Boston Celtics, NBA

Die Celtics und die etwas andere Suche nach dem Franchise Player

GtG-Offseason-Review 2015: Das Überraschungsteam will mehr!

Für viele waren sie das Überraschungsteam der letzten Saison – die Boston Celtics. Als potentielles Lottery-Team in die Saison gestartet war spätestens nach dem Abgang von Rajon Rondo die Marschrichtung vorbestimmt. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Die Celtics konnten, nachdem man den vermeintlichen Anführer der jungen Truppe, gemeinsam mit Dwight Powell für Jae Crowder, Jameer Nelson, Brandan Wright und Draftpicks zu den Dallas Mavericks schickte, das Blatt wenden und zur Überraschung aller die Saison mit einer Bilanz von 40 Siegen und 42 Niederlagen auf Platz 7 im Osten beenden. Nachdem man auch in den Playoffs überraschend gut mit dem haushohen Favoriten aus Cleveland mithalten konnte, stellte sich nun die Frage, wie Danny Ainge die Boston Celtics nun noch weiter nach oben führen kann.

Die vorher nicht erwarteten Erfolge in der letzten Spielzeit wurden vor allem durch ein gutes Kollektiv erreicht, trotz allem sehnt man sich in Massachusetts, nach dem Abgang von Paul Pierce und Kevin Garnett im Sommer 2013, nach großen Namen. Daher war es wenig verwunderlich, dass im Sommer immer wieder Vermutungen über neue Superstars in Boston aufkamen. Es kursierten Gerüchte um einen Trade für DeMarcus Cousins von den Sacramento Kings und dem Interesse Kevin Love via Free Agency zu verpflichten. Trotzdem kaum eine Franchise in der NBA mehr Assets zur Verfügung hat (die Celtics sind bis zum Jahr 2023 im Besitz von 12 Erstrunden-Picks und unzähligen für die zweite Runde) sollte man bei allen Versuchen erfolglos bleiben. Boston war somit gezwungen andere Wege zu gehen, das Ziel bleibt jedoch das gleiche…

Draft

Im Verlauf der Draft machten Gerüchte die Runde, dass Danny Ainge sehr aggressiv versuchte in die Top-10 zu traden. So boten die Celtics den Charlotte Hornets, die an neunter Stelle an der Reihe waren, angeblich insgesamt vier Erstrunden-Picks um in die erwähnten Regionen zu gelangen. Jedoch wurde auch dieser Versuch nicht von Erfolg gekrönt, somit entschied man sich in Boston für folgende Spieler:

Pick 16: Terry Rozier (PG, Louisville, Sophomore)

Rozier ist ein Poing Guard nach dem Geschmack von Trainer Brad Stevens; er verteidigt intensiv und zieht gerne mit Energie zum Korb. Da man mit Marcus Smart bereits einen ähnlichen Spieler im Kader hat, kam dieser Pick für viele Experten sicherlich überraschend, es unterstreicht aber nur die Vorliebe von Stevens für diesen Spielertyp.

Nachdem er in seiner Freshman-Saison bei den Louisville Cardinals noch in einer kleineren Rolle hinter Russ Smith fungierte, konnte er sich in der vergangenen Spielzeit mit einer Spielzeit von im Schnitt 35 Minuten in den Vordergrund spielen. An der Seite von Montrezl Harrell konnte er seinen Punkteschnitt von 7.0 auf 17.1 steigern und verbesserte sich in fast jeder Kategorie merklich. Einzig den Dreier traf er mit einer Schußquote von 30.6 Prozent deutlich schlechter als zuvor, womit wir wieder beim Vergleich zu Marcus Smart wären.

Pick 28: R. J. Hunter (SG, Georgia State, Junior)

In den letzten Wochen vor der Draft tauchte der Name von R. J. Hunter immer häufiger auf den diversen Mockdrafts unter den ersten 20 Positionen auf. Einer der Gründe dafür war sicherlich sein starkes Spiel in der ersten Runde der March Madness gegen die Baylor Bears, bei dem seine als krasser Außenseiter ins Spiel gegangene Panthers gegen das an Position drei gesetzte Team überraschend als Sieger den Court verlassen konnten. R. J. Hunter erzielte hierbei den entscheidenden Treffer.

