Alltimers, Gedanken

Wer ist der beste Spielgestalter der NBA?

Von: Branimir Marevic
Betreff: Wer ist der beste Spielgestalter?

Sehr geehrtes Go-to-guys-team,

vor einiger Zeit trauchte, glaube ich, bei euren Kollegen von nba-blog.de ein Point Guard Ranking auf. Dieses Ranking basiert allerdings auf den aktuellen Leistungen der PGs, der individuellen Statistiken und deren Teamerfolg. Mir stellt sich jetzt allerdings die Frage, wer nur der beste “Playmaker” in der NBA ist, also am besten die Aufbauposition spielt. Denn ich möchte wissen, wer das Game am besten liest, die besten Entscheidungen trifft und seine Mitspieler am meisten verbessert. Gibt es dafür spezielle Statistiken, kann man die Aufbauskills wie die eines guten Verteidigers der die kleinen Dinge tut, überhaupt statistisch belegen? Oder gibt es aussagekräftige Zahlen, mit Hilfe man über die Aufbaufähigkeiten der Spieler sachlich urteilen kann?

Z. B. geistert grade wieder der Mini-Hype um Chris Paul wieder herum, er sei der beste PG, davor war Rose der beste auf seiner Position in der regulären Position…in den vergangen Playoffs galt Rondo als bester usw.

Ich möchte jetzt gern wissen, wer von den PGs Steve Nash, Jason Kidd, Deron Williams, Tony Parker, Mike Conley, Derek Fisher, Chris Paul, Russell Westbrook, Derrick Rose, Rajon Rondo etc. die besten Playmakerskills besitzt.

Ich würde mich sehr freuen, wenn sich jemand eurer Redaktion die Zeit nehmen würde, dieses Thema sachlich zu bearbeiten und z. B. in einem Ranking über dieses Thema schreiben würde.

Danke schon mal vorab!

Gruß Branimir

Diese Frage ist vermutlich so alt wie der Basketballsport selbst, und sie ist objektiv wohl nicht zu beantworten. Selbst vor einer subjektiven Antwort, die am Ende dieses Artikels versucht werden soll, müssen einige Punkte geklärt bzw. erklärt werden:

1. „Point Guard“ ungleich „Spielmacher“

„Point Guard“ bezeichnet lediglich eine der Positionen auf dem Spielfeld, ohne eine feste Aufgabe damit zu verbinden. Wer als Point Guard aufläuft, tut das weniger aufgrund spielerischer Fähigkeiten als wegen körperlicher Faktoren wie Größe, Masse und Schnelligkeit. Deshalb gilt z.B. Earl Boykins, der mit dem Ballvortrag kaum etwas zu tun hat, den Meisten ebenso als Point Guard wie Tyrone „Muggsy” Bogues, dessen Hauptaufgabe das Aufbauspiel war. Auch Randy Brown fällt in diese Kategorie, obwohl er weder gut punkten noch gut vorbereiten konnte, dafür aber ordentlich verteidigte.

Nicht jeder Point Guard leitet also zwingend den Spielaufbau. Umgekehrt ist auch nicht jeder Spielmacher unbedingt ein Point Guard. Das Pässeverteilen kann ebenso gut von einem Flügelspieler – ja sogar von einem Brettspieler – übernommen werden, was diesen dann folgerichtig zum Spielgestalter macht. So verdienen Scottie Pippen und Grant Hill den Titel „Point Forward“, und man konnte Bill Walton und Arvydas Sabonis phasenweise mit gutem Recht als „Point Center“ bezeichnen, weil sie das Spiel ihrer Teams vom Lowpost aus lenkten.

2. „Spielmacher“ ungleich „Spieler“

Wer den Ball dominiert, tut das als Scorer und/oder als Vorbereiter, aber er tut es in jedem Fall in der Offensive. Um den besten Point Guard zu ermitteln, muss jedoch auch bedacht werden, was ein Spieler in der Defensive leistet. Wenn er nämlich im Angriff für 25 Punkte sorgt, durch seine schlechte Verteidigung aber auch 25 Zähler von seinem Gegenüber eingeschenkt bekommt, senkt das seinen Stellenwert erheblich. Im selben Maße nützt es wenig, wenn derjenige hinten den Laden dichthält, vorn dafür aber kein Scheunentor trifft oder keinen Pass an den Mann bringen kann. Die Mischung macht’s, weswegen beispielsweise Gary Payton zurecht als einer der besten Point Guards aller Zeiten gilt, da er defensiv wie offensiv eine Macht war.

