Generation Next

Isaiah Hartenstein

Generation Next

Seit Längerem blickt Go-to-Guys.de vor allem auf nordamerikanische NBA-Talente. In Zukunft erweitern wir unseren Fokus und stellen in verschiedenen Formaten hoffnungsvolle deutsche Nachwuchsspieler vor und begleiten ihre Entwicklung. In der “Generation Next”-Reihe werfen wir einen Blick auf Talente, die über die deutschen Grenzen hinaus massiven Hype erzeugen. Wir wollen sie vorstellen und ihr spannendes Potential in den Vordergrund stellen. Außerdem ist es uns wichtig, ihr Spiel objektiv und fair darstellen, um Erwartungen in realistische und gerechte Bahnen zu lenken.

Der erste Dreiteiler stellt Mitglieder des sehr talentierten 98er Jahrgangs und ihrer Leistung bei der FIBA U18-Europameisterschaft 2015 in den Mittelpunkt: Isaiah Hartenstein, Kostja Mushidi und Richard Freudenberg.

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Größe: 6 feet 11 (2.09 meter)

Geburtstag: 5. Mai 1998

Position: Positionell vielseitig

Internationale Erfahrung: 2014 Jordan Brand Classic, 2014 U-16 Europameisterschaft, 2015 Adidas Next Generation Camp, 2015 U-18 Europameisterschaft 

Derzeitige Situation und Zukunft: Spielte unter seinem Vater in Quakenbrück JBBL und NBBL, unterschrieb dieses Jahr einen Vertrag mit dem litauischen Verein Zalgiris Kaunas – verweilt zunächst in Quakenbrück.

Werdegang

Isaiah Hartenstein ist Sohn des Collegespielers und langjährigen BBL-Profis Flo Hartenstein, der bei den Artland Dragons seine Karriere beendete und als Nachwuchstrainer unter anderem seinen Sohn betreute. Die Dominanz Isaiahs in der JBBL, die er 2014 mit dem Meistertitel und der Ernennung zum MVP der Finalrunde krönte, brachte ihm schnell internationale Aufmerksamkeit. Mit 16 Jahren durfte Hartenstein 2014 am Jordan Brand Classic teilnehmen – einem Event, der die besten amerikanischen High School-Spieler und internationale Talente gegeneinander antreten lässt. Im gleichen Jahr trat er bei der U16-Europameisterschaft an, wo er pro Spiel mit 10,2 Punkten und 9,2 Rebounds im Durchschnitt fast ein Double-Double auf den Statistikbogen brachte. Als einer der hoffnungsvollsten Talente Europas wurde er mit Kostja Mushidi und Richard Freudenberg ausgewählt, am Next Generation Camp teilzunehmen, dass während des Adidas Eurocamps stattfand.

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Isaiah Hartenstein und Richard Freudenberg beim Adidas Eurocamp. (https://instagram.com/ipjh55)

Altersbedingt stieß Hartenstein 2014-15 zum NBBL-Team der Artland Dragons, wo er zum Rookie des Jahres gewählt wurde, und absolvierte am 1. Februar 2015 sein erstes Profispiel in der BBL, wenn auch nur für eine Minute. 

Wo der in Oregon geborene Hartenstein seine spielerische Zukunft verbringen würde, schien in diesem Sommer offen. Hartenstein hielt sich außerdem die Option offen, wie sein Vater an einem College in den Vereinigten Staaten zu spielen. Letztendlich unterschrieb der 17-jährige im August einen Vertrag mit dem litauischem Traditionsverein Zalgiris Kaunas, zu denen er vermutlich bereits im nächsten Jahr stoßen wird.

FIBA U18 Europameisterschaft 2015

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Einige Mitglieder der U18-Truppe vor einem Jahr bei der U16-Europameisterschaft

Mit der gleichen Gruppe von Spielern der U16-Europameisterschaft im Vorjahr brach Hartenstein unter großen Erwartungen nach Griechenland auf, um eine Altersklasse höher anzutreten. Neben Mushidi und Freudenberg, auf denen der Fokus in den nächsten Wochen liegen wird, gehörten dazu weitere interessante Talente wie der Finesse-Forward Niklas Kiel und der zum klassischen, physischen Center heranwachsende Leon Kratzer.  

