Utah Jazz

Stark auf den zweiten Blick

Wie Utah trotz Verletzungsmisere Anschluss an die Spitze des Westens hält

Wie Utah trotz Verletzungsmisere Anschluss an die Spitze des Westens hält

Viel wurde den Utah Jazz vor der Saison zugetraut. Nicht wenige erwarteten sogar, dass die Jazz um das Heimrecht in der ersten Playoffrunde im Westen mitkämpfen können. Nach einem Drittel der Saison finden sich die Jazz mit 17 Siegen aus 27 Spielen genau in dem erwarteten Bereich wieder und das obwohl die eigentlich vorgesehene Starting Five zusammen schon 41 Spiele verpasst hat (Favors 14, Hill 16, Hayward 7 und Hood 4). Mit Alec Burks gibt es zudem einen weiteren Rotationsspieler, der bis jetzt noch nicht einmal ein Spiel absolviert hat und vermutlich nicht vor Anfang Januar zurückkehrt. Wie schafft es Utah diese Ausfälle so gut zu verkraften?


Im Gegensatz zu vielen anderen Playoffsteams im Westen ist Utah weitaus weniger abhängig von einem einzelnen Spieler. Bis auf Joe Johnson, dessen beste Tage allerdings längst vorüber sind, stand noch kein Spieler der Jazz in einem Allstarteam. Alle anderen Teams, die derzeit auf den Playoffrängen im Westen stehen, haben mindestens einen Spieler in den eigenen Reihen, welcher in einer der letzten zwei Saisons zum Allstar nominiert wurde. Stattdessen ist es die Tiefe und das Gleichgewicht im Kader, welches die Jazz als Team stark macht. Dies führt dazu, dass auch durch Verletzungen kein großes Loch entsteht. Neben den Warriors und den Clippers sind die Jazz das einzige Team, welches sowohl eine Top-10-Offense (8.), als auch eine Top-10-Defense (4.) stellt.

In der Defensive haben die Jazz mit Rudy Gobert den vielleicht besten Ringbeschützer der Liga. Kein anderer Spieler beeinflusst mehr Abschlüsse am Ring (11.2 DFGA pro Spiel) als Gobert. Nur zwei Spieler in der NBA, welche mehr als fünf DFGA pro Spiel am Ring verteidigen, lassen eine noch geringere Quote zu, als die 42 Prozent von Gobert. Nicht nur seine Größe, sondern auch seine beeindruckende Wingspan von 7’9” helfen Gobert dabei, Würfe am Ring so enorm erschweren zu können. Streckt Gobert die Arme nach oben, ist er mit einer Standing Reach von 9’7” nur noch 15 Zentimeter unter Ringniveau. Mit dieser enormen Länge muss Gobert oft nicht einmal abspringen, um Würfe zu erschweren, und kann in der Zone flexibler agieren und Foulpfiffe besser vermeiden.

Zudem versteht Gobert es immer besser, bei zum Korb ziehenden Spielern vor Kontakt nicht zurückzuziehen, aber dabei vertikal zu bleiben.

Mit Gobert als Anker erlauben die Jazz die niedrigste Quote aller Teams in der Restricted Area (54.9%). Doch die Defensive der Jazz ist auch stark abhängig von den guten Perimeterverteidigern, welche Goberts Schwächen in seiner Beweglichkeit gut verstecken. Auch wenn es der Verteidiger nicht schafft sich schnell genug über die Blöcke zu kämpfen, verlässt Gobert nur ungern die Zone, wie in diesem Beispiel zu sehen ist.

Mit George Hill, Rodney Hood, Dante Exum und Raul Neto verfügen die Jazz allerdings über sehr starke Verteidiger auf den Guardpositionen, welche sich immer wieder schnell über On-Ball- und Off-Ball-Blöcke kämpfen und es Gobert dadurch erlauben tief in der Zone zu bleiben. Lediglich Shelvin Mack ist bei den Guards ein kleiner Schwachpunkt in der Defensive.

Problematisch wird es, wenn das gegnerische Team mit einem Stretch-Fünfer agiert, da Gobert dann aus seiner Komfortzone heraustreten muss und kaum noch Würfe in der Zone beeinflussen kann. Immer mehr Spieler auf der Centerposition trauen sich mittlerweile hinter die Dreierlinie. Ein Spieler wie Gobert, dessen Qualitäten sich sehr auf seine defensiven Fähigkeiten am Ring beschränken, könnte deshalb in den nächsten Jahren mehr und mehr Probleme in der NBA bekommen.

