Chicago Bulls, NBA

20 Monate Missverständnisse

Quelle: YouTube

In den letzten Jahren gab es nicht viel, worüber man sich als Bulls-Fans freuen konnte. Der 14. August war einer dieser seltenen Momente. Die Bulls entbanden Trainer Jim Boylen von seinen Aufgaben und beendeten ein eineinhalbjähriges Kapitel voller Missverständnisse. 

Die Öffentlichkeit kann zusehen

Normalerweise bleibt Vieles unter Verschluss, was innerhalb eines NBA-Teams passiert. Man kann als Außenstehender nur erahnen, wie die Stimmung in der Trainingshalle wirklich ist oder wie Trainer und Team miteinander arbeiten. Die Bulls jedoch ließen die Öffentlichkeit bereits ab Boylens erster Arbeitswoche teilhaben. Nach einen knappen Sieg gegen Thunder verlor Chicago am nächsten Tag mit 56 Punkten Unterschied gegen die Celtics. Boylen hätte einige Optionen gehabt, auf diese Niederlage zu reagieren. Er entschied sich, sein Team zu disziplinieren wie eine Nachwuchsmannschaft mit schlechter Trainingsbeteiligung. Schon während des Spiels wechselte er nach einem schlechten Beginn alle fünf Starter gleichzeitig aus. Am nächsten Tag setzte er ein dreieinhalbstündiges Training inklusive Liegestütze an, das die Spieler später anonym in vielen Details an die Medien weitergaben.

Boylen wollte die Spieler aufwecken, wie er es in seiner Zeit als Assistent von Gregg Popovich in San Antonio beobachtet hatte – ohne dabei zu bedenken, dass für drastische Maßnahmen wie diese Jahre des Vertrauensaufbaus nötig sind. Boylens Erklärung trug wenig dazu bei, die Wogen zu glätten: “Die Spieler antworteten laut Quellen, indem sie Boylen sinngemäß sagten, dass sie nicht die Spurs und – wichtiger – er nicht Popovich sei”, schrieb Yahoo Sports später über Boylens turbulente erste Trainingswoche.

Schon als College-Coach in Utah war Boylen mit seinen Methoden nicht nur auf Zuspruch gestoßen. “Wann immer man versucht, Dinge zu ändern, muss man sich bewusst machen, dass Veränderung schwer ist. Und man muss wissen, wie das Klima ist, in dem man sich befindet”, sagte Michigan State Coach Tom Izzo in einem Artikel über Boylens Zeit in Utah, “Du musst wissen, wie schnell und wie sehr man bewusst irritieren kann.” Boylen hatte die Wirkung seiner Maßnahmen offenbar falsch eingeschätzt.

Ausbleibender Erfolg

Es sollte nicht die einzige Aktion bleiben, mit der Boylen irritierte. Während der vergangenen Saison machte er sich dadurch einen Namen, am Ende bereits entschiedener Spiele eine Auszeit anzuzeigen. Seine Interviews nach den Spielen landeten vermehrt in “Jim Boylen ist ein Clown”-Zusammenschnitten auf YouTube. Boylen ist nicht der erste Coach, dessen Stil intern wie extern für Stirnrunzeln sorgte. Phil Jackson trommelte während Teambesprechungen, nannte den Konferenzraum “Stammeszimmer” und ließ seine Spieler in völliger Dunkelheit trainieren, um ihre Instinkte zu schärfen. Doch Jackson gelang es, sein Team zusammenzuhalten. Boylen nicht.

Dazu blieb auch der Erfolg aus. Boylens Zeit als Bulls-Coach endete mit einer Bilanz von 39-84. Nur 31,7 Prozent seiner Spiele konnte er gewinnen. Unter allen Bulls-Trainern, die mindestens 100 mal an der Seitenlinie standen, weist nur Tim Floyd eine schlechtere Bilanz auf. 

Die jungen Spieler, die eigentlich die Zukunft der Bulls sein sollten, stagnierten oder verschlechterten sich gar. Lauri Markkanen, das designierte Gesicht der Franchise, wurde unter Boylen streckenweise zum überqualifizierten Werfer degradiert. Unzufrieden brachte er laut Quellen intern eine Wechselforderung ins Gespräch, sollten die Bulls ihre Richtung nicht ändern. Denzel Valentine machte seinem Unmut über seine mangelnde Spielzeit öffentlich Luft. Selbst Zach LaVine, der unter Boylen die individuell besten Saisons seiner Karriere spielte, war seine Frustration mit seinem Chef anzusehen. Er wird seine siebte NBA-Saison mit seinem sechsten Cheftrainer beginnen.

Die Trumpfkarte, die keine mehr ist

Offensiv funktionierte unter Boylen in Chicago kaum etwas. Die Bulls stellten trotz einiger talentierter Offensivspieler gemessen am Offensiv-Rating die viertschlechteste Offensive der Liga. Sie kamen kaum an die Freiwurflinie, obwohl Boylens System gerade auf Abschlüsse in Ringnähe ausgelegt war. Die Bulls mussten sich jeden Punkt hart erarbeiten. Wenn guter Basketball wie Jazz ist, war Chicagos Offensive ein stümperhaft gespieltes Klavierkonzert.

Selbst Boylens Trumpfkarte – die Verteidigung – verlor im Verlauf seiner zweiten Saison an Wert. Die überdurchschnittlich gute Verteidgung – gemessen am Defensiv-Rating die elftbeste der Liga – basierte in erster Linie darauf, den Gegner im Spielaufbau aggressiv unter Druck zu setzen. Sie erwangen auf 100 Ballbesitze gerechnet die meisten Turnover und ließen die wenigsten Feldwurfversuche zu. Gleichzeitig erlaubten allerdings nur die Cavs, Pistons und Wizards ihren Gegnern eine bessere Feldwurfquote.

Boylens Entlassung bringt Karnisovas in eine gute Ausgangsposition. Er kann eine der wichtigsten Positionen neu besetzen, anstatt Altlasten der vorherigen Entscheidungsträger übernehmen zu müssen. Ein Zeichen, dass man es mit dem Neuaufbau in der Windy City durchaus ernst meint. Zuvor war spekuliert worden, dass die Bulls ihren nun Ex-Coach aus Kostengründen ein weiteres Jahr beschäftigen. Kandidaten für Boylens Nachfolge scheint es einige zu geben. Neben dem ehemaligen Nets-Trainer Kenny Atkinson sind laut Woj auch Wes Unseld jr. und Adrian Griffin mögliche Kandidaten. Es wäre Hams und Unselds erste Anstellung als Chefcoach.

Wer auch immer es wird, er wird liefern müssen. Mit Boylen geht der ideale Sündenbock, der “Clown”, der allein dafür verantwortlich zu sein schien, dass bei den Bulls spielerisch nichts so wirklich zusammenlief. Ohne Boylen stehen viele Optionen offen. Sie könnten mit den jungen Spielern im Kader neu aufbauen – oder schneller den Angriff auf die Playoff-Plätze im Osten versuchen. Mit Otto Porter jr. haben die Bulls einen Vertrag im Kader, der trotz 15%-Trade Kicker einen Trade für einen gut verdienenden Star möglich macht. Dazu kann Chicago 2021 mit viel Platz unter der Gehaltsobergrenze in die Offseason gehen. Mit der Kombination aus Karnisovas und einem guten Coach könnte Chicago endlich wieder oben angreifen – welcher Weg auch immer dahin führt. 

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