Boston Celtics, Minnesota Timberwolves, Off-Court

From hero to Nero

Boston im Jahr 2010: Das heimische NBA-Team gewinnt soeben ein wichtiges Spiel; das Publikum tobt. Als die letzte Sekunde von der Uhr getickt und der Sieg gesichert ist, stürmen die Spieler der Celtics das Parkett, feiern sich und ihren Erfolg. Einer von ihnen schlägt sich mit der Faust gegen die Brust, zupft stolz am Team-Logo auf seinem Trikot und brüllt Beleidigungen in Richtung des Gegners, der geschlagen aus der Arena trottet. Der Name des Spielers?

Photo: BangEmSmurf (Lizenz)

Nate Robinson.

Wer bei dieser Beschreibung an Kevin Garnett dachte, liegt damit jedoch meist auch nicht verkehrt. Wannimmer in Boston Negativschlagzeilen produziert werden, mischt Garnett nämlich vorne mit, was dazu geführt hat, dass viele Fans ihn als ersten Celtic mit solchen Meldungen in Verbindung bringen – „in dubio pro reo“ gilt in seinem Fall nicht mehr.

Garnetts zweifelhafte Reputation ist allerdings auch harterarbeitet. Was der ehemalige MVP und Defensive Player of the Year sich seit seiner Ankunft in Boston vor drei Jahren an Eskapaden geleistet hat, erhält ganze Redaktionen am Leben: kaum ein Spiel, in dem er nicht durch Aussetzer glänzt, und kaum ein Tag, an dem sein Verhalten die Menschheit nicht an seiner geistigen Gesundheit zweifeln lässt.

Ist der Ruf erst ruiniert…

Garnett betreibt das, was landläufig „trash talk“ genannt wird, und schüttet seinen Müll aus, als gäbe es kein Morgen: Er beschimpft seine Gegenspieler im „deine Mudda“-Stil und kassiert dafür technische Fouls. Er verteilt Ellenbogenschläge und fliegt deshalb aus dem Spiel. Er beleidigt und provoziert, wo er nur kann, bis er mehr durch fragwürdige Aktionen als durch sportliche Leistung auffällt. Der vorläufige Tiefpunkt war erreicht, als er Charlie Villanueva angeblich einen „Krebspatienten“ nannte. Villanueva, der aufgrund einer Krankheit keine Körperbehaarung hat, beklagte sich anschließend öffentlich via Twitter, und der jüngste Skandal um Garnett war geboren.

Nun hatte Garnett selbst vor seinem Wechsel zu den Celtics längst keine reine Weste mehr: Auseinandersetzungen mit Gegenspielern – auch solche körperlicher Art – reichen bis früh in seiner NBA-Karriere zurück. Dennoch ist beim Publikum das Gefühl entstanden, dass es in Boston um ein Vielfaches schlimmer geworden ist, und Garnett gibt sich größte Mühe, diesen subjektiven Eindruck einiger zur akzeptierten Überzeugung aller werden zu lassen.

Wie ist es soweit gekommen?

Will man diesem Phänomen auf den Grund gehen, lohnt sich ein genauer Blick auf Garnetts Charakter, an dem so lange kein Zweifel bestand. Im Gegenteil: Garnett war ein Vorzeige-Star mit der Mentalität des harten Arbeiters – und das als erster Prep-to-pro seit Moses Malone 20 Jahre zuvor. Auch wenn einige hoffnungsvolle High-School-Athleten ihm auf seinem Weg folgten und kläglich dabei scheiterten, ist Garnetts Entscheidung, ohne den Umweg „College“ in die NBA zu gehen, doch nie ernsthaft kritisiert worden – zu gut war der Spieler auf dem Feld und zu überzeugend der Mensch abseits davon.

Will man Garnett in einem Wort beschreiben, ist „Ehrgeiz“ wohl keine schlechte Wahl. Er hasse es, zu verlieren, sagte der Forward mal in einem Interview; es bringe ihn um. Dieser Ehrgeiz ist es auch, der ihn bis heute angetrieben hat, zunächst als Franchise-Spieler im provinziellen Minnesota und die letzten Jahre als Franchise-Retter im sagenumwobenen Boston. Garnetts Einstellung zum Sport ist dabei stets dieselbe geblieben:

„Ich habe meinen Mitspielern immer gesagt: „Wenn ihr nicht glaubt, dass wir gewinnen werden, wenn ihr nicht hier seid, um alles zu geben und die Meisterschaft anzustreben, dann geht, denn ihr verschwendet eure Zeit, und ihr verschwendet unsere Zeit. Wir sind hier, um zu gewinnen.“

„Wir“ ist ein wichtiges Wort in Garnetts Vokabular. Es ist kein Pluralis majestatis oder eine Distanzierung à la LeBron James, der gelegentlich in der dritten Person von sich spricht. Garnett meint mit „wir“ seine Mitstreiter und sich, denn er sucht den Zusammenhalt mit denen, die wie er nach Erfolg streben. Dieses Gemeinschaftsgefühl hat aber auch seinen Preis, denn es gibt kein „Wir“ ohne „die“, keine verschworene Einheit ohne eine klare Abgrenzung gegenüber „denen“.

„Die Anderen“ sind in Garnetts Fall all jene, die seinem Erfolgsdrang im Weg sind, vornehmlich gegnerische Spieler, aber auch durchaus solche in den eigenen Reihen, die im Verdacht stehen, nicht die nötige Leistung zu bringen oder gar nicht bringen zu wollen. Ihnen gegenüber verhält Garnett sich hart und unerbittlich, bisweilen sogar provozierend und angriffslustig.

Fehlende Konsequenz

Hier zeigt sich jedoch der erste Riss in Garnetts „tough guy“-Image. Es hat in der NBA andere Charaktere gegeben, die sich ähnlich extrem verhielten, doch sie schreckten auch vor den Besten und Stärksten nicht zurück. Garnett hingegen wird nachgesagt, seine Aggressionen bevorzugt an den Schwächsten auszulassen: an Rookies und No-Name-Spielern sowie an (weißen) Ausländern.

Über die Hintergründe dieser speziellen Auswahl seiner „Opfer“ lässt sich lange spekulieren. Möglicherweise trifft eine Beobachtung zu, die vom damaligen Timberwolves-Coach Flip Saunders schon vor anderthalb Jahrzehnten gemacht wurde: Garnett habe „Respekt für die Leute, die vor ihm dagewesen sind und was sie getan haben“, weswegen „er fühlt, dass er mit Leidenschaft spielen und alles geben muss, was er hat“.

„Das Leben eines Neuen ist nicht viel wert, weil er nicht viel geleistet hat“, heißt es in der deutschen Fassung des Films Platoon – in der NBA gilt das für junge und unerfahrene Spieler, die nur auf eine kurze Karriere zurückblicken können. Der Militär-Vergleich passt auch zu Garnett, der seine Vorbereitung auf eine entscheidende Playoff-Partie mal mit den Worten beschrieb: „Spiel 7; jetzt geht es um alles. Ich lade die Pump; ich lade die Uzi; ich habe Granaten, Raketenwerfer. Ich bin bereit für den Krieg.“

Auch die Konfrontation mit Ausländern ist erklärbar, wenn es um einen Menschen geht, der ein konkretes Feindbild offenbar für die eigene Motivation braucht und dabei ein US-amerikanisches Publikum hinter sich weiß, das für einen x-beliebigen Serben oder Franzosen kaum  parteiergreifen wird – „wir“ gegen „die“ eben.

Der emanzipierte Star

Dieses Schwarz-Weiß-Denken erklärt allerdings noch nicht die krasse Veränderung, die sich in Garnetts Wesen gezeigt hat, seit er den Timberwolves den Rücken zukehrte und bei den Celtics anheuerte. Vielleicht war es jedoch gerade der Wechsel von der „Kleinkunstbühne Minnesota“ ins Rampenlicht der nationalen Medien, der entscheidenden Anteil an Garnetts Radikalisierung hatte.

Immerhin fristete Garnett über viele Jahre ein trauriges Dasein ohne Chance auf großen Erfolg. Immer wieder war er bei den Timberwolves auf sich allein gestellt. In Boston hatte er dann auf einmal Spieler gleichen Kalibers an seiner Seite und endlich auch Aussicht auf Erfolg. Er ähnelt dem Jungen, der von zwei Angreifern in die Enge getrieben wird, als plötzlich drei seiner Kumpel auftauchen: Schlagartig „geht was“; er kann protzen und rücksichtslos seinen Frust ablassen.

