Chicago Bulls, NBA

Noch lange nicht Dunn

Kris Dunns Entwicklung zum elitären Verteidiger

Kris Dunn gehört zu den wenigen Lichtblicken einer enttäuschenden Bulls-Saison. Mit seiner elitären Defense mauserte er sich innerhalb weniger Monate zu einer der interessantesten Personalien der kommenden Free Agency. Was macht Dunn so besonders? Und wie geht es mit ihm weiter?

Kris Dunns bisher letzter Arbeitstag war schnell vorbei. Bereits nach 13 Sekunden musste er Ende Januar gegen die Nets verletzt vom Parkett genommen werden. Eine Knieverletzung zwang den 26-Jährigen, den Rest der verkürzten Bulls-Saison in Straßenklamotten von der Bank aus zu verfolgen. Bis dahin hatte er sich in seinen dreieinhalb Jahren in der Liga in gleich doppelter Hinsicht einen Namen gemacht: Als unangenehmer Verteidiger – und als Draft-Enttäuschung.

Ein schlechter Start

Im Draft 2016 ging Dunn an fünfter Stelle zu den Timberwolves. Er hätte wohl kaum in eine schlechtere Situation geraten können. Die Entwicklung junger Aufbauspieler braucht Geduld – Geduld, die im Sommer 2016 niemand mehr aufbringen wollte. In Minneapolis glaubte man, mit Zach LaVine, Karl-Anthony Towns und Andrew Wiggins den Grundstein für eine erfolgreiche Zukunft gelegt zu haben. Die drei jungen Talente – alle gerade alt genug, um sich in den USA legal ein Bier zu bestellen – sollten die Franchise zur ersten Playoff-Teilnahme seit Kevin Garnetts MVP-Saison führen. Dazu wurde mit Tom Thibodeau ein Playoff-erfahrener Coach verpflichtet, der vorsichtig ausgedrückt nicht gerade für eine ausgewogene Minutenverteilung bekannt ist.

Anstatt den Ball in die Hand zu bekommen, wie er es aus seinen College-Zeiten in Providence gewohnt war, wurde Dunn hinter Towns, Wiggins und LaVine in eine Off-Ball-Rolle gedrängt. Sie bot ihm kaum Gelegenheiten, seine Stärken zu zeigen. Die Zahlen seiner ersten Saison – 3,8 Punkte und 2,4 Vorlagen bei 37,7 Prozent aus dem Feld – ließen Wolves-Fans hinter vorgehaltener Hand bereits das böse B-Wort in den Mund nehmen. Wie schon sieben Jahre zuvor schien sich ihre Franchise im Draft schon wieder für den falschen Point Guard entschieden zu haben. Der später ausgewählte Jamal Murray konnte bereits überzeugen.

Ein kurzer Aufschwung

Ein Jahr später ging es nach Chicago. Die Bulls hatten sich bereits im Sommer 2016 für ihn interessiert, jedoch von einem entsprechenden Tradegeschäft abgesehen. Der Tapetenwechsel gab seiner Karriere neuen Schwung. In einer größeren Rolle konnte Dunn andeuten, warum er als bester Guard im Draft gehandelt worden war. „Wenn du eine Organisation hast, die an dich glaubt, macht es alles deutlich einfacher“, sagte er im Januar 2018 zu The Ringer, „Ich fühle mich jetzt zehn mal wohler als letztes Jahr. Ich kenne meine Rolle, lerne, wie ich ein Team anführen kann und versuche, jeden Tag mein Bestes zu geben.“ An der Seite von Nikola Mirotic, der mit seinem Shooting einen Monat lang die Tanking-Pläne seines Arbeitgebers torpedierte, spielte Dunn die offensiv beste Saison seiner noch jungen Karriere.

Es sollte ein kurzer Aufschwung bleiben.

In seinem zweiten Jahr in Chicago stagnierte seine Leistung. Als fester Bestandteil der Post-Butler-Bulls gekommen, schien Dunns Zeit in der Windy City schon wieder abgelaufen. Für eine vorzeitige Vertragsverlängerung setzte man sich nicht mal zusammen. Stattdessen wurde Dunns Position mit Tomas Satoransky und Coby White sowohl für die Gegenwart als auch für die Zukunft neu besetzt. Noch im August 2019 sollen sich die Bulls nach einem Abnehmer umgesehen haben. Doch Dunn blieb mangels Angeboten auch noch ein drittes Jahr in Chicago – und erfand sich innerhalb weniger Monate neu.

Eine neue Rolle

Unter Head Coach Jim Boylen reifte Dunn zu einem der besten Verteidiger auf seiner Position. Sein unermüdlicher Einsatz und sein unterschätzt kräftiger Körperbau machen ihm zu einem ekelhaften Eins-gegen-Eins Defender, der dem ballführenden Gegenspieler das Leben schwer macht. „Ich glaube, die Körpersprache [der Gegenspieler] sagt alles“, erklärte Dunn im Gespräch mit SB Nation seine Art der psychologischen Kriegsführung, „Ich kann Körpersprache lesen und sagen, ob jemand Selbstvertrauen hat, ob er sich wohl fühlt. Und ich erkenne, wenn jemand Angst zeigt. Und wenn ich Angst sehe, versuche ich zuzuschlagen.“ Es kommt nicht von ungefähr, dass Dunn seine Gegenspieler gerne mit Trashtalk traktiert.

