BBL, Taktik

Khalid El-Amin erteilt Per Günther eine Lehrstunde

#42, Khalid El Amin, BG Gˆttingen (r) und #06, Per G¸nther, ratiopharm Ulm w‰hrend dem Spiel BG Gˆttingen gegen ratiopharm Ulm, 20.12.2014, Lokhalle, Gˆttingen. Foto: Swen PfˆrtnerBesondere Hinweise: Jede Nutzung des Fotos ist honorarpflichtig gem‰fl derzeit g¸ltiger MFM-Liste zzgl. Mehrwertsteuer. Urhebervermerk wird nach Paragraph 13 UrhG ausdr¸cklich verlangt. Belegexemplar erforderlich. Bei Verwendung des Fotos auflerhalb journalistischer Zwecke bitte R¸cksprache mit dem Fotografen. - Each usage of the photo requires a royalty fee in accordance to MFM and byline the author. No model release. For any usage other than editorial purposes please contact the author.(c) Swen Pfˆrtner, +49 151 425 66 55 1, Lotzestr. 23, D-37083 Gˆttingen, buero@swenpfoertner.com, swenpfoertner.com,http://facebook.com/swenpfoertnerfotojournalist

“Mit der Intensität und der Leidenschaft in der Defensive bin ich heute überhaupt nicht zufrieden.“ So analysierte Headcoach Thorsten Leibenath das äußerst schwache Spiel seiner Ulmer gegen den Aufsteiger aus Göttingen (80:92) am vergangenen Samstag. Go-to-Guys.de hat die Partie nochmals in ihre Einzelteile zerlegt und zeigen die, teilweise erheblichen, defensiven Schwächen der Ulmer auf und erklären, welchen Anteil Per Günther daran hat…  

 

Schon zu Beginn der Saison stellten wir in Frage, inwiefern ratiopharm Ulm mit ihrem Small Ball in der Beko BBL bestehen kann. Nach 14 Spieltagen muss man nun konstatieren, dass der Plan an beiden Enden des Feldes nicht aufgegangen ist. Während die Ulmer sich in der Offense auf ihren guten Dreipunktwurf verlassen (9/33 gegen Göttingen), fehlt ihnen hinten ein defensiver Anker. Mit Jaka Klobucar spielt der beste Defender auf einer Guard-Position. Unter dem Korb fehlt ihnen die Größe und Masse, um konstant gut zu rebounden und Würfe zu blocken. Lediglich Tim Ohlbrecht kann da noch hervorgehoben werden. Wenn er nicht auf der Platte steht, sind mit Boris Savovic, Maarty Leunen oder Isaiah Phimore meist schwache Ringbeschützer auf der Center-Position unterwegs.

Somit stellt ratiopharm Ulm zurzeit die siebtschwächste Defensive der Beko Basketball Bundesliga (Defensive-Rating: 112.4). Doch es ist nun mal nicht so, als wäre es mit dieser Kaderzusammenstellung, also mit diesem körperlich kleinen Kader, gute Defense zu spielen bzw. Spiele zu gewinnen. Wichtige Vorrausetzungen für ersteres sind gute Absprache und Einsatz von jedem Einzelnen. Doch keiner der beiden genannten Punkte war am Samstag in der Ulmer Verteidigung zu erkennen.  

 

Die Absprache  

 

Die Absprache ist ein sehr wichtiger Teil der Defense. Zuerst muss der Coach vorgeben, welche Art der Verteidigung gespielt werden soll und dann müssen sich auch die einzelnen Spieler in Sachen Rotation und Help-Defense absprechen. Dass diese Abstimmungen nach 14 Spieltagen schon so langsam zu Automatismen geworden sind, sollte man von einem gestandenen Bundesligisten erwarten. Das Spiel in Göttingen zeigte aber, dass dies bei den Ulmern noch lange nicht der Fall ist.

Eine handelsübliche Szene aus dem letzten Viertel. Während die Göttinge ihren Abstand in die Zweistelligkeit zu schrauben versuchten, brauchten die Ulmer dringend Stopps in der Defense. So hatten Leibenath kurz zuvor auf eine Zonen-Verteidigung umgestellt. Dies wurde dann auch prompt mit einem Dreipunktwurf bestraft. Niemand weiß, ob er vorhatte wieder auf die Mann-Mann-Verteidigung umzustellen. Auf jeden Fall interpretiert es Small Foward Will Clyburn so.  