Photo: orangetaki (Lizenz)

Man kann erahnen, was sich über all die tristen Jahre in Minneapolis in Garnett angestaut haben muss und neben Paul Pierce und Ray Allen endlich ein Ventil fand. Dieser starke Gegensatz des sportlichen Schicksals mag Garnett aber auch vor Augen geführt haben, wieviele Jahre er mit der Suche nach exakt der Situation, wie er sie in Boston vorfand, verloren hatte. Die Zeit für Erfolge drängte, und dies zu wissen, dürfte Garnetts Ehrgeiz nochmals gesteigert haben.

Und es kommt ein weiterer Faktor hinzu: So gut Garnett die Celtics gemacht hat, ist er längst nicht mehr der Spieler, der noch in Minnesota zu den besten der Liga gehörte. Knieprobleme und der pure Verschleiß einer langen Karriere haben ihm viel von seiner einzigartigen Athletik genommen. Garnett kompensiert dieses Manko durch mehr Reden, mehr Gesten, mehr Psycho-Spielchen – der Geist soll das ausgleichen, was der Körper nicht mehr zu leisten vermag.

Aussagen von Joakim Noah und Andray Blatche deuten darauf hin, dass diese Strategie funktioniert: Immer mehr (gerade junge) NBA-Profis zeigen sich öffentlich genervt von Garnett, der für sie mehr aus persönlichen als aus sportlichen Gründen zu den unangenehmsten Gegenspielern gehört. Bostons Bilanz der vergangenen Jahre, die von einer Meisterschaft und einer weiteren Finals-Teilnahme geprägt gewesen sind, lässt zudem keinen Zweifel daran, dass Garnetts Taktik aufgegangen ist und sein Einsatz sich sportlich bezahlt gemacht hat.

Der Preis des Erfolgs

Dafür droht Garnett allerdings an anderer Front zu verlieren, und diese Niederlage würde ihn vermutlich noch weit nach seinem Karriereende verfolgen, denn er setzt nicht weniger als seine Glaubwürdigkeit als Mensch aufs Spiel. Solange die Fans ihn gekannt haben, ist er für eine Sache berühmt gewesen: mit Leib und Seele Basketballer zu sein:

„Wenn ich keinen Freund hatte, wenn ich einsam war, wusste ich, dass ich mir immer die orangene Pille schnappen und zocken gehen konnte. Wenn die Dinge nicht gut liefen, konnte ich körbewerfen und mich besser fühlen.“

Diese Wahrnehmung drängte über Jahre alles Andere in den Hintergrund, bis irgendwann der Eindruck entstand, Garnett habe gar kein Leben jenseits des Basketballs. Wie heißt seine Frau? Hat er Kinder? Wieviele Autos besitzt er? All das ist spontan nicht so einfach zu beantworten wie Fragen nach seiner Wurftechnik oder seinem Reboundschnitt.

Genau aus diesem Grund wiegt der Image-Schaden bei Garnett ungleich schwerer als bei anderen NBA-Spielern, die sich Fehltritte leisten. Garnett hat keine Colorado-Affäre wie Kobe Bryant, keine häusliche Gewalt wie Jason Kidd, keine Drogenkontakte wie Carmelo Anthony. Er stellt keine Skandale neben sein Spiel; er stellt sie in sein Spiel. Er untergräbt das einzige, wofür er jemals bekanntgewesen ist, und die Zuschauer können nicht weggucken, weil es bei Garnett, den sie ihn nur als Basketballer kennen, eben nichts gibt, was einen ablenken kann.

Garnett rüttelt an seinem eigenen Fundament, und die Erschütterungen sind auch abseits des Feldes spürbar. Plötzlich ist er nicht mehr der Mann, der 2006 den J. Walter Kennedy Citizenship Award erhielt, nachdem er einen siebenstelligen Betrag für die Flutopfer in Louisiana gespendet hatte. Sein Verhalten erinnert die Menschen vielmehr daran, dass Garnett als Schüler den SAT nicht packte und deshalb nicht ans College gehen konnte. Das wiederum lässt seinen direkten Weg in die NBA in ganz anderem Licht erscheinen.

Auf die Art wird alles, was Garnett bisher erreicht hat, völlig neu bewertet, und es besteht die Gefahr, dass seine letzten, aus dem Rahmen fallenden Profijahre in der Retrospektive eine an sich vorbildliche, großartige Karriere überschatten werden.

Kevin Garnett, der immer nur gewinnen wollte, arbeitet hart an seiner größten Niederlage.

Photo: Keith Allison (Lizenz)
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