Cleveland Cavaliers, Draft, NBA

Wer sollte der erste Pick der Draft 2014 werden?

Wiggins? Parker? Doch Embiid?

Die Konversation um den #1 Pick dieser Draft wird seit wenigen Tagen von einer einzigen Thematik überschattet: Joel Embiids Stressfraktur im Fuß. Zu dieser und dem Abwägungsvorgang, in dem sich wahrscheinlich jedes Lotteryteam dieser Draft in Bezug auf ihn befindet, hat sich Tobias Berger in diesem Beitrag Gedanken gemacht. Höchstwahrscheinlich ziehen die Cleveland Cavaliers intern derzeit nur noch Jabari Parker und Andrew Wiggins für ihren Toppick in Erwägung, da sie als Franchise mit Playoff-Ambitionen nicht auf den Center warten können, der mit einer potentiellen Verletzungspause von vier bis sechs Monaten wahrscheinlich erst 2015/16 zählbare Leistungen auf das Parkett zaubern können wird. Dennoch haben wir Embiid in unsere Debatte mit einbezogen, da ihn andere Teams an #1 wohl nicht komplett ausschließen würden, sofern die eigenen Teamdoktoren mehr oder minder grünes Licht signalisieren würden. Deshalb hier unser spannender Dreikampf, der vor Bekanntwerden der Fußverletzung Embiids entstand:

Tobias Berger:

Ich hatte es in der Folge Eins von GTG TV schon anklingen lassen. Aus meiner Sicht muss Joel Embiid an #1 gezogen werden. Dies würde ich nahezu jedem anderem Team raten, aber möchte dies an dieser Stelle besonders dem Frontoffice der Cavaliers an das Herz legen. 2011 machte man mit dem ertradeten Clipperspick alles richtig und holte Kyrie Irving an #1. Aber danach lief vieles falsch, weil man sich immer gegen das offensichtlich hochtalentierte Centerprojekt entschied. Mit dem eigenen Draftpick zogen sie ’11 Tristan Thompson an #4 über Jonas Valanciunas. 2012 verschmähte Cleveland Andre Drummond und holte sich lieber Dion Waiters ins Boot. Im letzten Jahr griffen sie dann mit Anthony Bennett komplett daneben. Auch wenn es nach dessen Verletzung noch nicht komplett klar ist, was Nerlens Noel in der NBA leisten können wird – aber zu diesem Zeitpunkt hätte wohl jeder Cavs-Fan lieber ihn als den ehemaligen UNLV-Forward im Team. Die Management muss sein diesjähriges Ticket mit großer Chance auf den talentiertesten Big der Draft endlich einmal einlösen.

Philipp Servatius: Man sollte in Cleveland immer LeBron James im Hinterkopf behalten. Nicht etwa weil es ein tragischer Verlust der Franchise war, sondern vielmehr weil dem Team mit Kyrie Irving das gleiche Schicksal ereignen könnte. Mit vielen Losing Seasons könnte man den vermeintlichen Heilsbringer schneller vergraulen als einem lieb ist. Logischerweise sollte man den Firstpick nicht in das größte Projekt der diesjährigen Draft, sondern in eine Wahl investieren, die mehr direkte Hilfe verspricht. Dabei sollte die Tendenz klar in Richtung Wing gehen, da man auf Power Forward mit Tristan Thompson und Anthony Bennett, der in der kommenden Saison allen beweisen will, dass er zurecht der First Pick war, gut aufgestellt scheint. Die logische Folge wäre es also Andrew Wiggins zu picken, der dem Team auf beiden Enden des Courts sofort helfen könnte und das Team im schwachen Osten meiner Meinung nach sofort auf die Play-off Ränge hieven könnte. Neben gutem direkten Impact, verfügt er zudem über genügend Upside, um auch in Zukunft interessant für die Franchise aus Cleveland zu sein.

Julian Barsch: So richtig und vernünftig die Argumente zu Embiid auch sind, macht es meiner Meinung nach mehr Sinn, Jabari Parker als ersten Pick auszuwählen. Eigentlich wird der Duke Alumni fast nur als zweiter Draftee hinter Embiid oder Wiggins gehandelt, doch er ist die einzige Spieler in der Top 3, der eine Garantie auf eine sehr erfolgreiche NBA Karriere zu haben scheint. Mit Kyrie Irving würde Parker ein tolles Duo bilden, welches jeder Defense Kopfzerbrechen bereiten würde. Die Cavs bauen auf die Zukunft und da fehlt ihnen auf dem Flügel noch eine junge, talentierte Option. Die vergangenen Jahre liefen in fast jeder Hinsicht alles andere als optimal, also sollte man an dieser Stelle den richtigen Weg wählen und sich Coach K’s Schützling ins Boot holen. Seit letztem Jahr ist klar, dass die Cavs sofort den Schritt in Richtung Playoffs wagen wollen und hatten eine Menge Glück in der Lottery. Parker wird von der ersten Partie den Unterschied ausmachen und sollte die Playoffs zurück nach Ohio bringen.

