Cleveland Cavaliers, Gedanken, Golden State Warriors, Playoffs 2017

Langeweile oder Spektakel?

Sind die Playoffs 2017 langweiliger als in der Vergangenheit?

Als Manu Ginobili am vergangenen Montag unter stehenden Ovationen zum vielleicht letzten Mal in seiner Karriere das AT&T Center in San Antonio verließ, geriet die historische Leistung der Gäste aus Oakland für einen Moment beinahe in Vergessenheit. Durch den deutlichen 129:115-Erfolg zogen die Golden State Warriors als erstes Team der Geschichte mit 12 Postseason-Siegen und ohne eine einzige Niederlage in die NBA-Finals ein. In der Nacht auf Freitag folgten ihnen die Cleveland Cavaliers mit einem 33-Punkte-Blowout und einer Bilanz von 12-1. Angesichts dieser Dominanz mehren sich die Stimmen, die die Langeweile des diesjährigen Wettbewerbs beklagen. Doch sind die Playoffs 2017 tatsächlich weniger spannend und spektakulär als in den vergangenen Jahren?

Die Bilanz der Finalteilnehmer aus Ohio und Kalifornien, die in den ersten drei Runden bei zusammen 24 Siegen nur eine einzige Niederlage hinnehmen mussten, lässt auf einen nicht gerade nervenaufreibenden Durchmarsch der beiden Favoriten schließen. Dabei ist schon fast vergessen, dass zumindest LeBron James und seine Cavaliers bereits in der ersten Playoff-Runde gegen die Indiana Pacers einigen Widerstand überwinden mussten. 

Das letztlich deutliche 4-0 täuscht über die durchweg knappen Spiele hinweg, keine der vier Begegnungen konnte Cleveland mit mehr als sechs Punkten Vorsprung für sich entscheiden. Gleich zu Beginn der Serie benötigten James und Co. eine 26-Punkte-Aufholjagd in der zweiten Halbzeit – eines der größten Playoff-Comebacks der Geschichte – um in eigener Halle als Sieger vom Platz zu gehen. Das Duell der an Nummer 1 gesetzten Boston Celtics gegen die Bulls begann mit zwei überraschenden Auswärtssiegen des Außenseiters aus Chicago, auch die Serien zwischen Milwaukee und Toronto sowie Atlanta und Washington waren erst nach sechs Spielen entschieden.

In der Western Conference lieferten die Oklahoma City Thunder – angeführt von Russell Westbrook, der 37,4 Punkte, 10,8 Assists und 11,6 Rebounds auflegte – den Houston Rockets ab dem zweiten Spiel der Erstrundenserie einen harten Kampf. Den angeschlagenen Los Angeles Clippers ging erst im siebten Spiel gegen die Utah Jazz die Luft aus. Der 4-0-Sweep der Warriors im Conference-Finale gegen San Antonio wurde erst durch die Verletzung von Spurs-Star Kawhi Leonard und das folgende 25-Punkte-Comeback in Spiel 1 eingeleitet. Neben einigen weiteren Aufholjagden sorgten Joe Johnson, Marc Gasol, John Wall und zuletzt Avery Bradley in Spiel drei der Eastern Conference Finals mit teilweise irrwitzigen Game-Winnern für die ganz besonderen Momente der bisherigen Postseason. 

Ein Blick auf die Zahlen seit der Saison 2003-04, als auch für die erste Playoff-Runde der Best-of-Seven-Modus eingeführt wurde, zeigt, dass die bisherigen Begegnungen trotz der Dominanz der Cavs und Warriors nicht weniger knapp und spannend waren als in den vergangenen 13 Jahren. Im Durchschnitt endeten die Spiele der ersten drei Playoff-Runden 2017 mit etwas mehr als 13 Punkten Abstand. Das klingt zwar deutlich, liegt aber noch im “normalen” Bereich der letzten Jahre. Zwischen 2004 und 2015 betrug diese Differenz stets zwischen 9 und 13, in der vergangenen Saison sogar 14,5 Punkte. Bezieht man die gestiegene Spielgeschwindigkeit mit ein, relativiert sich diese Zahl noch weiter. Die durchschnittliche Differenz von ca. 14 Punkten pro 100 Ballbesitzen liegt nicht nur unter dem Wert der Playoffs 2016, bereits 2008 und 2009 dominierten die siegreichen Teams ihre unterlegenen Gegner noch etwas deutlicher als in diesem Jahr.