Video: NCAA March Madness

Potentiell bringt R. J. Hunter den Celtics genau das, was sie dringend benötigen – Shooting von den kleinen Positionen. Nachdem er in der vergangenen Saison jedoch nur noch 30.5 Prozent seiner Dreipunktwürfe verwandeln konnte (Siehe auch: Fools Gold vom 27. Mai 2015) bleibt aus der Sich der Celtics zu hoffen, dass er als Spot-up-Schütze wieder besser agiert als in der Rolle der ersten Option.

Pick 33: Jordan Mickey (PF, LSU, Sophomore)

Mit Jordan Mickey verpflichtete man einen Power Forward, der besonders durch seine harte Defense bei den Louisiana State Fighting Tigers herausstechen konnte. Mit durchschnittlich 9.9 Rebounds und 3.6 Blocks galt er schon vor der Draft als einer der besten Verteidigern im College Basketball. Obwohl er auch in der Summer League eindrucksvoll andeutete, dass er gerade als Rim-Protector einen positiven Einfluss haben kann, wird er in der kommenden Spielzeit jedoch primär in der D-League auflaufen.

Pick 45: Marcus Thornton (PG/SG, William & Mary, Senior)

Weniger überzeugend verlief die Summer League für Marcus Thornton. In knapp 10 Minuten Spielzeit schaffte er es nicht, sich in den Vordergrund zu spielen. Der Combo-Guard, der in seiner Zeit für William & Mary als vor allem als sicherer Dreipunkt-Schütze zu überzeugen wusste, ist jedoch ohnehin keine Option für die Saison 2015-16, da man sich direkt nach der Draft darauf einigte, dass er ein Jahr in der D-League oder außerhalb der Vereinigten Staaten an seinem Spiel arbeiten soll um dann im nächsten Sommer erneut sein Glück zu versuchen.

Free Agency

Jae Crowder

35.000.000 USD / 5 Jahre

Crowder entwickelte sich in den letzten Spielen der Regular Season zu einer der größten Überraschungen der vergangenen Saison und man kann ihn mit gutem Gewissen als den vielversprechendsten Bestandteil des Rondo-Trades bezeichnen. Durch seine defensive Intensität und der Eigenschaft sich innerhalb des Systems unterordnen zu können verkörpert er ideal die Spezies von Rollenspielern, die in der NBA sehr gefragt sind. Mit ihm auf dem Court waren die Celtics im simplen Net-Rating per 100 Possesions knapp 5.5 Punkte besser als ohne ihn. Diese gesteigerte Effektivität und die Tatsache, dass seine bisherige Zeit in Boston seine erste Phase in einer etwas größeren Rolle (USG% in DAL: 15.3; in BOS: 17.9) war und er mit 25 Jahren noch einiges an Upside haben sollte, machen seinen neuen Vertrag mit einem Grundgehalt von knapp 7 Mio. USD liga-weit zu einem der besseren Deals dieser Offseason.

Video: NBA.com

Jonas Jerebko

10.000.000 USD / 2 Jahre

Ähnlich wie Crowder konnte auch Jerebko zu verhältnismäßig günstigen Konditionen gehalten werden. Überraschend ist dies vor allem, wenn man bedenkt, dass heutzutage Big Men mit verlässlichen Distanzwurf tendenziell eher überbezahlt werden. Ein Attribut, welches der junge Schwede in den letzten beiden Saison eindrucksvoll erfüllte; So konnte er bei einer Sample Size von 214 Dreipunktversuchen in den letzten beiden Jahren knapp unter 40 Prozent seiner Dreier verwandeln (bei Catch&Shoot-Dreiern waren es annähernd 43 Prozent). Da er auch knapp 85 Prozent seiner Freiwürfe verwandeln konnte schloß Jerebko die vergangene Saison mit einem sehr guten True Shooting von 54.9 Prozent ab. Sein Net-Rating von +5.2 Punkten per 100 Posessions sollte man nicht überbewerten, es lässt sich aber festhalten, dass die Celtics sowohl in der Offensive als auch in der Defensive mit Jerebko stärker waren als ohne ihn auf dem Court.