Im Pick-and-Roll kann der 26-Jährige, der übrigens von sich behauptet, auch in der NFL spielen zu können, nach Switches auch mit größeren Gegenspielern mithalten und diese zu schwierigen Würfen aus der Mitteldistanz zwingen. Dunn ist kleiner als die meisten Flügelspieler der Liga, steht ihnen jedoch in Sachen Physis in nichts nach. Schon am College bestrafte er die größeren Gegenspieler, die glaubten, ihn in Korbnähe im Post Up ausstechen zu können. Spätestens seit dieser Saison müssen auch NBA-Spieler diese Erfahrung machen. Namensvetter Kris Middleton und DeMar DeRozan taten sich im direkten Duell mit Dunn beide schwer, ihr normales Spiel aufzuziehen.

Dunn ist ebenso effektiv, wenn er nicht den ballführenden Gegenspieler verteidigt. Er ahnt Passwege wie kaum ein anderer und verwandelt so ungenaue Pässe des Gegners in eigene Punkte. Dunn ist kein unvorsichtiger Zocker, der auf der Jagd nach Steals Defensivsysteme zum Einsturz bringt. Versucht er den Ballgewinn, ist er meistens auch erfolgreich. In der abgelaufenen Saison hatte der 1,93m-Mann vor Ben Simmons und Dejounte Murray mit 3,8 Prozent die beste STL% der Liga. Auf 36 Minuten gerechnet klaut Dunn fast dreimal den Ball.  Mit seiner Armspannweite von 2,07 Metern verfügt er über die idealen Voraussetzungen.

Einer der besten Verteidiger der Liga?

Mit seinen Fähigkeiten und defensiven Instinkten war Dunn in der abgelaufenen Saison einer der Gründe, warum Jim Boylens Verteidigungssystem überhaupt funktionierte. Er kann agressiv zum ballführenden Gegenspieler rausgehen und ihn doppeln, um dann innerhalb weniger Sekunden genau dort hin zu rotieren, wo er gerade gebraucht wird. Mit den maximal durchschnittlichen Verteidigern LaVine, Satoransky und Markkanen hätte die Spielzeit zum defensiven Desaster werden können. Stattdessen stellten die Bulls nach Dunns Beförderung zum Starter zwei Monate lang die zweitbeste Verteidigung der Liga.

Die defensiven Metriken, so unausgereift sie teilweise noch sein mögen, lieben Dunn wie kaum einen anderen. Glaubt man den Zahlen, ist er einer der besten Verteidiger der Liga. Mit ihm auf dem Parkett ließen die Bulls auf 100 Ballbesitze gerechnet 6,8 Punkte weniger zu, was circa dem Unterschied zwischen der zweit- und achtzehntbesten Verteidigung der Liga entspricht. In ESPNs Defensive Real Plus-Minus wird Dunn auf seiner Position nur von Patrick Beverley geschlagen. FiveThirtyEights Defensive RAPTOR-Modell weist Dunn sogar als zweitwichtigsten Verteidiger der Liga aus – vor Namen wie Giannis, Anthony Davis oder Brook Lopez. Wären die Bulls in der vergangenen Spielzeit häufiger im nationalen Fernsehen aufgetreten, vielleicht hätte sich Dunn ernsthafte Hoffnungen auf einen Platz in einem der All-Defense-Teams machen können.

Angesichts dieser Zahlen drängt sich ein Vergleich mit Verteidgungsspezialist Tony Allen förmlich auf. Dunn scheint kein Problem damit zu haben, mit dem Ex-Grizzly in einem Atemzug genannt zu werden. „Sein Spielstil passt zu dem, was ich tue“, sagte er zu SB Nation, „Er stürzt sich förmlich auf dich. Er war kräftig, physisch. Er konnte von der Eins bis zur Drei alle Positionen verteidigen, sogar Vierer. Ich glaube, ich könnte auch manche Vierer verteidigen.“ Die insgesamt kleiner werdende Liga, in der einige Teams auch ohne klassische Big Men auskommen, kommt seinem Verteidgungsstil sicher entgegen.

