Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg: Vielleicht stehen die Atlanta Hawks so gut wie kein anderes NBA-Team für dieses Sprichwort – freilich nur nicht so, wie sie es gerne hätten. Willenlos, ja beinahe lethargisch waren einige Playoff-Auftritte in jüngerer Vergangenheit, wobei sich die Postseason 2010 sicherlich als prominentestes Beispiel heranziehen lässt: Erst in sieben Spielen wurde ein höchst durchschnittliches Bucks-Team ohne seinen besten Spieler geschlagen, ehe man hinterher gegen die Orlando Magic völlig unterging und die wohl einseitigste Serie ablieferte, die es in den letzten NBA-Dekaden zu bestaunen gab. Dieses Manko schien überwunden, als man letztes Jahr erst mehr oder weniger überraschend die Orlando Magic rauswarf und die Bulls in sechs Spiele zwang, nachdem man zwischenzeitlich sogar mit 1:0 in Führung ging. Dieses Jahr? Eine Mischung aus beidem, aber eher mit fatalem Hang zu vergessen geglaubten Zeiten.
Eine verpasste Chance
Wie sonst lässt sich erklären, dass man dieses zweite Spiel gegen die Celtics verlieren konnte? Nicht nur, dass man damit den so wichtigen Heimvorteil herschenkte, nein, die Chance darauf, endlich mal einen richtig tiefen Playoff-Run hinzulegen, könnte vorgestern begraben worden sein. Dass Doc Rivers scheinbar von Atlanta wenig hielt, dürfte mit dem Herschenken des letzten direkten Duells in der Regular Season jedem klar sein. Umso couragierter der Auftritt der Hawks in Spiel Eins, als man Boston völlig dominierte, dabei insbesondere in der ersten Hälfte Garnett und Pierce völlig kaltstellte, Rondo in die Rolle des Scorers zwang und sich sonst auf das besann, was man Boston voraus hat: Rebounding. Auch die Defense funktionierte hervorragend, man gestattete Boston kaum gute Würfe aus der Mitteldistanz, beging wenig Fouls und ließ so gut wie keine zweiten Ballbesitze zu (39 von 46 möglichen Defensivrebounds wurden geholt). Wenn man dann noch als Boston-Fan merkt, wie sehr Ray Allen plötzlich fehlt, wenn es drauf ankommt, konnte einem Angst und Bange werden. Nach Spiel zwei? Nicht mehr so wirklich.
Unfassbar, wie leichtfertig sich Atlanta die Chance nehmen ließ, Boston ohne Allen und Rondo schon mit dem Rücken zur Wand zu stellen, obwohl man noch mit fünf Punkten Vorsprung in das Schlussviertel ging und auch hier mehrmals die Chance hatte, das Spiel vorzeitig zu entscheiden. Aber gerade dann zeigte sich die Parallele zu zahllosen vorherigen Playoff-Auftritten: Der Ball wurde nicht mehr bewegt, Joe Johnson und Josh Smith ergingen sich in Isolations, die Boston immer besser verteidigen konnte, Jeff Teague überdrehte völlig und rannte mit Scheuklappen in die Zone, die aber zunehmend von einer Wand aus Celtics-Grün überfüllt wurde. Bezeichnend, dass Josh Smith der einzige war, der beim Drive wenigstens ab und zu den Kopf hochnahm und seine Mitspieler bediente. Marvin Williams war, wie auch schon in Spiel Eins, ein einziger Totalausfall und selbst wenn er natürlich nicht der wichtigste Spieler der Hawks ist, so akzentuiert er doch mit seinen Auftritten das Problem, dass die Hawks auf den Flügeln haben. Einzig Jeff Teague fällt hier (wenn er nicht gerade so wie gegen Ende des zweiten Spiels agiert) wohlwollend auf, Kirk Hinrich meinetwegen auch – so gut, wie man eben als fünftes Rad am Wagen und Spot Up-Shooter auffallen kann.
Der Closer der Hawks?

Vergebene Chance?
Was noch frustrierender aus Sicht der Hawks sein muss, um die angesprochene Chance auf einen tiefen Playoff-Run aufzugreifen: Nachdem Derrick Rose endgültig für die Playoffs raus ist, wartet in diesem Playoff-Zweig in Runde Zwei mit den Chicago Bulls (obwohl mit respektabler Bilanz ohne Rose in der regulären Saison) oder Philadelphia 76ers ein höchst schlagbarer Gegner. Die Chancen stehen gut, dass der Sieger der Serie Hawks-Celtics in die Eastern Conference Finals einzieht, wo an sich dann alles möglich ist. Mit einem Sieg in Spiel Zwei hätte man zu 95% die zweite Runde erreicht, wenn man die historische Statistik heranzieht.
So haben die Celtics den Heimvorteil auf ihrer Seite, sie werden wieder Rajon Rondo dabei haben (während Atlanta wohl wenigstens in Spiel Drei auf Smith verzichten muss), Ray Allen kommt möglicherweise zurück, was dem bis dato grottigen Distanzwurf der Celtics (3-25 bislang) auf die Sprünge helfen sollte. Boston hat aber auch die Erfahrung und das Momentum auf seiner Seite. Hinzu kommt aber noch etwas ganz anderes: Boston hätte sich bei elf Punkten Rückstand kurz vor Ende des dritten Viertels geschlagen geben können und taten es doch nicht. Pierce erzielte hinterher noch 18 Punkte, Garnett zeigte in der Verteidigung bedingungslosen Einsatz, selbst die Rollenspieler haben sich richtig reingehauen, als Bostons Saison am Scheideweg stand. Es war ganz sicherlich kein Sieg des Talents, sondern des Willens, den Boston errungen hat. Wahrscheinlich ist das der größte Unterschied zwischen den beiden Teams und der Grund, weshalb plötzlich alle Vorteile bei den Celtics liegen.




