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SportVU Rim-Proctection-Stat im Fokus

"Die" neue Referenz für Big-Man Defense oder nur der nächste Statistikhype?

Die Veröffentlichung der SportVU Player Tracking Data auf der offiziellen NBA-Homepage in der letzten Saison hat die Statistiklandschaft rund um die NBA maßgeblich verändert. Neben den zahlreichen neuen Offensivstatistiken ist defensiv seitdem vor allen Dingen eine Statistik in den Vordergrund gerückt: Die “Opp FG% at Rim”-Statistik in der Kategorie Defense soll die Fähigkeit der Spieler den eigenen Korb zu beschützen in Zahlen ausdrücken. Dafür werden alle gegnerischen Wurfversuche analysiert, die innerhalb eines Umkreises von 1,52 Meter direkt am Korb in Präsenz, also im maximalen Abstand von 1,52 Meter, des jeweiligen Spielers unternommen wurden. Heraus kommt am Ende die gegnerische Wurfquote, die der Spieler am eigenen Korb in Anwesenheit zugelassen hat.

Besonders bei der Bewertung der defensiv so wichtigen Ringbeschützer wie Roy Hibbert oder Andrew Bogut sieht diese Statistik auf den ersten Blick wie ein sehr wertvolles Werkzeug aus. Doch durch eine tiefere Analyse offenbart auch dieser Stat seine Tücken, die man bei seiner Interpretation unbedingt im Hinterkopf haben sollte.

Quantität ist auch ein Faktor

Neben der qualitativen Bewertung, die die Wurfquote (Opp FG% at Rim) mit sich bringt, sollten bei der Rim-Protection auch die absoluten Zahlen (Opp FGM/FGA at Rim Per Game) als relevant betrachtet werden. Denn die Quantität bietet hierbei nicht nur Gelegenheit zur Kontrolle der Sample-Size, sondern kann wiederum auch eine qualitative Aussage treffen.

Die absolute Wurfstatistik (Opp FGA at Rim Per Game) alleine hilft dabei zunächst aber wenig, weil sie zu abhängig vom restlichen Team ist und die Anzahl der Wurfversuche am Ring auch durch Pace und verschiedene Defensivsysteme beeinflusst wird. Erst wenn man die absoluten Zahlen mit den Teamdaten (Close Shots per Game) ins Verhältnis setzt, bekommt man eine Ahnung davon, wie oft die Ringbeschützer wirklich zur Stelle sind:

Vergleicht man zum Beispiel die absolute Anzahl der gegnerischen Wurfversuche bei Roy Hibbert (15.7 per 48min) und Robin Lopez (15.35 per 48min), so könnte man vermuten, dass die beiden in Sachen Quantität ähnlich effektiv sind. Doch die Berücksichtigung der Teamstats erschüttert diesen Vergleich: So ist Roy Hibbert bei rund 59% der Wurfversuche am Korb der Pacers zur Stelle, während Robin Lopez diese bei seinen Blazers nur in 49% der Fälle contested. Die Trail Blazers haben in der letzten Saison pro Spiel nämlich fast 5 Würfe pro Spiel mehr am eigenen Ring zugelassen als die Pacers, was Robin Lopez im absoluten Vergleich zu Roy Hibbert quantitativ natürlich begünstigt.

Für die Bewertung der Quantität ist die relative Häufigkeit also in diesem Falle sehr viel brauchbarer als die absolute Häufigkeit, die bisher leider die Einzige von den beiden ist, die auf der NBA SportVU Player Tracking Seite direkt einsehbar ist, während man sich die relative Häufigkeit bisher noch selbst ausrechnen muss.

Alternativ kann man auch aktuelle “% Contested Shots” Zahlen aus der Statistik von Seth Partnow von nyloncalculus.com entnehmen. Dieser hat die Berücksichtigung der relativen Häufigkeit weiter verfolgt und mit Hilfe dieser und den SportVU-Daten seinen eigenen Stat entwickelt, der die “Points saved vs. NBA average big” angibt. Durch den Einbezug der relativen Häufigkeit ist diese Statistik etwas aussagekräftiger als die originale “Opp FG% at Rim”-Statistik, doch die meisten anderen Probleme, die die SportVU Rim-Protection Daten mit sich bringen und im Folgenden erläutert werden, kann auch diese Statistik nicht lösen.

Denn auch die relative Häufigkeit ist mit Vorsicht zu genießen, da sie nicht nur von der Leistungsfähigkeit des Spielers abhängt, sondern auch von seiner Spielweise und seiner Rolle. So hat zum Beispiel Anderson Varejao als Center der Cavaliers nur 33,8% der Würfe am eigenen Ring contested, während er auf dem Feld war. Wer ihn aber schon öfter hat spielen sehen, dem wird aufgefallen sein, dass er für einen Center oft ungewöhnlich weit weg vom Korb verteidigt, für sein Blitzen bei der Pick and Roll Defense bekannt ist und deshalb wesentlich seltener am Korb zur Stelle ist als andere Center.

