Detroit Pistons

Auf Nimmerwiedersehen

Stan van Gundy entlässt Josh Smith

Es wäre eine Untertreibung, die Entlassung von Josh Smith als überraschend zu bezeichnen. Es passiert in der NBA einfach nicht, dass ein Spieler mit 40 Millionen Dollar verbliebenem Cap Hit einfach vor die Tür gesetzt wird. Ein Blick auf die Logik von Stan van Gundy und den Detroit Pistons.

 Die Finanzen

Nach allen Berichten haben die Pistons Smith einfach entlassen, ohne einen Buyout auszuhandeln, die Amnesty oder vergleichbare Möglichkeiten bestanden auch nicht. Die einzige nutzbare Exception ist die sogenannte Stretch Provision, die das Gehalt über mehrere Jahre verteilt. Konkret wird bei einem in der laufenden Saison entlassenen Spieler das Gehalt der aktuellen Spielzeit normal berechnet, das der folgenden Jahre nach der Formel 2x+1 verteilt. Das hieße bei noch einer weiteren Saison eine Verteilung über drei Jahre, bei Smiths 2 Vertragsjahren bleibt die Summe ganze 5 Jahre erhalten. Die diesjährigen 13,5 Millionen Dollar bleiben also, während die Pistons anschließend bis einschließlich 2019/20 jährlich auf 5,4 Millionen Dollar Cap Space verzichten müssen.

Die Pistons können allerdings noch auf eine erhebliche Reduzierung hoffen. Zwar nicht im klassischen Waiver-Prozess, in dem ein anderes Team den Vertrag übernehmen würde. Die 76ers als einziges technisch in Frage kommendes Team sind praktisch mit Sicherheit kein Kandidat. Es gibt allerdings noch die Regelung des sogenannten Set Off für Verträge, die ein Spieler nach seiner Waiver-Zeit von sich aus abschließt. Hier wird lediglich ein Anteil abgezogen, konkret die Hälfte des um das Ein-Jahres-Veteranen-Minimum reduzierten neuen Vertrags. Bei einem Gehalt auf Niveau der vollen MLE würden die Pistons etwas über zwei Millionen Dollar einsparen. Laut Larry Coon (via cba faq und Twitter) gilt das wohl für jedes der Stretch-Jahre, somit könnten die Pistons einige Millionen Dollar einsparen (siehe Grafik). Das betrifft wohl neben der real überwiesenen Summe auch den Cap Hit. Nachdem solche Fälle selten diese Relevanz besitzen, sind diese Informationen aber eher unsicher. Ein ähnliches Beispiel wäre Michael Beasley. Die Hoffnung auf größere Einsparungen zudem voraus, dass Smith nicht für geringere Summen unterschreibt. Bei der Anwendung der Amnesty-Clause auf Chris Andersen oder Andray Blatche könnte man entsprechende Verträge als eine Art Protest gegen die Entlassung werten, was auch bei Smith sicher nicht auszuschließen ist.

Smith-Salaries

Was war da los?

Trotz dieser eher unbekannten Regelung, die Smiths Entlassung für die Pistons etwas angenehmer macht: Finanziell kann die Entscheidung zur Entlassung kaum gerechtfertigt werden. In jedem Fall wurden im Sommer weniger radikale Alternativen diskutiert, die für den Cap Space und auch spielerisch sinnvoller gewesen wären. Vermutlich hätten sich vergleichbare Optionen auch während der laufenden Saison oder in der kommenden Offseason gefunden. Der Preis für einen Trade wäre sicher die Aufnahme anderer schlechter Verträge – wie im Kings-Trade etwa der von Marcus Landry – oder das Abgeben von Assets gewesen.

Anscheinend hat Stan van Gundy diesen Preis für höher erachtet als den doch nicht unerheblichen Cap Hit bis ins nächste Jahrzehnt. Als Erklärung kann hier nur der steigende Salary Cap dienen, der Teams immer mehr zu vermeintlich irrationalen Entscheidungen treibt. Sollten das oben skizzierte finanzielle Szenario so stimmen, ist das teilweise nachvollziehbar. Die Pistons hätten dann nur einen Bruchteil ihres Caps belegt, im Optimalfall etwa 2 von 100 Millionen Dollar. Trotzdem ist diese Summe nur ein Nachteil ohne jeglichen positiven Aspekt – es muss tiefergehende Erklärungen geben, die eine so radikale Entscheidung bedingt haben.

Das lebende Exempel?

