Debatte, Golden State Warriors

Ist Steph Curry kein MVP-Kandidat?

Debatte #10: Sollte der Ballhandler der Warriors nicht doch berücksichtigt werden?

Debatte #10: Sollte der Ballhandler der Warriors nicht doch berücksichtigt werden?

Am letzten Wochenende haben wir unsere MVP-Kandidaten veröffentlicht und dabei mit James, Antetokounmpo und Harden die wahrscheinlichsten Kandidaten vorgestellt. Unser Chefredakteur Dennis Spillmann sieht jedoch einen ganz anderen Kandidaten vorne: Stephen Curry. Zusammen mit dem 3-on-1-Verantwortlichen Julian Lage debattiert er, wieso der Guard der Warriors nicht berücksichtigt wurde.

Dennis Spillmann: Wir sind uns darüber bewusst, dass die MVP-Kriterien sehr schwammig sind und es deswegen keine eindeutige Entscheidung bei der Wahl zum MVP geben kann. Deshalb habe ich mir angesehen, wie ihr für die einzelnen Kandidaten argumentiert habt, um die Kriterien der Redaktion zu verstehen. Im Groben wird auf drei Punkte abgehoben: Individuelle Klasse des Kandidaten, die Bilanz des Teams als zusätzlicher Faktor (das Team muss auch von der Produktion profitieren) und die wortwörtliche Bedeutung von MVP, wenn es um den wertvollsten Spieler im Vergleich zum restlichen Team geht.

Beginnen wir mit der individuellen Klasse Currys. Der Guard nutzt sehr viele Possessions seines Teams (Top 10 in der Liga in USG%), nur Harden schließt deutlich öfter eine Possession ab. Die anderen beiden Kandidaten rangieren gleichauf bzw. sind für weniger Abschlüsse verantwortlich. Das bedeutet, dass Curry prozentual dieselbe Verantwortung wie alle anderen MVP-Kandidaten trägt. Nur ist er weit effizienter als alle anderen. Er kommt auf ein Offensivrating von 124,6. Nur Chris Paul ist bei genügend Volumen effizienter. Curry sticht hier aber Harden (121,6), Antetokounmpo (120) und James (119) aus. Was die rohe Produktion angeht, kann man einzig Harden anführen, der gleichauf oder etwas besser agiert. Giannis und James kommen nicht an Curry heran.

Dabei ist zu bedenken, dass Curry zudem der mit weitem Abstand effizienteste Spieler der Liga ist, wenn es darum geht, den schwierigsten Wurf zu treffen: Curry führt die Liga in eFG% bei Pull-Up Würfen an. Er kommt auf fast 5%-Punkte mehr als Harden, 10 mehr als James und 20 mehr als Giannis. Nicht nur, dass es beeindruckend ist, mit welcher Selbstverständlichkeit Curry schwierige Würfe versenkt; nur Harden und Paul kommen an das Volumen des Scharfschützen heran.
Ich führe die Pull-Ups deswegen an, weil sie unterstreichen, dass Curry eben nicht bedingt durch sein gutes Team an einfache Würfe kommt, sondern er zum einen schwierige Würfe nehmen muss und diese trifft; und zum anderen diese forciert, weil er ein so einzigartiger Schütze ist, sodass er nicht gestoppt werden kann, auch wenn er in einem schlechten Team spielen würde. Trotzdem kommt er auf das beste Offensivrating aller Kandidaten.


Julian Lage: Dass Steph Curry und auch Kevin Durant zu den fünf besten Spielern der Liga gehören, dürfte wohl weitgehend unumstritten sein. Trotzdem sollten beide meiner Meinung nach nicht in die MVP-Diskussion Aufnahme finden. Das erscheint widersprüchlich und ergibt natürlich keinen Sinn, wenn man die Trophäe schlicht an den besten Spieler der Liga vergeben möchte. In den letzten Jahren ist jedoch immer wieder deutlich geworden, dass der ‚Most Valuable Player‘ von der Situation des Teams in der Liga ausgehend verstanden werden muss. Andernfalls hätten weder Derrick Rose noch Russell Westbrook die Auszeichnung erhalten. Generell könnte man sonst argumentieren, dass LeBron James von 2008/09 bis 2016/17 alle ‚Best Player‘-Awards hätte gewinnen müssen. Aber dieser Punkt ist für die aktuelle Diskussion eher nebensächlich, da du nicht von dieser Überlegung ausgehst.