Tobias Berger: So sehr das Duo Irving/Parker vielleicht gegnerischen Defensiven Kopfzerbrechen bereiten würde, so sehr würden die Kombo dem neuen Cleveland-Coach wohl auch Bauchschmerzen bereiten, wenn er eine funktionierende Verteidigung um die beiden aufbauen soll. Da wäre es einfacher mit Embiid einen Center unter den eigenen Korb zu packen, der bei den Kansas Jayhawks gezeigt hat, dass er das Zeug zum Rimprotector und Defensivanker eines Topteams hat, der dazu auch in Sachen Rebounds sehr aktiv ist. 11,7 Blk% und 20,5 TRB% sind beeindruckende Zahlen für einen Freshman, der erst seit 4 Jahren Basketball spielt. Die Absicherung in der Verteidigung hinter dem auf dieser Seite des Feldes eher schwachen Irving sollte sich langfristig als wichtiger erweisen, als ein reines Offensivtalent neben ihn zu stellen und weiterhin eine löchrige Defensive in Kauf zu nehmen. Sollte Embiid all seine Verteidigungs-Fähigkeiten übertragen können und in der NBA offensiv auch nur annähernd so schnell dazulernen, wie am College, dann sehe ich auch seinen sofortigen Impact nahe an dem, was Wiggins und Parker in einer ersten Saison für die Cavs bringen können.

Philipp Servatius: Die Defensivstatistiken von Embiid mögen beeindruckend sein, aber seine Gegnspieler waren eben nur selten solche, die über einen NBA Body verfügen. Beispielhaft ist hier das Spiel gegen Florida. Deren Center Patric Young ist einer der kräftigsten im Collegebereich und könnte in diesem als Secondrounder seinen Weg in die Liga finden. Gegen ihn kam Embiid in 30 Min nur auf jeweils 6 Punkte und Rebounds. Dies deutet an, dass er gegen kräftige Center in seinen ersten Jahren wohl viele Probleme haben und einiges an Lehrgeld zahlen müssen wird. Um auch noch einmal auf Parker zu sprechen zu kommen: Zu ihm gesagt werden, dass dessen NBA-Position nicht klar ist. Als klassischer Forward-Tweener wird sein Coach schauen müssen, wie genau der Dukie eingesetzt wird. Sollte er sich als (Stretch-) Vierer herausstellen, könnte er etwas Verschendung sein, da die Cavs mit Thompson und Bennet gute oder zumindest aussichtsreiche Power Forwards besitzen. Auf der Shooting Guard Positon besteht aus meiner Sicht eher Bedarf. So könnte der athletische Wiggins auch dort einige Minuten aushelfen. Dies macht ihn neben seinem direkten Nachfolgerdasein für Luol Deng noch zusätzlich attraktiv. Mit 117,3 ORtg der effizienteste Scorer des Trios. Er sollte direkt zu einer variablen Option mit Jumpshot und Drive-Abschlüssen werden, gerade auch, weil er am College gezeigt hat, dass er gute allein zum Korb kommt. Dies verrät der Blick auf diese Statistik, die zeigt, dass seinen Abschlüssen “at-the-rim” weniger Assists voraus gingen als bei Jabari Parker.

Julian Barsch: Mit Dion Waiters hat man allerdings bereits auf der Zwei einen soliden Mann gedraftet, der sein Potential immer mehr andeutet. Mit Parker bekommen die Cavs Vielseitigkeit auf dem Flügel. Durch sein Ballhandling ist es kein Problem für ihn, als Dreier aufzulaufen. Dort gibt er dann neben den Big Men einen weiteren starken Rebounder. Eine Reboundrate von 17,1 Prozent ist für jemanden wie ihn sehr stark. Für die Blue Devils stand er zeitweise sogar als größter Spieler auf dem Feld und setzte sich gegen deutlich größere Konkurrenz in der Zone durch. Diese Möglichkeiten bekommen die Cavs nur mit ihm. Egal, wie Bennett sich entwickelt, sie können Parker auf jeden Fall in eine attraktive Starting Five integrieren, die großes Potential besitzt.