Das  Team gewann drei ihrer ersten Partien, darunter ein 27-Punkte-Blowout gegen die schwachen Tschechen. Mit einem Dämpfer ging die Mannschaft in die K.O.-Runde. Die letzten beiden Gruppenpartien wurden gegen Spanien knapp und Frankreich deutlich verloren. Der Wind schien der jungen deutschen Mannschaft aus den Segeln genommen. Im Viertelfinale unterlag man den Litauern um das taltentierte Duo Tadas Sedekerskis und Martynas Varnas. Während Hartenstein gut am Brett arbeitete (11 Rebounds) und für vier Steals verantwortlich war, hatte auch er – wie viele andere – das Pech an der Hand. Persönlich traf er keinen seiner fünf Dreierversuche und nur einen von fünf Freiwürfen. Als Mannschaft traf man nur 4 von 20 Dreiern und 11 von 19 Freiwürfen. Mushidi war in der Zone und der Freiwurflinie stark, leistete sich bei einem Rückstand von zwei Punkten beim letzten Angriff einen Turnover, der das Spiel mitentschied. In Fahrt kam die Mannschaft nicht mehr und verlor auch die beiden Platzierungsspiele, erneut gegen Spanien und Frankreich. In ähnlicher Besetzung und definitiv mit Hartenstein, Mushidi und Freudenberg haben die Deutschen 2016 die Chance, bei der nächsten U18-Europameisterschaft zu beweisen, dass sie als Team besser abschneiden können als der achte Platz, der es letztlich dieses Jahr wurde.

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Die individuellen Stats der deutschen Mannschaft bei der FIBA U18-Europameisterschaft

Spielertyp

Hartensteins Kombination aus Größe, Beweglichkeit und Perimeter-Fähigkeiten, die offensiv immer wieder hervorblitzen, machen ihn zu einem höchst interessanten und raren Talent. Sein Spielstil erinnert an Kevin Durant, der bei ähnlicher Größe und guter, aber nicht überwältigender All-Around-Athletik sich eher am Perimeter orientiert und gerne von außerhalb der Dreierlinie abdrückt. 42% der Würfe Hartensteins kamen aus der langen Distanz, was unter allen Power Forwards und Center mit signifikanten Minutenzahl der siebthöchste Wert im Turnier war. Seine Centergröße ist dabei bemerkenswert, denn einige der als Power Forward gelisteten Spielers stehen in diesem Alter bei einer Größe von etwa 6’6 bis 6’8 noch zwischen beiden Forward-Positionen. Hartenstein ist ein echter Big, der sich dafür entschieden hat, über den Perimeter Einfluss aufs Spiel auszuüben. Er traf allerdings nur 28% seiner Dreier, wovon die meisten aus Pick & Pop-Situationen kamen. Nicht selten nahm Hartenstein schwere Würfe aus dem Dribbling, was nicht nur auf die lange Distanz beschränkt war – ein Grund für seine etwas enttäuschende TS% von 49%. Dieser Wert ist nicht katastrophal, wenn man bedenkt, wie viel Verwantworung sich Hartenstein für das deutsche Team heraus nahm. Seine Usage von 30,2% reihte sich im gesamten Feld nur hinter der des Finnen Edon Maxhuni ein.

Hartenstein zog dazu alle 2,7 Feldwürfe einen Freiwurf, was unter den Bigs, die eher außen agierten und mindestens einen Dreipunktewurf pro Spiel nahmen, eine sehr gute Quote an gezogenen Fouls war. Leider traf der Quakenbrücker auch diese wie schon bei der U16-Europameisterschaft mit 53% nicht besonders gut, was den Glauben an seinen Mittel- und Langdistanzwurf zu diesem Zeitpunkt etwas dämpft.

Drives von Isaiah Hartenstein in 8 von 9 Spielen bei der U18 Europameisterschaft.

