And One, Cleveland Cavaliers

Erreichen die Cavaliers einen Top 2 Record im Osten?

And One Ausgabe #2

Nach dem eher holprigen Start der neuen Big 3 in Cleveland, steht die Franchise um LeBron James schon zu einem so frühen Zeitpunkt unter extremer Beobachtung. In der zweiten Ausgabe von And One diskutieren die Redakteure von Go-to-Guys sowie ein externer Experte demzufolge über die Frage:

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Chris Schmidt (NBA News Deutschland): Anders formuliert: Werden die Cleveland Cavaliers nun die Miami Heat von 2010-2014 oder eher die Los Angeles Lakers von 2012-2013? Denn Grund zur letzteren Annahme sollten die ersten Spiele der Cavs doch direkt liefern. Bei der großen Homecoming-Party von LeBron James zeigten die New York Knicks den Cavs ihre ersten Probleme auf. Es folgten Siege gegen Chicago und Denver, aber auch zwei Niederlagen gegen Portland und Utah.  Dazu punktete James so schwach wie seit seiner Rookie-Saison nicht mehr (23.4 PPG) und legte dafür sein Karriere-Höchstwert in Sachen Ballverluste auf (4.2 TOPG). Somit muss dieses Projekt doch zum Scheitern verurteil sein, oder?

Nein. Und die Antwort ist wirklich so eindeutig, wie sie da steht. Denn genauso wie zum Beginn in South Beach, muss dem Team auch hier die nötige Zeit gegeben werden. Seit Kyrie Irving 2011 in die NBA gekommen ist, musste er meist den Alleinunterhalter in Cleveland spielen. Dies brachte ihm zwar bald eine All-Star-Nominierung, dem Team aber mitnichten viele Siege ein. In den drei Jahren mit Irving, gewannen die Cavs gerade mal 78 von ihren 230 Spielen. Kevin Love erging es in Minnesota ähnlich, sodass er dort in fünf Spielzeiten nur zwei Mal die 30-Siege-Marke knackte.
Nun folgt die Umstellung und der beste Basketballer der Welt wird ihnen zur Seite gestellt. Sie sollen auch in einer „Big Three“ funktionieren und die Räume, die sich durch die Fokussierung auf LeBron ergeben, nutzen. Die Folge waren Startschwierigkeiten, wie bei der Niederlage gegen Utah. Die Cavaliers passten den Ball nur 276 Mal (vgl. Jazz: 442) und verbuchten deshalb auch nur sechs Assists. Erst 14 Mal war dieses Kunststück anderen Teams gelungen, nur in einem einzigen Fall war dieses Team dann auch siegreich. Doch die Reaktion folgte direkt gegen die Nuggets. 25 Vorlagen gelangen den Cavs, elf davon alleine von James.
Denn auch LeBron weiß, dass er vorangehen muss, um dieses Team zu einem Contender zu machen. Er ist der einzige der „Big Three“ der Finals-, ja sogar, Playoffs-Erfahrung hat. Somit muss er zwar Leader-Qualitäten zeigen, hat aber gleichzeitig ganz andere Voraussetzungen, als in der letzten Saison bei den Miami Heat, als Dwyane Wade immer verletzungsanfälliger wurde. Denn mit einem gesunden Irving und einem treffsicheren Love, bieten sich viele Möglichkeiten in der Cavs-Offense. James muss eben nicht seinen Karriere-Höchstwert in Punkten auflegen, da er Mitspieler hat, die ihn gut ergänzen. „The Chosen One“ kann, wie in Denver gezeigt, viel eher mit seinen Passqualitäten glänzen, da sich durch seine Präsenz Räume ergeben. Mit Love haben die Cavs wunderbares Spacing auf dem Court, welches die Offense unberechenbar machen wird. Immerhin stellen die Cavaliers, obwohl die Abstimmung noch nicht überall stimmt, schon die elftbeste Offensive der Liga. Viel größere Sorgen bereitet die Defense, wo sie momentan ligaweit auf Platz 27 rangieren. Finden sie dort im nächsten Sommer vielleicht noch einen defensivstarken Big Man, sollten sie spätestens in der Saison 2015/16 ein sicherer Finals-Kandidat sein. In der jetzigen Spielzeit werden sie zwar schon zu einem gemacht, müssen sie aber noch gar nicht sein.