Tobias Berger: Diese Reboundingrate ist aber geschönt. Warum das so ist, hast du ja schon genannt. Parker lief am College zumeist als Big auf. Dort bewies er zwar, dass er unter den Brettern als überdurchschnittlicher Spieler gelten muss, aber wird diese Zahlen aufgrund des bestehenden Positionswechsels in der NBA nie halten können. Das O-Rating von Wiggins anzuführen ist clever, weil dieser am College durch seinen Spielstil, der nur wenige kreative und riskantere Aktionen beinhaltete, ungemein effizient war. Als potentiell offensiv wertvoller würde ich dennoch Joel Embiid erachten. Der Center brachte es auch auf ein erstaunliches O-Rating von 116,6, ohne wirklich fertige Bewegungen im Angriff mitzubringen. Zusätzlich verfügt er für ein gutes Auge für den Mitspieler. Auf 40 Minuten gerechnet spielte der Kameruner mehr Assists als die beide Forward-Kollegen. Die Cavaliers-Shooter sollte es freuen, dass Embiid gezeigt hat, dass er Doubleteams mit dem Pass auf den freien Werfer zu bestrafen weiß. Mit ihm ist ein gefährliches Inside-Outside-Game möglich.

Philipp Servatius: Was das O-Rating angeht, sieht man aber auch eine Sache recht deutlich. Es hat im Laufe der Saison abgebaut – in den Conference Partien kam er nur auf deutlich schlechtere 110,8. Zugegeben hört sich das Ganze sehr gut an, man sieht aber auch dass er gerade in Ringnähe sehr von Assists abhängig ist. 67,8 % seiner Würfe wurden am College assistiert. Offensiv wird er von daher zwar gefüttert werden können, von einer selbstkreiierenden Scoring Option in einem Playoff-Team ist er allerdings doch noch weit entfernt. Das genannte Rebounding-Argument scheint ein guter Faktor zu sein, ist aber sicherlich nicht die größte Baustelle der Cavs. Nur deshalb Parker zu wählen, wäre gewagt. Es wäre klüger sich für den aggresiven Drive von Wiggins zu entscheiden, der sich am College nicht nur mehr FTA als Parker erarbeitete, sondern diese auch hochprozentiger verwertete. Arbeitet er an seinem Passing und seiner Kontrolle beim Zug zum Korb, könnte er mit seiner Spielweise einmal viele Assists generieren von denen wie bei Embiid auch die soliden Schützen (Miles, Waiters, Jack) profitieren könnten. 

Julian Barsch: Aggressiv war Wiggins dabei allerdings nur selten. In viel zu vielen Spielen hat er den nötigen Biss vermissen lassen und sich der Verantwortung entzogen. Zudem hat ihn sein sehr schwaches Balhandling schon am College arge Probleme bereitet. Wie soll das in der NBA werden, wo die Verteidiger durch die Bank weg auf einem höheren Niveau sind? Parker bringt allerdings offensiv deutlich mehr mit. Sein komplettes Arsenal macht ihn zu einem gefährlichen Spieler. Er war stets fokussiert, seinen Kontrahenten so viele Probleme wie möglich zu bereiten. Auch wenn es nicht immer geklappt hat, war es immer seine Priorität, das Spiel an sich zu reißen und einen großen Impact zu haben, ohne dabei seine Mitspieler zu vernachlässigen. Das zweite Conference-Game gegen den Rivalen der North Carolina Tar Heels war ein hervorragendes Beispiel dafür (30 Punkte, 11 Rebounds). Sicherlich waren hier und da auch enttäuschende Partien dabei (vs Notre Dame und Virginia). Diese sind aber rar gesät und gehören bei allen Freshmen zur Tagesordnung.

Tobias Berger: Ja, hier und da als Freshman einmal ein schlechtes Spiel zu haben, muss man den Jungspunden nachsehen. Als gefeierte Superstars mit Möglichkeit als Ballhandler die Partie dominieren zu können, allerdings in einem wichtigen Postseason-Spiel keine Leistung zu bringen, das muss man sich ankreiden lassen. Dies trifft sowohl auf Wiggins (1-6 FG, 2 FTA) gegen Stanford, als auch mit Abstrichen auf Parker (4-14 FG, 4 TO) gegen Mercer zu. Embiid hingegen hatte nur am Anfang deutlich mit dem neuen Basketball-Level zu kämpfen und bewies über das Jahr, dass er Feuer (sammelte einige technische Fouls) und Willen (extrem steile Lernkurve durch Einsatz im Training) mitbringt. Er besitzt auf beiden Seiten des Feldes wohl das meiste Potential und wird mit Blick auf die jeweiligen Schwächen von Wiggins und Parker am ehesten ein dominanter Two-Way-Player.