Auch die Länge der bisher gespielten Playoff-Serien spricht zumindest nicht für extreme Langeweile. Trotz der zahlreichen Sweeps der beiden Top-Favoriten aus Cleveland und Oakland wurde bis zu den Conference Finals insgesamt nur ein Spiel weniger ausgetragen als beispielsweise in den Jahren 2007, 2010, 2011 und 2015. Deutlich enger ging es nur 2006 – als die besten Teams der regulären Saison bereits im Conference-Halbfinale (San Antonio gegen Dallas) bzw. Conference-Finale (Detroit gegen Miami) scheiterten – und 2014 zu. In diesen beiden Jahren dauerten die Serien der ersten drei Playoff-Runden im Durchschnitt fast sechs Spiele (2017: 5,3 Spiele). Allerdings enttäuschten dafür gerade 2014 die anschließenden Finals, in denen die Spurs bei ihrem souveränen 4-1-Erfolg gegen LeBron James’ Miami Heat kaum noch Spannung aufkommen ließen.

Verletzungen ebnen den Weg der Favoriten

Dennoch bleibt das Gefühl, dass zumindest die Final-Paarung in diesem Jahr nie wirklich infrage stand. Zu groß war die Übermacht der beiden Superteams um James, Stephen Curry und Kevin Durant. Begünstigt wurde deren lockerer Durchmarsch durch einige Ausfälle wichtiger Spieler bei ihren Herausforderern. Die Warriors profitierten dabei vom Fehlen von Portlands Center-Neuzugang Jusuf Nurkic, von der Verletzung George Hills (Utah Jazz) in der zweiten Runde und vor allem den Ausfällen von MVP-Anwärter Kawhi Leonard und des wiedererstarkten Tony Parker, ohne die die San Antonio Spurs dem Team aus Golden State weder offensiv noch defensiv Paroli bieten konnten.

In der zweiten Runde der Eastern-Conference-Playoffs verloren die Toronto Raptors durch Kyle Lowrys Verletzung nicht nur ihren wichtigsten Spieler, sondern auch jede Hoffnung, sich von ihrem 0-2-Rückstand in der Serie gegen die Cleveland Cavaliers noch einmal zurück zu kämpfen. In den Conference-Finals konnten die Celtics dem Titelverteidiger zwar dank einer grandiosen Leistung von Marcus Smart und dem Game-Winner von Avery Bradley auch nach dem Ausfall ihres Superstars Isaiah Thomas noch einen Sieg abringen. Zu mehr reichte es für das Team aus Boston ohne Thomas’ offensives Talent letztlich aber nicht.

Obwohl sie in diesem Jahr ganz besonders den Favoriten in die Karten spielten, sind Verletzungen wichtiger Spieler in den NBA-Playoffs jedoch leider keine Seltenheit. Im Finale der Western Conference 2003 verletzte sich Dirk Nowitzki in Spiel 3, nachdem die Dallas Mavericks den favorisierten Spurs bereits in der ersten Begegnung der Serie den Heimvorteil geklaut hatten. Ohne Nowitzki unterlagen die Mavs mit 2-4 und San Antonio marschierte zum zweiten Titel der Popovich-Ära.

In den Playoffs 2005 profitierten erneut die Spurs, als Joe Johnson – dank seiner Dreierquote von unglaublichen 47,8 % ein wichtiger Bestandteil der Phoenix Suns unter Mike D’Antoni – die ersten beiden Spiele der Conference Finals mit einem Jochbeinbruch verpasste. Von den beiden Heimniederlagen erholten sich die Suns nicht mehr, während San Antonio am Ende erneut als NBA-Champion dastand.

Im Jahr 2012 war es dann ein gerissenes Kreuzband des (noch) amtierenden MVP Derrick Rose, das den Titeltraum der an Nummer 1 gesetzten Chicago Bulls bereits im Eröffnungsspiel der Erstrundenserie gegen die Philadelphia 76ers platzen ließ und LeBron James den Weg zu seiner ersten Meisterschaft mit den Miami Heat ebnete. Darüber hinaus waren auch die Duelle der Warriors und Cavaliers in den vergangenen beiden NBA-Finals geprägt durch die Verletzungen von Kevin Love und Kyrie Irving (2015) sowie Andrew Bogut und Stephen Curry (2016).

