Cleveland Cavaliers

Doch noch Contender?

Die momentane Verfassung der Cleveland Cavaliers

LeBron James hat bereits 9 Spiele verpasst, Kevin Love leidet an einer Rückenverletzung, die ihn zeitweilig verleitet zu pausieren, Anderson Varejao ist gar für die ganze Saison ausgefallen. Trotzdem mehren sich die Stimmen, dass die Cleveland Cavaliers wieder ein Contender sind, wie vor der Saison vermutet.

Vor der Saison waren sich die versammelten Experten einig, dass Cleveland zweifelsohne zwei Attribute zugeschrieben werden konnten: offensiver Juggernaut, der Bestwerte am offensiven Ende des Feldes auflegen würde; gleichzeitig aber auch große Probleme auf der anderen Seite des Feldes. Schnell war man sich einig, dass man Contender wäre, wenn es den Cavs gelänge, eine durchschnittliche Defense zu spielen. Nun ist das All-Star-Break gerade an uns vorbeigezogen und die Cavaliers sah man zur Mitte der Saison schon so gut wie ausgeschieden aus dem Contenderkreis. Durch einen extrem beeindruckenden Schlusssspurt bis zum ASB brachte sich das Team aber wieder ins Gespräch.

Probleme in den ersten vierzig Spielen

Realisten haben vor der Saison gesagt, dass das Projekt, ähnlich wie die Heat 2010, Zeit bräuchte. Dies liegt darin begründet, dass das Team komplett neu zusammengestellt wurde. Erschwerend kam hinzu, dass die Cavaliers bereits in der ersten Hälfte der Saison erkannten, dass das Spielermaterial offensichtlich nicht reiche, sodass man zwei Trades finalisierte, die weitere Rotationsspieler in den Kader brachten. Dennoch war das Abschneiden bis zum Januar vielleicht genau so enttäuschend wie das der Lakers um Bryant – Howard – Gasol – Nash. Mit gerade einmal minimal besserer als einer ausgeglichenen Bilanz (man hatte bereits 20 Spiele verloren) im schwachen Osten hatten die Cavaliers nicht mal Heimrecht in Runde 1. Auch wenn man vor der Saison sagte, dass die Bulls wohl in der Regular Season als stärker einzuschätzen seien, ist dieses Ergebnis weit schlechter als jede Prognose.

Coach David Blatt räumte in den ersten Spielen der Saison mehr als ein Mal an, dass Fehler, die zur Niederlage seines Teams führten, auch auf sein Coaching zurückzuführen seien. Wie bereits ausführlich erläutert, ist Blatt in der NBA ein Rookie-Coach, auch wenn er weitläufige FIBA-Erfahrung hat. Zusammen mit der noch nicht ausgebildeten Hackordnung im Team war damit zu rechnen, dass das Team nicht gut aus den Startlöchern kommen wird. Ein neuer Coach tat das Seinige für den verunglückten Start.

Wie prognostiziert war zudem die Defense nicht auf dem Level, wie man sich dies in Ohio erhoffte. Mit 108,3 zugelassenen Punkten pro 100 Possessions war Cleveland unter den den schlechtesten 10 Teams der Liga zu finden. Dazu schmerzte der Ausfall von Anderson Varejao sehr, der defensiv durch gutes Hedgen des Pick and Rolls einige Drives verhindern konnte – und offensiv durch seinen Mitteldistanzwurf zu keinem Hindernis wurde, sondern seine Nische im Team gefunden hatte. Mit Varejao auf dem Feld konnte das Team durchschnittlich verteidigen, was vor der Saison als realistisches Ziel angesehen werden konnte. Mit dem Anker der Defense fehlte den Cavaliers nun das entscheidende Puzzleteil, um schon in Jahr 1 sehr erfolgreich zu sein.