Die Frage ist stattdessen, wie die nirgendwo ausformulierten Kriterien für den MVP-Award zu interpretieren sind. Will man keine willkürlichen eigenen Maßstäbe anlegen, hilft dafür nur ein Blick auf die letzten Preisträger. Der spricht gerade in den letzten Jahren scheinbar eher für Dennis‘ Standpunkt: Seit Rose den Award 2010/11 erhielt – wohl auch aufgrund eines gewissen Unwillens der Wähler gegenüber einer erneuten Vergabe an den nach Miami gewechselten James – hatte mit Ausnahme Westbrooks in der vergangenen Saison jeder Gewinner weitere Stars an seiner Seite. James spielte mit Dwyane Wade und Chris Bosh, Durant mit Westbrook, Curry mit Klay Thompson und Draymond Green. Gerade das letzte Beispiel würde den Schluss nahelegen, dass Curry den Award auch diese Saison bekommen könnte. Dass Durant zusätzlich im Kader steht, hat das Scoring-Volumen Currys zwar reduziert, aber keinesfalls seine Qualität. Auch seine Bedeutung für das Team ist weiterhin immens, wie die von Dennis angeführten Daten zeigen.

Mein Punkt ist daher ein anderer, obwohl ebenfalls die Teamsituation im Fokus steht: Curry sollte deswegen für den Award als wertvollster Spieler nicht ernsthaft in Betracht gezogen werden, weil die Regular Season für die Warriors nur einen stark untergeordneten Wert hat. In seinen beiden MVP-Jahren etablierte sich Golden State erst als historisch gutes Team, mit dem Durant-Wechsel wurden sie zum Dauer-Topfavoriten. Ein so gutes Team wie die Warriors benötigt die Regular Season an sich nur für die Ticket-Einnahmen. Selbst wenn die Rockets eine bessere Bilanz erzielen sollten, würde das den Favoritenstatus der Warriors nur minimal beeinträchtigen. Umgekehrt müssen Rockets, Cavaliers und Bucks oder auch Anthony Davis’ Pelicans diese Saison um ihre Platzierung und den Status als Contender beziehungsweise Playoff-Team kämpfen. Allenfalls James’ Cavs sind noch in einer ähnlichen Situation, weil sie in den letzten Jahren zur Postseason immer noch ein neues Level erreichen konnten. Dieses Jahr sehen die Cavs jedoch strukturell deutlich schwächer aus, so dass James’ Leistungen wie die von Harden und Antetokounmpo eine größere Rolle spielen. Die Warriors haben diese Probleme allerdings nicht. Daher sollte Curry keine Trophäe für die Regular Season erhalten – seine Saison geht erst richtig los, wenn 14 andere Teams schon den Angelurlaub buchen.


Dennis Spillmann: Aber das ist doch dein subjektiver Standpunkt, der – selbst in den Medien – eine Minderheitenmeinung darstellt. Wer darf denn entscheiden, ob ein Spieler die Regular Season “ernst” nimmt oder nicht? Wir reden seit Jahren von LeBron, der in der Regular Season nur cruist – und dem es offensichtlich egal ist, wie gut er in der regulären Saison performt. Wir hatten ihn trotzdem als einen der drei besten Anwärter auf den MVP-Titel. Wieso ist Stephen Curry dann nicht mehr in der Konversation? “Weil er zu gut ist” ist doch eher ein Pro- als ein Kontra-Argument. 
Curry aus der Konversation zu schreiben, wäre so, als wenn Michael Jordan nach der 72-10-Saison 95/96 nie mehr MVP werden dürfte. Wir wissen alle, dass er 97/98 seine nächste Trophäe in den Schrank stellte – zu diesem Zeitpunkt interessierte sich auch niemand mehr für die Regular Season; die Bulls verloren doppelt so viele Spiele wie in der Rekordsaison, Jordan wurde trotzdem MVP.

