And One, Chicago Bulls

Was läuft bei den Chicago Bulls immer noch falsch?

And One Ausgabe #6

Neuzugang Pau Gasol spielt im All-Star-Game, Jimmy Butlers Entwicklung macht ihn zu einem ernsthaften Kandidaten auf den MIP-Award, Derrick Rose ist zumindest zurück. Schon vor der Saison hatte man vermutet, dass die Bulls das beste Team im Osten sein könnten. Doch momentan ist man nur Dritter im Osten, mit großem Abstand zu den führenden Hawks. Unsere Redaktion beschäftigt sich daher mit der Frage:

andone6

Philipp Rück (NBAchef): Seltsamerweise überraschen die Bulls dieses Jahr mit umgekehrter Ausführung an den jeweiligen Enden des Courts. Seit Thibodeau das Traineramt übernommen hatte, waren sie stets unter den drei bis fünf besten Defensiven der Liga. Die Offense hingegen war immer der klare Schwachpunkt, was bisweilen auch am Fehlen Derrick Roses lag. Die Trajektorie für dieses Jahr war eigentlich klar. Mit der Verpflichtung von Gasol und der Rückkehr von Rose sollten die Bullen nun auch im Angriff unter die Top 10 klettern und damit automatisch das beste Team im Osten darstellen.

Interessanterweise ist die Offensive trotz eines völlig desolaten Point Guards, der dazu auch eine viel zu große Rolle hat (99 ORtg bei 32 % USG-Rate), ziemlich effizient (Platz 8). Soweit hat der Plan funktioniert. Nur in der Verteidigung weisen die Bulls für Thibodeau-Teams uncharakteristische Schwächen auf. Ligaweit stehen sie nur auf Platz 13, im Osten sogar nur auf Platz 7. Dies ist schon sehr überraschend. Die Gründe sind hierbei vielfältig: Getreu nach dem Motto „Die beste gegnerische Possession ist jene, die gar nicht erst zu einem Wurfversuch führt“ kreieren die Jungs aus der Windy City zu wenig TOs, nur die zweitwenigsten der NBA.

Zum anderen fehlt ein wenig das Personal, um am Flügel effizient zu verteidigen. Von den Spielern, die im Vergleich zur Teamdefense ein besseres Defensivrating haben, ist nur einer ein Wing, alle anderen sind Bigs. Alle anderen kleinen Spieler verteidigen bisweilen desolat, was zu 24 FGA des Gegners am Ring führt (#28). Der in diesem Jahr angeschlagene Noah (chronische Knieprobleme) und der in der Help Defense nicht immer brauchbare Gasol haben somit mehr zu tun, als sie eigentlich bewältigen sollten.

Ein weiteres Problem würde ich mal unter „Abnutzung“ einsortieren. Kein Coach der Liga forderte in den letzten Jahren mehr Körperlichkeit und Aufopferung von seinen Spielern als „Thibs“. Dies resultierte in einer immensen Minutenbelastung von Jimmy Butler und Joakim Noah. Die eben schon angesprochenen Probleme beim Franzosen könnten eine Auswirkung dessen sein, bei Butler ist es nur noch eine Frage der Zeit. Beim ehemaligen Bullen Deng sieht man in Miami ähnliche, schnelle Alterungsprozesse. Womöglich führte dieses Schleifen seiner Spieler langfristig zu einem Intensitätseinbruch, wodurch die Belastung irgendwann körperlich nicht mehr zu bewältigen war. Ein Resultat dessen ist eine unsaubere Exekution der defensiven Plays und eine schwächelnde Defense im Jahr 14/15.

Auch wenn sich der obige Absatz nur negativ anhört, so ist in Chicago nicht alles schlecht. Die überraschend gute Offensive kann noch besser werden, wenn man die Rolle von Rose verkleinert und bspw. Butler mehr Touches gibt (ORtg: 123). Zudem gab es in den letzten Spielen auch vom ehemaligen Superstar wieder Momente, an denen er an den Slasher erinnert, der er früher mal war. Darüber hinaus sind die Gründe für den guten Angriff auch auf die Playoffs übertragbar (Platz 2 in der Free Throw Attempt Rate).