Die Schlagzeilen über Josh Smith waren in den letzten Jahren in den seltensten Fällen positiv. Mit Ausnahme reiner Tradegerüchte beinhaltete praktisch jeder Bericht die absurd schlechten Quoten vor allem bei langen Würfen, nicht zu selten wurden auch Probleme innerhalb des Teams angesprochen. Zumindest ein konkreter Vorfall, der zur Entlassung führte, ist bisher jedoch nicht bekannt geworden. Es ist also möglich, dass für Coach Stan van Gundy schlicht Kleinigkeiten das Fass zum Überlaufen gebracht haben. Da van Gundy in Personalunion Präsident und de facto wohl auch GM ist, hat dann unter Umständen die rationale Stimme gefehlt, die für eine bessere Lösung gesorgt hätte. Bei den Nuggets erfolgte etwa vergangenes Jahr nach einem Streit zwischen Andre Miller und Coach Brian Shaw die Trennung Millers vom Team. Er wurde jedoch nicht einfach entlassen, sondern schließlich relativ günstig zu den Wizzards getradet.

Falls also der Coach in van Gundy ein Exempel statuieren wollte, hat das auf gewisse Weise funktioniert. Die Schock-Wirkung der Maßnahme war erheblich, wie die zahlreichen Reaktionen zeigen. Damit sollte Gundys Verhalten gegenüber störenden Spielern an den Rest des Teams und die gesamte Liga durchgedrungen sein. Insbesondere angesichts der Konflikte zum Ende von van Gundys letzter Station, den Magic, könnte das in seinem Interesse gewesen sein. Grund für seine Entlassung soll Gerüchten zufolge der Konflikt mit Dwight Howard gewesen sein – der vielleicht nicht zufällig ein enger Freund Smiths und Grund für eine mögliche Verpflichtung durch die Rockets ist.

Andererseits hält sich Josh Smiths Trauer vermutlich in Grenzen: Er verdient wie oben erläutert mehr Geld und wird voraussichtlich bei einem Contender statt bei den abgeschlagenen Pistons spielen. Sein Ruf profitiert sicher nicht von der Entlassung, allerdings hätte ein Verbleib in Detroit und eine unveränderte Spielweise vermutlich nicht weniger Schaden angerichtet. So kann Smith in den kommenden Jahren relativ unabhängig von finanziellen Erwägungen seine Teams nach spielerischen Kriterien frei auswählen. Falls Smith mit einer verbesserten Wurfauswahl zu seinen alten Stärken zurückfinden kann, ist die Entlassung für ihn ein klar positiv zu bewerten. Unter diesen Umständen wird Stan van Gundy wenig direkten Gewinn aus dem Vorgang ziehen.

Keep gettin…

Eine letzte Erklärung wäre noch möglich, und sie ist vermutlich die am wenigsten schmeichelhafte für van Gundy. Frei nach dem von Jalen Rose eingeführten „keep getting dem checks“ ist die Smith-Entlassung vermutlich eine recht überzeugende Job-Erhaltungs-Maßnahme. Alle Probleme der kommenden fünf Jahre lassen sich auf die schlechten Entscheidungen von Vorgänger Joe Dumars schieben, fehlende Möglichkeiten auf den verbliebenen Cap Hit. Gleichzeitig hat sich van Gundy von Playoffambitionen verabschiedet und plant, die jungen Spieler zu entwickeln. Das dürfte auf einen kompletten Rebuild hindeuten, was Jahre dem Management Jahre zur Entwicklung des Teams lässt oder, anders gesagt, den Job sichert.

JoshSmithBanner

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass die Entlassung Josh Smiths trotz der Stretch Provision und der Set Off-Regelung im Großen und Ganzen rätselhaft bleibt. Es hat seine Gründe, warum die Franchises fast immer auch an schlechten Verträgen festhalten und nur per Amnesty oder in der letzten Saison einfach entlassen (wie etwa Ben Gordon oder Danny Granger in der vergangen Saison). Sollte die Maßnahme komplett schief laufen, haben die Pistons über Jahre hinweg ein Problem – was die NBA in den letzten Jahren zu unterbinden versuchte, etwa durch die Kürzung der maximalen Vertragsdauer. Stan van Gundy hat hier also die Chance, sich zu Ted Stepien zu gesellen und einer Regeländerung seinen Namen zu geben. Wie aber zu sehen war, liegen in der Entlassung auch Chancen für van Gundy – nur die Pistons sehen sich in praktisch jedem Fall wenig glorreichen kommenden Jahren gegenüber.

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