Alltimers, NBA

Playing by the Rules of Math

Welchen Einfluss haben Analytics auf das Coaching in der NBA?

Schließt eure Augen … und öffnet sie wieder, damit ihr den Artikel auch lesen könnt, und versetzt euch in die folgenden Situation:

Anstelle vkylekorveron Mike Budenholzer steht ihr an der Seitenlinie der Philips Arena in Atlanta. Es sind noch zehn Sekunden zu spielen, die gegnerische Mannschaft führt mit drei Punkten und ihr wisst, dass deren Coach in solchen Fällen auf die Defense seiner Mannschaft vertraut und nicht das Fouling-Game spielt. Die Lösung scheint einfach: ein Play für Kyle Korver, der eine Dreierquote von 47.2% aufweist und dessen Lauf mit mindestens einem Dreier in über 120 aufeinanderfolgenden Partien – in diesem Beispiel – weiterhin Bestand hat. Allerdings konnte er im laufenden Spiel keinen seiner fünf bisherigen Dreierversuche versenken, während Louis Williams einen dieser Tage zu haben scheint, an denen alles in den Korb fällt. Im Saisondurchschnitt trifft er zwar knapp elf Prozent schlechter als Korver von der Drei-Punkt-Linie, am heutigen Tag konnte er aber alle sechs Versuche versenken. Für welchen Spieler lasst ihr das letzte Play laufen?

Die ‘Hot Hand’ – für einige ein wiederlegter Mythos, für andere eine selbsterlebte oder gesehene Wahrheit – war bei der diesjährigen MIT Sloan Sports Analytics Conference, dem Gipfeltreffen der Zahlenfreunde, wieder ein Thema. Es ist ein Beispiel für die Fragen und Probleme, mit denen sich die Coaches in der NBA (oder anderen Basketballigen) auseinandersetzen müssen. Verlässt man sich ausschließlich auf die Zahlen und vermeintlichen Beweise nach dem von Juristen häufig zitierten Motto “Es zählt nicht, was Du weißt, sondern nur was Du beweisen kannst.” oder muss ein Coach auch nach seinem Bauchgefühl und seinen Instinkten gehen?

The Edge

You win with great players, obviously. That’s the one way everybody knows how to win. But I think everybody is looking for an edge.

Danny Ainge, General Manager der Boston Celtics

Da NBA-Spiele im Normalfall durch wenige Punkte entschieden werden, sollen die Advanced Analytics den kleinen Vorteil gegenüber dem Gegner bringen. Es ist daher auch keine Überraschung, dass die Boston Celtics mit Brad Stevens einem Mann das Coaching-Zepter übergeben haben, der bei in der NCAA einer der Vorreiter der Nutzung von Advanced Statistics – insbesondere bei der Bestimmung von Lineups – war. Stevens gilt auch als erster NCAA-Coach, der sich einen reinen Statistiker in den Coaching Staff geholt hat. Dass Trainer wie der legendäre Dean Smith allerdings bereits früh Zahlen nutzten, die nicht im normalen Boxscore zu finden sind, wurde bereits im kürzlichen bei Go-to-Guys.de erschienenen Artikel “Beyond the Figures” beschrieben.

bostonceltics

Dass es grundsätzlich sinnvoll ist, statistische Analysen als Hilfsmittel zu nutzen, würden viele Coaches sicherlich mit einem nickenden Kopf beantworten. Beim Grad der Nutzung bzw. zugemessenen Nützlichkeit gibt es große Unterschiede. Auf einen Stevens kommt wohl ein Doug Collins. Auf die Frage, ob er ein ‘Analytics Guy’ sein, antworte er mit nachfolgenden Worten – gefolgt mit einem Hinweis auf seinen Kopf und seinen Bauch als analytische Werkzeuge:

No. If I did that, I’d blow my brains out. There’s 20-page printouts after every game – I would kill myself.

Doug Collins, 905 Spiele als Coach

Aus den Reihen von Coach Mike Krzyzewski hört man, dass man es als Ergänzung zu den Dingen, die man sowieso macht, anwenden soll – allerdings nicht als Blaupause. Dass es allerdings auch bereits als Blaupause genutzt wird, verdeutlicht das Shot Chart der Rio Grande Valley Vipers in der D-League. Sie meiden Mitteldistanzwürfe stärker als  Allen Iverson Trainingseinheiten.