Video: NBA.com

Amir Johnson

24.000.000 USD / 2 Jahre

Im Gegensatz zu den beiden erwähnten eigenen Free-Agents scheint der Vertrag von Amir Johnson auf dem ersten Blick weniger preiswert. Der 28-jährige Power Forward, der die letzten 6 Jahre für die Toronto Raptors spielte, gehört aber der seltenen Gattung von NBA Spielern an, die zwar selten im Vordergrund stehen, aber Jahr für Jahr solide Leistungen als Rollenspieler zeigen und immer einen positiven Impact auf das Spiel ihres Teams haben (in jeder seiner Spielzeiten in der NBA stand am Ende ein positives Net-Rating). Gerade defensiv agiert Amir Johnson sowohl als PF, als auch als C auf sehr hohem Niveau und ist somit ein passendes Puzzleteil neben den jungen Big-men der Celtics.

Video: NBA.com

Trades

David Lee

Ende Juli verstärkten sich die Celtics meisterlich; für Chris Babb und Gerald Wallace, die beide aus sportlichen Gesichtspunken keine Rolle spielten, holte man David Lee vom frisch gebackenen Champion, den Golden State Warriors. Die Motivation für die Warriors ist offensichtlich – durch Abgabe des All-Stars von 2010 und 2013 zahlt man nicht nur knapp 5 Millionen USD weniger Geahlt, sondern spart zusätzlich auch zusätzlich knapp 5.5 Millionen Luxury Tax, die man in der kommenden Saison hätte zahlen müssen.

Die Celtics dagegen bekommen einen Spieler, der zwar aus einer eher schlechten Saison kommt und so wenig Minuten sah wie seit seiner Rookie-Saison nicht mehr, aber in der Vergangenheit bewiesen hat, dass er – gerade offensiv – durchaus ein wichtiger Faktor sein kann. Da sein Vertrag nur noch für die kommende Spielzeit gültig ist, hält sich das finanzielle Risiko in Grenzen und man hofft dass David Lee in seinem Contract Year ansprechende Leistungen auf das Parkett bringt. In Anbetracht der Tatsache, dass Gerald Wallace in den Planungen von Coach Brad Stevens keine Rolle spielte also ein guter Schachzug der Celtics.

Perry Jones und Zoran Dragic

Ähnlich wie die Golden State Warriors waren auch die Miami Heat und die Oklahoma City Thunder gefährdet hohe Summen an Luxury Tax zahlen zu müssen. Die Celtics dagegen hatten noch genügend Flexibilität um beide Verträge aufzunehmen, daher bekamen sie in beiden Fällen einen 2nd Round Pick vom abgebenden Team. Besonders lohnenswert ist dieser Deal, weil sowohl die Thunder, als auch die Heat jeweils einen Betrag in Höhe des jeweiligen Jahresgehalts an die Celtics zahlten, womit die Kosten für beide Spieler quasi gedeckt sind.

Während der jüngere Bruder von Heat-Pointguard Goran Dragic mittlerweile entlassen wurde, wird man bei Perry Jones vermutlich das Training Camp abwarten, um dort zu schauen, inwiefern der Forward, der vor drei Jahren als eines der größten Talente des Jahrgangs von Baylor in die NBA wechselte, den Boston Celtics helfen kann. Im vergangenen Jahr schaffte er, trotz der großen Personalsorgen der Thunder, nicht den erhofften Sprung und mittlerweile darf angezweifelt werden, ob Perry Jones im weiteren Verlauf seiner Karriere sich zu einem Spieler mit einem positiven Impact entwickeln kann.

Roster

Zugänge: David Lee (Golden State Warriors), Perry Jones III (Oklahoma City Thunder), Amir Johnson (Toronto Raptors), Terry Rozier, R. J. Hunter, Jordan Mickey.

