NBA, Oklahoma City Thunder

Wechselstimmung

Eine neue Zeitrechnung hat in Oklahoma City begonnen. Nach fast sieben Jahren ist Schluss. Scott Brooks ist nicht mehr der Headcoach der Oklahoma City Thunder. General Manager Sam Presti ist der Ansicht, dass ein Jahr vor der wichtigten Free Agency 2016 neue Impulse auf der Trainerbank nötig sind. Doch was bleibt von der jahrelangen Zusammenarbeit zwischen Scott Brooks und dem Team übrig? Und wie geht es nun weiter? Eine Bestandsaufnahme und Analyse der Arbeit von Scott Brooks sowie ein kurzer Blick auf die Möglichkeiten der Thunder:

Eine wechselhafte Zeit

Angefangen hat es für Scott Brooks im Jahre 2008, in der ersten Saison der Thunder in Oklahoma City. Das junge Team um Sophomore Kevin Durant und Rookie Russell Westbrook startete unter Coach P.J. Carlesimo mit 1-12 grausam in die Saison und Sam Presti beschloss, dass ein Wechsel auf der Trainerposition dringend erforderlich war. Also wurde Carlesimo entlassen und der Assistenttrainer Scott Brooks wurde zum Cheftrainer befördert. Was zunächst allenfalls als Interimslösung geplant war, entwickelte sich schnell zu einer echten Erfolgsstory. Die Thunder schafften trotz zwischenzeitlichem 3:29 eine 23:59 Bilanz, gewannen also 20 der letzten 50 Spiele. In der Folgesaison gelang der überraschende Playoffeinzug mit 50 Siegen, Scott Brooks wurde Coach des Jahres und die Thunder lieferten dem späteren Champion Los Angeles Lakers einen echten Kampf (2:4). Das Jahr darauf wurden 55 Spiele gewonnen, in den Playoffs war erst gegen den späteren Champion aus Dallas Schluss. Nach dem großen Lockout und der dann folgenden verkürzten Saison zogen die Thunder sogar in die Finals ein, fanden dort gegen den König aus Miami aber kein Mittel und mussten sich mit Anerkennung für die Leistungen des jungen Teams und Verweisungen auf eine angeblich goldene Zukunft zufrieden geben.

Der erste echte Knick kam durch das Wegschicken von James Harden in der Offseason nach den verlorenen Finals zustande. Während im Nachhinein meist dieser sehr kontrovers diskutierte Tausch als (negativer) Wendepunkt eingeordnet wurde, war es doch vielmehr der Moment im dritten Spiel der ersten Runde in den Playoffs 2013 gegen die Rockets, als Patrick Beverley trotz offensichtlichem Willen eine Auszeit auszurufen Westbrook bedrängte, mit ihm zusammenstieß und den Anhängern OKCs den schlimmsten Moment in der noch jungen Geschichte der Thunder bescherte. Das Team, welches bis dahin – ohne James Harden – den mit Abstand dominantesten Basketball der Welt zeigte (#1 NBA-weit laut SRS), verlor ihren zweitbesten Spieler. Zwar reichte es danach noch gegen die Rockets, gegen die Defensivkünstler aus Memphis eine Runde später war jedoch ohne den Wirbelwind auf der Point Guard Position schnell Ende.

Doch trotz des unglücklichen Ausscheidens ist es eigentlich genau diese Saison, in der Brooks sich einen gewissen Kredit bei den Fans und dem Front Office der Franchise erkämpfte. Wer hätte erwartet, dass er den Abgang von James Harden auffangen würde, dass er die Mannschaft gar zum besten Team der NBA machen würde? Insofern ist es falsch, nun den Stab über Scott Brooks zu brechen und ihm vorzwerfen, dass er mit zwei Top 5 Spielern wie Kevin Durant und Russell Westbrook nicht mehr erreicht hat. 2013/2014 fiel Westbrook in der regulären Saison aus, wodurch die Thunder “nur” Position 2 im Westen ergattern konnten und daher keinen Heimvorteil gegen die Spurs in den Western Conference Finals hatten. Und über die verletzungsgeplagte noch laufende Saison müssen wohl keine Worte mehr verloren werden. Insofern war Scott Brooks in den letzten Jahren eher ein Opfer äußerst unglücklicher Umstände und weniger der Hauptverantwortliche für den Misserfolg. Zwar ist er kein Top-3-Coach der NBA, aber schlechter machen als er ist, muss man ihn auch nicht.