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(www.telekombasketball.de, Göttingen-Ulm)

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Erst sah es wieder nach der Zonenverteidigung aus. Der Ball wurde zu Raymar Morgan an die Freiwurflinie gespielt, der von da aus wieder Schützen finden sollte. Als Godbold dann auf der Weakside in die Ecke läuft, will Clyburn ihm folgen. Leunen schiebt ihn förmlich zur Seite, weil er weiterhin an eine Zonen-Verteidigung glaubt. Am Ende stehen sich beide regelrecht auf den Füßen und sehen dabei zu, wie Morgan zum Korb zieht. Kommentator Stefan Koch bewertet die Situation so: „Die Ulmer bisschen unklar, was sie da defensiv tun wollen. Ob’s Zone sein soll oder Mann sein soll?“ Das scheint sich auch Leunen gefragt zu haben, der unmittelbar nach der Szene fragende Blicke zur Bank wirft.

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Direkt in der folgenden Göttinger Possession wird der defensive Plan von Leibenath wieder deutlich. Er will mit einer 3-2-Zone spielen, wie auch Stefan Koch am Mikrofon erklärt.

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Doch dies waren nicht die einzigen eklatanten Abstimmungsprobleme. Ähnlich sah es beim Pick&Roll und dem Switchen aus. In der folgenden Situation kommt es zu einem Block und Abrollen mit Alex Ruoff und Raymar Morgan auf Göttinger Seite. Scheinbar ist nicht geklärt, wer den Center der Veilchen verteidigen soll. Denn sowohl Ohlbrecht als auch Philmore sprinten zum Big Man der Göttinger, um das Pick&Roll am Perimeter zu verteidigen.

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Tim Ohlbrecht realisiert spät, dass Godbold nun komplett frei ist und er ihn wohl nun übernehmen muss. Am Ende entsteht daraus ein offener Dreipunktwurf für Godbold, der ihn dann aber, zum Glück der Ulmer, nicht verwandeln kann.

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Wenn schon die Absprache nicht stimmt, wird es schwer über 40 Minuten gut zu verteidigen. Der Gegner bekommt Räume, die sonst nie da wären und Göttingen hat in diesem Spiel noch nicht mal alle genutzt. Gegen ein echtes Top-Team wäre Ulm mit so einer Defensiv-Leistung wohl untergegangen. Denn: Auch wenn die Absprachen nicht immer stimmen oder man körperlich unterlegen ist (was gegen Göttingen nicht der Fall war, weil diese noch kleiner spielten), kann man immer noch über eine Sache zu guter Defense kommen: über Kampf bzw. Einsatz. Wie Leibenath in der Pressekonferenz zugab, vermisste er ihn bei seinem Team im kompletten Spiel. Hier sind einige Szenen, die das voll und ganz belegen.  

 

Der Einsatz  

 

Oder auf dieses Spiel übertragen: Der Unterschied zwischen Jaka Klobucar und Per Günther. Günther, 26,  wird sich diese Saison zum sechsten Mal das Trikot des All-Stars überstreifen. Dabei profitierte er neben seinen soliden Leistungen (13,6 PPG, 4,0 APG) natürlich auch von dem Fan-Bonus. Doch gegen diese Wahl gibt es auch nichts auszusetzen, denn Per Günther zählt zu den besten Point Guards die wir in dieser Liga haben. Umso verärgerter wird Headcoach Leibenath über die Leistung und den Einsatz in der Defense seines Aufbauspielers sein. Der Mann mit der Nummer Sechs im Ulmer Dress hatte seinen Gegenüber, den 35-jährigen Khalid El-Amin, zu keinem Zeitpunkt im Griff (28 Punkte) und zeigte sich zudem teilweise lustlos in der Verteidigungsarbeit.