Eine weitere große Stärke in der Defensive der Jazz ist es, dass sie kaum Spieler verstecken müssen. Neben den angesprochenen Verteidigern auf den Guardpositionen, welche sie in der Regel gegen den gegnerischen Ballhandler stellen können, gesellen sich auf dem Flügel Spieler wie Hood, Hayward und Johnson dazu. Diese gehören zwar nicht zur defensiven Elite, sind aber meistens in der Lage ihren Gegenspieler anständig zu verteidigen. Mit Boris Diaw und Trey Lyles stehen außerdem zwei mobile Power Forwards im Kader.


Wie im Diagramm rechts zu sehen ist, hat sich das Spieltempo der NBA in den letzten Jahren kontinuierlich erhöht. Die durchschnittliche NBA-Mannschaft in dieser Saison hat über fünf Possessions mehr als eine Mannschaft vor fünf Jahren genutzt. Mit einer Pace von nur 91.4 trotzen die Utah Jazz diesem Trend und spielen momentan die langsamste Offensive der NBA. Sie scoren nur selten im Fastbreak (8.3 Punkte pro Spiel/29.), sondern verlassen sich vermehrt auf ihr Spiel im Halbfeldbasketball. Hierbei können sie auf viele verschiedene Optionen zurückgreifen. Nicht nur Point Guard George Hill, sondern auch Rodney Hood und Gordon Hayward werden regelmäßig als Pick&Roll-Ballhandler in die Offensive eingebunden. Dies macht es sehr schwer für die gegnerische Mannschaft einen schwächeren Defensivspieler auf den kleinen Positionen zu verstecken. Nur die Pick&Roll-Ballhandler der Trailblazers (0.97PPP) mit Lillard und McCollum und die der Raptors (0.96PPP) mit Lowry und DeRozan schließen noch effizienter, als die der Jazz (0.92PPP) ab.

Die vielen Ballhandler erlauben es den Jazz eine Offense zu spielen, welche sehr auf Ball- und Spielermovement beruht. Viel wird der Ball von Seite zu Seite bewegt und die gegnerische Defensive so in Bewegung gehalten. Auch Boris Diaw ist dabei ein sehr wichtiger Faktor für die Offense der Jazz. Auch wenn er kein Ballhandler im herkömmlichen Sinne ist, so verfügt er über gute Passing-Qualitäten, welche dem Spiel der Jazz helfen. Zum einen kann er als Power Foward den Flow der Offense am Leben erhalten und auch aus dem Spot-up nach einem Closeout den Ball auf den Boden drücken. Dabei ist er auch in der Lage aus dem Dribbling Mitspieler zu finden.

Zudem nutzen die Jazz immer wieder seine außergewöhnlichen Passfähigkeiten aus dem Highpost. Nach dem Entry-Pass agiert er als Playmaker und läuft ab und an sogar ein 4-5-Pick&Roll mit Gobert.

Nur etwa 5.4% der Abschlüsse der Jazz stammen aus Post-ups. Das liegt auch daran, dass mit Derrick Favors ein guter Post-up-Big schon 14 Spiele ausgefallen ist. Mit Favors, Johnson und Boris Diaw verfügen die Jazz über mehrere Spieler, die ein günstiges Matchup im Post ausnutzen können. Allerdings wird Diaw dabei häufig nicht mit der Intention aufgepostet, um ihn als Scorer zu involvieren. Auch hier agiert er primär als Playmaker und nur sekundär als Scorer.

Wie in diesen Situationen zusehen ist, gibt es bei den Jazz auch abseits des Balles sehr viel Spielerbewegung und Blöcke abseits des Balles. Das führt dazu, dass die Jazz sehr oft durch Cuts zum Korbabschluss kommen. Lediglich die Warriors und Bucks schließen noch hochfrequentierter durch Cuts ab.


Durch ihre Ausgeglichenheit konnten die Utah Jazz ihre Verletzungsprobleme im bisherigen Saisonverlauf sehr gut kaschieren. Mit der baldigen Rückkehr von George Hill können die Jazz dann endlich auch einmal mit ihrem bestmöglichen Team antreten. Es wird interessant zu sehen sein, wie viel Steigerungspotential die Jazz als Mannschaft dann noch haben. Andere Teams im Westen, vor allem Houston und Oklahoma, aber auch Portland und die Clippers sind deutlich abhängiger von einzelnen Spielern und dürften im Falle einer ähnlichen Verletzungsproblematik auch weiter zurückfallen. Utah ist zum ersten mal seit langer Zeit wieder ein Faktor im Westen und stärker als es auf dem ersten Blick scheint. Im Kampf um den Heimvorteil sollten die Jazz unter keinen Umständen unterschätzt werden.

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