Chicago Bulls, Miami Heat, Playoffs

Chicagos Crunchtime

6:40 Minuten sind noch auf der Uhr, die Bulls haben gerade zu den Miami Heat aufgeschlossen und Spiel 2 der Eastern Conference Finals zum 73:73 ausgeglichen. Das Momentum scheint zu kippen, da weder Chris Bosh, Dwyane Wade noch LeBron James in den letzten elf Minuten scoren konnten. Die Bulls sind auf dem Weg zum 2:0 in der Serie. Jetzt müsste Derrick Rose übernehmen, wie er es in Runde 1 gegen die Indiana Pacers mehrfach getan hat.

Doch Rose übernimmt nicht, stattdessen findet LeBron James seinen Touch wieder, erzielt 9 der letzten 12 Heat-Punkte, während die Chicago Bulls nur noch zwei Pünktchen in sechs Minuten erzielen und den Heimvorteil verlieren. An wem lag der Zusammenbruch der Bulls?

Eine Play-by-Play-Analyse

Wenn man auf die bloßen Statistiken schaut, scheint Derrick Rose jedenfalls schuldig zu sein. 0 getroffene Feldwürfe bei 4 Fehlversuchen; 0 Freiwürfe; 1 Assist. Das sieht nicht so aus wie gegen die Pacers. Aber traf Rose viele falsche Entscheidungen? Schauen wir auf die Plays, die die Bulls ab 6:40 liefen.

Possession 1: Rose bringt den Ball, während Kyle Korver um einen Double-Screen läuft. Rose bedient den freien Korver, dieser trifft nicht.
Auswertung: Rose löst die Situation gut.

Possession 2: Rose versucht zu penetrieren, die schnellen Hände von Chris Bosh verhindern dies. Rose muss neu aufbauen. Deng bietet einen Screen an, den Rose nicht nutzt. Die Shot Clock läuft herunter, Rose nimmt einen Verzweiflungsdreier, der nicht mal den Ring berührt.
Auswertung: Rose‘ Plays werden zwei Mal komplett unterbunden, sodass er zu einem schlechten Wurf gezwungen wird. Rose hätte diese Possession besser lösen müssen.

Possession 3: Fake-Screen von Deng, der in den freien Raum abrollt. Rose liest die Situation richtig und bedient Deng. Dieser findet nach der Penetration Gibson, dessen Midrange-Jumper findet aber nicht sein Ziel.
Auswertung: Rose löst die Situation gut. (Rose konnte off-the-ball allerdings am Perimeter keinen Verteidiger binden. Wade konnte in der Zone helfen. Der Rebound fällt demzufolge den Heat zu.)

Possession 4: Rose nutzt einen Screen von Taj Gibson, um in die Zone zu penetrieren. Dabei zieht er an seinem Verteidiger vorbei, es kommen allerdings zwei Verteidiger, um den Ring zu beschützen. Bosh, der durch den Switch nun Rose verteidigt, und Joel Anthony zwingen Rose zu einem unmöglichen Wurf, der wieder den Ring nicht berührt. Durch Rose‘ Penetration standen am Perimeter sowohl Korver als auch Deng völlig frei. Rose fand sie nicht.
Auswertung: Rose versuchte hier den Wurf den erzwingen (es waren noch 15 Sekunden auf der Uhr) oder Freiwürfe zu ziehen. Anstatt nach dem Pick von Gibson zu sehen, dass die gesamte Heat-Verteidigung in die Zone zieht, und Korver zu bedienen, nimmt Rose einen überhasteten, schlechten Wurf.

Possession 5: Rose leitet mit einem Pass über das halbe Feld einen Fastbreak ein, die Deng überhastet gegen eine Überzahl abschließen will – der Wurf wird geblockt.
Auswertung: Rose löst die Situation gut.

Possession 6: Eine Kopie von Possession 1. Wieder läuft Korver an den Screens seiner Mitspieler vorbei, wieder findet Rose Korver, der einen offenen Dreier bekommt – aber verfehlt.
Auswertung: Rose löst die Situation gut.

Possession 7: Rose wird am Perimeter isoliert, bis Noah für einen Screen angelaufen kommt. Rose nutzt diesen aber nicht, sondern zieht an der anderen Seite Richtung Korb. Rose findet den anrollenden Gibson für einen Dunk. Ein mustergültiger Assist – allerdings Rose‘ einziger in der Crunchtime.
Auswertung: Rose löst diese Situation sehr gut und sorgt für einen hochprozentigen Abschluss seines Mitspielers.