Obwohl Hartenstein seine Dreier niedrigprozentig traf, fielen Gegenspieler regelmäßig auf seinen effektiven Pump Fake rein, der an Andrei Kirilenko erinnert – einem großen Flügelspieler, dessen Wurf sich leider nie entwickelt hat. Wie Kirilenko bereitete Hartenstein so gegen Closeouts einen weiteren sehr interessanten Aspekt seines Skillsets vor: seine Drives, die ausschließlich mit der linken Hand initiiert wurden. 
Hartensteins Geschwindigkeit, die er bei Drives aufnimmt, ist nicht überwältigend, wobei nicht ganz klar ist, ob das an tatsächlicher mangelnder Grundschnelligkeit oder noch an etwas zu rohen Ballhandlingfähigkeiten liegt. Sein kraftvoller erster Schritt und die Beweglichkeit, die er defensiv auf dem Perimeter zeigt, machen Hoffnung, dass Hartenstein seine Drives in Zukunft dynamischer gestalten kann. Während diese Drives ein interessantes Merkmal sind, waren sie bei diesem Turnier nicht besonders effektiv. Hartenstein explodierte hin und wieder fast schon zu schnell in den Drive, wodurch er in ein leichtes Stolpern verfiel, was ihm die Möglichkeit nahm, echtes Momentum auf dem Weg zum Korb aufzunehmen. Auch sonst ließ sich Hartenstein bei ISO-Drives zu leicht vom Korb abdrängen, suchte selten Kontakt mit dem Verteidiger und war so gezwungen, wilde Floater und Pull-Ups außerhalb der Zone zu nehmen. Gegen Closeouts blitzte sein Potential als Ball Handler schon eher auf, wo er eine offene Mitte mit seiner Länge und guten Athletik auszunutzen wusste. Hartensteins Ballhandling ist bei seiner Größe beachtlich, jedoch scheint es nicht gerade auf dem Level von Spielern wie Dario Saric zu sein, die in Transition mit Leichtigkeit Coast-to-Coast gehen und mit unterschiedlichen Moves reaktionär vor dem Korb abschließen können. 

Hartenstein ist für seine Größe auch ein talentierter, schneller Passgeber, was er bei diesem Turnier gerade bei Drives zu selten zeigte. Eine AST% von 15% liest sich gut und Hartenstein lag unter den 39 Spielern, die signifikant Minuten im Frontcourt sahen, auf dem 9. Platz. Hartenstein bewegt den Ball am Perimeter gut, übersieht bei eigenen Aktionen zum Korb jedoch sehr häufig Spieler, die außen oder unterm Korb frei kamen. 

Als Face-Up-Big kam Hartenstein nur selten in Situationen eines klassischen Bigs wie etwa Post-Ups, bei denen er sich auch rausdrängen ließ, um Pull-Ups und weiter entfernte Hooks anzusetzen, anstatt seine Gegenspieler mit seiner Größe zu überwältigen, um am Korb zu finishen oder Mitspieler zu suchen. Er bewies sehr gutes Timing bei Cuts jeglicher Art und liebte es, das offensive Brett hart für Rebounds zu crashen. Seine ORB% und die Anzahl an gepflückten Offensivrebounds gehörte zu den Topwerten in diesem Turnier, was umso beeindruckender ist, wenn man sich vor Augen führt, dass er meist am Perimeter agierte. Hartenstein hat eine Nase für den Rebound und ist offensiv wie defensiv nur sehr schwer im Ringen um einen umkämpften Rebound zu schlagen, selbst wenn diese ein Stück außerhalb seiner Reichweite scheinen.
Auch bei Drives anderer Mitspieler bewegt sich Hartenstein gut, bietet sich bei Cuts als Anspielstation an oder versucht sich um den Korb herum freizustellen. Bei Hartensteins Länge wäre es zu wünschen, wenn er in seinen jungen Jahren  lernt, etwas mehr innen zu spielen ohne komplett sein, perimeterlastiges Spiel augeben zu müssen. Wie bei den Drives kam er nicht nur zu selten mit Leichtigkeit direkt an den Korb, sondern verfehlte auch – manchmal in zu verspielter Weise – viele Putbacks und Würfe am Ring, die sehr machbar erschienen.

Es sei jedoch nochmal gesagt, dass die Sample Size von neun Spielen zu klein ist, um eine wirklich verlässliche Aussage zu diesem Aspekt zu treffen.