LeBron hat dem Team Zeit gegeben und weiß selbst, dass der Kern des Teams noch sehr jung ist. Mit seinem kurzen Vertrag kann er zudem in den kommenden Free-Agent-Sommern sehr gut steuern, wie sich das Team um ihn herum verändert. Mit ihm haben die Cavs aber immerhin schon mal eine weitere Anziehungskraft für Free Agents.
Man sollte dem Team somit die nötige Zeit geben, um sich einzuspielen oder vielleicht noch weitere Baustellen auszubessern. Denn auch die Miami Heat haben in der ersten Saison keinen Titel geholt.

Dennis Spillmann: 27. im DRtg, 28. bei der Pace, unterdurchschnittliche Offense. Das Ruhmesblatt der Cavaliers liest sich bisher eher wie das einer stolzen Rebuildingfranchise, die junge Talente entwickelt hat. Tatsächlich sind die Ansprüche in Ohio jedoch deutlich höher. Hier sind fünf weitere Probleme im Kader, die gelöst werden müssen:

Problem #1: aufkommende Unruhen
Bereits nach fünf Spielen gibt es allerhand Zitate von Spielern, die ihr Unbehagen kundtun. Ob dies nun Dion Waiters’ Problem mit dem Einsatz als Catch-and-Shooter ist, LeBrons angebliche Konfrontation mit Kyrie Irving oder dem Eingeständnis des Coaches, dass er nicht bestmöglich gecoacht habe.
Der noch nicht etablierten Teamchemie ist dies sicherlich nicht förderlich. Gerade in der Anfangsphase muss dieses Team zusammenstehen und eine Identität entwickeln. 

Problem #2: schlechtes Defensivrebounding
Mit Kevin Love, Tristan Thompson, Anserson Varejao und LeBron James sind die Cavaliers eigentlich sehr gut aufgestellt, was das Defensivrebounding angeht. Trotzdem steht man nach fünf Spielen mit einer unterdurchschnittlichen Quote da, weil es offensichtlich kein System gibt, das den Defensivrebound sichert. Fabian Thewes hatte ausführlich erläutert, dass Defensivrebounding eine Teamaufgabe ist. Die Automatismen dafür sind (noch) nicht vorhanden. 

Problem #3: LeBron James’ Ringabschlüsse
Wie Tom Haberstroh anschaulich zeigte, sind James’ Abschlüsse am Ring bisher katastrophal. Dies verwundert vor allem deswegen, weil man theoretisch ein sehr gutes Spacing stellen könnte, das es durchaus mit den Heat aus den Meisterjahren aufnehmen kann. James’ unter 48% direkt am Ring in den drei Niederlagen sind inakzeptabel.

Problem #4: unklare Rollen von Irving und Waiters
Wir hatten im Previewpod bereits ausgiebig diskutiert, wer der Big Three am meisten zurückstecken muss. Schon damals wies ich darauf hin, dass Irving die größte Umstellung vollziehen muss. Faktisch ist die Rolle von Irving nicht klar umrissen. Wie oft soll er der primäre Ballhandler sein? Welche Scoringoption ist er?

Dasselbe potenziert sich bei Dion Waiters. Der Shooting Guard hat sehr genaue Vorstellungen, wie er eingesetzt werden soll, doch diese Rolle als sekundärer Ballhandler ist bereits besetzt. Deshalb spekulieren die Medien bereits, ob die Cavaliers nicht besser Waiters traden sollten. Sollte Waiters seine Rolle nicht annehmen, wäre dies eine ernsthafte Überlegung. 