Philipp Servatius: In diesem Punkt kann man Embiid tatsächlich nichts ankreiden. Dies lässt sich aber weniger auf seine herausragenden Postseason-Performance zurückführen. Wer nicht spielt kann auch nicht versagen. Das Stichwort ist hier nämlich die Verltzungsanfälligkeit, welche Embiid die letzten sechs Spiele aussetzen ließen. Was bleibt ist ein riesiges Fragezeichen. Kann sein Körper den Physis in der NBA standhalten? Und auch dass Wiggins Leistungen weniger konstant als die von Parker waren, mag stimmen. Allerdings war Wiggins im direkten Duell gegen den Draftkollegen aus Duke da als er gebraucht wurde und entschied im Championchip Classic die Partie für seine Jayhawks. Einzige Ausnahme mit einem sprichwörtlichen Totalausfall bildet die genannte Partie gegen Stanford. 

Julian Barsch: Sicherlich kann man in der Niederlage gegen Kansas auch eine Niederlage im direkten Duell gegen Wiggins sehen, doch dem würde ich so nicht zustimmen. 27 Punkte, 9 Rebounds und über 50 Prozent von Downtown (4-7) für Parker in diesem Spiel sind sehr beachtlich. Kansas hatte ein sehr ausgeglichenes Team mit einem tiefen Frontcourt und zwei Spielern, die wir hier gerade diskutieren. Diese Hilfe hatte Parker nicht. Sicherlich hat Embiid defensiv das größte Upside und hier muss sich Parker eindeutig hinten anstellen. Allerdings wird er schlechter dargestellt, als er eigentlich ist. Mit seinem IQ und der notwendigen Team-Defense kann er ein solider Verteidiger sein. Natürlich wird er nicht LeBron und KD verteidigen, doch das können so oder so nur die wenigsten. Der größte Fehler, der jedoch gemacht wird, ist, seine Athletik zu unterschätzen. Parker kann mit seiner Athletik durchaus für einige spektakuläre Highlights sorgen, auch wenn er nicht auf dem Niveau eines Wiggins ist. Nimmt man diese Aspekte aber zu den bereits genannten hinzu, kommt man zu dem Ergebnis, dass er der kompletteste Spieler in dieser Draft Class ist. Und wenn man die Entwicklung zum immer beliebteren Upside-Pick betrachtet, sollten sich die Verantwortlichen auch einmal fragen, ob dies immer so richtig ist. Abgesehen davon soll das noch lange nicht heißen, dass Jabari Parker seine Entwicklung abgeschlossen hat.

Philipp Servatius: Parker mag zwar weiter sein und Embiid mehr Upside besitzen, allerdings ist Wiggins die perfekte Mischung aus beidem. Gerade seine offensiven Fähigkeiten werden dafür sorgen, dass die Cavs ein entscheidendes Wörtchen im Playoff rennen mitreden würden und dennoch bleibt für ihn die Möglichkeit sich weiterzuentwickeln. Er wird nicht direkt als erste Scoringoption benötigt. Dafür hat man schließlich Irving im Team. Dadurch hat er noch Zeit an diesem Punkt seines Spiels zu feilen, ohne von Anfang an in der Crunchtime das Ruder an sich reißen zu müssen. Dennoch würde er dabei genug offensive Freiheiten genießen, um zu produzieren. Selbst wenn Irving sich entschließen sollte einen Abgang im LeBron-Stil zu machen, sollte Andrew Wiggins sich bis dahin zu einer ersten Scoring Option entwickeln können, wodurch man in Cleveland nach einem Irving-Abgang nicht wieder bei Null anfangen müsste. Für die kommende Saison und mit einem möglichen Abgang von Kyrie im Hinterkopf wäre Wiggins dann die beste Wahl. Am heutigen Tage ist dies allerdings alles nur Spekulation.

Tobias Berger: Ich würde als Cavs-Fan trotz aller Argumente für die beiden Flügelspieler darauf hoffen, dass Embiid an #1 gezogen wird. Zu selten sind Bigmen mit einem derartigen Talentlevel gesät. Da dürfen auch die Odens und Bowies dieser Welt nicht abschrecken. Ein recht sicherer Superstar, wie es Anthony Davis aus der vorletzten Draft war, ist er aber nicht. Dies kann man allerdings für keinen der drei hier besprochenen Kandidaten sagen. Wir besprachen dies in dieser Folge GTG Wired TV:

Dennoch haben wir mit dem potentiellen All Star Trio gleich drei tolle Spieler an der Spitze der Draft, die alle ihre Vorzüge haben. Dementsprechend kann die Entscheidung des Cavaliers Management in der Draftnacht mit großer Spannung erwartet werden. Das Rennen scheint sehr offen.

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