Die Stärken von Scott Brooks

Die wohl herausragendste und sicherlich auch russellwestbrookunbestrittene Qualität ist die Spielerentwicklung. Scott Brooks weiß ganz genau, wie er Spieler verbessern kann. Es darf beispielsweise durchaus bezweifelt werden, ob sich ein Russell Westbrook unter einem anderen Coach, der seinen Spielern weniger Freiheiten auf dem Feld lässt und insbesondere für seinen Point Guard ein engeres Schema vorsieht, genauso entwickelt hätte. Serge Ibaka, James Harden, Reggie Jackson, die jungen Steven Adams und Andre Roberson. Natürlich hat insbesondere auch die Scoutingabteilung sowie GM Sam Presti einen Anteil an dieser Erfolgsgeschichte. Doch Talent zu erkennen ist eine Sache. Das Talent in eine Mannschaft einzubauen, zu fördern und weiterzuentwickeln ist eine ganz andere. Nicht umsonst gibt es in der NBA unzählige Spieler, die ihr Talent nie ausgeschöpft haben. Das lag sicherlich auch an ihrer Einstellung oder sonstigen Problemen. Doch wer weiß, ob der ein oder andere unter einem Coach, der in der Spielerentwicklung seine Stärken hat, nicht eine bessere Karriere hingelegt hätte. Hieran anschließend ist sicherlich auch die Art zu sehen, wie Scott Brooks die Mannschaft führte. Er gilt nicht umsonst als “Players Coach”. So hielt Kevin Durant in seiner MVP-Rede eine Lobeshymne auf die Fähigkeiten seines Trainers. Dass er die Mannschaft nicht mehr erreichen würde, kann wohl mit ziemlicher Sicherheit ausgeschlossen werden.

In Bezug auf Taktik und Strategie wurden Brooks Fähigkeiten immer etwas belächelt. Ein fundamentaler Bestandteil seines Teamkonzeptes ist jedoch durchaus als Stärke zu benennen, nämlich die absolut konstante personelle Ausrichtung. Scott Brooks vertraute seinen Spielern und zeigte mehrfach gegenüber seinen Schützlingen eine außerordentliche Loyalität. Wenn man sich die Rotationen und personellen Wechsel anschaut, die er im Laufe der Zeit innerhalb der Mannschaft vollzogen hat, fällt auf, dass er seine Teams durch eine klare Rollenverteilung aufbaut und höchst ungern bestehende Konzepte austauscht oder wesentlich ändert. So gab es Wechsel innerhalb der Starting-Five fast ausschließlich aufgrund von Verletzungen und nicht aufgrund von ungünstigen Matchups. Fiel jemand aus, wurde dieser zumeist nicht durch den besten verfügbaren Spieler ersetzt, sondern durch den Spieler, der wohl am ehesten in der Lage ist, die Rolle des eigentlichen Starters zu übernehmen. Um das zu veranschaulichen: als Defensivspezialist thabosefoloshaThabo Sefolosha mal ausfiel, wurde der Rookie und Verteidigungsspezialist Andre Roberson eingesetzt, obwohl andere Spieler vielleicht unterm Strich mehr Qualität aufwiesen oder Erfahrung hatten (Reggie Jackson). Als James Harden noch bei OKC spielte, blieb er nahezu immer der 6th-Man, auch dann, wenn der Starting Shooting Guard mal ausfiel. Denn Scott Brooks ist der Überzeugung, dass es der Mannschaft mehr hilft, wenn sich die Rollenverteilung innerhalb der ersten Fünf und den Bankspielern nicht wesentlich verschiebt. Der Vorteil dieses Konzeptes ist es, dass jeder innerhalb des Teams weiß, welche Aufgaben er und die Mitspieler wann und wie auszuführen haben.