Stars sorgen für Spektakel

Trotz allem hatten die bisherigen Playoffs einiges zu bieten und waren weit mehr als nur ein Aufgalopp zur unvermeidlichen dritten Runde des Duells zwischen den Golden State Warriors und den Cleveland Cavaliers. Nicht zuletzt, da zumindest zu Beginn der Playoffs praktisch alle Stars gesund waren und mit teils spektakulären Leistungen für Aufsehen sorgten. Bereits zwölf Mal erzielte ein Spieler in den diesjährigen Playoffs mindestens 40 Punkte. Das ist schon vor Beginn der Finals die zweithöchste Anzahl der letzten 14 Jahre. Übertroffen wurde sie nur im Jahr 2009 (16), als allein LeBron James und Kobe Bryant je viermal mindestens 40 Punkte auflegten.

Isaiah Thomas’ 53 Punkte gegen die Washington Wizards waren die beste Scoring-Leistung in einem Playoff-Spiel seit Allen Iverson im Jahr 2003. Nur ein einziges Mal in der Geschichte konnten bisher zwei unterschiedliche Spieler innerhalb einer Postseason mehr als 50 Punkte verbuchen. Genau 50 Jahre nach Rick Barry (San Francisco Warriors) und Sam Jones (Boston Celtics) 1967 gelang dieses Kunststück nun auch Thomas und Russell Westbrook. Westbrook war zudem der erste Spieler der Geschichte, der in den Playoffs ein Triple Double mit mindestens 50 Punkten auflegte.

Kawhi Leonard war bis zu seiner Verletzung trotz seiner größeren Rolle im Team der Spurs einer der effizientesten Offensivspieler der Playoff-Geschichte (Offensive Rating 136, PER 31,8). Auch Al Horford (ORtg 131) und Draymond Green (ORtg 128) lieferten insbesondere dank ihrer Treffsicherheit aus der Distanz unglaublich effiziente Offensivleistungen ab. Green trifft bisher 47 %, Horford versenkte für die Celtics sogar 52 % seiner Dreierversuche. Darüber hinaus zeigten John Wall, James Harden, Kyrie Irving, Gordon Hayward und einige andere Spieler teils grandiose Leistungen.

Das Beste kommt zum Schluss

Und dennoch steht der absolute Höhepunkt natürlich erst noch bevor: das dritte Duell der Warriors und Cavaliers innerhalb von drei Jahren. Erstmals werden dabei voraussichtlich alle wichtigen Spieler gesund sein. Und die mit sieben (!) All-Stars gespickten Kontrahenten scheinen noch dazu in Topform zu sein. Einzig Klay Thompson’s Wurf bereitet Sorgen, ‘nur’ 36,4 % (ORtg: 95) seiner Dreier finden bisher den Weg durch den Ring. Trotzdem kann ihn wohl keine Defensive aus den Augen lassen, wodurch er ungeachtet seiner derzeit schwachen Trefferquote zum Spacing der Warriors beiträgt.

Zumal seine Co-Stars diese Mini-Krise problemlos auffangen. Stephen Curry trifft in den bisherigen Playoffs über 43 % seiner Distanzwürfe und legt pro Spiel 28,6 Punkte, 5,5 Rebounds und 5,6 Assists auf. Diese Werte bescheren dem Point Guard ein Offensiv Rating von 124, sein Box Plus-Minus von 11,3 wurde seit 2004 nur von drei Spielern übertroffen. Kevin Durant begnügt sich mit 25,2 Punkten pro Spiel, die er mit knapp 8 Rebounds und einer Dreierquote von fast 42 % garniert. Und LeBron James zeigt mit unglaublichen 32,5 Punkten, 8 Rebounds und 7 Assists, dass er auch mit 32 Jahren noch der wohl beste Basketballer des Planeten ist. Fast 41 % seiner Distanzwürfe finden den Weg ins Ziel, ein Drittel der Ballbesitze der Cavaliers schließt der amtierende Finals-MVP selbst ab. Darüber hinaus bereitet er 30 % der erfolgreichen Würfe seiner Mitspieler direkt vor.

Insgesamt erzielten die Cavs bis zu den Conference Finals mehr als 122 Punkte pro 100 Ballbesitze und sind damit statistisch die beste Playoff-Offensive aller Zeiten. Die Warriors erzielen zwar 4 Punkte weniger, stellen dafür aber die mit Abstand beste Verteidigung der bisherigen Postseason (101,7 zugelassene Punkte pro 100 Ballbesitzen). Es ist also alles angerichtet für das große Finale dieser alles andere als langweiligen NBA-Playoffs 2017. Das Beste kommt – hoffentlich – zum Schluss.

Statistiken von basketball-reference.com (Stand: 26.05.2017)

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