Eine Szene, die das wie kaum eine andere widerspiegelt, ereignete sich kurz vor der Halbzeitsirene in der Lokhalle. El-Amin lief heiß, sodass nun noch mehr Aufmerksamkeit von Günther gefordert war. Der wurde mit 40 Sekunden vor Ende der ersten Hälfte in eine Pick&Roll-Situation mit El-Amin und Morgan geschickt. Anstatt, wie Klobucar es 40 Minuten lang verteidigte, das Pick&Roll zu „icen“ und El-Amin damit die Mitte zu verweigern und ihm lediglich die Seite zu öffnen, erlaubte Günther diese so genannte „middle penetration“. Zudem blieb er noch im Screen hängen und zeigte nicht den Einsatz sich herum zu kämpfen, um den heiß laufenden El-Amin zu verteidigen.

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Nun liefen Morgan und El-Amin eine 2-gegen-1-Situation und Savovic musste sich für einen entscheiden. Er blieb bei Morgan, sodass El-Amin den offenen Wurf auf Höhe der Freiwurflinie bekam. Man kann nun wahrlich nicht davon sprechen, dass Günther hier versuchte, diesen Wurf noch zu verhindern.

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Doch die Szene war noch längst nicht beendet. Für El-Amin an diesen Nachmittag untypisch, verwandelte er den einfachen Wurf nicht. Doch da der Ball für ihn glücklich absprang, konnte er sich den Offensivrebound sichern. Günther machte nicht mal die Anstalten El-Amin ausboxen zu wollen. Stattdessen sah der Ulmer Aufbauspieler nur dabei zu, wie El-Amin den nächsten komplett offenen, einfachen Wurf bekam und ihn verwandelte.

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Leider schwenkte die Kamera danach nicht zu Leibenath, doch der konnte mit dieser Einstellung in der Defense ganz und gar nicht zufrieden sein. Da El-Amin nun merkte, welche Freiheiten er bekam, liefen die Göttinger das Pick&Roll in der letzten Possession der ersten Hälfte gleich nochmal. Wieder erlaubt Günther „middle penetration“, wieder bleibt Savovic tief und wieder hat El-Amin den offenen Wurf. Diesmal für Drei. Mit dem Buzzer.

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Wie es aussieht, wenn Günther das Pick&Roll „iced“, zeigt die folgende Szene. Er macht das völlig richtige und zwingt El-Amin zur Seitenlinie. Einziges Problem: Wenn das P&R „geiced“ wird, muss der Big Man tief bleiben. Die Absprache (!) mit Tim Ohlbrecht stimmte hier nicht und Raymar Morgan hätte viele Freiräume gehabt.

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Wie man es richtig macht, bewiesen Jaka Klobucar und Tim Ohlbrecht dann später. An Klobucar’s linkem Bein kann man schon erkennen, in welcher guten Position er sich befindet, um das Block und Abrollen zu verteidigen. Der Weg zur „middle penetration“ ist vom Slowenen versperrt, zudem steht Ohlbrecht näher zum Brett um mögliche Drives zu verhindern und gleichzeitig ein Auge auf Morgan zu haben. Aus dieser Possession entstand übrigens fast ein Ballverlust der Göttinger.

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Und auch gegen El-Amin verteidigt es Klobucar hervorragend. Wieder spielen die Ulmer Zone und wieder versperrt der Mann mit der Nummer 24 den Weg zur Mitte. Leider verteidigen es seine Kollegen nicht die ganzen 24 Sekunden so gut und Morgan kommt zu einfachen zwei Punkten.

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Eine weitere Szene, die mich ernsthaft an Per Günther’s Einstellung zweifeln ließ, spielte sich in der Crunchtime ab. Leibenath hatte mittlerweile umgestellt und ließ nun Will Clyburn den starken Khalid El-Amin verteidigen. Deswegen sollte Günther den Shooter Alex Ruoff decken.

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Als es dann in der rechten Ecke zu einem Play kam, dass David Godbold, der von Ohlbrecht verteidigt wurde, einen offenen Dreipunktwurf bescheren sollte, mangelte es mal wieder an Absprache und Einsatz. Eigentlich war das Göttinger Spacing total schlecht, da sich mit Ruoff und Godbold zwei Spieler auf den Füßen standen.