Abgänge: Brandon Bass (Los Angeles Lakers), Brandan Wright (Memphis Grizzlies) Luigi Datome (zurück nach Europa), Gerald Wallace, Chris Babb (beide Warriors), Phil Pressey (Portland Blazers)

Auffällig ist, dass Boston nur Spieler verlor, die entweder eine relativ kleine Rolle inne hatten oder von Coach Brad Stevens an Spieltagen gar nicht berücksichtigt wurden. Brandon Bass ist mit einer Spielzeit von 23.5 Minuten pro Spiel und einer USG% von 19.5 noch der Spieler, der den größten Anteil an der überraschend guten Saison der Celtics hatte, danach folgt schon Brandan Wright (10.8 MPG und 14.1 USG%). Auf der anderen Seite kamen mit David Lee und Amir Johnson zwei Spieler, die den Anspruch haben werden bei ihrem neuen Arbeitgeber relativ große Rollen einzunehmen. Gerade im Frontcourt ist es somit unmöglich die Minutenverteilung vorherzusagen, da die beiden genannten Spieler zu einem bewährten Kern bestehend aus Jonas Jerebko (Spielzeit 2015-16: 18.2 Min/Spiel), Jared Sullinger (27.0), Kelly Olynyk (22.2) und Tyler Zeller (21.1) stoßen, welche eigentlich tendenziell aufgrund ihrer guten Leistungen in der Vorsaison mehr Spielzeit als zuletzt bekommen sollten.

Wenn man berücksichtigt, dass in der erfolgreichen, zweiten Hälfte der vergangenen Spielzeit gerade die Tiefe des Kaders und die mannschaftliche Geschlossenheit die wichtigsten Attribute waren, ist der neue Kader der Boston Celtics durchaus eine Gradwanderung. Denn genau wie im Frontcourt sind auch auf Point Guard und Shooting Guard mit Marcus Smart (27.0 Minuten pro Spiel), Isaiah Thomas (26.0), Evan Turner (27.6), Avery Bradley (31.5) Spieler mit dem Anspruch auf eine Spielzeit von über 28 Minuten pro Spiel. Sicherlich ist diese Tiefe für Brad Stevens eine Art Luxusproblem, es birgt aber auch die Gefahr einer aufkommenden Unzufriedenheit.

In Kombination mit der schon erwähnten Tatsache, dass kein anderes Team mehr Draftpicks zur Verfügung hat als die Boston Celtics, ist also weiterhin schwer davon auszugehen, dass sich das Gesicht des Rosters im weiteren Verlauf noch verändern wird und Danny Ainge weiterhin versuchen wird einen Starspieler nach Massachusetts zu lotsen.

Sportlich haben sich die Celtics, auch wegen der zu erwartenden Steigerung der jungen Spieler, durchaus verbessert und ein Platz zwischen Rang 5 und 9 dürfte realistisch sein, Ziel ist also die Qualifikation für die Playoffs.

Fazit

Eine Beurteilung oder gar eine Benotung der Offseason ist im Falle der Celtics nur schwer möglich. Man hat im Rahmen der Möglichkeiten solide bis gut gedraftet; produktive Rollenspieler zu relativ günstigen Konditionen verlängert und mit Amir Johnson und David Lee Spieler gewinnen können, die den Celtics auf den Weg zurück in die Playoffs durchaus helfen können. Isoliert von der nicht erfolgreichen Suche nach einem neuen Franchise Player kann man den Sommer der Boston Celtics als „durchaus gelungen“ bezeichnen, auf der anderen Seite erscheinen die Tätigkeiten von Danny Ainge aus diesem Grund als unvollständig. Das junge Team von Brad Stevens ist in jedem Fall auf dem Weg nach oben, wie gut man wirklich werden kann wird jedoch nicht unwesentlich davon abhängen, ob in naher Zukunft endlich ein Starspieler den Weg nach Boston finden wird. Danny Ainge und das Frontoffice der Celtics werden bis dahin weiterhin fleißig Assets sammeln und die finanzielle Flexibilität wahren. Es bleibt eine etwas andere Suche nach dem neuen Franchise Player.

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