3. Der Rollen-Spieler

Wie für jeden Basketballer ist es auch für Point Guards bzw. Spielmacher wichtig, die für sie passende Situation zu finden, in der sie ihre Stärken bestmöglich ausspielen können. Manchen – wie John Stockton – gelingt das früh in ihrer Karriere, die dann entsprechend eindrucksvoll verläuft. Andere – wie Steve Nash – durchleben mehrere Teams, Coaches und Systeme, bis ihre Fähigkeiten endlich voll zur Entfaltung kommen.

Dabei ist es umso eindrucksvoller, wenn nicht der Spieler vom System profitiert, in das er gesteckt wird, sondern der Spieler das System erst ermöglicht. Die Tatsache, dass man das Angriffsspiel einer ganzen Mannschaft variabel um sie aufbauen kann, macht Stars wie LeBron James und Chris Paul zu den Besten ihres Fachs. Umgekehrt mindert es den Wert eines Spielmachers, wenn er auf ein bestimmtes System angewiesen ist, also besonders im Halbfeld-Angriff glänzt oder – wie John Wall (noch) – eine schnelle Spielweise braucht, um vollends zu überzeugen. Dasselbe gilt für Point Guards, die reine Offensiv- oder Defensivspieler sind und beim jeweils anderen Stil viel von ihrem Wert einbüßen.

4. Zahlen sind Schall und Rauch

Primärstatistiken wie der Punkte- oder Assistsschnitt sollten bei der Beantwortung der Frage nach dem besten Point Guard eine untergeordnete Rolle spielen. Sie können Argumente belegen, sind jedoch selbst keine, weil zu viele Faktoren – Einsatzzeit, Ausmaß der Balldominanz, Rolle im Team, Spielgeschwindigkeit, Coaching-Philosophie, Stärke der Gegner etc. – sie verwässern, um Spieler untereinander vergleichen zu können. Allenfalls können tiefergehende Advanced Stats, die z.B. die Effizienz oder die relative Wurfquote wiederzugeben versuchen, als Hilfe herangezogen werden, aber auch sie sollten niemals am Anfang der Überlegungen stehen.

5. Der direkte Vergleich zählt

In einer Liga mit 30 Teams und Tausenden von Saisonspielen kommt dem direkten Duell zweier Spieler enorme Bedeutung zu. Dabei ist nicht der Sieg ausschlaggebend – denn der kann ebenso gut durch die besseren Mitspieler zustandekommen –, sondern die Leistung gegen den unmittelbaren Kontrahenten. Wenn ein Point Guard seinen Gegenüber also offensiv an die Wand spielt und ihn zugleich durch starke Verteidigung zum Nullfaktor macht, ist das als Ausdruck individueller Stärke sehr hoch zu bewerten.

6. Dominanz gibt den Ausschlag

Vielseitigkeit ist schön und gut, doch unterm Strich zählt die Qualität der individuellen Leistung mehr als die Frage, wie sie zustandegekommen ist. Wenn ein Point Guard nicht zum Spielmacher taugt, dafür aber als Scorer mit hoher Effizienz die Konkurrenz beherrscht, ist er dennoch höher einzustufen als ein Allrounder, der zwar vielseitiger ist, im Vergleich jedoch weniger dominant auftritt. Mit anderen Worten: Es reicht, eine einzelne Fähigkeit zu besitzen, wenn diese derart herausragt, dass sie die Schwächen des Spielers nahezu bedeutungslos macht. (Dwight Howards physische Überlegenheit kann als Beispiel dafür dienen.)

7. Der Faktor X

Wie anfangs bereits erwähnt, ist eine objektive Wahl des besten Point Guards bzw. Spielmachers wohl unmöglich. Nur selten sticht jemand über einen aussagekräftigen Zeitraum so sehr hervor, dass seine Überlegenheit nicht bezweifelt werden kann. Die subjektive Wahl wiederum ist eine Frage der persönlichen Gewichtung: Soll der beste Point Guard ein klassischer Spielmacher sein oder vor allem selbst für Punkte sorgen? Welchen Stellenwert besitzt die Verteidigung; welche Stärken und Schwächen soll/darf der Spieler haben, um als Bester zu gelten?