Ich glaube, dass das größte Argument gegen Steph Curry ist, dass er nicht der klar wertvollste Spieler in seinem Team ist und nicht so herausragt wie Westbrook im letzten Jahr. Ich möchte dazu gleich zwei größere Argumente anführen, die erklären, wieso Curry nach ganz vorne in die Diskussion gehört: Zum einen sehe ich den Unterschied zwischen Curry und Durant auch nicht bedeutend größer als den zwischen James Harden und Chris Paul. Harden ist momentan der Favorit auf den Award, aber die Rockets haben nur so eine gute Bilanz, weil man mit Paul einen zweiten Hall-of-Famer im Sommer geholt hat. Die Rockets gewinnen 80% (!) ihrer Spiele, wenn Paul das Parkett betritt. Durch das neue System (und den verletzungsbedingten Ausfall) brauchte er Anlaufzeit, steigerte aber in jedem Monat seinen Output und kommt im Januar auf 23 Punkte pro Spiel; ja, Harden scort noch immer bei Weitem mehr (im Januar nicht), aber Paul trägt dieses Team nach der Verletzung Hardens momentan. Ich sehe auch hier eher zwei Kandidaten für den MVP-Award.

Zum anderen ist Steph Curry einzigartig und deswegen auch sehr wertvoll für die Warriors. Das liegt daran, dass Golden State keinen zweiten, dominanten Ballhandler wie die Rockets hat. Mit Curry auf dem Feld ist das offensiv nuklear – 123,8 Punkte erzielen die Warriors auf 100 Possessions gerechnet. Ohne ihn sind die Warriors offensiv nur Durchschnitt und kommen auf 108 Punkte. Von Durant ist man nicht so abhängig (118 on, 112 off).

Curry bringt absolut alle Faktoren mit, die wir in der MVP-Diskussion nennen würden: Er bringt ein sehr gutes Scoring-Paket mit, das sowohl effektiv als auch effizient ist; er ist für sein Team unersetzbar, weil er Facetten mitbringt, die im Team keiner duplizieren kann und … ach ja … Teamerfolg ist auch da. Die Warriors sind das beste Team der Liga. Irgendwer muss dort ja so gut sein, dass er der wertvollste Spieler der Liga ist.


Julian Lage: Der Punkt ist weder, dass Curry zu gut ist oder er die Saison nicht ernst nehmen würde. In den letzten Jahren war LeBron James zu Recht in der MVP-Diskussion, obwohl er sich gelegentlich in der Defense geschont hat – einfach weil er trotzdem noch einer der Spieler mit dem größten positiven Impact war. Trotzdem hat James seit vier Jahren den Award nicht mehr gewonnen, auch, weil ihm dieser Punkt angelastet wurde und sowieso die allgemeine Annahme war, dass seine Teams den Ost-Vertreter in den Finals stellen.

Der Punkt ist, dass die Warriors insgesamt und im Vergleich zum Rest der Liga zu gut sind. Das letzte Team auf vergleichbarem Niveau waren vermutlich die angesprochenen Mid-90ties-Bulls. Michael Jordans Award von 1998 ist trotzdem kein Argument, weil sich seitdem die Liga und auch die unausgesprochenen Vergabekriterien zu stark verändert haben. Was die Situation der Warriors seit dem Durant-Wechsel so besonders macht, ist deshalb nicht die Tatsache, dass sie zwei MVP-Kandidaten haben. Wie angesprochen konnte Durant auch mit Westbrook neben sich den Award gewinnen und James mit Wade. Keines dieser Teams war jedoch so klarer Meisterschaftsfavorit, wie es die Warriors jetzt sind.

