NBA, Phoenix Suns

Win-Now oder Übergangsjahr?

Der Trade der Phoenix Suns mit den Houston Rockets

Der Trade der Phoenix Suns mit den Houston Rockets

Und da ist er, der Trade, der Phoenix eines seiner beiden Big-Talente der Draft 2016 entledigt.  Nachdem seit Monaten im Lager der Suns-Fans spekuliert wurde, hat es nun Marquese Chriss getroffen. Unter dem Strich erhalten die Suns im Gegenzug Rookie De’Anthony Melton (46. Pick 2018) und tauschen Brandon Knights Deal gegen den höher dotierten Vertrag von Ryan Anderson. Houston wird Anderson los, der in den Playoffs aufgrund seiner Unzulänglichkeiten im System der Switch-Defense kaum mehr eingesetzt werden konnte (95 Minuten in 11 Spielen), spart Luxussteuer und erhält mit Chriss einen jungen Spieler, der sinnvoller auf der Fünf eingesetzt werden kann.

Brandon Knight war in Phoenix mangels Alternativen wohl erst einmal als Starter eingeplant. Ob er dieser Rolle (und damit endlich auch seinem Vertrag) gerecht worden wäre, stand nach seinem Kreuzbandriss vor rund einem Jahr allerdings in den Sternen. Auch mit gesundem Knie – aber ohne jegliches offensives System – hatte er in Phoenix zuletzt nicht überzeugt (ORtg 100 in 117 Spielen seit der Deadline 2015). Dass er die letzten Monate in Phoenix vorbildlich trainiert haben soll und mit knapp 27 Jahren seine Prime theoretisch noch vor sich haben könnte, verschonte ihn nun nicht vor dem Abgang. Im Optimalfall erhält Houston eine brauchbare Versicherung für Chris Paul, die in jedem Fall besser als Michael Carter-Williams sein dürfte. Melton würde einem Contender im ersten Jahr selbst bei optimaler Entwicklung nicht genug geben, um viele Minuten in den Playoffs zu rechtfertigen. Im Vergleich mit Anderson und unter Berücksichtigung von Chriss’ Vertrag spart Houston immerhin noch $5.7 Millionen Dollar Luxussteuer. Daryl Morey hat hier im Rahmen seiner Möglichkeiten mal wieder das Maximum herausgeholt.

Hoher Preis für Phoenix

Das große Ziel für Phoenix scheint De’Anthony Melton zu sein, was gleich aus mehreren Gründen etwas seltsam erscheint:

1. Melton hat zwar in der Summer League durchaus überzeugt und war bei uns im Draftranking an 15 geführt worden, wurde dann aber erst (für viele überraschend) an 46 von Houston gepickt. Phoenix tradet nun also für einen Spieler, den sie selbst an 31 hätten wählen können. Auch ein Trade für einen Pick zwischen 31 und 46 wäre günstiger gewesen, sofern man unbedingt auch Elie Okobo draften wollte (den viele ebenfalls eher in der ersten Runde sahen).

2. Der Vertrag Andersons ist mit $20.4 Millionen für die kommende Saison um $5.8 Millionen teurer als der von Knight. Phoenix hat nun keinen Capspace mehr, um Melton einen Vertrag über mehr als die Room-MLE (also mehr als zwei Jahre) anbieten zu können. Nachdem man nun für ihn getradet hat, wäre es aber sinnvoll, ihn für längere Zeit (günstig) ans Team zu binden. So muss nun einer der ungarantierten Verträge von Shaq Harrison oder Richaun Holmes weichen, Darrell Arthur davon überzeugt werden bei einem Buyout auf Geld zu verzichten, oder aber ein Folgetrade her.

3. Vor dem Hintergrund, dass man erst vor wenigen Wochen für Arthur getradet hat, um dann für Holmes zu traden, scheint alles nicht komplett durchdacht. Der Trade für Holmes war schon damals nicht ganz einleuchtend. Jetzt, da man mit Anderson einen Spieler in den Frontcourt geholt hat, der sicher Minuten bekommen und laut Woj sogar starten soll, scheint Holmes noch weniger nötig. Das investierte Geld ($1 Million als Gegenwert plus Holmes’ Gehalt) wäre nun nützlich, um Melton zu binden.

4. Anderson steht kommenden Sommer mit $5 Millionen mehr in den Büchern als Knight. Je nachdem, wie groß der Gehaltsunterschied zwischen Melton und Chriss (sofern seine Option gezogen würde) ausfällt, ist das Spielraum, der den Suns in der nächsten Offseason fehlt. Nachdem man Booker bereits seine vorzeitige Verlängerung gegeben hat (was ich befürworte), stehen Anderson und Booker nun zusammen mit über $48 Millionen für 2019-20 auf der Gehaltsliste. Selbst als auslaufender Vertrag ist Anderson dann (sollte es nötig werden) grundsätzlich schwerer zu traden als der günstigere Knight, dessen Vertrag ebenfalls 2020 ausläuft.

Stand heute lässt sich nicht bewerten, ob Andersons Spacing, welches er ohne Zweifel mitbringt, zusammen mit den defensiven Unzulänglichkeiten insgesamt mehr Wert ist als alles, was Knight kommende Saison aufs Parkett bekommen hätte. Trotzdem lässt sich festhalten, dass Phoenix sich Melton einiges kosten lässt.