Rio Grande Shot Chart

Die Vipers sind das Farmteam der Houston Rockets und ihrem General Manager Daryl Morey. Niemand sollte bei Betrachtung der Shot Chart an Zufall glauben. Aufgrund der schlechteren Trefferwahrscheinlichkeit und dem fehlenden Extra-Punkt wird sich in jeder zweckmäßigen Funktionsgleichung ein schlechterer Nutzen im Vergleich zu Würfen am Ring und Dreiern errechnen lassen. Zumindest solange bis die Entwicklung der Verteidigung soweit fortgeschritten ist, dass Würfe am Brett und an der Drei-Punkt-Linie nur noch mit einer signifikant schlechteren Trefferquote erzielt werden können. Wenn dies auf Kosten einer steigenden Quote in anderen Spots passiert, könnten Mitteldistanzaktionen wieder interessanter werden. Tim Thibodeau grübelt sicherlich bereits im Kämmerlein, aber bislang können pro Wurf durchschnittlich mehr Punkte am Brett und von der Dreierlinie erzielt werden als aus der Mitteldistanz.

Für einen Coach stellt sich natürlich die Frage, wie er sein Team nun einweist. Was ist nun ein guter Wurf? Die Washington Wizards sind in dieser Saison die Mannschaft, die relativ zu ihrer Gesamtwurfanzahl die meisten Würfe, die nicht direkt am Korb oder von der Drei-Punkt-Linie, nehmen (Stand: 04.03.14). Während man so etwas vermutlich niemals in Houston erleben würde, solange Morey etwas zu sagen hat, könnte es in Washington eine Folge von der Philosophie von Randy Wittman sein.

You take open shots. You take open shots. Where they are is dictated by what the defense does. If you predicate what kind of shot you’re going to take not based on what you’re doing reading the defense, you’re not going to get good shots. I just worry about goods shots.

You know what? Those numbers you can stick… alright? You know, all you analytical people that take that… You take good shots, that’s the most important thing. Maybe we’re not taking good midrange shots, maybe we’re taking contested ones. I understand the numbers are there for a reason, we look at the numbers, but to sit there and… We got a good, open shot we’re taking, I don’t care where it is.

Randy Wittman, Coach der Washington Wizards

Die Kunst die Defense zu lesen, wird ja den großen Superstars als besondere Fähigkeit zugeschrieben. Larry Bird. Jason Kidd. Tim Duncan. Die Defense zu lesen, ist somit grundsätzlich nicht verkehrt. Es bedeutet allerdings nicht, dass man sich von der Defense diktieren lässt, was man in der Offense macht und man dem Defense-Schema des Gegners komplett in die Karten spielt. Wenn Wittman bloß eine Offense installiert, die ausschließlich auf die Verteidigung reagiert, wird der gegnerische Coach die Oberhand behalten. Es müssen Spielzüge im Playbook stehen, die seinen Spieler ermöglichen, die guten Würfe in guten Spots zu bekommen.

johnwalljohncalipari

Ein wichtiger Punkt zu den Vorteilen wurde mal von Jeff van Gundy angesprochen. Die Zahlen können für eine Selbstreflexion sorgen:

But I found the numbers that he presented to make you really self-evaluate. Let’s say they brought up a scenario, and the numbers said you should obviously do something, and your philosophy was something else. It made you sit there and analyze why you believed what you believed. I think that’s good. Now whether you changed your philosophy or not, that’s really secondary. But it did make you think.

Jeff van Gundy, 836 Spiele als Coach

Diese Funktion als Hinweisgeber kann sich im Alltag eines Coaches als äußerst nützlich erweisen. Da sie auch nur Menschen sind, könnten die Zahlen sie auf Dinge aufmerksam machen, die sie nicht auf dem Radar hatten. Wie van Gundy sagt, ginge es nicht darum, dem Input blind zu folgen. Der wichtige Satz im bereits erwähnten Artikel “Beyond the Figures” war der Satz von Dean Oliver, dass das Verständnis des Warums genauso wichtig ist, wie das Ergebnis der Zahlen. Bei einer Auffälligkeit könnte sich ein Coach nach dem Warum fragen und (a) eine sinnvolle Erklärung haben, keine Änderung vornehmen und die Auffälligkeit als nicht relevant einstufen, (b) keine plausible Antwort für das Warum finden und die Statistik in diesem Fall als nicht relevant einstufen oder (c) keine sinnvolle Erklärung haben und eine Änderung vornehmen. Ein Beispiel für die Auffälligkeit könnte ein sinkendes ORtg bei einem Spieler sein.