Während Hartenstein offensiv den Part eines Flügelspielers ausübte, nahm er defensiv über Strecken die Herausforderung als Verteidiger unter dem Korb an und war als Shotblocker eine konstante Gefahr. Er blockte zwar nur einen Wurf pro Spiel, doch viele potentielle Blocks wurden durch Foulcalls weggenommen, von denen einige als fragwürdig erschienen. Das Spielfeld überblickte er und reagierte in der Help-Defense in erster Linie auf Gegenspieler, die zum Korb ziehen wollen. Nicht zu unterschätzen ist nicht nur das Rebounding, sondern die Schnelligkeit, mit welcher er Reboundbereitschaft an Defensivaktionen unter dem Korb reihte. Hartenstein hilft aus oder stört Würfe und dreht sich meist sofort Richtung Korb, um einen etwaigen Fehlwurf einzusammeln, ohne dass die Intensivität seiner Help-Aktion besonders darunter leidet. Lediglich beim Aushelfen vom Perimeter weg sah sein Recover zum Closeout etwas langsam aus. Bei seiner Größe ist das nicht verwunderlich, jedoch erschwert dies eventuell seine Eignung beim Verteidigen bestimmter Flügelspieler, die eher stationäre Shooter sind.

Hartenstein war ein auffälliger Verteidiger, doch ein klares Urteil über den defensiven Impact anhand des Turniers ist schwer zu fällen. Seine gute Defensivleistung auf dem Perimeter macht definitiv Mut und deutet eine defensive Vielseitigkeit an. Hartenstein zeichnete sich für 2,7 Steals verantwortlich, was positionsunabhängig der siebthöchste Wert unter allen Spielern im Turnier war. Dazu war er einer von nur fünf Spielern mit einer STL% (4,7%) und BLK% (3,3%) von >3%. Er konnte mit Guards, die per Dribbling an ihm vorbeizukommen versuchten, meistens zumindest mithalten und deren Würfe erschweren, manchmal sogar blocken.

Um auch Hartensteins Mentalität weiter zu thematisieren, kann eine Szene aus einem Spiel gegen die Spanier nicht verheimlicht werden: Hartenstein geht nach einem misslungenen Drive auf die Bank. Während die Kamera von der Seitenlinie wegschneidet, scheint Hartenstein dem einwechselnden Freudenberg den Handschlag zu verweigern. Dies scheint Coach Alan Ibrahimagic dazu zu verleiten, Hartenstein zurück an die Seitenauslinie zu zerren, wo dieser mit Freudenberg den Handschlag ausübt. In der unmittelbar darauf folgenden Auszeit scheint Ibrahimagic einige sehr deutliche Worte für Hartenstein zu finden, da er entweder von Hartensteins Turnover im Dribbling genervt war, der verweigerten Teamaktion oder sein unfokussiertes Wegbewegen, während der Rest der Mannschaft Ibrahimagics Pausenansprache zuhört. 

Solche Szenen sind sicherlich nicht überzubewerten, dennoch war sie bemerkenswert, da Coach Ibrahimagic im Gegensatz zu einigen ständig wild gestikulierenden und herumkreischenden Jugendnationaltrainern sich visuell und akustisch unauffällig an der Seitenauslinie präsentierte. Diese Szene ist vielleicht nicht der Rede wert, doch mitsamt der manchmal rücksichtslosen Wurfauswahl ein Aspekt, den man für die Zukunft beobachten muss. Wie Hartenstein charakterlich bei Kaunas auf eine Situation reagiert, in der sein Vater nicht zum Vereinsumfeld gehört, man auf hohem europäischen Niveau spielt und Erfolge erwartet werden, ist besonders spannend.

Ausblick

Isaiah Hartenstein ist ein spannender Nachwuchsspieler, der nicht auf Sicherheit bedacht ist. Das hat zur Folge, dass seine Aktionen zum Teil wild und eigensinnig erscheinen, als würde er seine Limitierungen nicht kennen. Auf der anderen Seite ist die Courage, mit der er sein Skillset über die klassische Rollenbezeichnung eines Spielers seiner Statur ausstreckt, ermutigend. 

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Isaiah Hartenstein beim NBBL-All Star Game gegen Niklas Kiel.