Rim-Protection ist nicht alles

Trotz Varjeaos quantitativ und auch qualitativ (54.8%) unterdurchschnittlichen Rim-Protection und der Tatsache, dass ihm in den Cavalierlineups keiner so wirklich den typischen Job des Ringbeschützers abgenommen hat (häufigster Frontcourt-Partner Tristan Thompson hat auch nur 29,6% der Würfe am Ring contested), hat Varejao laut Defensive Real Plus-Minus in der letzten Saison mit seiner Spielweise einen ähnlich positiven defensiven Einfluss erzielt wie einige seiner Centerkollegen, die zu den besten Rim-Protectors der Liga gehören (u. a. Roy Hibbert oder Tyson Chandler). Mit ein entscheidender Faktor dieses positiven defensiven Einflusses könnte auch die Tatsache sein, dass Varejaos aggressive Verteidigung in Sachen Rim-Protection präventiv zu wirken scheint, denn die Cavaliers lassen mit ihm auf dem Court pro 48 Minuten 1,5 Würfe weniger am Ring zu. Dies ist auch ein Aspekt, den der SportVU Rim-Proctection-Stat nicht erfasst. An Varejaos Beispiel lässt sich vielmehr auch festmachen, dass man als Big Man nicht unbedingt ein schlechter Verteidiger sein muss, wenn man laut Statistik ein unterdurchschnittlicher Ringbeschützer ist.

Präventive Rim-Protection wird nicht erfasst

Ein noch besseres Beispiel für den Einfluss von präventiver Rim-Protection ist der Vergleich der beiden Grizzlies-Center Marc Gasol und Kosta Koufos.

SpielerOpp FG% at Rim% contested shots at rim
Marc Gasol51,2%35,2%
Kosta Koufos47,9%39,4%

Laut SportVU Statistik ist der ehemalige Defensive Player of the Year (12/13) Marc Gasol seinem Backup-Center Kosta Koufos in Sachen Rim-Protection qualitativ und quantitativ unterlegen. Doch ein Blick auf die On/Off-Court Statistiken der beiden lässt vermuten, warum Marc Gasol vielleicht doch der bessere Rim-Protector ist, denn mit ihm lassen die Grizzlies pro 48 Minuten sage und schreibe 6,5 Würfe (20%) weniger am Ring zu als mit seinem Backup Kosta Koufos. Durchschnittlich hat Memphis dadurch insgesamt mit Gasol 4,5 Punkte pro 48 Minuten weniger am Korb kassiert als mit Koufos.

Rim-Protection ist mehr als nur eine Wurfquote

Wenn man also die Rim-Protection mehrerer Spieler oder auch Teams vergleicht, sollte man also beachten, dass der Opp FG% at Rim-Wert nur einen Teilaspekt dessen erfasst, was Rim-Protection wirklich ausmacht und nur den Fall erfasst, in dem es auch wirklich zum Wurfversuch am Korb kommt und das trifft auch nur in ungefähr 75% der Possessions, die unter dem Korb enden, zu. Weitere 8% enden in einem Turnover, 4% sind defensive Non-Shooting Fouls und die restlichen 13% sind Shooting Fouls, bei denen der Field Goal Attempt nicht erfolgreich war und der deswegen auch nicht in die Statistik eingeht.

Wie Shooting Fouls die OPP FG% at rim beeinflussen

An einem weiteren Vergleich von zwei der besten Ringbeschützer der NBA kann man sehr gut sehen, was für einen Unterschied Shooting Fouls in der OPP FG% Statistik machen können.

 Opp FGM
at Rim per game
Opp FGA
at Rim per game
Opp FG% at Rim
Roy Hibbert4.09.841.1%
Tim Duncan4.49.147.6%

Die Originaldaten von SportVU geben Hibbert mit 6.5% Vorsprung hier einen klaren Vorteil gegenüber Tim Duncan. Doch Roy Hibbert ist mit 2.06 Shooting-Fouls per Game einer der Bigs, die die meisten Fouls begehen, während Tim Duncan bei fast identischer Spielzeit mit nur 1.16 Shooting-Fouls per Game auskommt. Da 90% der Shooting-Fouls in der Zone gemacht werden und die Quote bei den Centern alleine sicherlich noch höher ist, kann man davon ausgehen, dass die beiden so gut wie jedes Wurffoul nah am Korb gemacht haben und eine hundertprozentige Übernahme in die Statistik kaum noch einen Unterschied zum realen Einfluss hat.