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Da aber auch Günther mittlerweile mitbekommen haben sollte, dass Ohlbrecht näher zum Korb stehen sollte, um Drives zu verhindern, ist es kaum zu verstehen, wie es zu dieser Situation kommen konnte. Öfter hatten die Orangenen in diesem Spiel schon geswitcht, wenn es brenzlig wurde. Hier wäre dies ebenfalls sinnvoll gewesen, damit Ohlbrecht nicht den Weg nach draußen zur Dreipunktlinie machen muss und man somit gar keine Rim Protection mehr hat. Doch Günther bleibt bei Ruoff, der in der Folge einen Screen für Ohlbrecht setzt, damit Godbold freigespielt werden kann.

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Der Ulmer Point Guard macht keine Anstalten auch nur einen Schritt näher an den werfenden Godbold heran zu gehen. Stattdessen versucht Ohlbrecht alles, um noch irgendwie den Wurf des Göttingers zu stoppen. Dabei räumt der Ulmer Center Ruoff ab, der das Offensivfoul für sich gepfiffen bekommt. Viel schlechter kann man so ein Play kaum verteidigen.   Doch natürlich soll hier nicht nur Günther’s Leistung schlecht geredet werden. Er war vielleicht nur die auffällige Spitze des Eisbergs. Auch viele andere Ulmer haben scheinbar die defensiven Vorgaben noch nicht verinnerlicht oder vergessen die Basics. Ein ganz prominentes Beispiel ist das Ausboxen bei Rebounds. Nur fünf Teams in der Beko Basketball Bundesliga rebounden schlechter als die Ulmer (32.9 RPG). Kein Wunder möchte man sagen, wenn man sieht wie nach Würfen des Gegners am eigenen Brett ausgeboxt wird. Nach diesem Fehlversuch von Morgan wird sich Godbold gleich den Spalding schnappen und den Wurf versenken. Jaka Klobucar, der sich defensiv weiterhin am stabilsten erweist, hatte hier seinen Gegenspieler komplett aus den Augen verloren und konzentrierte sich zu sehr auf den Ball.

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(www.telekombasketball.de, Göttingen-Ulm)    

 

Auch Boris Savovic, der gegen die Veilchen nur neun Minuten ran durfte, zeigte, wie man den Gegner wieder in’s Spiel bringen kann. Hier muss David Godbold einen schlechten Dreier nehmen, da die Shotclock runtergelaufen war. Savovic befindet sich in einer guten Position, um sich diesen Rebound zu schnappen. Sein Gegenspieler, Jamal Boykin, befindet sich immerhin zum Zeitpunkt des Wurfes an der Dreipunktlinie.

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Doch auch der Foward der Ulmer schaut nur den Ball an und bemerkt gar nicht, wie sich Boykin in seinem Rücken zum Korb schleicht. Am Ende kann Boykin ganz einfach per Putback-Dunking abschließen und bringt so auch wieder das Publikum wieder in’s Spiel. Vielleicht wird jetzt klar, wieso Savovic nur neun Minuten auf dem Parkett stand.

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Fazit

 

Dieses Spielt hat offenbart, welche großen defensiven Probleme die Ulmer nach 14 Spieltagen noch haben. Der Kader wirkt noch nicht so, als wäre daraus schon eine Einheit geformt worden. Vielleicht ist auch deswegen teilweise nicht die richtige Einstellung bei jedem Spieler vorhanden. Dies ist jetzt die Aufgabe von Thorsten Leibenath. Er hat noch 20 Spieltage Zeit, um allen Spielern ihre Rolle zuzuweisen und diese Probleme zu beheben. Sollte dies bis dahin nicht klappen, kann man nicht davon ausgehen, dass ratiopharm Ulm die erste Playoff-Runde übersteht…    

 

Alle Rechte an den Bildern liegen bei der Telekom.

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0 comments

  1. Hijack

    Wow, danke für die Mühe das aufzudröseln. Während des Spiels sieht man ja das eine oder andere, aber vieles fällt einem wirklich erst auf wenn man die Sequenzen so seziert.

  2. Chris

    |Author

    Gerne! Ja, da muss man das Spiel bzw. einzelne Szenen 2-3 Mal schauen, um alles zu erkennen, aber es bringt auch immer wieder neuer Erkenntnisse!

    Beste Grüße und Frohe Weihnachten,

    Chris


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