Aber nicht nur die Verletzung Varejaos schadete dem Team. Der generelle Gesundheitsstatus der Stars sorgte für Besorgnis. Dass man nach 40 Spielen einen gerade mal ausgeglichenen Record vorweisen kann, widerspricht den Ansprüchen des Teams und des Managements. Dazu gab es intern auch Probleme mit Dion Waiters, der seine angedachte Rolle als Spot-Up-Shooter nie annehmen wollte und stattdessen den Ball in einem Team forderte, das mit James und Irving bessere Ballhandler und mit Love einen besseren Passer vorweisen konnte.

Deshalb fädelte man gleich eine Reihe von Trades ein, die letztlich für einen non-fit in Waiters drei veritable Rollenspieler nach Ohio brachte. Mit JR Smith, Iman Shumpert und Timofey Mozgov erlangte man den dringend geforderten Ersatz für Varejao als Anker der Defense sowie das gewünschte Spot-Up-Shooting in JR Smith. Iman Shumpert bringt ebenfalls defensive Fähigkeiten – gerade in puncto Geschwindigkeit fehlte es hier auf dem recht betagten Flügel der Cavaliers – mit. Fraglich ist nun, ob diese Moves reichten, um die Cavaliers für diese Saison noch zu einem ernsthaften Titelanwärter zu machen. Coach David Blatt sah gerade die Akquisitionen der Knicks als “Gottesgeschenk” an:

“He’s one of the main reasons for our turnaround, together with Iman, who simply started later because of the injury. Those guys, honestly, they’ve been a godsend. They really have. They turned the team around.”

– David Blatt

Fehlende Eingespieltheit

Wie wir es im ersten Anlauf der Miami Heat gesehen haben, ist Eingespieltheit immens wichtig, damit sich Rollen und Atomatismen ausprägen. Trotzdem hätte es für die Heat nach einem schlechten Start nach 20 Spielen fast noch zum Titel gereicht. Die Probleme der Heat werden bei den Cavs aber um ein Vielfaches potenziert.

Die Heat kamen nahezu verletzungsfrei durch die gesamte Saison 10/11. Die Cavs haben dagegen so gravierende Probleme, dass man traden musste, um sich besser aufzustellen. Man beginnt nach 40 Spielen wieder beim absoluten Nullpunkt. Drei – im Falle von Shumpert nicht mal fitte – Rollenspieler müssen integriert werden, Rollen, Minuten und Würfe verteilen sich neu. Von Konstanz ist keine Rede. Die Cavs haben drei Monate, um zu funktionieren.

Zieht man noch hinzu, dass man die Cavaliers nie als klaren Titelfavoriten sah, kann das Zeitfenster einfach zu kurz sein.

Man spielte schon vor den Trades keine gute Defense. Nun muss man parallel neue Schemata entwickeln und diese einer ungeübten Mannschaft in einem spiel- und nicht trainingslastigen System wie der NBA beibringen. Die Cavs hedgen bspw. das Pick ‘n’ Roll so oft wie kein anderes Team der NBA. Man war aber unerfolgreich damit. Es ist fraglich, ob man dieses aggressive, kraftraubende System weiterhin spielen will. Auch hier stellte sich die Frage im Januar, ob man noch genügend Zeit fände, um Automatismen zu etablieren.

Das Team nach dem Trade

Bis zum All-Star Break präsentierte sich das Team aber runderneuert und vollkommen verändert. Seitdem LeBron James wieder fit ist und seine Wehwehchen auskuriert hat, eilen die Cavs wieder von Sieg zu Sieg. Wie ist die Siegesserie nun zu bewerten? Sind die Cavliers doch noch ein Contender, obwohl dies nach 40 Spielen als unwahrscheinlich galt?