Leistungsgesellschaft

Der Kulturwandel in der NBA fängt teilweise auch ganz oben an. Einige der neuen Besitzer wie Vivek Ranadive, Robert Pera, Joshua Harris oder Tom Gores  kommen aus zahlenorientierten Branchen. Beim Zusammentreffen verschiedener Philosophien können schnell Reibungspunkte entstehen. Zuletzt in Memphis konnte man es beobachten. Nachdem Pera die Grizzlies übernommen hat, bekam John Hollinger eine hohe Position im Management. Es kam zu Reibereien mit Lionel Hollins, einem Coach der alten Schule, und dieser musste trotz 56 Siegen und einem Einzug in die Western Conference Finals seinen Hut nehmen. Sein Nachfolger Dave Joerger hatte augenscheinlich eine höhere Bereitschaft, Impulse von Hollinger auf seine Arbeit an- bzw. hinzunehmen. 20 Spiele vor dem Ende der Saison haben die Grizzlies bereits genauso viele Niederlagen auf dem Konto, wie in der letzten Saison unter Hollins. Dies soll an dieser Stelle aber natürlich nicht komplett auf den Trainerwechsel zurückgeführt werden.

rudygayscream

George Karl weist auch besonders auf die Bedeutung der internen Beziehungen hin:

“Front office people and analytic people all have got to work with the coaching staff to find a togetherness, a unity, a harmony that you’re together with it,” Karl said. “When you bring negative energy to your organization because of a conflict or a confrontation or a disagreement, and you make that known to the locker room, you make it known to the players in that locker room, you are disserving the organization, the coaching staff and the team.”

George Karl, 2072 Spiele als Coach

Bei der viel stärkeren und detaillierten Leistungsmessung könnte es auch zu Anreizproblemen bei den Coaches kommen. Die Hauptaufgabe der Coaches in der NBA ist es natürlich möglichst viele Spiele zu gewinnen. Allerdings ist auch die Spielerentwicklung – insbesondere bei einem restriktiveren Collective Bargaining Agreement – ein enorm wichtiger Aspekt, der – für viele Fans wahrscheinlich etwas ironisch – von Larry Brown untermauert wird:

[…] and have a coach there that can develop young talent because so many of the teams are getting younger and younger. So you better have coaches there that can teach, rather than coaches there that can analyze whether stats mean something or not.

Larry Brown, 2573 Spiele als Coach in der NBA und ABA

Da Fehler bei der Masse an Daten wesentlich deutlicher werden als früher, könnte die Gefahr entstehen, dass die Fehlertoleranz für entwicklungsbedürftige Spieler sinkt und ihnen aus diesem Grund weniger Entwicklungszeit eingeräumt wird. Der Einsatz von Veteranen senkt das Risiko, wobei auf der anderen Seite natürlich mögliches Upside bei talentierten Spieler verschenkt werden würde.

Last Play

Zu wissen, wie der Motor eines Autos funktioniert, bedeutet nicht zugleich, dass man auch weiß, wie man einen zusammenbaut. Diese Analogie funktioniert sicherlich nicht in alle Richtungen, aber sie kann verdeutlichen, dass – selbst wenn alle Zahlen zur Verfügung stehen – es notwendig ist, diese auch auf das Parkett zu bringen. Es geht beim Coaching auch um die Vermittlung der X’s und O’s, es geht um die Motivation der Spieler, es geht um bestimmte Intangibles. Ein moderner Coach sollte die Nützlichkeit der Zahlen anerkennen, ohne zu einer kompletten Marionette des Managements zu werden. Dies wäre auch für die Franchise vermutlich nicht der richtige Weg zum Erfolg. Bei den Advanced Statistics geht es zumeist um den Durchschnitt, Coaches müssen allerdings mit Menschen zusammenarbeiten und auch Einzelfallentscheidungen treffen, womit wir wieder beim Anfangsbeispiel wären. Die Zahlen würden Budenholzer nicht sagen können, ob Korver an dem Abend über das Selbstbewusstsein für den letzten Wurf verfügt, sodass Williams in diesem Fall vielleicht die bessere Wahl wäre.

Aber auch die größten Statistik-Nerds wissen, dass Coaching durchaus mehr ist als reine Zahlenleserei:

Morey realized, I think, that there was some art to the job of coaching and it wasn’t just a number-based approach.

Jeff van Gundy

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