Um nun die Shooting-Fouls mit ihrem durchschnittlichen Effekt in die Statistik zu übernehmen müssen wir zunächst die ~78% der gefoulten Wurfversuche addieren, die nicht getroffen wurden und deshalb nicht in der Statistik erfasst sind. Auf die verwandelten Feldwürfe müssen wir dann theoretisch die Punkte aus den verursachten Freiwürfen in Form des Effektes eines 2-Punkt-Wurfes addieren. Im Schnitt gibt es wegen And-One-Situationen nur 1.78 Freiwürfe pro Shooting-Foul, die zu durchschnittlich 75% getroffen werden, dadurch ~1.335 Pkt ergeben und sich damit wie 0.6675 verwandelte Zweipunktwürfe auswirken, die wir dann pro Shooting-Foul addieren müssen.

 Opp FGM
at Rim per game
Opp FGA
at Rim per game
Opp FG% at Rim
Roy Hibbert5.3811.447.2%
Tim Duncan5.171051.7%

Der Abstand von Duncan zu Hibbert ist durch den Einbezug von Shooting Fouls um ganze 2% gesunken, was doch nicht wenig ist, wenn man bedenkt, dass der Abstand zwischen den besten und schlechtesten Werten der Spieler mit min. 6 Opp FGA at Rim per Game nur maximal 16% beträgt.

An dem Vergleich der beiden Extreme, dem vielfoulenden Hibbert und dem wenigfoulenden Duncan sieht man also, dass Shooting Fouls ein Achtel (2%) des Bereichs ausmachen können, in dem sich die hochfrequentierten Ringbeschützer maximal unterscheiden (16%) und damit entscheidenden Einfluss auf die Opp FG% at Rim haben, wenn sie miteinbezogen werden.

Freie Würfe geben auch Punkte

Des Weiteren ist zu beachten, dass in der SportVU Rim-Protection Statistik nur die 74% aller Würfe am Korb aufgeführt sind, bei denen in maximal 1,52 Meter Entfernung ein Verteidiger stand. Da circa 20% der 2 Pkt-Wurfversuche in den ersten 6 Sekunden der Shotclock getätigt werden, kann man annehmen, dass ein hoher Anteil dieser 26% der in der Statistik fehlenden Würfe durch Fastbreaks zu erklären sind, aber eben nicht alle. Es bleibt einer kleiner Anteil von mindestens 6% an Würfen, bei denen in der Halfcourt-Defense kein Verteidiger in der Nähe stand und die deswegen auch nicht in der SportVU Rim-Protection Statistik erfasst sind. Speziell aber für die Teamstatistik würde es doch eine Rolle spielen, wie viele freie Würfe ein Team in der Halfcourt-Defense unter dem Korb zugelassen hat, also wie oft das Team in Sachen Rim-Protection komplett versagt hat, weil kein Spieler in der Nähe stand. Auch für die Individualstatistik ist es sicherlich nicht unwichtig, für wie viele freie Würfe unter dem Korb ein Spieler wegen fehlerhaften Stellungsspiels verantwortlich ist.

Nur die halbe Wahrheit in Sachen Rim-Protection

Zusammenfassend kann man daraus schließen, dass die SportVU Rim-Protection Statistik mit den OPP FGA at rim schätzungsweise nur höchstens 70% aller Aktionen unter dem Korb in der Half-Court-Defense erfasst. Dazu kommt noch die Tatsache, dass Rim-Protection auch schon vor diesem relevanten Bereich durch Prävention von Wurfversuchen am Korb beginnt, wie man an dem Beispiel von Marc Gasol und Kosta Koufos sehen konnte. Insgesamt lässt sich deswegen feststellen, dass die “Opp FG% at Rim”-Statistik nur die halbe Wahrheit erzählt, wenn es um die Leistungsfähigkeit im Bereich Rim-Protection geht. Deshalb sollte man sich, wie bei den meisten anderen Statistiken auch, nicht alleine auf diesen Wert verlassen, weder bei der Bewertung von Rim-Protection alleine, noch viel weniger bei der Big-Man Defense insgesamt.

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2 comments

  1. Sebastian Seidel

    Sehr guter Artikel :tup:

    Dennoch denke ich, dass die Opp FG% einen guten ersten Überblick darüber gibt wie gut ein Spieler den Ring verteidigen kann.
    Natürlich spielen auch viele andere Faktoren eine Rolle: Art des Defensivsystems( z.B. Vergleich Indiana-Miami), Quantität, Fouls. Aber zum ersten Einordnen leistet sie meiner Meinung nach einen exzellenten Job.
    Ich würde mal behaupten an fast jeder Statistik findet man einige Schwächen.

  2. Dennis Spillmann

    Danke für das Feedback!

    Ich denke, Matthias will hier vor allem davor warnen, die Statistik als Allheilmittel zu sehen. Es gibt blinde Flecken. Das ist kein Vorwurf an die Statistik, sondern vor allem ein Hinweis für die Nutzer.


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