Offensiv selten erste Wahl

Am anderen Ende des Feldes ist Dunn wie Vorbild Tony Allen selten erste Wahl, was vor allem an seinem unterdurchschnittlichen Wurf liegt. Nach einer soliden Saison 18/19, in der Dunn immerhin 35,4 Prozent seiner Versuche von der Dreierlinie traf, fällt der Wurf von außen dieses Jahr kaum. 25,9 Prozent bei immerhin 2,2 Versuchen pro Begegnung ist keine Zahl, die gegnerischen Verteidigungen den Angstschweiß ins Gesicht treibt. Sein bestenfalls wackeliger Wurf erlaubt es ihnen, von ihm weg zu helfen, was nicht selten in Situationen wie diesen hier mündet:

Es wäre jedoch zu kurz gegriffen, Dunn offensiv auf sein rondoeskes Shooting zu reduzieren. In der abgelaufenen Saison strahlte er vor allem in der Zone Gefahr aus. Dunn traf fast 60 Prozent seiner Abschlüsse am Ring, nachdem in den Vorjahren jeweils circa 50 Prozent seiner Versuche ihr Ziel gefunden hatten. Das Abschließen mit Kontakt am Ring, das ihm am College noch ohne größere Probleme gelang, fällt ihm auf NBA-Niveau deutlich schwerer. Dazu versucht er nach erfolglosen Drives zu häufig ineffiziente Würfe aus der Mitteldistanz. Abgesehen von der Restricted Area direkt unterm Korb ist Dunn irgendwo wirklich effizient. Sein Shot-Chart ist nicht gerade eine Augenweide.

Von Dunns Qualitäten als Spielmacher, die ihm nach dem College zu einem Top-5-Pick gemacht hatten, war in der vergangenen Spielzeit wenig zu sehen. Statt den offensiven Spielaufbau zu übernehmen, wartete er häufig abseits des Balles auf seine Gelegenheiten. Die veränderte Rolle wird vor allem an der Zusammensetzung seiner Field Goals deutlich. In der Saison 18/19 war lediglich 54 Erfolgen eine Vorlage vorausgegangen. 161 Mal schloss Dunn ohne Assist erfolgreich ab. Dieses Jahr ist das Verhältnis annähernd ausgeglichen (80 Assisted zu 72 Unassisted). Auch die AST% von 18,8 Prozent deutet darauf hin, dass Dunn seltener für sich und andere kreiert. In der Saison 18/19 hatte sie noch bei 29 Prozent gelegen. Von den astronomischen Assist-Zahlen, die Dunn am College noch auflegen konnte, ist er inzwischen Welten entfernt.

Wie geht es weiter?

Mit seinem Skillset könnte Dunn zu einer der spannendsten Personalien der kommenden Free Agency werden. Nach Anpassung der Starter-Kriterien wird seine Qualifying Offer für das kommende Jahr bei 7,1 Millionen Dollar liegen. Die Bulls, die sich im kommenden Herbst nur wenig Hoffnung auf nennenswerte Neuverpflichtungen machen können, werden sie ihm aller Wahrscheinlichkeit nach anbieten. Danach sind mehrere Szenarien denkbar. In einem sonst nicht gerade üppig bestückten Markt könnte Dunn einen längerfristigen Vertrag unterschreiben. Die Alternativen sind entweder jenseits der 30 (Dragic, Teague, Jackson und Augustin) oder werden teuer (VanVleet). Mit einem Vier-Jahres-Vertrag wäre er seine gesamte Prime gebunden. Auch Dunn selbst könnte diese Lösung forcieren. Viele Gelegenheiten, das große Geld einzustreichen, wird er wohl nicht mehr bekommen.

Die Kandidaten werden diesen Herbst jedoch wohl nicht gerade Schlage stehen. Die Clippers bemühten sich gerüchteweise bereits zur Deadline um Dunn, waren jedoch offensichtlich nicht bereit, irgendetwas von Wert abzugeben. In Boston herrscht bereits seit einigen Saisons Fluktuation auf der Position des Back-Up Point Guards: Mehr als die Midlevel Exception werden die Cs Dunn jedoch kaum anbieten können. Auch die Hawks, die in der abgelaufenen Saison zu der Erkenntnis kamen, dass ein Ersatz auf der Spielmacher-Position durchaus hilfreich sein kann, könnten sich um den 26-Jährigen bemühen. Wahrscheinlicher als ein Wechsel erscheint derzeit ein Szenario, in dem Dunn das kommende Jahr mit der Qualifying Offer weiter spielt. Er wäre im nächsten Sommer, wenn mehr Teams Platz unter der Gehaltsobergrenze haben, erneut vertragsfrei.

Es ist derzeit schwer abzusehen, ob Dunn einen Platz in der mittelfristigen Zukunft der Bulls sein wird. Coach Jim Boylen schätzt Dunn für seine Defense, ist jedoch selbst in einer ähnlich prekären Lage. Er und sein Coaching Staff sind ein Überbleibsel des vorherigen Front Offices, das Bulls-Fans lieber heute als Morgen ersetzt sehen würden. In Systemen, die weniger Wert auf Verteidigung legen, verliert Dunn massiv an Wert. Hinzu kommt ein weiteres Problem: Dunn ist verletzungsanfällig. In seinen drei Jahren in Chicago absolvierte er 52, 46 und 51 Partien. Diese Zahlen könnten Teams abschrecken, Dunn mit einem längerfristigen Vertrag auszustatten. Auch die beste Defense ist weniger wert, wenn die Arbeitstage schnell vorbei sind.

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