Und der Sieger ist…

Ich möchte zunächst noch einmal betonen, dass dies eine subjektive Wahl ist – sie ist subjektiv, aber sie ist begründet. Unter meinen persönlichen Kriterien steht individuelle Dominanz an erster Stelle, sofern ein Spieler sie nicht auf Kosten des Teamerfolgs erringt, indem er nur für die eigene Bilanz spielt. Auch die Verteidigung ist von enormer Bedeutung bei der Suche nach dem besten Point Guard und kann lediglich bei der Frage des besten Spielmachers ignoriert werden (siehe unten). Vielseitigkeit wiederum ist nicht zwingend vonnöten, solange Dominanz besteht. Wenn diese allerdings von einer spielerischen Schwäche beeinträchtigt wird, fließt auch das in die Bewertung mitein. Und nun zu den Spielern:

Bester Point Guard: Chris Paul

 

Paul gehört für mich an die Spitze seiner Position, weil er viele Stärken, aber kaum Schwächen hat. Er ist ein überragender Passgeber, der sogar nur mäßig talentierte Mitspieler einzusetzen weiß, ist jedoch auch jederzeit in der Lage, selbst ein Spiel als Scorer zu entscheiden. Dabei lege ich großen Wert auf diese Handlungsreihenfolge, denn wer den Ballvortrag übernimmt, sollte sein eigenes Scoring zurückstellen, anstatt seine vier Mitspieler in der Offensive regelmäßig zu Zuschauern zu degradieren.

Paul spielt effizient und konstant, ist der unumstrittene Anführer seines Teams und vor allem auch als Verteidiger zu gebrauchen. Sein sensationeller Playoff-Auftritt gegen die Los Angeles Lakers war der jüngste Eintrag auf einer langen Liste beeindruckender Leistungen, denen meiner Ansicht nach kein Point Guard der NBA ebenbürtig ist.

Bester Spielmacher: Steve Nash

Wer Nash kritisieren will, muss in der Defensive ansetzen oder scheitern. Die Art, wie Nash den Spielaufbau leitet, ist in der NBA nachwievor konkurrenzlos. Niemand beherrscht die Kunst, das Dribbling aufrechtzuerhalten, so sehr wie der Kanadier, der stets für einen punktgenauen Pass gut ist. Seine Hand-Augen-Koordination sucht im Basketball vermutlich ihresgleichen, und seine Spielintelligenz gehört zum Besten, was jemals ein NBA-Parkett betreten hat.

Während er sich im bedachten Tempo über das Feld bewegt und dabei stets den freistehenden Mitspieler sucht, bindet Nash die Aufmerksamkeit der gesamten Verteidigung. Dass er zusätzlich der vielleicht beste Schütze der NBA-Geschichte ist und jederzeit selbst den Wurf nehmen kann, macht es dem Gegner nahezu unmöglich, ihn auszuschalten. Steve Nash ist für mich auch mit 37 Jahren noch immer der beste Spielmacher der NBA.

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4 comments

  1. Alex A.

    Kann man nur unterschreiben! Paul und Nash sind auch meiner Meinung nach die besten auf dieser Position

  2. Kann man so eindeutig unterschreiben.
    Wobei für mich, als jemand der Selbst diese Position begleitet hat, immer der Pass-First-Pointguard den Vorzug vor dem Scorer bekommt.

  3. Amar'e

    erstmal vielen dank, dass du dir die zeit genommen hast um dich mit dem thema zu beschäftigen. danke dir für die schnelle antwort und für den großartigen artikel!

    100% signed…ich denke du hättest es nicht besser ausarbeiten und formulieren können.

    ich denke auch, dass besonders nach der LA-serie man wieder gesehen hat, dass cp3 der beste PG in der NBA ist. und steve nash der beste spielgestalter.

    vielen dank noch mals, dickes lob und weiter so

    gruß Branimir

  4. Burki

    In meinen Augen ist Nash klar die Nummer eins. Spiele der Suns zu schauen, ist trotz der mäßigen Mitspieler von ihm immer ein Augenschmaus. Aus den unmöglichsten Situation spielt er sein minderbegabten Mitspieler an ohne dass die vorher wussten, dass sie frei sind. Er ist zwar klar ein pass-first-Spieler, aber er verweigert nicht und ist darüber hinaus einer von fünf aus dem 50–40–90 Club. Die anderen aus dem Club hören z.B. auf dem Namen Bird, Miller oder Nowitzki. Und das sind keine Starting-Pointguards.
    Paul folgt mit Abstand zu Nash und zum Rest der Liga. Paul ist auch ein Ausnahmespieler, der gute Jahre weiterhin vor sich hat. Fraglich ist hier nur, ob er im zunehmenden Alter sein Spiel umstellen kann, da er natürlich jetzt von seiner unfassbaren Schnelligkeit lebt (siehe direktes Duell gegen Bynum).

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