Diese Sonderrolle ist auch keine individuelle Meinung, sondern lässt sich durch Wettquoten und Gewinnprognosen absichern. 538 gibt den Warriors aktuell beispielsweise 47% Meisterschafts-Chancen, fast viermal so viel wie dem ersten Verfolger, was trotz der Möglichkeit von Verletzungen eher noch zu niedrig wirkt. Auch die Niederlage gegen die Rockets vor einigen Tagen hat keine echten Zweifel an der Favoritenrolle von Currys Team hervorgerufen. Deswegen ist Harden auch zu Recht MVP-Kandidat Nummer 1, er muss die Rockets erst an den Punkt bringen, dass sie wie ein glaubwürdiger Warriors-Herausforderer aussehen – vor der Saison war nicht wirklich mit diesem Niveau gerechnet worden. Houston löst mit den aktuellen Erfolgen und der Spielweise daher noch Interesse und Überraschung aus, Golden State erfüllt die Erwartungen. Anders gesagt: Wir wissen, wie gut das Team sein kann. Es würde deswegen wenig ändern, wenn Curry ‚nur‘ Volumen und Effizienz des letzten Jahres erreichen würde, also 25,3 PPG bei einem ORtg von 119 statt 28,1 bei 127. Die Bilanz wäre möglicherweise minimal schlechter, vielleicht müsste sich das Team zum Ausgleich defensiv mehr engagieren. Das hätte allerdings kaum Einfluss auf die Erwartungen, die wir an die Warriors in der Postseason stellen. Deswegen stehen die Debatten zu Curry als MVP-Kandidat derzeit zu Recht meist im Konjunktiv: Er wäre im Rennen, wenn es den Warriors in der Regular Season wirklich um etwas ginge.


Dennis Spillmann: Ich kann deinen Punkt weiterhin nicht verstehen. Wenn ein Team so außergewöhnlich gut ist, muss es einen (oder zwei?) einflussreichen Spieler geben, der die ganze Liga dominiert und dafür sorgt, dass dieses Team so außergewöhnlich ist. Im Zweifelsfall sehe ich dann sowohl Curry als auch Durant in den Top 5, wenn es um den MVP geht.
Was weiterhin zählen sollte, ist die erbrachte Leistung – und die ist bei Curry phänomenal. Er trägt dieses Team. Es ist nicht so, dass er sich beruhigt zurücklehnen kann, und sich für die Playoffs schont. Curry erzielt momentan die zweitmeisten Punkte in seiner Karriere und ist weit besser als 2014/15 – wo er das erste Mal MVP wurde. Dass Durant zum Team kam, hilft ihm zu Teilen, aber Curry spielt momentan mehr als in seiner ersten MVP-Saison – und muss dies aufgrund der Kaderstruktur auch.

Die Wettquoten sagen für mich nur eines aus: Dieses Team muss einen MVP in seinen Reihen haben, sonst wären sie nicht so ein großer Favorit. Wenn wir in einem Jahrzehnt auf die Liga zurückschauen, werden wir uns wundern, wenn es zwar vier Warriors bei All-Star-Games gab, aber keinen in den Top 5 zum MVP-Voting. Im letzten Jahr war dies bereits der Fall, in diesem könnte es abermals passieren. Wenn ein Team so dominant ist, sollte man es auch auszeichnen.  Und dieses Team hat außer Curry und Durant keine Starspieler. Curry bringt für seinen Case alles mit, was man benötigt. Im Prinzip sind die Kriterien egal, denn er würde jedes davon erfüllen.


Julian Lage: Also gut, als Abschluss nochmal zurück zum Anfang, den Kriterien: Die MVP-Trophäe zeichnet nicht den besten Spieler der Liga aus, erst recht nicht den besten Spieler des Meisters bzw. Meisterschaftsfavoriten – sondern den Spieler, der in der Regular Season den größten Unterschied gemacht hat. Deswegen stehen die zu erwartenden Leistungen in den Playoffs und damit die Meisterschafts-Chancen nicht in direktem Zusammenhang mit den MVP-Chancen. Der MVP muss, wie ganz besonderes die Auszeichnung für Westbrook letztes Jahr gezeigt hat, anders als der Finals-MVP-Award eben nicht an einen Spieler des besten Teams gehen. Im Fall der Warriors ist es sogar so, dass der Award nicht an einen Spieler des Teams gehen sollte. Dafür bekommt vermutlich Curry oder Durant den Finals-MVP…

Unsere Redakteure können sich offensichtlich nicht einigen. Welche Argumentation haltet ihr für plausibler? Wem würdet ihr euch anschließen? Sollte Steph Curry zu den Favoriten auf den MVP-Award zählen?

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