Deswegen ist es aber auch um so wichtiger, dass Hartenstein in den nächsten Jahren sich in den richtigen Bereichen verbessert, um das Potential als der Face-Up-Spieler zu maximieren, welcher er sein möchte. Seine Länge und die Instinkte, die er defensiv zumindest beim Rebound und beim Blocken von der Weakside kommend zeigt, machen ihn zu einem Talent, das rar ist. Da Drives bisher einen wichtigen Teil seines Spiels ausmachen, wäre es wichtig dass er sein Handling sowie seine Schnelligkeit verbessert, um mit größerem Momentum in die Zone ziehen zu können und kraftvoll abzuschließen, anstatt heraus gedrängt zu werden. Interessant ist auch die Frage, ob er ein besseres Gefühl dafür entwickelt, wie er durch Aktionen eine Verteidigung manipuliert und merkt, wann und wo Mitspieler frei werden. Sein Touch um den Korb herum war in diesem Turnier nicht besonders gut, was an der kleinen Sample Size liegen kann. So oder so wäre er ein gefährlicher Spieler, wenn er bei diesen Aktionen öfter den freien Mann für einfachere Würfe suchen und bei Kickouts in Position für Offensivrebounds gehen würde. Das Crashen der offensiven Bretter vom Perimeter aus wird er auf höheren Leveln vielleicht für die Transition-Defensive etwas opfern müssen, doch als aktiver Spieler  es möglich sein, diese Energie in andere wichtige Bereiche zu kanalisieren.

Ob er selbst bei einer Verbesserung seiner Schnelligkeit und seines Handling bei seiner Größe auf höchstem Level per Dribbling im Eins-gegen-Eins an Gegenspielern vorbeikommt, scheint sehr fraglich. Zumindest seine Drives gegen Closeouts scheinen bereits eine Option zu sein, womit er kontrolliert Einfluß ausüben kann. Der Drive kann eine Waffe in seinem Arsenal werden. Um diese Gefahr zu maximieren, wäre es extremst hilfreich, wenn Hartenstein auf den großen Positionen zumindest ein durchschnittlicher Distanzschütze würde und Verteidigungsreihen beim Erhalt des Balles zu einer Überreaktion zwingt, etwa auf seine Pump Fakes hereinzufallen oder ihn so eng zu spielen, dass er leichter in die Zone eindringen kann.

Hartenstein könnte mit diesem Skillset offensiv auf den Flügel hochrutschen und zum Beispiel helfen, maximales Spacing zu generieren. Gleichzeitig könnte er in den gleichen Lineups defensiv die Rolle des Centers ausüben. So wäre er im besten Falle ähnlich wie Kristaps Porzingis oder Giannis Antetokounmpo ein Spieler, der beim Ausfüllen seines Potentials als Shooter, Ball Handler und agiler, großer Verteidiger interessante Möglichkeiten für Small Ball und die Verteidigung von Small Ball-Lineups ermöglicht. Hartensteins Agilität bei der Verteidigung des Flügels ist auf diesem Level beachtlich und es sollte ihm auch möglich sein, einige Flügelspieler zu verteidigen, wobei zu beobachten wäre, wie Hartenstein auf die weitere Dreierlinie und die somit weiteren Wege in der Defensive eines NBA-Spiels reagieren würde.
In der NBA experimentieren seit kurzem einige Teams mit großen Defensivhybriden, welche die Fähigkeiten besitzen, verschiedene Positionen zu verteidigen und zu switchen. Das ist ein sehr besonderes, schweres Anforderungsprofil, das gerade in Europa selten zu finden ist, besonders in Kombination mit einem offensiven Skillset. Hartenstein könnte sich seinen Weg zum höchsten spielerischen Level vereinfachen, wenn er neben der Offensive einen ähnlich großen Fokus auf seine defensive Vielseitigkeit legt, in der auch noch sehr viel Potential schlummert.

Dieser Best Case-Spielertyp ist natürlich extremst selten. Hartenstein sollte vermeiden, vor allem offensiv auf Teufel komm raus dieser Spieler sein zu wollen und dadurch ein unausgewogenes Spiel entwickeln, dass vor Flashes nur so strotzt, ohne dass er jemals auf hohem europäischen oder NBA-Niveau einen echten, erwachsenen Einfluss aufs Spiel ausüben kann. Sein Spiel nur etwas stärker  in den Post zu verlagern, würde ihm bei seiner Größe gut tun und eine Art Sicherheitsnetz ermöglichen, falls es mit dem Perimeterskillset auf höchstem Level zunächst doch nicht so hinhaut, ähnlich wie es bei Donatas Motiejunas der Fall war. In Kaunas sollte man Notiz nehmen von dem Plan, den Artland Dragons Coach Dragan Dojcin für Hartenstein hat:

Isaiah Hartenstein ist ohne Frage ein besonderes Talent, dem der moderne Basketball zur richtigen Zeit entgegenkommt. Demnach ist es nicht verwunderlich, dass viele zukünftige Mock Drafts ihn als Lotterypick sehen, wenn auch die Meinungen über sein tatsächliches Talent noch auseinander gehen. Die Blaupause, die sich der 17-jährige zurechtgelegt hat, um auf höchstem Level eine Erfolgsstory zu sein, ist offensichtlich und ein mutiger Gamble, der ihn bei reibungsloser Entwicklung zu einem besonderen Spieler machen kann. Das “Big Picture”, welches sich vom zukünftigen Hartenstein als Spieler auf Top-Niveau in Europa oder Nordamerika ergibt, ist am Spiel des derzeitigen, jungen Isaiah erkennbar. Auf der Mikroebene hat Hartenstein jedoch noch viel Arbeit vor sich und es besteht die Gefahr, dass sein Skillset nicht ausrundet und eines Tages ins Stocken gerät, weil einer der wichtigen offensiven Komponenten, die er noch ausbauen muss, nicht weit genug entwickelt ist. 

Auf der Schwelle zum Profi und NBA-Prospect muss Hartenstein mit seinem besonderen Profil zweifelsohne einige Stolperfallen umgehen. Das Engagement bei einem Traditionsverein wie Zalgiris Kaunas in einem Land, in dem Basketball eine große Rolle spielt, sollte eine Herausforderung sein, die mit einem  gesunden Maß an Druck einhergeht. Auf dem Feld versucht Hartenstein offensiv viel, vielleicht zu viel zu machen. Nicht zuletzt die EuroBasket 2015 hat jedoch gezeigt, dass Deutschland weitere Talente mit diesem Selbstbewusstsein und -verständnis benötigt, die dann  lernen müssen, dieser Verantwortung auch gerecht zu werden und in gesunde Bahnen zu leiten.


Vielen Dank an @whaamncheese für die stilisierten Portraits von Hartenstein, Mushidi und Freudenberg.

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2 comments

  1. Tobias Berger

    Fällt mir ja jetzt erst auf, dass das Forum gestern meinen Kommentar zu Hartenstein irgendwie verschluckt hat. Sei es drum.

    Großes Lob, Artur. Find es super, wie differenziert du das alles dargestellt hast.

    Auch wenn es videotechnisch für den Durchschnittsfan etwas lang war, finde ich es gerade gut, dass Hartenstein nicht nur anhand vieler Spiele beurteilt, sondern auch durch besonders viele Szenen gezeigt wird. :tup:

    Ich hatte beim Lesen und Angucken zwei größere Gedankengänge:

    1. Es ist so schade, dass Hartenstein diese zur Eigensinnigkeit tendierenden Züge hat, weil er als Passer schon wirklich etwas kann. Wird eine interessante Casestudy, ob sich sein Wesen da ändern kann, wenn er einmal mit richtigen Profis spielt. So wie ich das verstanden habe, tendierte er auch in der NBBL/JBBL zum eigenen Wurf. Wahrscheinlich, weil er sich selbst immer als klar beste Option sah.

    Hälst du ihn in der Hinsicht für coachable?

    2. Bin zusätzlich auf seine Positionsfindung gespannt. Klingt für mich so, als ob sich sein Coach etwas bei Calipari/Towns abschauen wird. Auch Towns war an der HS eher perimeterorientiert, weil er wohl dem schmerzhafteren Spiel im Post entgehen wollte. Kentucky zwang ihn in eine Rolle, die sich fast ausschließlich in der Zone abspielte. Ähnliches könnte Hartenstein auf helfen, gerade auch weil seine Zukunft auch wegen seiner Verteidigungsfähigkeiten eventuell auf der Vier liegen könnte. Legt er an Masse zu, kann er seine Rimprotectorinstinkte auch besser nutzen. Aber mal abwarten. (Der Vergleich mit Towns sollte sich ansonsten nur auf diese Umgewöhnung beziehen. Beide sind sich als Spieler nicht unbedingt ähnlich.)

