiel sein, aber es bedeutet nicht, dass James für alle Zeit unclutch ist. James performt in der Crunchtime so gut wie jeder andere Superstar der Liga auch. Auf ihn ist genauso Verlass wie auf Bryant oder Nowitzki, wie auf Anthony oder Wade, wie auf Fisher oder Billups. Ob dies unbedingt erzielte Punkte sind, womit James dem Team hilft, sei dahingestellt (obwohl dies in der letzten Saison zweifelsohne so war), aber durch seine Vielseitigkeit hat James in jedem Spiel bis zur letzten Sekunde auf dem Feld zu stehen. So wie es sich für den momentan besten NBA-Spieler gehört.

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