Das Ende eines Projekts

Nicht zuletzt opfern die Suns Marquese Chriss, für den GM Ryan McDonough vor zwei Jahren noch eigenhändig Bogdan Bogdanovic und die Picks 13 sowie 28 abgab. Damals bündelte man Assets, um an einen Spieler mit Potential zu kommen. Zwei Jahre später ist Chriss noch immer nicht viel mehr als eben das – nur scheint mittlerweile klar, dass ihm für höhere Aufgaben wohl vor allem der Basketball-IQ abgeht.

Dennoch hat er gezeigt, dass er einer der athletischsten Bigs der Liga ist und gleichzeitig Dreier einstreuen kann. Sofern ihm jemand auf dem Feld so viele Entscheidungen wie möglich abnehmen kann, könnte er ein Rollenspieler werden, der sowohl vertikales als auch horizontales Spacing liefert und zumindest solide verteidigt. Mit Igor Kokoskov hat Phoenix nun endlich diesen „jemand“ geholt. Der gerade 21 gewordene Chriss wird allerdings nicht mehr in seinen Genuss kommen. Sollten die Suns nach seinen ersten beiden Spielzeiten zu dem Schluss gekommen sein, seine Option für das vierte Vertragsjahr nicht zu ziehen (Deadline wäre der 31. Oktober 2018), war der Trade zwar folgerichtig, könnte bei optimaler Entwicklung Chriss’ aber noch richtig schmerzen.

In Houston findet Chriss nämlich genau das vor, was er benötigt: Ein System, in dem jeder Spieler weiß, was er zu tun hat (und was nicht). Er kann rennen, Lobs von Harden und Paul stopfen und im Gegensatz zu Starter Capela auch offene Dreier nehmen. Er wäre nicht der erste, der seine Quoten unter D’Antoni um ein paar Prozentpunkte steigert. Defensiv ist er im Gegensatz zu Anderson mobil genug, um zu switchen und athletisch genug, um den Ring zu beschützen. Im Gegensatz zur letzten Offseason liegt bei ihm in dieser der Fokus nicht auf Masse, sondern auf Mobilität. Hinzu kommt, dass Spieler im dritten Jahr oft einen beachtlichen Schritt nach vorne machen. Schafft es Chriss in Houston nicht, schafft er es nirgendwo.

Vom 30-jährigen Ryan Anderson wird sich Phoenix hingegen keine Sprünge mehr erhoffen. Dafür hat er Chriss schon eines voraus. Er trifft seine Dreier mehr als zuverlässig (Karriere: 38.2%) und hat Erfahrung damit, neben athletischen Centern zu funktionieren. Vom Spacing wird nicht nur DeAndre Ayton profitieren, sondern auch Booker. Vielleicht kann er etwas davon an Dragan Bender weitergeben. Mit dem Trade von Chriss haben sich die Suns nun  indirekt für Bender entschieden, der Anderson spätestens nach dessen Vertragsende in zwei Jahren beerben könnte. Die von vielen Fans erhofften Lineups aus Booker, Ayton und diversen Wings werden durch die Addition Andersons leider auch unwahrscheinlicher.

Quo vadis?

De’Anthony Melton passt als potentieller 3&D-Guard künftig vielleicht perfekt neben einen Playmaking-Guard wie Booker. Prospect-Experten wie Cole Zwicker verkündeten auf Twitter bereits, dass sich der Trade allein wegen Melton für Phoenix lohne. Um den Trade abschließend bewerten zu können, bleibt jedoch abzuwarten, ob ein Folgetrade für einen erfahreneren Einser folgt. Stand heute haben die Suns dort mit eben Melton, Harrison sowie Okobo lediglich zwei Secondrounder und einen D-Leaguer aufzubieten. Isaiah Canaan darf sich nach seinem üblen Knöchelbruch letzte Saison auch nochmals im Training Camp der Suns bewerben, ist aber ebenfalls keine überzeugende Lösung. Sonst bliebe noch Booker mit vielen Minuten als primärer Ballhandler (während einer der Wings den schnelleren Guard verteidigt), was auch seinen Reiz hätte. So würde auch mehr Spielzeit auf dem Flügel für die jungen Bridges, Jackson und Reed sowie die Veteranen Warren und Ariza frei.

Offiziell will das Front Office der Suns nächste Saison ein konkurrenzfähiges Team aufs Parkett schicken. Ob nach der Verpflichtung Trevor Arizas in der Free Agency dieser Trade nun als Win-Now-Move für Anderson und als Vorbereitung für einen weiteren Tausch von Assets gegen bewiesene Starter gewertet werden muss, ist vorerst offen. Ein Trade TJ Warrens gegen einen Einser wäre beispielsweise denkbar. Im Optimalfall haben Robert Sarver und Ryan McDonough aber begriffen, dass die Playoffs für ein Team um den bald 22-jährigen Booker in dieser Western Conference noch unrealistisch ist, wollen ihm und Ayton für eine optimale Entwicklung im Übergangsjahr maximales Spacing à la James Harden bieten und sehen in Melton einen künftig brauchbareren Spieler als Marquese Chriss. Dann hängt es von der weiteren Entwicklung dieser beiden ab, wie wir den Trade in ein paar Jahren sehen werden.

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