Die erstaunliche Bilanz nach dem Bron-Comeback überschattet eine Tatsache, die auch vor den Trades und der Varejao-Verletzung schon auffällig war: Standen die drei Stars gemeinsam auf dem Feld, spielten die Cavaliers die effizienteste Offense der Liga (115 Punkte auf 100 Possessions) und verteidigten bereits auf Ligadurchschnitt (106 PPP)! Dies lag defensiv sicherlich auch an Varejao, der als agiler Verteidiger Löcher zulaufen konnte und so den Gegner zu schlechteren Würfen zwingen konnte. Dazu wurde Shawn Marion als Defensivwaffe auf dem Flügel genutzt. Durch das sehr starke Spacing der drei Stars konnte Cleveland es sich erlauben, auch offensiv eher impotente Spieler wie Marion oder Tristan Thompson aufs Feld zu schicken. Thompson ist vor allem ein phänomenaler Offensivrebounder, der mit weniger Gegenspielern unterm Korb offensiv sogar als Resteverwerter eine “Offensiv”option darstellte. Sogar dieses Team wäre wohl mit erhöhter Spielzeit der drei Stars in den Playoffs und einem fitten Varejao ein sehr unangenehmer Gegner gewesen.

Das jetzige Team ist vor allem auf dem Flügel noch einmal eine Stufe tiefer – und trotz der Siegesserie noch nicht eingespielt. Dass dies gar nicht so auffällt, liegt vor allem daran, dass Cleveland das Team in der NBA ist, das am meisten Isolations läuft und danach auch abschließt. Dabei sind die Cavaliers das effizienteste Team der Liga und erzielen 0,95 PPP.

isolation_cavs

Hierbei nehmen LeBron James und Kyrie Irving den Löwenanteil an Isolations für sich ein. Über 70% aller Cavs-Isos in dieser Saison wurde von einem der beiden abgeschlossen. Dass Irving der momentan beste Isolation-Player der Liga ist und James in den Top 10 in der Kategorie steht, hilft den Cavaliers enorm. Zum einen können diese Isolationen forciert werden, wenn das Matchup sich anbietet; zum anderen ist dies nach einem broken play im Zweifelsfall immer noch eine Alternative, um den eigentlich missglückten Spielzug noch zu retten.

Die Cavaliers führen die Liga jedoch noch in einer weiteren Kategorie an: in Transition. Was man von den Miami Heat um James immer annahm, ist hier tatsächlich Realität. Absurde 1,22 Punkte pro Possession erzielen sie; 0,12 mehr als der Ligaschnitt. Ausgangsbasis ist immer öfter Kevin Love, der mit seinen Outlet-Pässen quer übers Feld schon in Minnesota zu Berühmtheit gelangte und dies nun in Cleveland fortsetzt. Die Folge sind extrem effiziente Abschlüsse, meist in Überzahl oder beim 1-gegen-0. Die Cavaliers laufen allerdings nur die zehntmeisten Transition Plays der Liga.

cavstransition

Offensiv lebt man also von der individuellen Klasse des Teams, defensiv hat man mit Timofey Mozgov einen besseren Ringbeschützer als Varejao akquiriert, der gerade zusammen mit James auf dem Feld brilliert. Wenn beide auf dem Parkett stehen, lassen sie gerade einmal 96 Punkte pro 100 Possessions zu – isoliert betrachtet ist dies Ligaspitze. James selbst lobt Mozgov in höchsten Tönen:

“Having a big guy to protect the rim like that is huge. It helps Kevin out, it helps us guards, knowing that if we get beat you’re going to have someone protecting the rim. And he’s big at all times.

Every time you drive you know he’s going to be there. Either you’re going to have to make a tough shot, he’s going to block a shot, he’s going to change a shot or foul you. To have that kind of protection is huge for us.”

– LeBron James

James selbst hat aber noch eine weitere Erklärung für den plötzlichen Erfolg des Teams:

“We’ve improved, mentally more than anything. […] We’re a confident bunch, but for us, we’re a humble bunch,” James said. “It’s one game, against a very experienced team, a very talented team, very good team that’s been together for a while and it shows that we can match up with that caliber team.”