Die Schwächen von Scott Brooks

Obgleich Scott Brooks die erwähnten Stärken hat, resultierten daraus auch einige Schwächen. Sein starres Rotationssystem hat mehrere Nachteile zugleich: Zum einen gewöhnt sich das Team zu sehr daran, dass bestimmte Spieler mit außergewöhnlichen Qualitäten auf dem Feld sind. Fehlen diese und können nicht durch den Kader aufgefangen werden, weiß das Team plötzlich nicht mehr wie es zu funktionieren hat. Besonders deutlich wurde dies in den schon erwähnten Playoffs 2012/2013, als Westbrook ausfiel. Dieser hatte bis dahin noch nie ein Basketballspiel verpasst. Nach seiner Verletzung fiel das Team in der Offensive trotz einer Waffe wie Kevin Durant förmlich auseinander. Mit der fehlenden Flexibilität konnte sich das Team nicht daran gewöhnen, wie es die Spielanlage umzustellen hat, wenn bestimmte äußere Bedingungen nicht mehr vorhanden sind. Die Folge war, dass sich die Gegner leichter auf die Thunder einstellen konnten.

Ein weiterer Punkt ist die teilweise zu stark ausgeprägte Loyalität gegenüber seinen Spielern. Ein Russell Westbrook konnte jahrelang praktisch machen was er wollte, obwohl eine manchmal etwas engere Führung wahrscheinlich sinnvoll gewesen wäre. Kendrick Perkins oder Dion Waiters brachte Brooks dermaßen viel Vertrauen entgegen, dass er sie weiterhin einsetzte und sogar zu Schlüsselspielern machte, obwohl die Leistung nicht mehr stimmte oder die Matchups ungünstig waren.

Ferner ist Scott Brooks ein großer Anhänger von traditionellen Linups. Seiner Ansicht nach ist es zumeist sinnvoller, groß, d.h. mit zwei Bigs zu agieren. Serge Ibaka/Kendrick Perkins machte den Anfang, dann Serge Ibaka/Steven Adams und in der aktuellen Saison Enes Kanter/Steven Adams, als Serge Ibaka ausfiel. Dies ist deswegen tragisch, da die Thunder nachweislich ihren besten Basketball gespielt haben, wenn Kevin Durant auf der Power Forward Position eingesetzt wurde. Zwar wäre es verfehlt gewesen Durant allein auf dieser Position einzusetzen, doch mehr als die 25%, die er faktisch dort verbracht hat, wären sicherlich sinnvoll gewesen.

Schließlich stellt sich allgemein die Frage, ob Scott Brooks nicht zu wenig aus dem Potenzial der Thunder und der daraus resultierenden Möglichkeiten gemacht hat. Damit ist jedoch nicht der “Erfolg” im Sinne des Wettbewerbs, also beispielsweise der Gewinn einer Meisterschaft oder mehrfache Finalsteilnahmen gemeint. Vielmehr ist fraglich, ob er das Team auf das spielerische Niveau gebracht hat, das möglich gewesen wäre. Bekanntermaßen steht das Offensivsystem der Thunder häufiger in der Kritik. Zu simpel und zu leicht für den Gegner durchschaubar, das sind die häufigsten Kritikansätze für das eher isolationslastige Spiel der Thunder. Wenn man auf die Fakten schaut, muss jedoch festgestellt werden, dass die Thunder im fitten Zustand immer zu den besten Offensivteams der NBA gehörten. Irgendwas muss Brooks also richtig gemacht haben. Obgleich dieser Tatsache ließe sich argumentieren, dass die Thunder zwar faktisch gut gewesen sind, aber eine noch höhere Qualität umsetzbar gewesen wäre. Diese Argumentation ähnelt sehr der Situation bei den Golden State Warriors des vergangenen Jahres, als Headcoach Mark Jackson nach Erreichen der Playoffs unter anderem deswegen entlassen worden ist. Ihm wurde vorgeworfen, nicht das Beste aus dem unbestreitbaren Talent des Teams herausgeholt zu haben. In Anbetracht der außergewöhnlichen Klasse, die die Warriors über die gesamte bisherige Saison gezeigt haben, muss man eingestehen, dass die Kritiker von Jackson recht behielten. Bezüglich der Thunder erhoffen sich die Befürworter der Entlassung von Scott Brooks ähnliches.