Sobald der Coach anfängt, an den Minuten und Einsatzzeiten seiner Spieler zu feilen, und dem in den letzten Wochen stärker aufspielenden Tony Snell mehr zu vertrauen, wird sich auch das NetRating des Teams verbessern, welches jetzt schon das drittbeste des Ostens ist. Und wer weiß, vielleicht ist der in den Mainstream-Medien benutzte Erklärungsansatz der fehlenden defensiven Intensität ja wahr und bewusst von Thibodeau gewählt, um dieses Jahr die nötige Fitness in die Postseason zu transportieren?

Julian Lage: Es ist eine Art Déjà-Vu, und keines der angenehmen Art. Wie schon in den letzten Jahren wirken die Bulls wie das gebrochene Versprechen der Eastern Conference. Mit der Verpflichtung von Pau Gasol statt dem per Amnesty Provision entlassenen Carlos Boozer und dem diesmal wirklich fitten Derrick Rose wurde das Team von vielen Beobachtern als eine der festen Größen der Liga angesehen. Tatsächlich stehen die Chancen auf Heimrecht in der ersten Playoff-Runde immer noch nicht schlecht, aber kaum jemand würde Chicago derzeit als Contender der ersten Reihe ansehen. Die Frage ist: Kann diese neue Wahrnehmung wirklich überraschen?

In einigen Punkten ließen sich die Schwächen nicht unbedingt vorausahnen, einige Fragezeichen waren aber schon im Sommer sichtbar. Die Bulls konnten zwar mit Pau Gasol einen der meistumworbenen Spieler der Offseason verpflichten, lösten damit aber ein Problem, das sie gar nicht hatten. Statt die nicht gerade beeindruckend besetzten kleineren Positionen zu verstärken, setzten sie Taj Gibson erneut einen älteren Spieler vor. Dass der übrige Cap Space bereits für den als Stretch Four eingeplanten und dank weiteren Jahren in der spanischen CBA als NBA-fertig projizierten Nikola Mirotic ausgeben wurde, half der Roster-Balance genauso wenig weiter. Dieses Missverhältnis lässt sich vielleicht am besten finanziell ausdrücken: Für die vier Bigs Mirotic, Gibson, Gasol und Noah geben die Bulls über 34,1 Millionen Dollar aus – für die vier Flügel mit der tendenziell gleichen Minuten-Summe 10,4 Millionen, also nicht einmal ein Drittel. In Doug McDermott und vor allem Jimmy Butler sind zwar zwei der Spieler dank Rookie-Verträgen äußerst günstig, Schlüsselrollen von Kirk Hinrich und Mike Dunleavy Jr. sollten aber nicht das Ziel einer Roster-Planung sein.

Die Folgen dieser Entscheidung zeigen sich in der laufenden Saison. Mirotic steht trotz weitgehend überzeugender Leistungen oft kaum mehr als zehn Minuten auf dem Platz, weil Thibodeau die etablierten Bigs vorzieht. Minuten als nomineller Small Forward erhält er auch nur in sehr geringem Maßstab, mehr Spielzeit gab es nur durch andere Ausfälle. Obwohl also an sich Mirotic der Verlierer der gut besetzten Rotation ist, war auch Taj Gibson über die Verpflichtung Gasols nicht gerade glücklich – statt einem Starter-Spot behielt er die gleiche Rolle wie hinter Boozer. Auch Noah dürfte mit einigen der defensiven Umstellungen mit Rücksicht auf Gasol nicht wirklich zufrieden sein.

Umgekehrt zeigen sich die Probleme auf den kleinen Positionen: Butler ist zwar der beste Spieler des Teams, muss aber in typischer Thibodeau-Art fast 40 Minuten pro Partie spielen und ist damit klar der meisteingesetzte Spieler der Liga. Auch der 34-jährige Kirk Hinrich steht im Schnitt fast 30 Minuten pro Partie auf dem Platz, ohne dabei 50% True Shooting zu erreichen.

Besonders angesichts der so aktiven Trade Deadline ist erstaunlich, dass die Bulls hier keine Nachbesserung unternommen haben, sondern ihren Fehler der Offseason beibehalten. Damit könnten auch die internen Probleme wie Unzufriedenheit mit den Spielanteilen wachsen. Gerüchte vor allem um Gibson gab es genug, genauso wie Anlass zu handeln – so werden die Bulls vermutlich ihre Versprechen wieder nicht einlösen können.