Possession 8: Korver läuft wieder seinen Parcours auf dem Feld. Bibby (Korvers Verteidiger; die Heat switchten James auf Rose, Wade auf Deng) verteidigt jedoch intelligent den Passweg, sodass Rose Korver nicht bedienen kann. Rose selbst zieht dann zum Korb, wird jedoch durch die gute Verteidigung von James und einem aushelfenden Bosh daran gehindert. Er findet Deng am Perimeter, der ebenfalls zum Drive ansetzt, jedoch einen Turnover produziert.
Auswertung: Rose kann sich selbst weder einen Wurf noch einen Spielzug für sein Team kreieren, sodass er es Deng überlässt, mit einem Drive zum Erfolg zu kommen. Dies scheitert.

Possession 9: James verteidigt wieder Rose. Deng kommt zum Pick, das klappt auch, Wade (der nun gegen Rose verteidigt) kann Rose aber vor sich halten. Die Bulls-Offense wird dadurch komplett gestoppt. Rose nimmt einen weiteren Dreier mit Hand im Gesicht – bei noch 9 Sekunden auf der Shotclock. Der zweite Airball von Rose ist das Resultat.
Auswertung: Rose kann hier aus dem funktionierenden Pick ‘n‘ Roll nicht profitieren, da er eigentlich LeBron James vor dem Screen schon schlagen muss, da durch das Pick ‘n‘ Roll mit Dwyane Wade der schnellere Verteidiger zu Rose rotiert. Der Wurf ist schlicht schlecht gewählt, zumal man mit 9
Sekunden noch etwas anderes hätte kreieren können.

Possession 10: Die Bulls rennen ein Set mit Rose off-the-ball. Der Dreier von Deng ist ein weiterer Fehlwurf, allerdings holt Rose nah am Brett den offensiven Rebound. Wade verteidigt den Korbleger aber sehr gut, sodass Rose auch hier wieder nicht erfolgreich abschließen kann.
Auswertung: Das Spiel war zu diesem Zeitpunkt schon verloren. Dass Rose hier hustlet, ist ihm hoch anzurechnen. Der längere Wade kann ihn aber gut beim Abschluss hindern.

Erkenntnisse

Derrick Rose löste eine von zehn Possessions wirklich sehr gut. Wie er Taj Gibson einsetzte, um diesem den einfachen Dunk zu ermöglichen, war – wie gesagt – sehr gut initiiert. Danach folgten vier gute, solide Possessions, wo Rose nichts kreierte, aber auch keinen Fehler beging. Er passte den Ball solide, rannte die Sets gut und verlor den Ball nicht. Dass die Mitspieler die Würfe nicht treffen, ist nicht Rose‘ Verschulden. Kyle Korvers Würfe waren beide offen, diese hätte Korver treffen können oder müssen. In vier Possessions versagt Rose dann aber (mehr oder minder schwer). Er trifft schlechte Entscheidungen, er nimmt schlechte Würfe, er kann seine Mitspieler nicht einsetzen oder freispielen.

Ist Derrick Rose nun schuldig im Sinne der Anklage? Gut sieht es jedenfalls nicht aus, da Rose keinesfalls übernahm. Er kam kein einziges Mal an die Freiwurflinie, nahm keinen einzigen guten Wurf.

Dabei fällt letztlich auf, wie limitiert die Sets der Bulls schienen. Die Offensive der Bulls bestand in dieser Crunchtime nur aus zwei Optionen: Entweder bekam Rose einen Pick gestellt und konnte so zum Ring ziehen (und gegebenenfalls kreieren) oder Kyle Korver kam um Screens gerannt und erarbeitete sich einen Dreipunktewurf. Sonst gab es keine Sets, um dieses Spiel noch zu gewinnen. Dazu spielten die Heat auch schlichtweg sehr gute Defense. Man nahm Rose fast immer den Drive oder stoppte ihn effektiv, wenn Rose durchbrach. Letztlich hatte Rose nur eine (positiv) auffällige Szene in den letzten zehn Possessions.

Adjustments?

Die so genannte „Late-Game-Execution“ (also die letzten Angriffe des Spiels) ist seit jeher ein Thema, das kontrovers diskutiert wurde und noch wird. Die eine Seite vertritt die Meinung, dass der beste Offensivspieler des Teams den Ball bekommen sollte. Entweder (wenn er der primäre Ballhandler ist) direkt nach der Überquerung der Mittellinie oder in seinen Sweet-Spots. Das führt dazu, dass hier dann meist die Stars isoliert werden und sich im 1-on-1 die Würfe erarbeiten. Fallen diese, werden die Stars zu den Helden des Spiels. Fallen sie nicht, tritt die zweite Gruppe auf den Plan und stellt ihr Konzept vor. Dieses besteht darin, durch viel Ballmovement und gute Sets offene Würfe zu kreieren – egal für wen.