Wie geht’s weiter?

Ob eine Verbesserung in Oklahoma City einkehrt, wird insbesondere von zwei Faktoren bestimmt: Erstens durch die Wahl des Trainers, zweitens durch den Gesundheitszustand des Teams. In Bezug auf die Trainerentscheidung werden bereits zahlreiche Kandidaten disktuiert. Diese lassen sich leicht in drei Gruppen einteilen:

Erstens wäre die Gruppe der erfahrenen Trainer zu nennen, bestehend rickcarlisleaus Kandidaten, die ihre Klasse in der besten Liga der Welt bereits gezeigt haben. Dazu gehören beispielsweise Defensivguru Tom Thibodeau von den Chicago Bulls, der Tüftler Rick Carlisle von den Dallas Mavericks und – so mancher wird jetzt vielleicht schmunzeln – Offensivguru Mike D’Antoni. Während die ersten beiden noch laufende Verträge haben und es unsicher ist, ob sie überhaupt auf dem Markt sind, hätte Mike D’Antoni den Vorteil, dass er wohl in der Lage wäre, noch mehr aus Russell Westbrook und dem Offensivpotenzial der Mannschaft herauszuholen. Schließlich sollte nicht vergessen werden, dass er die Suns um Steve Nash Mitte der 2000er Jahre zu den besten Teams der NBA geformt hat.

Die zweite Gruppe besteht aus Trainern, die momentan als Assistenten fungieren. Zu nennen wären insbesondere die beiden Co-Trainer von Warriors-Coach Steve Kerr, Ron Adams und Alvin Gentry. Während ersterer ein Defensivspezialist ist und bereits von 2008 bis 2010 für die Thunder erfolgreich gearbeitet hat, gilt Gentry als Offensivexperte. Hier müssten sich die Thunder dann für einen Schwerpunkt entscheiden. In Anbetracht des Talents von Kevin Durant und Russell Westbrook erscheint eine Konzentration auf die Offensive sinnvoll.

Und schließlich tauchen vermehrt Gerüchte auf, dass die Thunder einen Coach vom College verpflichten wollen. Ganz heiß gehandelt wird Billy Donovan von den Florida Gators, weil sich Donovan und Sam Presti gut kennen. Ein anderer Kandidat ist Kevin Ollie, der 2009/2010 als dritter Pointguard bei den Thunder seine letzte NBA-Saison absolvierte. Während Donovan sehr viel Erfahrung auf College-Ebene und den Gewinn von zwei NCAA-Meisterschaften aufweisen kann, ist Ollie zwar mit 42 Jahren ein eher junger Coach, doch führte er das Team der  University of Connecticut im Jahr 2014 ebenfalls bereits zum Titel der NCAA. Zudem hat Ollie den Vorteil, dass er die Franchise aus seiner Spielerzeit kennt, wodurch ihm der Übergang etwas leichter fallen sollte.

Doch eine Sache muss klar sein: auch der bestmögliche Coach wird keinen bleibenden Erfolg in Oklahoma City generieren, wenn das Team weiterhin mit schlimmen Verletzungsproblemen zu kämpfen hat.

Wie es mit Scott Brooks weitergehen wird, ist ebenfalls interessant. Seine aufgezeigten Talente könnten gerade für junge, talentierte Teams interessant sein, die den nächsten Sprung machen wollen. Die Orlando Magic um Payton, Oladipo & Co könnten so ein Team sein. Insofern ist es nicht unwahrscheinlich, dass Scott Brooks nicht lange auf eine kommende Herausforderung warten muss.

 

 

 

 

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