Marc Petri: Selbstverständlich waren die hohen Erwartungen in Chicago unmittelbar mit dem gesundheitlichen Zustand von Derrick Rose verknüpft, jedoch wäre es zu einfach, das bisher unerwartet schlechte Abschneiden der Bulls nur mit seinem aktuellen Leistungsvermögen zu verknüpfen. Denn es war im bisherigen Verlauf dieser Saison nicht nur der formschwache Point Guard, welcher immer wieder pausieren musste, vielmehr gab es mit Mirotic und Brooks lediglich zwei Rotationsspieler, die in jedem Spiel auflaufen konnten. Alle anderen Leistungsträger hatten immer wieder mit größeren oder kleineren Blessuren zu kämpfen. So mussten Gasol (4 Spiele), Butler (5), Gibson (9), Hinrich (10), Noah, Rose (jeweils 11) und Dunleavy (19) eine empfindlich hohe Anzahl an Spielen aussetzen.

An der Stelle kann man sich also fragen, ob die Chicago Bulls aktuell sogar besser sind, als es ihr derzeitiger Stand von 34 Siegen und 20 Niederlagen vermuten lässt.

Eine erhebliche Veränderung im Spiel der Bulls ist, wie bereits von Philipp Rück erwähnt, die Verteidigung der Bulls. Die Defense war, seit seinem Amtsantritt im Sommer 2010, das Steckenpferd von Trainer Tom Thibodeau und seinem Team. Mit 105,1 Punkten per 100 Possessions des Gegners lassen die Bulls mehr Punkte zu, als je zuvor, seitdem er als Coach übernahm. War Chicago immer unter den besten sechs Teams in dieser Kategorie, stellen sie in dieser Saison nur noch Mittelmaß dar. Die Gründe für diesen Sachverhalt sind einerseits die schon erwähnten Verletzungen, aber auch die neue Rollenverteilung in dieser Saison.

Einer der Hauptgründe für diesen leistungstechnischen Abfall in der Defense ist das Formtief von Joakim Noah. In der letzten Spielzeit agierte kaum ein Center besser als Anker in der Verteidigung, trotz dem defensiv eher unterdurchschnittlichen Carlos Boozer ließ man im Schnitt nur 36,8 Point „in the Paint“ pro Spiel zu, was den zweitbesten Wert der Liga darstellte. Diese Saison liegt man mit knapp über 44 Punkten nur noch auf Platz 22 in dieser Statistik, selbst Lottery Teams wie Orlando, Philadelphia oder Utah schneiden hier besser ab. Noahs Gegenspieler konnten dabei 52,6 Prozent ihrer Würfe direkt am Korb verwandeln, eine für seine Verhältnisse recht hohe Quote.

Zusätzlich zu den vielen verletzungsbedingten Ausfällen als Argumentation für die (für ihre Verhältnisse) schlechte Defense der Bulls kommt die wesentlich größere Rolle von Jimmy Butler in der Offensive. Galt er letztes Jahr noch als einer der defensiv stärksten Shooting Guards der Liga, kann er in dieser Spielzeit auf diesem Sektor nicht das Niveau der Vorsaison erreichen.

Ein weiterer Grund für das bisher nicht optimale Abschneiden ist bei der Minutenverteilung auf den großen Positionen zu finden. Auf dem Papier haben die Bulls mit Joakim Noah, Pau Gasol, Taj Gibson und dem Rookie Nikola Mirotic das beste Frontcourt-Quartett der Liga, jedoch hat man den Eindruck, dass sie oft nicht gemäß ihren Stärken aufgestellt werden, bzw. sich selbst ihrer Stärken berauben. Gasol und Noah haben in der Offensive einen ähnlichen Wirkungskreis; beide agieren in direkter Korbnähe am effektivsten und können zusätzlich das Spiel aus dem Highpost eröffnen. Dementsprechend lief die Offensive der Bulls in der Regel dann am flüssigsten, wenn sie entweder mit Gibson (Gasol) oder Mirotic (Noah) auf dem Feld standen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass in Chicago bisher sicherlich viele Dinge falsch liefen, aber durchaus berechtigte Hoffnung auf einen nun besseren Saisonverlauf besteht. Bleibt man von weiteren Verletzungen und Blessuren verschont; bekommt man die defensiven Unstimmigkeiten in den Griff und passt die Rotation (und Rollenverteilung) zur Postseason an, sind die Bulls neben den Hawks und den Cavaliers der große Favorit auf die Finals.

  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  

Schreibe einen Kommentar