Ob dies direkt auf Dion Waiters’ Betragen zurückzuführen ist (andere Teile hat das Team ja nicht abgegeben), ist reine Spekulation, aber dass sich die Atmosphäre im locker room geändert hat und somit ein besseres Miteinander entstand, ist ein nochmaliger Beweis dafür, dass Basketball  abseits von individueller Leistung ein Teamsport ist, indem man sich auch charakterlich ergänzen muss. 

Playoff-Aussichten

Das Team ist weiterhin in einer Findungsphase und hat sein Potential noch nicht ausgeschöpft. Generell fällt aber auf, dass viele Spieler die richtige Rolle innehaben und so für die Cavaliers abliefern können. JR Smith als vierte Option in diesem Team ist Luxus, Mozgov ist nur für defensive Spezialaufgaben gefordert. Einzig die Einbindung von Kevin Love ist in der ganzen Saison noch nicht gelungen und bedarf noch einiger Arbeit. Seit der Rückkehr von James in die Lineup am 13.01. stellen die Cavaliers den besten Angriff der Liga und rangieren in der Defensive im Ligaschnitt. Das ist exakt das, was man sich vor der Saison ausgerechnet hatte, um als ernsthafter Contender gelten zu können.

Dennoch gibt es auch weiterhin Probleme. Die Cavaliers sind zwar führend bei den Isolations und in Transition, aber gerade im Blick auf die Playoffs werden viele Teams darauf bedacht sein, dass man so wenig Fastbreaks wie möglich zulässt und das Spiel eher verlangsamt. Ob Isolations nun dann helfen (James und irving sind zwar absolute Elite, aber erzielen eben auch nur 1,01 Points pro Isolation; der Ligaschnitt für Punkte pro Possession sind 1,06). Die Cavaliers sind durchschnittlich, wenn der Ballhandler nach dem Pick ‘n‘  Roll abschließt; ebenso beim Spot-Up. Ein besseres Teamplay wäre natürlich noch mehr von Vorteil, aber gerade in dieser zusammengewürfelten Konstellation ist dies wahrscheinlich eine noch zu hohe Erwartung. Dennoch sollte die Offensive nicht das Problem der Cavaliers sein. Stellvertretend für die Problematik stehen die knapp 5 Turnover pro Spiel, die LeBron James seit Mitte Januar verursacht. Einige davon sind Travel-Calls, einige aber auch fehlende Automatismen. Dies sieht man vor allem beim Abrollen von Mozgov oder bei komplizierteren Plays.

Fraglich bleibt weiterhin die defensive Identität. Es zielt momentan alles auf Timofey Mozgov ab, wobei die Akquirierung von Kendrick Perkins zumindest Härte und Erfahrung auf die 5 bringt. Wichtig ist, dass vor allem die Stars um James, Irving und Love weiterhin als Trio auf dem Feld dafür sorgen, dass man zumindest durchschnittlich verteidigt, um durch Vorbildfunktion das Team anzuführen.

Fazit

Ob es für den ganz großen Wurf reicht, ist natürlich weiterhin fraglich. Man hat seit Mitte Januar nur fünf Siege gegen Teams eingefahren, die über 50% ihrer Spiele gewonnen haben, zwei hat man verloren – auch wenn der Sieg gegen Golden State ein Statement Win war. Der Spielplan sprach also extrem für die Cavaliers.

Dennoch hat man schon die gesamte Saison über bewiesen, dass man über ungemeine individuelle Qualität verfügt und dies auch seit Spiel 1 schon aufs Parkett bringen konnte. Die Deals haben für die nötige defensive Tiefe des Kaders gesorgt, um konkurrenzfäh01ig zu bleiben. Die Offensive ist der angekündigte Juggernaut, der kaum zu stoppen ist.

Die Kombination aus vermeintlich schwächeren Gegnern und der All-Star-Pause könnte also reichen, um doch noch Kurs auf ein Ziel zu nehmen, das nach vierzig Spielen in weite Ferne gerückt war: das nominell beste Team im Osten zu stellen.

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