Problem #5: fehlende Rimprotection
James kennt diesen Zustand eigentlich schon aus Miami, aber Chris Boshs defensiver Einfluss fehlt in Cleveland.  Kevin Love ist ein Minusverteidiger, Anderson Varejaos Stärken liegen eher im Hedgen des Pick’n’Rolls als im Beschützen des Ringes. Tristan Thompson ist mit der Aufgabe schlicht überfordert. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Cavs 63,3% am Ring zulassen. 

Je schneller die Cavaliers Lösungen für diese Probleme finden, desto schneller werden sie ins Rollen kommen. Ob dies für einen der ersten beiden Plätze reicht, hängt vom Gesundheitsbild Varejaos, der Fähigkeit zur Adaption Coach Blatts und schließlich der Konkurrenz ab. Wenn sich neben den Bulls noch ein zweites 50+ Team findet, wird es für die Cavaliers eng.

Benjamin Mell: Ja, die Cleveland Cavaliers spielen zur Zeit nicht wie ein Titelanwärter, aber wundert das wirklich jemanden? Wenn ein Team mit solch einem Hype in die Saison geht, kann man nur verlieren – zumindest zu Anfang. Auch in Miami war das 2010-2011 nicht anders. Die Heat starteten mit einer 9-8 Bilanz in die Saison und hatten am Ende 58 Siege auf ihrem Konto!

Die Cavaliers wurden komplett neu zusammengestellt, jedes Team, dass eine derartige Veränderung durchmacht, braucht eine gewisse Zeit, bis es sich ein bestimmter Rhythmus und eine gewisse Chemie gefunden hat. Von aufkommenden Unruhen im Team würde ich aber noch nicht sprechen. James und Irving scherzten nach dieser „Auseinandersetzung“ schon, dass es um eine TV-Show ging und auch das restliche Team äußerte sich noch nicht negativ. LeBron deutete vor ein paar Tagen auch nochmal an, dass er ab jetzt eine deutlichere Rolle als Leader einnehmen wird.

“I won’t allow individuals to be selfish,” James said after the team’s shootaround in response to the question. “If I’m on the team, you automatically have to be unselfish, so I’m not worried about it.”

Einzig bei Waiters sehe ich auch Probleme auf das Team zukommen – aber dies war schon vor der Saison abzusehen.
Außerdem muss man einfach sehen, dass viele Spieler noch relativ unerfahren sind. Sie kennen diesen Hype und die erwarteten Erfolge noch nicht. Selbst ein Kevin Love kennt dies nur bedingt. In Miami half Dwyane Wade nach einem schwachen Start die Jungs wieder auf Kurs zu bringen. In Cleveland hat man mit LeBron, Miller, Marion und Jones genug Erfahrung, um diesen Start zu verkraften. Die Heat zeigten außterdem, dass man kein gutes Defensivrebounding besitzen muss, um unter die Top 2 im Osten zu kommen. Sie holten letzte Saison insgesamt die wenigsten defensiven Rebounds aller NBA-Teams und zählten trotzdem zu den besten Teams im Osten und zogen in die Finals ein.
Die fehlende Rimprotection sehe ich auch als Problem, ich denke aber, dass dies durch eine gute Teamdefensive halbwegs aufgefangen werden kann. Hierzu müssen die Cavaliers aber erst ihren Rhythmus finden und als Team zusammenwachsen. Ich bin noch nicht bereit, ein Team um LeBron James nach gerade mal fünf Spielen als schlechtes Defensivteam abzustempeln.
Bis auf Waiters sehe ich bisher nichts, was die Cavaliers an einer Top-2 Platzierung hindern sollte. Aber auch hier haben sie noch genügend Zeit, um zu schauen, wie sich Waiters einfindet. Mit ihm haben sie entweder einen jungen Spieler, den man für einen weiteren hilfreichen Spieler traden könnte oder er fügt sich doch noch passend in das Team ein.

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