Letztlich haben die Bulls sich in diesem Spiel für die zweite Variante entscheiden. Rose nahm zwar vier von zehn Würfen, aber beachtet man die Possessions 2 und 9, wo Rose Verzweiflungswürfe nam, dann relativiert sich das Ganze. Ebenso kam es auch nur zu einer Isolation früh in der Shotclock für Rose (Possession 7), die Rose nicht selbst abschließt. Der Layup nach dem offensiven Rebound war zudem sicherlich nicht als Play aufgezeichnet worden. Was sollten die Bulls also ändern, um ein offenes Spiel gegen die Heat zu gewinnen?

Das ist letztlich auch die Frage, die sich Coach Tom Thibodeau schon die gesamte Saison stellt. Letztlich sind die Chicago Bulls eine One-Man-Show – und damit ausrechenbar. Die Bulls gewinnen ihre Spiele meist durch gute Defensive, die zu einer akzeptablen Offensive führt. Wenn man jedoch ins Setplay gezwungen wird, haben die Bulls nicht genügend Optionen. Das größte Problem ist jedoch nicht nur die generelle offensive Potenz, sondern der Pool an Spielern, die sich ihren Wurf selbst erarbeiten können. Dazu zählen nur Derrick Rose – und Carlos Boozer. Der Rest der Bulls muss eingebunden werden, um scoren zu können. In Ansätzen kann Deng sich noch einen Wurf erarbeiten, besser ist er jedoch, wenn er eingebunden wird und sich exzellent off-the-ball bewegen kann.

Tom Thibodeau verzichtete im kompletten vierten Viertel auf Carlos Boozer. Sicherlich ist Taj Gibson die viel bessere Wahl, wenn es um die Defensive geht. Hier hat er vor allem in den Help-Rotationen seine Vorteile. Aber wenn man nur zehn Punkte im letzten Viertel insgesamt scort, muss man eben überdenken, ob man nicht doch noch mal eine Zonen-Option in seine Offensive einbaut. Die Bulls haben im letzten Viertel sehr gut verteidigt. Verloren haben sie das Spiel in der Offensive. Sicherlich ist Boozer in diesen Playoffs von der Rolle und deswegen auch kein riesiger Differencemaker. Allerdings ist eben zu hinterfragen, ob man mit 1,5 Optionen auf dem Feld in den letzten 12 Minuten das Spiel closen kann.

Deshalb sind Adjustments auch gar nicht so einfach vorherzusagen, wenn Boozer weiter so inkonstant spielt und offensiv nicht für Entlastung Sorgen kann. Wenn man Boozer nicht die Touches geben kann, weil dieser die Möglichkeiten nicht ausschöpft, verliert das Team letztlich die Scoring-Variabilität komplett. Man lebt dann nur noch von Derrick Rose, der über 40 Minuten pro Spiel die Offensivlast tragen soll. Kommt dann noch dazu, dass die Heat „groß“ spielen und mit Dwyane Wade auf der 1 auflaufen, muss Rose defensiv auch noch gegen die Superstars verteidigen. In der Crunchtime gab es hin und wieder ein Pick ’n‘ Roll zwischen Wade und James, sodass Rose James verteidigen musste, der daraufhin das Spiel entschied.

Fazit

Ja, Derrick Rose ist verantwortlich für die Niederlage der Chicago Bulls. Genauso wie Kyle Korver, der die offenen Würfe nicht traf, oder Tim Thibodeau, der noch immer nicht die optimale Rotation gefunden hat, um eine Balance zwischen Defensive und Offensive zu finden. Im Gegensatz zur Problematik um Russell Westbrook (Go-to-Guys berichtete) hat Derrick Rose keine zweite Scoring Option auf dem Feld – vor allem nicht, wenn Carlos Boozer nicht in die Rotation integriert werden konnte. Deshalb entstehen auch so viele Possessions, die Rose nicht erfolgreich lösen kann: Die Defense konzentriert sich auf ihn und stellt ihn zuweilen vor unlösbare Aufgaben. Als aktueller MVP darf Derrick Rose diese Aufgaben aber auch gerne besser lösen, wenn er seinem Status gerecht werden will. In Spiel 2 war es dann der MVP-Kandidat der Miami Heat, der das Spiel übernahm und sein Team zum Sieg führte: LeBron James.

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