    Siehst du ihn mittelfristig als klaren Tweener oder schon als reinen Flügelprospect?

  2. Artur Kowis

    |Author

    Zunächst mal vielen Dank!

    Das Teil ist letzten Endes ausführlicher geworden als ich es selbst wollte, aber gerade vor dem Hintergrund der Reaktionen auf die EuroBasket stach für mich dieser Punkt heraus: ” Außerdem ist es uns wichtig, ihr Spiel objektiv und fair darstellen, um Erwartungen in realistische und gerechte Bahnen zu lenken.”

    Zu deinen Fragen:

    1. Das JBBL/NBLL-Sample habe ich leider nicht. Ich hoffe, dass es in dieser Saison Videomaterial der ProB gibt, wo er nun spielen wird. Jedoch habe ich von Leuten, die ihn dort gesehen haben auch nichts gehört, was deiner Vermutung widersprechen würde. Vor allem wenn man bedenkt, dass er von seinem eigenen Vater gecoacht wird, ist es wohl anzunehmen, dass er der Mittelpunkt dieser Teams war.
    Zur Coachability kann ich leider nichts sagen. Mir ist nur diese eine Szene im Kopf geblieben. Einige Spieler bekommen ja früh diesen Primadonna-Ruf ab wie z.B. auch Hezonja und als Profi fallen sie in dieser Hinsicht dann gar nicht auf. Da müssen wir wahrscheinlich darauf warten, dass er vollprofessionell in Kauans spielt.

    2. Ein bisschen Post würde ihm sicher helfen, aber ich zweifle ein wenig, dass er einen deutlichen Schritt vom Perimeter weg geht… ist vielleicht auch nicht nötig, weil einige seiner Skills auf dem Perimeter schon sehr interessant sind. Von der Größe her ware er kein klassischer Tweener und zumindest sein Rebounding ist auf Pro-Niveau. Was mir offensiv etwas Sorgen macht kann man jedoch schon in die Tweener-Schublade stecken. Wenn sein Wurf sich auf passable und konstant entwickelt, würde das sein Ceiling IMO schon erheblich pushen. Ansonsten hätte ich die Befürchtung, dass er ähnlich wie z.B. Michael Beasley rein spielerisch viele Anlagen und Talente besitzt, die immer wieder aufblitzen und womit er auch heftige Stats generieren könnte – jedoch ohne einen positiven und “erwachsenen” Einfluß aufs Spiel auszuüben.

    Die Frage wäre vielleicht ob Hartenstein all die Dinge, an denen er noch arbeiten muss auf das nötige Level bekommt um potentiell ein tragender Spieler einer guten Mannschaft in Europa zu werden (was ihm die Tür in die NBA sicher öffnen würde)… und falls nicht ob er seinen Skillset (und vllt. seinen persönlichen Anspruch) mit einer kleineren Rolle vereinbaren kann.

    Als reinen Flügelspieler sehe ich ihn nicht, besonders nicht defensive mit den Anforderungen an Help-Defense. Er sah 1-gegen-1 auf diesem Level gegen Guards und Flügel in der Defensive gut aus, doch das ist ja nur eine Seite der Medallie. Defensiv finde ich ihn schon interessant, weil er auf Flügel switchen kann, jedoch braucht man für eine aggressive Defense wie sie einige NBA Teams spielen auch viel Energie und Köpfchen… ob das Potential da ist, wird man vielleicht erst beurteilen können, wenn er vollprofesionell spielt.

    Sollte er sich Verteidiger auf den großen Positionen doch schwer tun, sollte IMO auch seine Einigung als Flügelspieler offensiv etwas eingeschränkt sein, da du das Feld um ihn herum nicht so sehr mit Guards und Flügeln umpacken kannst.. dann brauchst du doch noch jemanden mit auf dem Feld, der den Laden neben ihm dicht machen kann was evtl. das Spacing stören könnte.

    Persönlich tendiere ich dazu, ihn als 4er zu sehen – ist heute und in Zukunft wahrscheinlich das sicherste Match-up für ihn. Im allerbesten Falle sehe ich ihn als jemand, der defensiv über längere Strecken auf die 5, hin und wieder auf die 3 hochrutschen kann. Offensiv als Forward-Hybrid für Spacing sorgt und eine Drive-and-Dish-Gefahr ist.


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